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Interview

Laura Rudas, NR   Laura Rudas,
Jahrgang 1981,
Mitglied des Nationalrats (SPÖ),
kinder- und jugendpolitische Sprecherin,
dann Bundesgeschäftsführerin ihrer Partei

Jugend und Politik

Frau Rudas, zumindest in Deutschland scheint das Ansehen der Politik und der Politiker lädiert zu sein. Wir haben vor einiger Zeit bei uns in der Schule unter 280 Oberstufenschülern eine Umfrage gemacht. Das Ergebnis: Ungefähr ein Viertel hält Politik für ein "schmutziges Geschäft". Und die Hälfte erklärt, dass sie sich diesem Satz zumindest halbwegs anschließt. In einer Partei sind gerade mal drei Prozent. Sich vorstellen, später mal in die Politik zu gehen, können von den Jungen lediglich 16 Prozent, von den Mädchen keine fünf Prozent. Sehen Sie die Lage in Österreich ähnlich? Wie erklären Sie sich den Befund?

Solch genaue Zahlen kann ich für Österreich jetzt nicht nennen. Ich wüsste nicht, wie viele junge Leute in die Politik gehen wollen. Aber nun ist ja "Politik" auch mehr als Politikerin oder Politiker sein. Ich habe schon das Gefühl, dass sich in Österreich sehr viele junge Menschen politisch engagieren, in politischen Parteien, in NGOs oder in Umweltschutzorganisationen, für Tierrechte - das alles ist ja auch politisches Engagement.
   Dass die Beliebtheit von Politikerinnen und Politikern nicht gerade zu-, sondern eher abnimmt, erkenne ich auch in Österreich - wobei ich allerdings die Gefahr nicht so sehr darin sehe, dass die Beliebtheit als solche abnimmt. Denn das ist nicht das Entscheidende. Ich verkaufe als Politikerin schließlich keine CDs; ich brauche keinen Beliebtheitswettbewerb zu gewinnen. - Doch man muss Vertrauen genießen. Man ist ja repräsentativ für Wählerinnen und Wähler im Parlament. Und weil man stellvertretend für sie Entscheidungen trifft, muss natürlich Vertrauen zwischen Bevölkerung und Politik, Politikerinnen und Politikern da sein. Aber das nimmt ab. Das ist das eigentlich Gefährliche.
   Meiner Ansicht nach gibt es für diesen Vertrauensverlust mehrere Gründe. Erstens muss man durchaus selbstkritisch sagen: Manche Politikerinnen und Politiker haben eine schlechte Performance und werden für schlechte Arbeit dann auch bestraft. Das ist in jedem anderen Beruf auch so. Und zweitens glaube ich, dass die Politik vergessen hat - oder es verabsäumt hat - zu zeigen, wie handlungsfähig man in der Politik ist, dass man etwas bewirken kann. Und wenn die Menschen das Gefühl haben, da sitzt jemand drinnen, der ihnen nichts bringt, der keine Ergebnisse bringt, dann ist halt das Resultat weniger Vertrauen. Ich weiß zwar, dass die Politik im Moment nicht handlungsunfähig ist; aber man muss die Gestaltungsmöglichkeiten der Politik wieder mehr zeigen.

Mit welchen Argumenten würden Sie für das politische Engagement Jugendlicher und junger Erwachsener werben?

Mit dem Argument, dass man die Welt verändern kann - ein bisschen zumindestens. Nicht von heute auf morgen vollständig, aber man kann tatsächlich etwas bewirken, die Welt gerechter machen (oder schlimmstenfalls ungerechter, je nachdem, welche Ideologie man hat). Man kann in der Politik etwas weiterbringen und aktiv dabei sein. Das ist ein wahnsinnig gutes Gefühl. Jeder von uns, ob politisch mehr interessiert oder weniger, sitzt irgendwann mal zu Hause und ärgert sich über etwas, denkt sich: Warum muss es so, warum kann es nicht anders sein! Und dafür ist dann die Politik da. In der kann man sich aktiv beteiligen, und zwar ganz unabhängig von der eigenen Position; dafür muss man nicht unbedingt Bundespräsident oder Bundeskanzler sein. Es reicht, sich dort, wo man ist, zu engagieren und etwas zu bewegen.

Traumberuf

Ist "Politikerin" Ihr Traumberuf?

