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Medienreaktionen

Medienimpulse vom September 2007 (Ausschnitt)

"Demokratie repräsentativ"

Jugendliche befragen Politikerinnen und Politiker

1.1 Vorgeschichte

Schulische Projekte werden in der Regel aus einem von drei Gründen initiiert:

  1. Sie werden "von oben" angeordnet,
  2. sie basieren auf dem Spleen von Lehrkräften, die ihre persönlichen Vorlieben in den Unterricht tragen,
  3. oder es sind die Schülerinnen und Schüler selbst, die, wodurch auch immer motiviert, eigene Ideen entwickeln und in einem Team umzusetzen versuchen.

  Schüler vor dem Landtag
Schülerinnen und Schüler vor dem Landtag in Düsseldorf.
Der Vorteil der vorliegenden Präsentation liegt darin, dass der erste genannte Grund in keiner Weise, der zweite ein wenig, vor allem andern jedoch der dritte Grund die Projektarbeit vorangetrieben hat. Im Dezember 2004 kamen einige Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse auf mich zu und fragten, ob ich ihre Arbeit betreuen wolle. Sie hätten beim Chat im Internet einige Schüler aus Kiew kennen gelernt und planten mit diesen ein länderübergreifendes, politisch orientiertes Projekt.

Als Lehrer für Sozialwissenschaften und Politik wird man da natürlich hellhörig. Kiew im Dezember 2004 - das bedeutet: Unregelmäßigkeiten bei den Präsidentschaftswahlen, Massenversammlungen, Unruhen und Demonstrationen auf der Straße, Aufrufe zu Streiks und Gegenstreiks, eine friedliche, "orangefarbene" Revolution und schließlich den von der Bevölkerung erkämpften Sieg des Präsidentschaftskandidaten Wiktor Juschtschenko. In dieser "bewegten" Zeit Kontakt zu einer ukrainischen Schule zu haben, noch dazu zu einer hauptstädtischen, also einer im Zentrum der Macht und der Auseinandersetzungen, erschien als eine historisch einmalige Chance - und ein gemeinsames politisches Projekt mithin für beide Seiten als ein Lehrstück in Sachen Demokratie.

Die Basis für eine Zusammenarbeit war schnell gefunden. Die Schülerinnen und Schüler beider Länder einigten sich darauf, eine in Macromedia Flash(TM) programmierte Dokumentation zu erstellen. Hier eine etablierte, seit fünfeinhalb Jahrzehnten durchweg funktionierende repräsentative Demokratie westlicher Prägung, dort ein junges, von einer demokratischen Bürgerbewegung getragenes und sich von verkrusteten postsozialistischen Strukturen allmählich lösendes System - vor dem Hintergrund dieser unterschiedlichen politischen Ausgangslagen in Deutschland und in der Ukraine sollte die Dokumentation drei Themenbereiche umfassen:

Konkret sollten im ersten Bereich die ukrainischen Schülerinnen und Schüler ihre "orangefarbene Revolution" dokumentieren; im Gegenzug wollten die deutschen Jugendlichen im Sinne eines reizvollen Kontrapunkts die Basisarbeit der politischen Parteien im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf im Frühjahr 2005 ergründen.

Für den zweiten Bereich waren auf beiden Seiten Gespräche mit Spitzenpolitikern geplant, die zu ihrer politischen Arbeit, zu ihrem jeweiligen Verständnis von Demokratie, zu ihren Wünschen, Zielen und Visionen Auskunft geben sollten.

Neben diesen beiden Bereichen, in denen jede Gruppe sozusagen "für sich" arbeiten würde, war der dritte Bereich als ein Forum zum gemeinschaftlichen Engagement gedacht: Eine Umfrage mit standardisierten Fragen, gleichermaßen am Attendorner St.-Ursula-Gymnasium wie an der Mohyla-Akademie in Kiew durchgeführt, sollte Trennendes, aber auch Gemeinsames in der politischen Mentalität deutscher und ukrainischer Schülerinnen und Schüler aufzeigen.

1.2 Rückschläge

Die Vorbereitungen für das Projekt ließen sich gut an. Auf deutscher Seite fragten wir bei verschiedenen Politikern auf Landes- und auf Bundesebene an, ob sie zu einem Gespräch in unserer Schule oder auch beispielsweise in ihrem Wahlkreisbüro bereit seien. Dabei entschlossen wir uns, nicht nur die Lokalprominenz, sondern gleich die Repräsentanten "ganz oben" zu kontaktieren. Recht schnell erhielten wir die ersten Zusagen.

Darüber hinaus konzipierten wir einen Fragebogen zum Thema "Jugend und Politik", der dann tatsächlich sowohl in Attendorn als auch in Kiew verteilt und ausgefüllt wurde. - Für die auf Englisch geführte Korrespondenz mit den Ukrainern nahmen wir eine Kollegin als zweite Betreuungs-Lehrkraft mit ins Boot.

Dann jedoch kam die gemeinsame Arbeit ins Stocken, zuerst unmerklich, wenig später jedoch umso deutlicher. Die erste Stagnation zeigte sich im technischen Bereich. Die Chat-Kontakte wurden zwischenzeitlich weniger; zudem kamen mehrere deutsch-ukrainische Internet-Videokonferenzen, die die deutschen Teammitglieder hoffnungsfroh geschaltet hatten, wegen technischer Probleme auf ukrainischer Seite nicht zustande.

Diese formalen Probleme hätten sich sicherlich beheben oder zumindest umgehen lassen, jedoch kamen andere, inhaltliche hinzu. Gewiss ist es schwierig, die Angelegenheit aus der Distanz und noch dazu als Angehöriger der "einen" Seite zu beurteilen. Der Eindruck, der sich uns aufdrängte, war jedoch der, dass die Vorstellung der deutschen Teammitglieder (die betreuenden Lehrkräfte eingeschlossen), die in Deutschland erlebten politischen Freiheiten und Privilegien würden sich problemlos, quasi-automatisch auf andere Staaten übertragen lassen, vermutlich reichlich naiv war. Die Ukraine war im Frühjahr 2005 zwar ein Land, das durch die orangefarbene Revolution den Willen der Bevölkerung zu demokratischer Selbstbestimmtheit eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte, aber eben auch ein Land, in dem zwei Jahre vorher ein regierungskritischer Journalist ermordet worden und ein halbes Jahr zuvor Präsidentschaftskandidat Juschtschenko fast einem Giftanschlag zum Opfer gefallen war. - Mit anderen Worten: Obwohl im November 2004 fast alle Schülerinnen und Schüler der Mohyla-Akademie an den orangefarbenen Demonstrationen teilgenommen und somit "Farbe bekannt" hatten, so dass die Akademie im Falle eines Wahlsiegs des Juschtschenko-Gegners Janukowitsch möglicherweise geschlossen worden wäre, war es für eine systematische, noch dazu binationale Aufarbeitung dieser politischen Ereignisse ein Vierteljahr danach offenbar noch zu früh. Und auch ein unverkrampfter Umgang mit Spitzenpolitikern, wie wir ihn dann im Folgenden auf deutscher Seite erlebt haben, war offensichtlich zum damaligen Zeitpunkt in Kiew (noch) nicht denkbar. Vielleicht, so die Botschaft, die uns von dort erreichte, werde es "demnächst" möglich sein.

Zeitweilig erlebten wir "verkehrte Welt". So standen wir etwa vor der grotesken Situation, dass uns im Rahmen unserer Recherchen eine FDP-Mitarbeiterin Kontakte zu einer ukrainischen Politikerin anbot, die gerade bei ihr zu Gast sei. Es war augenscheinlich leichter, politische Repräsentanten der Ukraine in Deutschland zu interviewen als im Herkunftsland selbst.

Nach einigen Wochen absoluter Stagnation und zugleich heftig geführter Diskussionen um den weiteren Kurs entschlossen sich deshalb die deutschen Teammitglieder schweren Herzens dazu, die Notbremse zu ziehen, das Projekt in seiner binationalen Struktur aufzugeben und stattdessen allein weiterzumachen. Dass sie weitermachen wollten, stand außer Frage. Immerhin hatte sich zwischenzeitlich bereits einige Polit-Prominenz in unserer Schule angesagt.

Auf ukrainischer Seite wurde unser Entschluss übrigens ausgesprochen freundlich aufgenommen. In der Antwort der Jugendlichen aus Kiew, man habe inzwischen Kontakt zu einer anderen, einer weißrussischen Schule, mit der man sich über "schulische Angelegenheiten" austausche, schwang vielleicht sogar so etwas wie Erleichterung mit, dem brisanten politischen Thema entkommen zu sein.

1.3 Ein neues Konzept

Der Entschluss, das Projekt im Alleingang fortzusetzen, bedeutete natürlich eine Revision des ursprünglichen Konzepts. Die Überarbeitung musste allerdings keineswegs so fundamental ausfallen, wie sich vielleicht vermuten lässt. Im Grunde genommen konnten wir die geplante Dreigliederung der Dokumentation - Spitzengespräche mit Politikerinnen und Politikern, Recherchen an der politischen Basis und eigene empirische Untersuchungen (freilich ohne ukrainische Daten!) - beibehalten. Deutlich zu revidieren war allerdings das Ziel des Projekts. Im Mittelpunkt der Arbeit stand von nun an nicht mehr der demokratische "Systemvergleich", sondern (lediglich) die Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken des Parlamentarismus westlicher Prägung. Mit anderen Worten: Das Projekt sollte nun sozusagen in die "Präsentation des Repräsentativen" einer westlichen Demokratie münden.

  Interview mit Oskar Lafontaine
Interview mit Oskar Lafontaine.
Im Folgenden entwickelten wir für die Gespräche mit den eingeladenen Spitzenpolitikern einen umfangreichen Fragenkatalog. Dieser umfasste zunächst die Themenbereiche "politische Arbeit", "Möglichkeiten und Grenzen der Volks-Vertretung", "politische Abhängigkeiten", "Persönlichkeitsmerkmale erfolgreicher Politiker", "Frauen und Politik", "Jugend und Politik" sowie "politische Visionen".

Geplant war, gemäß diesem Katalog allen Politikern die gleichen Fragen zu stellen. Der Reiz unserer Präsentation sollte dann darin bestehen, die (vermutlich unterschiedlichen) Antworten zu jeder Frage jeweils unmittelbar nebeneinander zu stellen und damit zum synoptischen Vergleich anzubieten. Wir erkannten jedoch schnell, dass dieses Konzept für ein multimediales Projekt zu komplex, zu unübersichtlich, vor allem aber zu langweilig war. - Um unsere Dokumentation "bunter" erscheinen zu lassen, entschlossen wir uns deshalb, unseren Katalog um spezifische, auf den jeweiligen Gesprächspartner individuell bezogene Fragen zu erweitern. Dieses Verfahren bot die Chance, in unserer Präsentation verschiedene thematische Schwerpunkte zu setzen und an bestimmte "Experten" unter den Befragten zu binden. So konnten wir zum Beispiel SPD-Chef Franz Müntefering unmittelbar mit Fragen zu seiner "Kapitalismuskritik" konfrontieren. Andere Interviewpartner erhielten stattdessen Fragen zu Themen wie "Medien und Politik", "Grenzen der Demokratie" oder "politische Be- und Entlohnungen".

Gegenüber diesem stark durchstrukturierten Bereich waren die Vorarbeiten hinsichtlich der Recherchen an der politischen Basis relativ offen, da wir nicht wissen konnten, was uns während des NRW-Wahlkampfs in den Fußgängerzonen erwarten würde. Fest stand lediglich, dass wir die "Basisarbeiter" nach ihrem Selbstverständnis und nach ihren Erfolgsaussichten in einer von Polit-Talkshows und Enthüllungsjournalismus geprägten Mediendemokratie fragen wollten.

Den dritten Projektbereich, die empirischen Untersuchungen zum Politikverständnis Jugendlicher und junger Erwachsener, erweiterten wir von ursprünglich 129 Befragten (der Jahrgangsstufen 12 und 13) des St.-Ursula-Gymnasiums auf 279 Befragte (auch aus den Jahrgangsstufen 10 und 11). [...]

Medienimpulse - Beiträge zur Medienpädagogik, Nr.61 (September), Wien 2007, S.38-50 [stark gekürzt], hier: S.38-40.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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