Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Interview

Andrea Nahles, MdB   Andrea Nahles,
Jahrgang 1970,
Mitglied des Bundestags (SPD),
Sprecherin der Parteilinken

"Traumberuf" Politikerin?

Frau Nahles, Sie sind von Hause aus Literaturwissenschaftlerin. Wie kommt eine Literaturwissenschaftlerin in die Politik?

Das läuft parallel. Du überlegst: Was studierst du? Das, was du kannst, da wo deine Neigung ist. Das war bei mir Deutsch oder Geschichte; da war ich immer am besten. Und parallel interessierst du dich dann auch für andere Sachen. Bei uns war das die Frage, ob eine Müllverbrennungsanlage gebaut wird. Da habe ich angefangen, mich politisch zu engagieren. Das lief parallel; das eine baute nicht auf dem anderen auf, sondern die Entscheidung fiel praktisch gleichzeitig und ich konnte damals überhaupt nicht wissen, ob ich eher mit dem Germanistikstudium glücklich werden würde oder ob ich weiter Politik mache sollte.

Ist (bzw. war) "Politikerin" Ihr Traumberuf?

 


Nö, überhaupt nicht. Daran habe ich nie gedacht. Ihr müsst sehen: Ich habe vor 17 Jahren angefangen, Politik zu machen. Damals habe ich das nicht getan, weil ich es als Beruf verstanden habe, sondern es war für mich Engagement, das ich in meiner Freizeit gemacht habe - ehrenamtlich, also ohne Geld. Und das habe ich dann 12 Jahre getan, auch wenn die Freizeit dafür immer mehr draufging. Für mich war Politik als Beruf kein Ziel, erst recht kein Traumberuf, sondern Politikmachen gehörte einfach seit meinem 18. Lebensjahr zu meinen Freizeitaktivitäten und hat sich aus dieser Freizeitaktivität weiter entwickelt hin zu einer Chance, das auch mal beruflich zu machen.
   Und das mit allem Auf und Ab: Ich bin 1998 in den Bundestag gekommen, doch 2002 bin ich zum Beispiel wieder rausgefallen. Man kann Politik nicht als einen Beruf sehen, den man sein Leben lang macht. Das hängt ja von Wahlen ab und von Wahlergebnissen. Deswegen bin ich eher der Meinung: In einem ersten Schritt muss man sich entscheiden, ob man sich überhaupt politisch engagieren, für andere einsetzen will. Und erst in einem zweiten Schritt kann man dann gucken, was man daraus machen kann. Bei mir ist es jetzt mein Beruf geworden, aber für Hunderttausende anderer Menschen in allen Parteien ist es immer nur Hobby, wenn man so will, also Engagement an und in der Gemeinschaft.
   Kurz gesagt also: Es war überhaupt nicht mein Traumberuf. Es gab da überhaupt keinen Plan, dass ich Politikerin werde.

Wie sind Sie zur SPD gekommen?

Ich hab mir die Parteien angeguckt. Ich war für die Rheinzeitung als freie Mitarbeiterin tätig, bin deswegen auf sehr viele Veranstaltungen gefahren und hab mir das politische Geschäft sehr genau aus einer neutralen Position heraus anschauen können. Und da fand ich dann halt unterm Strich die Sozialdemokraten am besten, weil sie eine große Partei sind, und eine große Partei hat auch mal Mehrheiten. Sie kann etwas gestalten. Das ist bei den kleinen Parteien viel schwieriger.
   Zum Zweiten waren für mich die Themen Bildung und Soziales wichtige Themen; und die sind halt in der SPD besonders stark vertreten, sind ein besonderer Schwerpunkt. Hinzu kam dieses Gefühl für Gerechtigkeit: Ob es jetzt in der Schule war (ich war Chefredakteurin der Schülerzeitung) oder ob es irgendwo in meiner Familie war (ich habe eine große Familie), gingen mir schon immer die Ungerechtigkeiten sehr nahe. Dagegen wollte ich immer schon etwas machen; und da ich gedacht habe, das sei bei der SPD am besten aufgehoben, bin ich da hingegangen.