Das ist eine schwierig zu beantwortende Frage, weil Politikerin für mich kein Beruf bzw. die Ausübung eines Mandates noch kein Beruf ist. Mehr eine Berufung, sagt man. Ich mache es gerne, ich bin gerne Abgeordnete. Es gibt aber sicher auch politische Positionen, die ich nicht würde übernehmen wollen. Das, was ich jetzt mache, kinder- und jugendpolitische Sprecherin der SPÖ im österreichischen Parlament [1], macht mir Spaß. Einen Traumberuf im strengen Sinne habe ich aber nicht.

Wie sind Sie zur SPÖ gekommen?

Nationalratsgebäude in Wien Ich war in der Schule schon politisch interessiert. Da ging es um Rassismus und um die Turbo-Globalisierung. Ich bin auf Demos gegangen und wollte ein faireres Schulsystem, vor allem was benachteiligte Schülerinnen und Schüler, was schlechte Noten und Stress anging. Natürlich war immer das System schuld, niemals ich selbst.
   Parteipolitik kam damals für mich nicht in Frage, weil ich zwar wusste, dass ich "links" war, aber da gibt es ja doch ein weiteres Spektrum. Zumindest habe ich das damals geglaubt. Heute sehe ich es ein bisschen anders. Ich hielt mich zeitweilig für eine Kommunistin. Aber meine Großmutter ist in Ungarn aufgewachsen, sie ist nach dem 1956er Aufstand nach Österreich gekommen, sie hat also den Kommunismus erlebt, und im Zuge dessen habe ich mich auch ein bisschen damit beschäftigt. Meine Großmutter war, wenn sie mich erlebte, oft den Tränen nahe und sagte: Du kannst doch keine Kommunistin sein! Wir sind doch davor geflohen! Und dann hat sie mir etwas mehr über Parteien erzählt. In Österreich hat ja im Unterschied zu Deutschland der Kommunismus keine Tradition. Hier beschäftigt sich kaum jemand damit.
   Ich habe also angefangen, mich mit den unterschiedlichen Parteien auseinander zu setzen, und dabei gesehen, dass die Sozialdemokratie, die SPÖ, meine Werte vertritt. Dort habe ich mich im Programm wiedergefunden. Mir hat allerdings die SPÖ damals als Parteiorganisation nicht so gut gefallen. Ich habe gedacht, da sitzen nur lauter alte Männer. Dann bin ich trotzdem in die SPÖ gegangen, so mit 17, 18, und dann saßen da tatsächlich lauter alte Männer - alle Vorurteile wurden also voll bestätigt. Da hab ich gedacht: Das kann's doch wohl nicht sein! Ich hab dann ein bisschen Glück gehabt und andere Junge getroffen, die sich auch in der SPÖ engagiert haben. Und mit denen habe ich daraufhin in einem Bezirk in Wien eine Jugendgruppe gegründet. Das hat sich dann über ganz Wien ausgeweitet. Und so konnten wir doch sehr viel innerparteilich, in der SPÖ, verändern.
   Inzwischen, würde ich sagen, ist die SPÖ nicht mehr das, was sie vor vielen Jahren einmal war. Die Sozialdemokratie in Österreich ist jung geworden, es gibt auch mehr Frauen. Und es ist halt die Partei, die meine Werte vertritt.

In fast allen Interviews, die wir bisher geführt haben, rieten die Politiker dazu, zuerst einmal einen Beruf (sozusagen "etwas Anständiges") zu lernen und dann erst in die Politik zu gehen. Wie stehen Sie zu dieser Auffassung? Sie sind ja nun noch recht jung...

