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Medienreaktionen

Demokratisch handeln - Dokumentation (Auslieferung: Juni 2008)

Kardinalfragen - Ein Projekt über Gott und die Welt, Religion und Politik

Religion und Politik - wie passt das zusammen? Dieser Frage geht die Schüler-AG "Kardinalfragen" des Attendorner St.-Ursula-Gymnasiums nach. Ausgangspunkt des Projektes ist eine Schülerin der Klasse 7, die in einem Politikerintervicw unvermittelt die Frage "Glauben Sie an Gott?" stellt und damit letztlich beleuchtet, auf welches Wertefundament die Angesprochene ihr Handeln gründet. Es entsteht eine Arbeitsgemeinschaft aus Schülerinnen und Schülern der Schule, die weitestgehend selbstständig sich dem Thema "Religion und Politik" nähert. Im Mittelpunkt stehen beispielsweise folgende Fragen: Inwiefern spielt Religion im Bewusstsein von Politikerinnen und Politikern bzw. bei politischen Entscheidungen heutzutage (noch) eine Rolle? Inwiefern verstehen - umgekehrt - Kirchenvertreter ihre Tätigkeit (auch) als eine politische? Welche aktuellen Konfliktfelder zwischen Religion und Politik sind derzeit zu verzeichnen? Und wie gehen die Verantwortlichen damit um?

Die Gruppe versteht die Auseinandersetzung mit diesen Fragen nicht als Selbstzweck, sondern sucht den Kontakt zu Menschen des öffentlichen Lebens und zu ihren Mitschülern. Die Jugendlichen interviewen hierzu vor laufender Kamera prominente Kirchenvertreter und Politiker, suchen das Gespräch mit Repräsentanten anderer Religionen, betreiben Quellenrecherchen, konzipieren Umfragen, bereiten Informationsveranstaltungen für ihre Mitschüler vor, erstellen Dokumentationen zu aktuellen Streitfragen zwischen Kirche und Politik, gestalten die Ergebnisse multimedial und publizieren diese dann auf CD bzw. im Internet. Auf der CD findet sich zum Beispiel eine Text- und Videodokumentation zum Thema "Mixa vs. von der Leyen - Der Streit um die Krippenpolitik". Die aufbereiteten und selbstgedrehten Videointerviews reichen von Dr. Wolfgang Thierse und anderen Bundestagsabgeordneten bis hin zum Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz Kardinal Lehmann und anderen kirchlichen Würdenträgern. Die Materialien sind im Internet abrufbar und werden schulformübergreifend von Schülern und anderen interessierten Menschen aus ganz Deutschland genutzt.

Förderprogramm Demokratisch Handeln (Hrsg.): Ergebnisse und Kurzdarstellungen zur Ausschreibung 2007, 2. Auflage Jena 2008, S.101.


Kirche und Schule vom Dezember 2008

Demokratiepädagogik als Beispiel zur Schulkultur

Die Schule ist der Ort des demokratischen Lernens, der Demokratiepädagogik. Demokratie ist dabei nicht nur eine Sache der Information, des Wissens und der Belehrung, sondern der Erfahrung. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen.

Kardinalfragen - Ein Projekt über Gott und die Welt, Religion und Politik

Religion und Politik - wie passt das zusammen? Dieser Frage geht die Schüler-AG "Kardinalfragen" des Attendorner St.-Ursula-Gymnasiums nach. Ausgangspunkt des Projektes ist eine Schülerin der Klasse 7, die in einem Politikerinterview unvermittelt die Frage "Glauben Sie an Gott?" stellt und damit letztlich beleuchtet, auf welches Wertefundament die Angesprochene ihr Handeln gründet. Es entsteht eine Arbeitsgemeinschaft aus Schülerinnen und Schülern der Schule, die weitestgehend selbstständig sich dem Thema "Religion und Politik" nähert.