Spielen Frauen heutzutage in der Politik immer noch eine untergeordnete Rolle?

Sie spielen immer noch eine nicht gleichberechtigte Rolle. Es gibt heute zwar mehr Frauen in der Politik als früher, und die haben auch mehr zu sagen als früher (immerhin haben wir ja jetzt auch eine Bundeskanzlerin). Aber wirkliche politische Macht spielt sich nicht nur in offiziellen Funktionen ab oder in dem, was man von außen sehen kann, sondern hat auch viel damit zu tun, wer die Richtung innen vorgibt. Und innen gibt die Richtung der vor, der zum Beispiel die meisten Informationen hat. Und da werden Frauen immer noch sehr stark hinsichtlich bestimmter Informationen - sagen wir mal: - an der Seite gehalten. Oder sie werden später informiert. Und sie sind auch nicht in diesen so genannten informellen Zirkeln. Insoweit sind Frauen immer noch benachteiligt, glaube ich. Auch wenn es nach außen besser ausschaut, sind sie, denke ich, immer noch ein Stück weit am Rande des politischen Geschäfts. Die Regeln und vor allem der Stil der Politik sind immer noch sehr stark männlich geprägt.

Müssen Frauen in der Politik die "besseren Männer" sein, um bestehen zu können?

Es wäre schade, wenn sie das sein müssten. Ich bin mir aber bei der Beantwortung der Frage, ehrlich gesagt, nicht so ganz sicher, weil ich doch immer wieder - auch bei mir - beobachte, dass man, wenn man zu viel Weiblichkeit zeigt (das fängt bei den Klamotten an oder geht über "wilde Haare" wie bei mir), kritisiert wird. Man hat das sehr deutlich bei Frau Merkel gesehen: Sie musste in eine bestimmte Stanze hineingepresst werden, in ein bestimmtes Aussehen. Sie musste bestimmte Kriterien erfüllen. So hart würde das bei Männern nicht diskutiert. Die Frage des Aussehens, die Frage, wie man sich gibt, wie man sich anzieht, spielt bei Frauen wirklich eine sehr große Rolle. Ich finde das insoweit nicht fair, als Frauen damit öffentlich immer noch anders beurteilt werden. Deswegen verstecken sie sich dann möglicherweise häufiger etwa hinter großen Sakkos. Frau Merkel trägt zum Beispiel immer nur Hosen und Sakkos. Das ist ja grundsätzlich in Ordnung; ich trage das schließlich auch. Aber ich weiß nicht: Vielleicht würde sie ja gerne auch mal anders aussehen. Doch sie hat sich das vor Jahren schon abgeschminkt, weil sie gemerkt hat, dass die Männer sie dann eher gönnerhaft behandeln und sagen: Oh, Sie sehen aber heute charmant aus! Vielleicht will man aber ernst genommen werden, weil man ein gutes Argument hat; und deswegen fangen die Frauen an, sich - genauer: ihre Weiblichkeit - zu verstecken und sich anders zu verhalten. Der politische "Stil" ist halt immer noch sehr stark männlich geprägt.

Wären Sie heute politisch weiter, wenn Sie ein Mann wären?

Das weiß ich nicht. Ich glaube nicht. Keine Ahnung, offen gesagt. Ich weiß es echt nicht.

Parteimitgliedschaft

Die großen Parteien haben Nachwuchssorgen. Worauf führen Sie das zurück?