Mir sagen sie das auch immer. Ich denke, dass muss man differenzierter sehen. Es gibt ja eben nicht den Beruf "Politiker", sondern es gibt unterschiedliche Funktionen, unterschiedliche Mandate, unterschiedliche politische Tätigkeiten. Jemand, der im Ministerium politisch arbeitet, muss natürlich definitiv etwas gelernt haben. Auch sonst ist es natürlich gut, wenn man eine Ausbildung macht. Ich finde, es ist wichtig, dass man eine macht. Letztlich ist es allerdings gleich, welche. Ein Mechaniker kann genauso ein guter Politiker werden wie ein Mittelschullehrer (davon haben wir nämlich im österreichischen Parlament ganz viele) oder eine Politikwissenschafts-Studentin wie ich [2]. Ein Parlament soll ja die Gesellschaft widerspiegeln; und da gibt es halt unterschiedliche Berufsgruppen.
   Natürlich sollte man eine Ausbildung auch deshalb machen, weil man dadurch unabhängiger vom "Beruf" Politiker ist; denn es kann ja sein, dass es irgendwann mit dem Mandat vorbei ist. Allerdings hat der Satz, man solle erst mal "was Anständiges lernen", heutzutage nur noch begrenzten Wert; er stammt aus einer anderen Zeit, nämlich aus einer Generation, in der man mit einem Beruf angefangen und den dann ein Leben lang ausgeübt hat. Wir sind jetzt aber eine andere Generation. Die wenigsten in unserem Alter werden in der Position, in der sie mit zwanzig anfangen, ein Leben lang arbeiten, schon gar nicht in der Privatwirtschaft. Insofern relativiert sich heutzutage der Spruch, man solle erst etwas Anständiges lernen.

Parteiarbeit

Sowohl in Österreich als auch in Deutschland ist zu beobachten, dass die (früher) großen Volksparteien an Einfluss verlieren. Sie kommen selbst in so genannten "großen Koalitionen" inzwischen kaum mehr über 55 Prozent. Wie erklären Sie sich das?

Das hat sicherlich den Grund, dass den großen Parteien immer mehr die Stammwähler verloren gehen. Ich merke es ganz deutlich bei meinen Freunden: Da wählt einer mal SPÖ, dann wählt er grün, dann vielleicht sogar BZÖ (was ich natürlich überhaupt nicht verstehe). Die Stammwählerschaft, die immer dieselbe Partei wählt, geht verloren. Selbstkritisch gesagt: Vielleicht reagieren wir als Großparteien zu wenig auf diese Tatsache. Es reicht eben nicht mehr, nur mal einen Monat lang Wahlkampf zu machen und zu glauben, man könne auf diese einfache Weise die eigenen Wähler mobilisieren. Sondern man muss die Politik die ganze Zeit über nach außen tragen, zeigen, wofür man als Partei steht, zeigen, wofür man kämpft - auch in einer großen Koalition.
   Vor allem in Österreich haben beide Großparteien sehr unterschiedliche Weltanschauungen. Sie müssen, gerade in einer großen Koalition, immer wieder Kompromisse finden. Aber ein Kompromiss ist bekanntlich nie das, was man eigentlich will. Obwohl man also ständig Kompromisse finden muss, muss man trotzdem als Partei sagen, wofür man steht. Das muss uns gelingen. Dann wird sich die SPÖ auch wieder erholen und wieder über dreißig Prozent kommen.

In Österreich wie in Deutschland gibt es ja inzwischen de facto ein Fünfparteiensystem. Während es aber in Deutschland tendenziell eine eher linke Mehrheit gibt (SPD, Grüne, Linkspartei), dominieren in Österreich die Konservativen bzw. Rechten (ÖVP, FPÖ, BZÖ). Woran liegt das?

Das hat sicherlich historische Gründe. Das rechte Lager, namentlich die FPÖ, ist hier traditionell recht stark. Das BZÖ nehme ich jetzt mal ein bisschen aus, das hat mit dem Land Kärnten eine Sonderstellung, wo Jörg Haider ja Landeshauptmann war und dort enormen Zuspruch hatte, bevor er jüngst gestorben ist. Vor allem die FPÖ hat sich in den Wahlkämpfen, aber auch sonst, was die Wirtschaftspolitik angeht, inhaltlich extrem an die Sozialdemokratie angelehnt, hat sich sehr "links" gegeben und damit, auch wenn sie in Wirklichkeit ganz andere Ziele verfolgte, Stimmen geholt. Das ist nicht vergleichbar mit der deutschen FDP.

Bei der letzten Nationalratswahl haben offenbar besonders viele junge Menschen "rechts" gewählt. Weshalb?

