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Interview

Monika Ruff-Händelkes, MdL   Monika Ruff-Händelkes,
Jahrgang 1960,
Mitglied des NRW-Landtags (SPD),
Mitglied in den Ausschüssen
Recht sowie Bauen und Verkehr

Persönlichkeitsmerkmale

Frau Ruff-Händelkes, ist Politikerin Ihr Traumberuf?

Eigentlich habe ich eine Ausbildung als Arzthelferin gemacht, aber meine beste Note war nicht in Fachkunde, sondern in Politik. Inzwischen arbeite ich schon lange als Politikerin. Und irgendwann war das dann auch mein Traumberuf, ja.

Interview im Landtagsgebäude Und wie sind Sie zur SPD gekommen?

Ich bin vor 14 Jahren spontan an einem Freitagmorgen in das Parteibüro in Viersen am Niederrhein gegangen und bin eingetreten. So etwas kommt ganz, ganz selten vor. Aber ich habe ja eben schon gesagt: Ich habe mich seit meiner Berufsschulzeit unwahrscheinlich für Politik interessiert, und das hat mich nie mehr losgelassen.

Welche Eigenschaften sollte jemand haben, um in der Politik erfolgreich zu sein?

Die wichtigste Eigenschaft ist, zuhören zu können, was die Bürgerinnen und Bürger zu sagen haben, was Nachbarn und auch Freunde zu sagen haben, die schon mal kritisch sind, was die Bundes- oder Landespolitik angeht. Und dann ist, finde ich, sehr wichtig, dass man versucht, offen zu sein. Damit holt man sich schon mal eine blutige Nase, aber Offenheit ist wichtig; und das können die Menschen auch erwarten. Vielleicht ist man damit als Politikerin oder Politiker nicht immer ganz so erfolgreich, aber bis jetzt hat es bei mir noch ganz gut geklappt. Offenheit, Ehrlichkeit und Zuhören-Können sind für mich die allerwichtigsten Dinge.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen, und Sie sagen mir, ob man diese benötigt?

Ja, gerne.

Zielgerichtetheit?

Manchmal.

Idealismus?

Ein wenig Idealismus ist nötig, weil man sonst die schwierigen Stunden nicht überlebt.

 

Populismus?

Vom Populismus wird gesagt, dass er wichtig sei. Und auch ich bin nicht immer ganz frei davon. Aber in der Regel versuche ich, Dinge nicht nur mit schönen Sätzen zu sagen oder schöne Überschriften zu haben, sondern ich versuche auch inhaltlich zu arbeiten. Und da kommt man mit Populismus nicht sehr weit.

Kompromissbereitschaft?

Kompromisse muss man immer eingehen. Das ist mir am Anfang am schwersten gefallen. Aber wenn man - auch längerfristig - Dinge erreichen will, ist es wichtig, Kompromisse mit anderen eingehen zu können.

Taktisches Geschick?

Taktik wird erwartet, ist aber nicht gerade meine Stärke.

Wille zur Macht?

Den Willen zur Macht habe ich erst verneint. Aber wenn man gar keine Macht, gar keine Position hat, dann hat man auch ganz wenig Möglichkeiten, Dinge durchzusetzen. - Ja, ein wenig Macht ist nötig.

Charisma?

Charisma ist heute ungeheuer wichtig. In der heutigen Medienlandschaft geht es gar nicht mehr ohne eine Ausstrahlung. Das hat nicht so viel mit dem Schönheitsideal zu tun, sondern mit Offenheit. Es hat damit zu tun, dass man die Leute anlächeln, ihnen in die Augen schauen und ihnen zuhören kann.

Skrupellosigkeit?

Skrupellos, das möchte ich nicht sein. Ich habe einen großen Spiegel im Badezimmer, und ich möchte da nach vielen Jahren Politik, die ich mache, immer noch reinschauen können. Wenn ich da mal nicht mehr reingucken kann, bin ich skrupellos. Für mich kommt das nicht in Frage.

Gutes Aussehen?

Das habe ich eben schon gesagt: Es ist vielleicht förderlich. Aber wichtig ist vor allem die Ausstrahlung. Und die kommt von innen. Wenn ich von etwas überzeugt bin und deswegen mit einem lachenden Blick nach vorne gehen kann, dann habe ich auch eine gute Ausstrahlung.

Unverwechselbarkeit?