Nahles als Gastrednerin bei Attendorns SPD Also, wir haben momentan keine Nachwuchssorgen. Wir haben Sorgen mit unseren Älteren. Die Jusos (die Jugendorganisation der SPD) haben im letzten Jahr so viele Mitglieder aufgenommen wie seit 1972 nicht mehr. Wir haben momentan - ohne Scherz! - einen Riesenrun auf die SPD. Allein sechs- bis siebentausend Neumitglieder waren das, glaube ich, im letzten Jahr; und es sind dieses Jahr nicht weniger.
   Wir sind eher in Sorge, dass viele Ältere, die wir haben, eben weil sie älter sind, politisch nicht mehr so viel machen, nicht mehr so fit, nicht mehr so aktiv sind. Und wir haben auch, was die Austritte angeht, in den letzten Jahren vor allem Ältere verloren. Momentan verabschiedet sich die Generation, die in den letzten zwanzig Jahren unsere Demokratie sehr stark geprägt und auch mitgetragen hat. Das Traurige daran ist: Demokratie braucht ja Demokraten. Demokratie wird nicht von jemand Drittem erledigt, sondern Demokratie wird von dem erledigt, der präsent ist, der sich der Verantwortung stellt und der mitmacht. Wir machen uns da schon Sorgen, dass da eine gesamte Riege plötzlich abtritt.
   Warum ist das so? Es ist eine Mischung von Gründen: Man hat sich über die Jahre verschlissen. Man hat vielleicht mal Hoffnungen gehabt, die sich nicht erfüllt haben. Vielleicht sagt man auch: Jetzt hab ich so lange angepackt; jetzt nehme ich mir mal mehr Freizeit, jetzt kümmere ich mich mal ein bisschen um mich. Oder man ist frustriert über die aktuelle Politik, die gemacht wird. Gerade im Zusammenhang mit der Reform "Agenda 2010" waren ja viele nicht so glücklich; deswegen sind da auch einige ausgetreten. - Es gibt also viele Gründe, und es ist leider in der Tat so, dass wir Mitglieder verlieren; aber wir haben jetzt auch wieder viele junge Leute.

Mit welchen Argumenten würden Sie - speziell bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen - für politisches Engagement werben?

Ich würde zunächst einmal dafür werben, dass man überhaupt wahrnimmt, dass Demokratie nicht etwas ist, was man einmal erreicht hat - sagen wir mal: nach 1945 - und was dann "läuft". Viele kümmern sich um ihre Freizeit, um ihre Ausbildung; das sind wichtige Fragen, zweifellos. Aber die Demokratie steht halt nicht irgendwo in der Ecke und läuft für sich. Werben würde ich also zuerst mal für das Gefühl: Es kommt auf dich an! Ganz konkret auf dich kommt es an, dass wir auch in dreißig Jahren noch eine Demokratie in Deutschland haben, die diesen Namen verdient!
   Wir sehen in der Welt, zum Beispiel jetzt in Russland, dass die zwar Wahlen haben, dass aber Meinungsfreiheit ein Fremdwort ist. Ich glaube nicht, dass so eine Entwicklung bei uns von heute auf morgen kommen würde. Ich glaube aber, dass solche Missstände sich ganz langsam krakenartig ausbreiten, wenn nicht genügend Leute da sind, die von ihrem Recht, die Meinung frei zu sagen oder sich wählen zu lassen oder aktiv zu sein, Gebrauch machen. Wenn man davon keinen Gebrauch macht, schlafen der Demokratie der Kopf und die Füße ein. Das ist das Tragische.
   Das wäre also das Erste, wofür ich werben würde. Ich würde also jetzt nicht ein spezielles Thema in den Vordergrund rücken. Natürlich sind Ausbildung und Bildungspolitik wichtig: Wie werden Schulen organisiert? Brauchen wir mehr Ganztagsbetreuung? Brauchen wir mehr Lehrer? Müssen die Lehrer vielleicht andere Inhalte unterrichten? Natürlich lohnt es sich, da mitzumischen; da verändert sich dann auch eine Menge; alles zugestanden. Aber eigentlich geht es mir primär darum, dass ihr das Gefühl dafür kriegt, dass es nicht ohne euch geht - nicht ohne euch junge Leute. (Ich selbst bin ja schon 36, also auch nicht mehr wirklich jung...)