Da schweben unterschiedliche Umfragen im Raum. Die glaubwürdigste Umfrage zeigt, dass es drei gleich starke Lager bei den Jungwählern gibt, die ÖVP, die SPÖ und die FPÖ. Das heißt, die FPÖ ist tatsächlich bei den Jungen stärker als bei den Alten.
   Das ist nicht mit einem einfachen Satz zu erklären; da gibt es sicherlich unterschiedliche Faktoren. Da ist zum einen die nicht wirklich hervorragende Performance der großen Koalition in den letzten achtzehn Monaten. Es wurde ständig gestritten. Ich finde Streit in der Politik zwar total wichtig; man muss ja sagen, wofür man steht, und wenn jemand anderer nicht dafür steht, gibt es halt einen Streit, das gehört sich so. Aber es sollte nicht ein Streit um des Streites willen sein. Und die große Koalition hat um Sachen gestritten, die die Menschen nicht mehr nachvollziehen konnten. Sie hat den Anschein erweckt, dass sie nichts weiterbringt. Mit anderen Worten: Ein Motiv der jungen Wähler war sicherlich der Protest gegenüber der großen Koalition. Wir wissen von Nach-Wahlanalysen, dass viele überhaupt nicht wollten, dass Stracke, der Vorsitzende der FPÖ, Vizekanzler wird, dass sie ihn aber trotzdem gewählt haben, um den großen Parteien in der Koalition einen Denkzettel zu verabreichen. Und der ist ganz ordentlich angekommen.
   Ein zweiter Grund ist sicher auch, dass auch sozial schwächere Menschen (und junge Menschen gehören meistens zu den sozial Schwächeren) Ängste haben und die FPÖ eine dieser Ängste, nämlich die Frage der Zuwanderung, beantwortet - zwar falsch beantwortet, aber sie beantwortet sie. Vielleicht haben wir anderen Parteien es zu wenig angesprochen.
   Ich glaube trotzdem, dass die Jungen in Österreich nicht grundsätzlich "rechts" sind. Aber es gibt eine Liste von Ängsten. Eine Angst ist sicherlich die Zuwanderung, die Migration. Im Zusammenhang damit stehen andere soziale Ängste: die Angst vor fehlender Ausbildung, die Angst vor Arbeitsplatzverlust, die Angst, ob der Sozialstaat in Österreich erhalten bleibt. Und die Angst vor der Zuwanderung hat die FPÖ halt sehr massiv angesprochen.
   Es gibt da also sicherlich mehrere Faktoren. Davon habe ich jetzt einige genannt.

Wie hoch werten Sie die so genannte Fraktions- bzw. Parteidisziplin?

Sehr hoch. Gerade, wenn man das als Junge sagt, wird einem das sehr oft zum Vorwurf gemacht. Aber ich kann, glaube ich, erklären, warum diese Disziplin demokratisch wichtig ist. Die Menschen wählen eine Partei, von der sie glauben, dass diese ihre Interessen am besten vertritt. Und genau das muss die Partei im Parlament dann auch mit einer Stimme tun.
   Ich habe als Mandatsträgerin in dieser Partei zwar die Möglichkeit, mich frei zu äußern. Das tue ich auch, und das tun viele Abgeordnete. Ich habe zwar die Möglichkeit, die Partei mitzugestalten. Aber das ist ein vorparlamentarischer demokratischer Prozess, in dem man sich fragt: Welche Position nehmen wir zu bestimmten Themen ein? Was ist die richtige sozialdemokratische Position? - Hat man diese Position schließlich gefunden, muss man sie im Parlament jedoch gemeinsam vertreten.
   Ich nenne mal ein klassisches Beispiel: das Senken des Wahlalters in Österreich auf 16 Jahre. Ich weiß, es gab Kollegen in meiner Partei, die definitiv dagegen waren. Hätten die so abgestimmt, wie sie wollten, hätten wir es nicht senken können. Nachdem aber innerhalb der Partei die Sache vorab besprochen und beschlossen worden war, musste jeder, der gegen die Wahlaltersenkung war, weil die Mehrheit der SPÖ dafür war, im Parlament dann auch dafür stimmen.
   Ich bin sehr für diese Vorgangsweise, auch wenn es hin und wieder passiert, dass ich für etwas stimmen muss, wofür ich tendenziell nicht bin. Wenn diese Entscheidung gewisse Grenzen nicht überschreitet.

Wenn es in Ihrer Partei Vorstellungen bzw. Entscheidungen gibt, die Sie nur schwer mittragen können, weil nämlich diese gewissen Grenzen überschritten werden, wie verhalten Sie sich dann konkret?