Im Mittelpunkt stehen beispielsweise folgende Fragen: Inwiefern spielt Religion im Bewusstsein von Politikerinnen und Politikern bzw. bei politischen Entscheidungen heutzutage (noch) eine Rolle? Inwiefern verstehen - umgekehrt - Kirchenvertreter ihre Tätigkeit (auch) als eine politische? Welche aktuellen Konfliktfelder zwischen Religion und Politik sind derzeit zu verzeichnen? Und wie gehen die Verantwortlichen damit um?

Die Gruppe versteht die Auseinandersetzung mit diesen Fragen nicht als Selbstzweck, sondern sucht den Kontakt zu Menschen des öffentlichen Lebens und zu ihren Mitschülern. Die Jugendlichen interviewen hierzu vor laufender Kamera prominente Kirchenvertreter und Politiker, suchen das Gespräch mit Repräsentanten anderer Religionen, betreiben Quellenrecherchen, konzipieren Umfragen, bereiten Informationsveranstaltungen für ihre Mitschüler vor, erstellen Dokumentationen zu aktuellen Streitfragen zwischen Kirche und Politik, gestalten die Ergebnisse multimedial und publizieren diese dann auf CD bzw. im Internet. Auf der CD findet sich zum Beispiel eine Text- und Videodokumentation zum Thema "Mixa vs. von der Leyen - Der Streit um die Krippenpolitik". Die aufbereiteten und selbstgedrehten Videointerviews reichen von Dr. Wolfgang Thierse und anderen Bundestagsabgeordneten bis hin zum Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz Kardinal Lehmann und anderen kirchlichen Würdenträgern. Die Materialien sind im Internet abrufbar und werden schulformübergreifend von Schülern und anderen interessieren Menschen aus ganz Deutschland genutzt (Förderprogramm Demokratisch Handeln 2008, S.101; Kurztext von Michael Ridder).

Was sind nun besondere demokratiepädagogische Aspekte bei diesem Projekt? Zunächst verdeutlichen die Schülerinnen und Schüler mit ihrem Projekt, dass gerade die im Raum der Kirchen religiös diskutierten und auch positional bestimmten Fragen Kernbereiche des Lebens und Entscheidungsfragen der Demokratie betreffen. Die Kirche ist heute mehr den je eine gesellschaftliche Kraft, die sich damit auseinandersetzen muss, wertorientierte Maßstäbe zu geben, Position in der Demokratie zu beziehen und dennoch politisch nicht direkt parteilich zu sein.

Umgekehrt stellen die Jugendlichen Politikern die Frage nach religiösen Wertentscheidungen und suchen damit selbst nach glaubensbasierten Orientierungen im politischen Diskurs der offenen Gesellschaft. Für die wertbildende Auseinandersetzung ist dabei die Schärfung dieser Fragen an aktuellen Aufgaben des Gemeinwesens entscheidend. Die Schülerinnen und Schüler prüfen das mit ihren "Kardinalfragen", die nicht nur eine witzige Anspielung auf ihre prominenten Interviewpartner aus dem Raum der Kirche sind, sondern an die erkenntnisbasierte Entscheidungsnotwendigkeit praktischer Politik erinnern: Die Probleme und Kontroversen in der Demokratie müssen von Politik und Gesellschaft diskutiert, abgewogen und entschieden werden.

Dabei machen die Jugendlichen die Kontroverse zur frühkindlichen Betreuung, die zwischen Bundesfamilienministerin von der Leyen und Bischof Mixa geführt wurde, zu ihrer Kardinalfrage: wer spricht hier mit wem auf welcher Grundlage? Dabei entsteht zudem eine Fülle an Lerngelegenheiten, die für die Förderung belastbarer demokratischer Werthaltung und lebenspraktischer demokratischer Handlungskompetenz einschlägig sind. Hierzu gehört das systematisch vorbereitete, gründlich durchdachte und doch abwägend-offen geführte Gespräch mit den Personen aus Politik und Kirche. Sprachgewandtheit und sorgfältiges abwägendes Argumentieren oder Deliberation (Sliwka 2008) sind solche Teilkompetenzen.