Persönlichkeitsmerkmale

Welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Es ist überhaupt vollkommen egal, was für Eigenschaften man hat, weil es für alle Eigenschaften, alle Talente, alle Aufgaben, die zu bewältigen sind, in den politischen Parteien Platz gibt. Ich bin zum Beispiel jemand, der klugerweise niemals Kassierer geworden ist - weil ich das nicht gut kann. Aber es gibt andere Leute, die können das total gut. Die können vielleicht nicht so gut vor vielen Leuten reden, weil sie da mehr Angst haben als ich. Aber trotzdem arbeiten wir seit Jahren super zusammen und machen zusammen Politik. Deswegen glaube ich nicht an dieses Bild, dass es ein bestimmter Charakter, ein bestimmter Typus, ein bestimmtes Talent sein muss, das Politik macht. Ich widerspreche dem immer so engagiert, weil ich viele junge Leute treffe, die sagen: Ich kann das nicht und kann das nicht! - Hey, als ich angefangen habe, Politik zu machen, konnte ich auch alles nicht. Das ist meine Botschaft: Wer sich entscheidet, Politik mit anderen zu machen, der lernt! Der lernt von den andern, der lernt selber, der wird auch selbstsicherer. Als ich das erste Mal vor einer Gruppe geredet habe, hatte ich einen Riesenbammel; ich hatte Angst und rote Flecken im Gesicht. Heute habe ich mich daran gewöhnt, da habe ich gelernt. Deswegen sage ich ehrlich: Jeder - jeder mit allem, was er kann - ist willkommen! Und wenn er "nur" Handwerker ist oder nichts mit Schwätzen am Hut hat: kein Problem! Wir haben auch für solche Leute Platz, die gerne organisieren, die einfach anpacken, die etwas tun wollen. Es ist also völlig egal, was man ist und was man kann - man kann immer mitmachen.

Darf ich Ihnen trotzdem einige Eigenschaften nennen - und Sie sagen mir dann, ob man sie braucht?

Nein, die Frage beantworte ich nicht! Nein; das ist eine Frage, die ich zurückgebe, weil ich glaube, dass sie falsch ist. Sie assoziiert, man müsste ein bestimmtes Talent haben. Aber gerade das ist ja meine Botschaft: Forget it! Forget it! Ich kenne alle möglichen Charaktere, die in der Menschheit vertreten sind: schüchterne, aggressive, sanftmütige, selbstbewusste, unsichere Menschen - alle sind bei uns in der SPD, sind in der CDU oder sonstwo. Es kann sein, dass man im Laufe der Zeit sicherer im Umgang mit manchen Angelegenheiten wird oder sich leichter tut. Aber wenn man - gerade in eurem Alter - mit der Politik anfängt und sich "Eigenschaften" überlegt, die man vielleicht haben müsste, sage ich: Das ist vollkommener Quatsch. Alle können etwas machen - und auch etwas werden und erfolgreich sein.

Fehler

Welchen Fehler sollte eine Politikerin bzw. ein Politiker auf keinen Fall machen?