Das ist unterschiedlich. Anfangen wird es damit, dass ich einen ziemlichen Aufstand mache und diskutiere und schaue, dass ich Mehrheiten bekomme. Die SPÖ ist eine große Bewegung, da ist auch viel Raum für mehrere Meinungen. Ich versuche also, alle zu mobilisieren, damit ich mich in der SPÖ durchsetze. Das ist immer das Beste. Manchmal gelingt es, manchmal nicht. Ansonsten halte ich mich aber, wenn ich es irgendwie mit meinem Gewissen vereinbaren kann, an demokratische Entscheidungen. Das heißt, wenn die Mehrheit der SPÖ sagt: Wir machen das so!, dann halte ich mich auch daran.
   Manchmal überschreitet es allerdings in der Tat seine Grenzen. Zum Beispiel bei der letzten Abstimmung im Nationalrat: Da ging es darum, wer dritter Nationalratspräsident wird. Nach dem Wahlergebnis sollte das Martin Graf werden, ein "rechter Rechter", ein rechter Burschenschafter. Der sollte dritter Präsident werden und wurde es dann auch. Als SPÖ haben wir gesagt, wir stimmen zu, weil es so üblich ist, dass man der drittstärksten Nationalratspartei das dritte Präsidentenamt gibt. Ich habe dann allerdings gesagt: Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Daraufhin gab es eine lange Diskussion. Zuerst habe ich versucht, alle zu überzeugen, dann haben alle mich zu überzeugen versucht, und am Schluss habe ich gesagt: So, ich bitte um Verständnis, dass ich ihn trotz Parteidisziplin und trotz Loyalitäten nicht wählen kann. Das wurde auch verstanden.

Persönlichkeitsmerkmale

Welche Eigenschaften sollte jemand haben, um in der Politik erfolgreich zu sein?

Er muss ein politisches Ziel haben, eine Vorstellung von dem, was er erreichen möchte, für was für eine Welt er kämpfen möchte. Man muss wissen, welche Mission man hat.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen, und Sie sagen mir, ob man diese braucht?

Ja.

Zielgerichtetheit?

Ja.

Idealismus?

Ja.

Altruismus?

Jein.

Populismus?

Man sollte schon einen Drang zum Populären haben, aber beim "Populismus" würde ich sagen: Nein. Der muss nicht sein.

Kompromissbereitschaft?

Ja, leider.

Taktisches Geschick?

Auch, ja.

Wille zur Macht?

Ja.

Charisma?

Das wäre nicht schlecht. Wegen der Wiederwahl!

Skrupellosigkeit?

Nein.

Gutes Aussehen?

Nein. Definitiv nicht. Das könnte ich jetzt sogar exemplarisch beweisen.

Medienwirksamkeit?

Nicht jeder muss sie haben. Denn es gibt ja Politiker, die nicht in den Medien vorkommen. Deshalb würde ich hier sagen: Jein. Es kommt darauf an, in welcher Position man sich befindet. Angst vor den Medien sollte man jedenfalls nicht haben.

Und Unverwechselbarkeit?

Die sollte jeder Mensch haben. Die hat aber meistens auch jeder Mensch.

Fehler

Welchen Fehler sollte ein Politiker oder eine Politikerin auf keinen Fall machen?

Ich glaube, er oder sie sollte nie unauthentisch werden, weil man das sonst sofort merkt.

Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Sicher einige. Vielleicht bin ich manchmal zu stur und zu ungeduldig gewesen.

Freut es Sie, wenn Ihre politischen Gegner Fehler machen?

Es kommt immer sehr darauf an, welche. Oft sind ja Fehler des politischen Gegners für die Politik insgesamt schlecht. Wenn zum Beispiel jemand Politik schlecht präsentiert, dann sagen die Wählerinnen und Wähler meist nicht: Das war der und der von der Partei!, sondern sie sagen: Die Politiker! - Deswegen ist nicht jeder Fehler wirklich ein Vorteil. Im Normalfall tue ich mich leichter, wenn niemand Fehler macht und ich einfach unser Programm präsentieren kann, denn dann gewinnt die Sozialdemokratie eh.

Medien

Politik spielt sich heutzutage vielfach über die Medien ab - vor allem über das Fernsehen, zum Beispiel in Politik-Talkshows. Ist das eher ein Segen oder ein Fluch?