Wenn ich das auf mich beziehe: Ich habe einen Namen, den es auf der ganzen Welt nicht noch einmal gibt; insofern bin ich unverwechselbar. Aber ich finde, man soll sich eher durch seine Taten unverwechselbar machen.

Fehler

Welchen Fehler sollte ein Politiker oder eine Politikerin auf keinen Fall machen?

Immer wieder Dinge versprechen, die man nicht einhalten kann. Ich sage nie, dass ich etwas verspreche, sondern sage: Ich versuche etwas, und Sie bekommen von mir eine Rückmeldung. - Aber ich kann nicht Dinge versprechen, die ich nicht einhalten kann.

Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Ich habe mich ein paar Mal nicht zurückgemeldet, weil ich meinte, zu viel auf einmal tun zu müssen. Da habe ich heute noch ein schlechtes Gewissen.
   Meine sonstigen Fehler sind: Ich bin schon mal leicht chaotisch und versuche viele Dinge gleichzeitig zu machen. Aber insgesamt hält es sich in Grenzen und ich arbeite im Übrigen daran.

Freut es Sie, wenn Ihre politischen Gegner Fehler machen?

Man neigt dazu, dass man sich - ganz kurz, wenn ein Fehler passiert - freut. Aber wenn man länger überlegt, stellt man fest: Es nützt der Sache nichts und auch einem selber nicht wirklich, wenn andere Fehler machen.

Das gilt wohl vor allem für Fehler, die der Allgemeinheit schaden.

Das ist am schlimmsten, wenn es Fehler sind, die der Allgemeinheit schaden. Ich denke da zum Beispiel an das Geld, das gerade von der Kreditanstalt für Wiederaufbau noch schnell nach Amerika an die Pleitebank Lehman Brothers überwiesen worden ist. Das war jetzt zwar kein genuin politischer, aber ein wirtschaftlicher Fehler. Meist sind die Fehlentscheidungen die schlimmsten, die auf kurzfristige Erfolge zielen. Man sollte in seinen Entscheidungen die Zukunft im Auge haben, also längerfristig Verantwortung übernehmen.

Medien

Politik spielt sich heutzutage vielfach über die Medien ab - vor allem über das Fernsehen, zum Beispiel in Politik-Talkshows. Ist das eher ein Segen oder ein Fluch?

Politik-Talkshows schaue ich mir fast gar nicht mehr an, weil dort meiner Ansicht nach immer wieder die gleichen Personen - oder fast die gleichen Personen - relativ gleiche Statements abgeben. Ich finde es wichtiger, vor Ort Veranstaltungen zu machen, die allerdings nicht immer bequem sind. Bei bestimmten Themen - etwa Lärmschutz an Bahngleisen - erntet man häufig ganz viel Missfallen, man wird beschimpft und muss sich rechtfertigen oder Dinge zu erklären versuchen. Aber das sind die wirklich wichtigen Auseinandersetzungen, die man führt. Das hingegen, was im Fernsehen stattfindet, ist nicht wichtig.
   Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen. Wenn etwa die Vertreter der eigenen Partei im Fernsehen vorkommen, versucht man sich das natürlich schon mal anzuschauen, um zu gucken, wie gut sie dabei wegkommen. Aber alles in allem finde ich, ein Zehntel der Talkshows täte es auch.

Betrachten Sie die Massenmedien als "vierte Macht" im Staat?

Die Massenmedien sind auf jeden Fall eine vierte Macht im Staat. Zu keiner Zeit haben die Medien einen so starken Einfluss auf die Menschen gehabt. Es gibt heutzutage unwahrscheinlich viele Möglichkeiten, sich per Fernsehen, per Internet zu informieren und zum Beispiel Politiker zu "googlen".
   Die Printmedien spielen da inzwischen allerdings eher eine untergeordnete Rolle.

Horst Seehofer, der jetzige Landwirtschaftsminister, hat in einem Fernsehinterview vor einiger Zeit zugegeben, dass er jeden Morgen, an dem er sich nicht in der Zeitung fand, deprimiert gewesen sei. Deshalb unsere Frage: Macht Politik süchtig - vor allem mediensüchtig?