Erst einmal sollten Politiker so normal bleiben wie möglich; das heißt, sie sollten auch Fehler machen. Um Himmels Willen bitte keine fehlerfreien Politiker! Es wäre fatal. Neulich hat mich eine Frau angemacht, weil ich kurz auf einem Schwerbehindertenparkplatz geparkt habe. Da habe ich ihr gesagt: Sie haben vollkommen Recht; das war ein Fehler, und dafür entschuldige ich mich. - Auch ich hab halt manchmal Stress und suche einen Parkplatz und finde keinen und muss schnell einen Brief einwerfen. Alle machen das; ich bin da nicht anders. Deswegen versucht jetzt bitte nicht so etwas zu konstruieren wie: Der Politiker muss so oder so sein. - Der Politiker sollte wie alle Menschen ehrlich sein. Der Politiker sollte wie alle Menschen zuverlässig sein. Der Politiker sollte wie alle Menschen versuchen, zuhören zu können. Das wären aus meiner Sicht schon mal wichtige Eigenschaften. Aber der Politiker ist nicht nur Politiker, sondern auch ein ganz normaler Mensch. Im Parlament sitzt der Querschnitt unserer Bevölkerung, der absolute Querschnitt. Das sind alle möglichen Berufe, die Leute haben alle möglichen Krankheiten, haben alle möglichen Frisuren. Das sind also alle ganz normale Leute. Der einzige Fehler, den man als Politiker nicht machen sollte, ist der, perfekt sein zu wollen. Denn das merken die Leute und denken: Was ist das denn für ein Kunstmensch? Ich finde zum Beispiel im amerikanischen Wahlkampf all die Kandidaten total künstlich; die wirken auf mich wie geklont - perfekt beraten, durchgestylt. Da sollten wir in Deutschland nicht hinkommen. Es wäre traurig, wenn die Leute in unserer Demokratie das Gefühl hätten, dass nur noch Geklonte ins Parlament kommen. Perfekte Menschen - wie schrecklich! Das wäre das Schlimmste, was passieren könnte!

Bereuen Sie Ihre Fehler?

Nö. Es ärgert mich manchmal, wenn ich Fehler mache - absolut! Wie sich viele Leute ärgern, wenn sie Fehler machen. Bereuen tu ich Sachen, die ich privat falsch mache. Den Begriff "Bereuen" würde ich wirklich im Wesentlichen für Angelegenheiten reservieren, die mir menschlich nahe gehen oder die ich persönlich verkehrt gemacht habe - vielleicht gegenüber einem Kollegen oder meiner Mutter.

Freuen Sie sich darüber, wenn Ihre Gegner Fehler machen?

Manchmal.

Auch wenn es Fehler sind, die der Allgemeinheit schaden?

Weniger häufig.

Soziale Gerechtigkeit

Sie werden in der SPD ja den Parteilinken zugerechnet. Böse gefragt: Braucht die SPD noch Parteilinke? Gibt es dafür nicht die Linkspartei?

Erstens bin ich die Sprecherin der Parteilinken; ich bin da nicht nur ein bisschen eingeordnet. Zweitens braucht eine Partei immer zwei Flügel, damit sie fliegen kann. Insbesondere eine große Partei, die viele Leute ansprechen und Zusammenhalt in der Gesellschaft organisieren will, sollte nicht nur auf einem Bein stehen. Die sollte auf beiden Beinen stehen, eine gute Mitte haben, ausbalanciert sein. In dem Sinne braucht die SPD auf jeden Fall beides - einen rechten Flügel, einen linken Flügel, aber vor allem eine starke Mitte.
   Die Linkspartei ist eine Konkurrentin wie jede andere auch. In manchen Themen sind wir uns nah; in vielen Themen sind wir uns nicht nah. Ich kann ganz klar sagen: Eine soziale Politik, die sich nicht nur gut anhört, sondern die auch machbar ist, die man auch in den Kommunen, in den Ländern, im Bund umsetzen kann - die Durchsetzung eines Mindestlohns etwa -, die muss man entsprechend ausgestalten; und das findet man am ehesten bei der SPD und nicht bei anderen Parteien. Deswegen braucht es auch weiterhin beide Flügel - zum Fliegen!

Kurt Beck hat vor ein paar Wochen den Begriff der "Unterschicht" in die sozialpolitische Diskussion gebracht. Franz Müntefering hat umgehend bestritten, dass es in Deutschland überhaupt eine Unterschicht gebe. Das sei nur dummes Soziologendeutsch. Wie ist Ihre Meinung?