Cafehaus-Gespräch Politik-Talkshows, die mit denen in Deutschland vergleichbar wären, gibt es hier nicht. Das ist in Österreich etwas anders. Hier gibt es politische Informationssendungen, politische Runden und Diskussionen unter Politikern mit Expertinnen und Experten, aber sehr sachlich. Das ist definitiv ein Segen, weil man ja Informationen nach draußen bringen muss. Wenn ich mein Mundwerk nur für die innerparteiliche Diskussion habe, ist das zu wenig. Natürlich braucht man die Medien, und deshalb sind politische Informationssendungen ganz wichtig.

Betrachten Sie die Massenmedien als "vierte Macht" im Staat?

Das ist eine Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist. Mittlerweile sind sie definitiv eine Macht, weil sie ganz klar eine Kontrollfunktion haben. Das ist auch gut so. Aber ob sie deshalb gleich die vierte Macht darstellen, weiß ich nicht.

Horst Seehofer, bisher deutscher Landwirtschaftsminister, jetzt bayerischer Ministerpräsident, hat in einem Fernsehinterview vor einiger Zeit zugegeben, dass er jeden Morgen, an dem er sich nicht in der Zeitung fand, deprimiert gewesen sei. Deshalb unsere Frage: Macht Politik süchtig - vor allem mediensüchtig?

Ich glaube, es gibt in der Politik - wie auch sonst überall - unterschiedliche Typen. Es gibt unterschiedliche Motivationen, in die Politik zu gehen. Meine war es sicherlich nicht, in die Medien zu kommen, sonst hätte ich weiter Gitarre gespielt und wäre ein Popstar geworden, weil man mit denen viel unkritischer als mit Politikern umgeht.
   Ich ärgere mich über Medienartikel genauso, wie ich mich darüber freuen kann, je nachdem, ob sie - ganz objektiv! - nett oder nicht nett zu mir sind. Aber es ist nicht so, dass ich grundsätzlich nachschaue, ob ich irgendwo drin bin. Nein, mediensüchtig bin ich ganz sicher nicht.

Können Sie sich ein Leben ohne Politik vorstellen?

Ohne Politik gewiss nicht, aber ohne politisches Mandat, ohne politisches Amt natürlich schon.

Kirche und Politik

Kirche und Politik - wie passt das zusammen?

Für mich gar nicht. Kirche und Politik passen nicht zusammen, und es ist gut, dass es da eine klare Trennung gibt.

Inwieweit dürfen sich Kirchenvertreter dann in die Politik einmischen? In Deutschland gab es da ja jüngst ein paar Fälle, etwa in Fragen der Kinderkrippenpolitik oder der Stammzellenforschung.

Natürlich gilt die freie Meinungsäußerung auch für Kirchenvertreter (ich würde gerne hinzufügen: auch für Kirchenvertreterinnen, doch da gibt es ja nicht so viele). Aber diese freie Meinungsäußerung darf dann nicht zu konkreter politischer Gestaltung führen. Es darf nicht sein, dass die Institution Kirche Politik bestimmt. Wir haben lange dafür gekämpft, dass es da eine Trennung gibt.

In diesem Zusammenhang eine eher intime Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Das ist die Gretchenfrage. Da brauche ich nicht lange nachzudenken: Nein, daran glaube ich nicht.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus Ihrem Nicht-Glauben für Ihre konkrete politische Arbeit?

Das sind ja hier wirklich philosophische Fragen! Meine Antwort: Ich glaube daran, dass Menschen alles wirken, alles erreichen können - durch sie selbst, wenn sie etwas wollen. Ich glaube daran, dass es an den Menschen liegt, dass es eine gerechtere Welt gibt, und ich glaube daran, dass dieses Bestreben im Weltlichen zu verwirklichen ist. Dass es an den Menschen liegt, bedeutet aber natürlich auch einen höheren Druck, weil die bessere Welt nicht irgendwo im Jenseits wartet - sondern die bessere Welt wartet hier und heute.

Stichworte

Dürfen wir Ihnen nun noch einige Begriffe nennen - und Sie sagen uns dann, was Ihnen dazu einfällt?

Bitte sehr.

Gemeinschaftsschule für alle Schüler in den ersten zehn Schuljahren.