Ja. Ich habe das selber erlebt. Wenn man als Abgeordnete oder auch als stellvertretende Bürgermeisterin Presseartikel verschickt, dann passiert es mitunter, dass man morgens als Erste die Zeitung hereinholt, hineinschaut und meint, enttäuscht sein zu müssen, wenn man nicht drinsteht.
   Ich habe mir das mittlerweile abgewöhnt. Man bemerkt irgendwann so einen gewissen Suchtfaktor, und ich habe versucht, das zu unterbrechen. Ich lasse heute eher meine Kinder die Zeitung lesen, etwa den Lokalteil, in dem ich mich vermute, oder ich lese ihn ganz gemütlich abends. Das heißt, ich habe inzwischen nicht mehr so einen Stress, dass ich unbedingt wissen muss, ob ich drinstehe. Und ich bin vor allem auch nicht mehr so deprimiert, wenn es mit der Pressemeldung nicht direkt geklappt hat.

Können Sie sich ein Leben ohne Politik vorstellen?

Ja! Das behaupten zwar alle Politiker, aber ich kann nur das sagen, was ich jetzt fühle: Ja, ich kann mir ein Leben ohne Politik vorstellen.
   Ich bin noch Spätstudentin. Ich habe wegen des Landtags lange Zeit unterbrechen müssen und kann mir durchaus vorstellen, mein Studium danach zu Ende zu führen. Ich studiere das Fach Sozialmanagement; mit Abschluss wäre ich Diplom-Sozialwirtin. Und in dem Beruf würde ich auch gerne arbeiten, selbst wenn ich dann schon fünfzig bin.

Kirche und Politik

Ein anderes Thema: Kirche und Politik - wie passt das zusammen?

Auch die Kirche handelt in gewisser Weise politisch, und in der Kirche sind ganz viele Menschen behaftet, die dort Halt suchen und auch Halt finden. In der Politik gibt es ebenfalls Menschen, die dort Halt suchen und Halt finden. Beide sind wichtig, um die Gesellschaft zu gestalten. Und beide sollten auch einander anhören.
   Deswegen gibt es das hier im Landtag gelegentlich, dass sich Vertreter von Kirchen an politischen Diskussionen beteiligen. Ich finde das sehr gut.

Inwieweit dürfen sich denn Kirchenvertreter in die konkrete Politik einmischen? Nehmen wir die aktuellen Fälle Krippenpolitik oder Stammzellenforschung...

Ich bin keine Fachfrau zum Thema Stammzellenforschung. Aber letztlich sollen ja die Auffassungen aller Menschen, die der religiösen wie die der nicht-religiösen, in die Politik einfließen. Deswegen spielen die Kirchen da eine gewisse Rolle.
   Ich finde es allerdings gut, dass die Kirchen nicht als Organisationen mitbestimmen können, sondern nur durch ihre Vertreter in beratender Funktion eingebunden sind. Diese Beratung nehmen wir gerne in Anspruch, etwa in Sachen Kinderbetreuung. Die Kirchen werden da immer wieder angehört.

In diesem Zusammenhang eine eher intime Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ich glaube an ein Leben nach dem Tod, das aber bestimmt ganz anders aussieht, als wir uns das vorstellen können. Ich selber habe keine genaue Vorstellung davon, was dann passiert.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus Ihrem Glauben für Ihre konkrete politische Arbeit?

Es gibt eine Konsequenz, nämlich die, dass ich mir und anderen gegenüber ehrlich bin. Die Ehrlichkeit mir gegenüber ist, glaube ich, sogar noch wichtiger. Denn nur wenn man sich gegenüber ehrlich ist, ist man authentisch. Und wenn ich das nicht mehr bin, dann bitte ich meine Kinder darum, mir zu sagen, ich solle aufhören.

Visionen

Brauchen Politiker Visionen?

Politiker brauchen Visionen. Visionen muss man haben, um darauf hinarbeiten zu können. Aber man kann die Visionen nicht immer erreichen.

Frisst der politische Alltag die Visionen zum Teil auf?

Ja, er frisst sie teilweise auf. Dafür braucht man Auszeiten. Dafür brauche zum Beispiel ich meine Familie oder auch mal Zeiten ganz für mich alleine, um wieder Visionen entwickeln zu können. Sonst funktioniert das nicht.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee, und Sie hätten einen (aber wirklich nur einen!) politischen Wunsch frei: Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Ich möchte mir den Wunsch erfüllen lassen, dass es in den Städten die öffentlichen Tafeln nicht mehr geben muss.

Das Interview wurde am 20.9.2008 in Düsseldorf geführt. Die Fragen stellten Anna Carla Kugelmeier, Lea Brohsonn und Sebastian Rabe.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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