Ich glaube, Müntefering hat das so gemeint (ich hab mit ihm auch darüber geredet): Er hatte Angst, dass die Leute, die man mit "Unterschicht" bezeichnet, sich ein Stück weit stigmatisiert fühlen, dass sie das wie so ein Pappschild auf die Stirn bekommen: Ihr seid Unterschicht! - Das ist ja kein schöner Begriff. Müntefering hat wohl eher gemeint (und deswegen hat er auch "Soziologendeutsch" gesagt): Wie nenne ich eigentlich das Kind?
   Ich finde, man kann den Begriff "Unterschicht" benutzen, wenn man ihn nicht mit einer Anklage oder einem arroganten Auf-die-Leute-Runterschauen verbindet. Ich glaube, dass sich viele Leute auch so empfinden, wenn sie Löhne von 3 Euro 50 bekommen, den ganzen Tag arbeiten und trotzdem nicht davon leben können - oder wenn sie keinen Ausbildungsplatz finden. Es gibt natürlich auch welche, die haben über die Jahre schon aufgegeben, die sagen: Ich such mir gar keine Arbeit mehr! Aber das sind die wenigsten. Die gab es schon immer, und die gibt es auch heute; aber ich glaube, wenn wir uns umgucken, dann sind diejenigen, die wir heute zur Unterschicht zählen müssen, Leute, die vielleicht mit 55 arbeitslos geworden sind und dann total abrutschen. Und die empfinden das als Demütigung. Die würden gerne arbeiten. Die würden da gerne wieder rauskommen. Insoweit sollte man diesen Begriff mit Vorsicht benutzen. Aber man sollte vor allem über das Schicksal der Leute konkret reden. Das wäre mir wichtiger, als irgendwelche Etiketten zu verteilen.

Wie würden Sie den Begriff "soziale Gerechtigkeit" definieren?

Oh weh! Das ist deswegen so schwer, weil mein Herz davon voll ist - und meine Zunge auch. Es ist ganz schwer, das mal eben so zu definieren.
   Für mich ist soziale Gerechtigkeit der Versuch, Interessen in der Gesellschaft auszugleichen, Ressourcen, über die man in der Gesellschaft verfügt, gerecht zu verteilen. Soziale Gerechtigkeit hat also eine materielle Komponente im Sinne der Verteilung von Mitteln: über Steuern, über Investitionen in Bildungseinrichtungen wie Schulen. Da geht es für mich um die Frage: Geht es da gerecht zu? Haben in einem Land alle die gleichen Zugänge zu der gleichen guten Bildung, oder hängt das vom Einkommen der Eltern ab? Das ist so eine elementare Gerechtigkeitsfrage.
   Aber soziale Gerechtigkeit hat nicht nur etwas mit der Verteilung oder Investition von Geld zu tun, sondern auch damit, wie Leute an der Gesellschaft teilhaben können. Gibt es Ausgrenzungen? Gibt es zum Beispiel Klassenschranken? Oder gibt es, wie in Indien, gar ein Kastensystem? Das hat nicht nur etwas mit Geld zu tun, sondern auch mit Ideologie oder mit Ausgrenzung, die religiös bestimmt ist und so weiter.
   Für mich ist also soziale Gerechtigkeit etwas, was mit Ausgleich, aber auch mit Mitteln und Geld in der Gesellschaft zu tun hat. Ich sage euch ganz klar, dass soziale Gerechtigkeit etwas ist, was man nicht auf einen Punkt bringen kann, sondern es ist ein Prinzip, nach dem man eine Gesellschaft zu ordnen versucht.
   Es gibt ja auch das Gegenmodell - dass man nämlich sagt: Der Markt ist der ordnende Faktor, und die, die sich gut in diesem Markt behaupten können, sind die Gewinner - und für die Verlierer gibt es ein Gnadenbrot; denen wird eine Suppe gewährt, damit sie überleben können. Und da war es für die SPD immer so, dass sie gesagt hat: Moment mal! Wir wollen, dass eine Gesellschaft so geordnet wird, dass nicht der Markt regiert, sondern das Leben im Mittelpunkt steht, nämlich die Frage: Wie wollen wir leben? Und dass sich alles andere dem unterzuordnen hat - dass nicht die Wirtschaft dominiert, sondern die politischen Vereinbarungen, die man untereinander getroffen hat: Wie wollen wir eigentlich leben? Wer soll eigentlich wie viel bekommen? Was sind die Konsense, die man gefunden hat?
   In diesem Konflikt werden wir noch viele Jahrzehnte - Jahrhunderte wahrscheinlich - stecken, weil es widerstreitende Kräfte sind. Soziale Gerechtigkeit fällt nicht vom Himmel. Die muss man sich erstreiten.