Wir fordern in Österreich eine so genannte Gesamtschule. Es gibt in Europa nur zwei Länder, nämlich Deutschland und Österreich, in denen es eine solche Schule nicht gibt. In beiden Ländern ist die Schule sozial sehr selektiv, und deswegen kämpfe ich für eine gemeinsame Schule. Ich habe gerade meine Diplomarbeit darüber geschrieben.

Studiengebühren.

Nationalrat Die haben wir in Österreich erfreulicherweise gerade abgeschafft. Das war für mich eine der schönsten Parlamentssitzungen. Die werden wir nicht wieder einführen.

Dazu noch eine Nachfrage: In Deutschland argumentieren besonders die CDU und die FDP, man könne schließlich einer Friseurin, die ihre Ausbildung auch selber bezahlen müsse, nicht zumuten, dass sie das Studium von Akademikern mitfinanziert. Wie stehen Sie zu diesem Argument?

Bei uns wird, besonders von der Volkspartei, auch so argumentiert. Ich sage dann immer, dass wir dafür sind, dass man für die Meisterprüfung oder den zweiten Bildungsweg, das Nachholen von Schulabschlüssen, ebenfalls nichts zahlen muss. Auch das sollte die Politik gratis anbieten; da muss man nicht die Studenten dagegen aufwiegen. Im Übrigen sollte auch die Wirtschaft für das Nachholen von Bildungsabschlüssen, für Weiterbildungen, für Meisterprüfungen ihren Beitrag leisten. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass die Lehrlinge das nicht selber zahlen sollten.

Wählen mit 16.

Das haben wir in Österreich. Es waren gerade die Jungen in der Sozialdemokratie, die das gefordert haben. Wir haben das erreicht, und es gehen erfreulicherweise genauso viele Sechzehnjährige wie Angehörige anderer Altersgruppen wählen. Die Ergebnisse waren bisher recht unterschiedlich. Bei der letzten Wiener Landtagswahl haben die Sechzehn- bis Achtzehnjährigen zu 52 Prozent SPÖ gewählt, haben also ganz massiv links gewählt. Auch die Grünen waren sehr stark bei den Jungen. - Jetzt, bei der Nationalratswahl, haben sie, wie schon besprochen, überwiegend rechter gewählt. Das ist halt in der Demokratie so. Aber es ist gut, dass wir das Wahlalter gesenkt haben.

Rauchverbote an öffentlichen Orten.

Da gibt es ja eine heftige Diskussion. Es ist ganz wichtig, Nichtraucher zu schützen. Ich glaube aber auch, dass der österreichische Weg, dass man den Lokalen die Einrichtung von Raucher- und Nichtraucherbereichen überlässt, ein guter ist.

Visionen

Brauchen Politikerinnen bzw. Politiker Visionen?

Ja, auf jeden Fall.

Frisst der politische Alltag diese Visionen auf?

Nein, überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Da in der Politik üblicherweise kein Stillstand ist, kommt man den Visionen ja immer ein Stückerl weit näher.

Was wäre für Sie ein Grund zu sagen: Ich höre als Politikerin auf! ?

Wenn ich das Gefühl hätte, nichts mehr gestalten und mit meiner Politik niemanden mehr ansprechen zu können. Ich möchte nicht ein Amt um des Amtes willen haben. Es gibt ja auch andere spannende Tätigkeiten.
   Ich bin in der Politik, weil es mir Spaß macht, mitzugestalten, aber auch, weil ich das Gefühl habe, es kommt gut an, es sind Menschen hinter mir.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee, und Sie hätten einen (aber wirklich nur einen!) politischen Wunsch frei: Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Da gibt es ja den Spruch: Ich hätte gern noch tausend weitere Wünsche...

Nein, nein, das lässt die Fee nicht zu!

Also wirklich nur einen? Na gut. Dann wünsche ich eine sozial gerechte Welt - eine Welt mit sozial gerechter Verteilung.

Das Interview wurde am 7.11.2008 in Wien geführt. Die Fragen stellten Sebastian Rabe, Lea Brohsonn und Anna Carla Kugelmeier.


Anmerkungen

[1] Zum Zeitpunkt des Interviews war Laura Rudas noch Kinder- und Jugendsprecherin der SPÖ. Bundesgeschäftsführerin ihrer Partei wurde sie offiziell erst Ende des Monats.

[2] Zum Zeitpunkt des Interviews hatte Laura Rudas ihr Studium noch nicht abgeschlossen.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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