Das systematische Erarbeiten einer fachlichen und problembezogenen Expertise gehört dazu - die Jugendlichen erfahren, dass nur valide und wissensbasierte Fragen politisch gehaltvolle und entscheidungsrelevante Antworten erbringen können. Geschickt haben die Schülerinnen und Schüler der Arbeitsgruppe Termine und Veranstaltungen in Nordrhein-Westfalen für die Umsetzung ihrer Gespräche genutzt. Auch in dieser Organisationsgewandtheit liegt eine praktische Leistung: Aus der Schule herauszugehen und "entgegenkommende Gelegenheiten" zu nutzen. Schließlich gehören die Auswertung und die öffentliche Präsentation der Ergebnisse in das Feld demokratiepädagogischen Engagements. Lernen ist hier "geteilte Erfahrung" und damit demokratisches Lernen im Sinne John Deweys (1991/1916), des Paten von Pragmatismus und Erfahrungslernen.

Schließlich stellt die Projektgruppe ihre Arbeitsergebnisse anderen Schulen zur Verfügung und erarbeitet hierfür eine instruktive und einladende Internetpräsentation. Das Projekt hat seinen Ausgangspunkt in einem SoWi-Kurs und ist insofern fachlich zentriert. Es hat aber durch seine Präsenz, seine zeitliche Dauer sowie seinen Bezug zur eigenen Schule einen über das rein Fachliche hinausgehenden demokratiepädagogischen Wert.

Für die Bereiche des Lernens und der Kompetenzentwicklung, wie sie hier beispielhaft sichtbar werden, haben sich inzwischen in den Debatten von politischer Bildung und wissenschaftlicher Schulpädagogik seit etwa 2001 die Begriffe "Demokratisch Handeln" (Beutel/Fauser 1990; 2001), "Demokratie lernen" (Edelstein/Fauser 2001, Himmelmann 2001) und "Demokratiepädagogik" (Beutel/Fauser 2007; de Haan/Edelstein/Eikel 2007) etabliert. Begleitet wurde diese Entwicklung durch eine zunächst heftige Kontroverse zwischen der schulpädagogisch fundierten Demokratiepädagogik und der fachdidaktisch begründeten Politischen Bildung.

Demokratiepädagogik richtet den Blick auf die Schule als Ganze, ohne den fachlichen Kern unterrichtlich organisierten Lernens außer Acht zu lassen. Die Institution Schule an sich trägt erzieherisch zur politischen Sozialisation bei. Die Schule wirkt nachhaltig und zeitintensiv, es kann keinen Zweifel daran geben, dass Schule zur politischen Haltung, Entscheidungsfähigkeit und so zur Ausprägung oder auch zum Mangel von demokratischem Engagement beiträgt. Die Schulen in Deutschland sind kraft der Schulgesetze der Länder, ihrer Verfassungen und des Grundgesetzes der Demokratie verpflichtet. Das gilt nicht nur für den Fachunterricht Politischer Bildung, sondern für die pädagogischen Grundlagen und Umgangsformen insgesamt. Keinesfalls allerdings ist diese zunächst gesetzliche Grundlegung ein Selbstläufer. Die - im Ideal demokratische - Atmosphäre und biographisch prägende Kraft der Schule entscheidet sich an der Schule vor Ort im konkreten Einzelfall.

Wolfgang Beutel: Demokratiepädagogik als Beitrag zur Schulkultur. In: Kirche und Schule. 35. Jg., Nr.148 (Dezember 2008), S.3-9, hier: S.4-6. (Mitteilungen der Hauptabteilung Schule und Erziehung des Bistums Münster)


©  Michael Ridder, Münster, Wolfgang Beutel, Jena und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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