Visionen

Brauchen Politikerinnen bzw. Politiker Visionen?

Ja. Zum Beispiel ist meine konkrete Vision: Wie geht es jetzt mit Europa weiter? Im Augenblick haben wir totale Stagnation. Eine Vision wäre da: Gibt es irgendwann die Vereinigten Staaten von Europa? Haben die zum Beispiel das Recht auf eigene Strukturen, ohne dass wir zugleich unsere eigene kulturelle Identität in Deutschland verlieren - im Sinne einer Gemeinschaft, die sehr unterschiedlich im Einzelnen ist? Momentan sind wir vor allem ein großer Wirtschaftsraum. Das reicht mir noch nicht. Deshalb habe ich die Vision, dass wir aus Europa einfach noch mehr machen, dass wir das weiter ausbauen, dass wir das gestalten. Im Augenblick haben wir überall McDonald's, und überall machen dieselben Läden auf; aber ansonsten steckt zu wenig Phantasie in Europa. Europa kann mehr sein als eine einzige große Shopping Mall - oder ein großer Gazprom-Markt - oder lediglich ein Gebiet, auf dem Gesetze harmonisiert werden. Das interessiert die Leute auch nicht. Es sollte eine Vision von Europa geben, die darüber hinausgeht.
   Eine Vision ist im Übrigen kein fertiges Ding - etwa in dem Sinne: Da wollen wir jetzt alle hin! - Da bin ich etwas vorsichtig; denn das hatten wir alles schon: So und so soll der Kommunismus aussehen - oder so und so soll der Nationalsozialismus aussehen - und die Menschen sollen dann auch so und so aussehen. - Ich bin stattdessen dafür, dass man Visionen hat, die offen sind, die sich verändern können, die auch demokratisch verändert werden können. Ich möchte also Visionen nicht als die eine Idee, hinter der alle stehen müssen, sondern als offenes Projekt: Wer hat best practice? Was können wir gemeinsam nach vorne bringen? Das ist für mich eine Vision. Das ist vermutlich etwas anderes, als es in den Schulbüchern steht...

Was wäre für Sie ein Grund zu sagen: Ich höre auf?

Hm. Wenn ich das Gefühl hätte, es hätte keinen Sinn mehr zu streiten. Oder wenn ich das Gefühl hätte, ich hätte keine Chance mehr, in der Partei, in der ich jetzt bin, auch mal Mehrheiten für meine Position zu gewinnen. Ich verliere natürlich auch manchmal; das ist nicht schlimm. Wir leben in einer Demokratie; da kann man nicht immer nur gewinnen (sonst ist irgendetwas schief gegangen). Aber wenn ich in wichtigen Fragen keine anderen Menschen finden würde, die genauso denken, oder wenn ich keinerlei Mehrheit mehr finden würde für die Idee, die ich gerade habe - wenn das nicht mehr möglich wäre, dann würde ich sagen: Dann sollte ich wohl besser aufhören.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei. Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Dass kein einziges Kind in Deutschland mehr arm sein muss.

Das Interview wurde am 25.11.2006 in Attendorn geführt. Die Fragen stellten Anna Carla Kugelmeier, Carsten Horn und Lea Brohsonn.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter