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Interview

Rüdiger Sagel, MdL   Rüdiger Sagel,
Jahrgang 1955,
Mitglied des NRW-Landtags (Die Linke),
fraktionslos

Traumberuf

Herr Sagel, ist Politiker Ihr Traumberuf?

Im Moment ist es mein Traumberuf. Wobei ich sagen muss: Ich hab das gar nicht angestrebt; es war mehr so ein Zufall. Ich bin eigentlich Diplom-Ingenieur im Bereich Bergbau.
   Politisch engagiert habe ich mich immer. Und als es dann mal ein gutes Landtagswahlergebnis gab, war ich auf einmal im Landtag. Aber ich mache das jetzt sehr gerne und mache das auch weiter.

Sie waren ja zuerst für Bündnis 90/Die Grünen im Landtag. Wie kam es dann zu Ihrem Wechsel zur Linkspartei?

Ich bin im letzten Jahr von den Grünen zur Linken gewechselt, weil die Grünen aus meiner Sicht bestimmte Werte, die sie ursprünglich mal vertreten haben, nicht mehr vertreten. Zum Beispiel sind sie zur Kriegspartei geworden. Sie setzen sich für Militäreinsätze im Ausland ein. Dagegen bin ich. Sie haben dann auch diese ungerechten Hartz-Gesetze in Berlin mit verabschiedet. Auch dagegen bin ich immer gewesen. Und zuletzt - das hat mich dann besonders gestört - wollte man sogar Koalitionen mit der CDU machen. In Hamburg gibt es ja jetzt auch schon eine auf Landesebene. Und all das macht eben deutlich, dass die Grünen nicht mehr wirklich grün sind, sondern sich erkennbar verändert haben.
   Ich finde viele Werte jetzt bei der Linken wieder; deswegen bin ich zu dieser Partei gewechselt. Ich finde, dass sie so etwas wie solidarische Chancengerechtigkeit, eine soziale Politik, auch eine ökologische Politik viel sinnvoller und besser vertritt.

Persönlichkeitsmerkmale

Welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Ein Politiker muss erstens gut zuhören können. Er muss sich engagieren. Er muss auch Werte haben und von bestimmten Sachen überzeugt sein. Außerdem müssen Politiker eine gewisse Qualifikation haben. Sie müssen sicherlich reden können. Sie müssen auch gut einschätzen können, was wichtig ist, wie sich Lebensverhältnisse für die Leute verbessern lassen, was man da konkret tun kann. - Das sind aus meiner Sicht die Grundlagen, die ein Politiker braucht.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen, und Sie sagen mir, ob man diese benötigt?

Ja.

Zielgerichtetheit?

Die braucht man, ja.

Idealismus?

Den braucht man auch.

Altruismus?

In gewisser Weise sicherlich.

Populismus?

Ein Politiker braucht wahrscheinlich auch einen gewissen Schuss Populismus.

Kompromissbereitschaft?

Auch die, ja.

Taktisches Geschick?

Auf jeden Fall.

Wille zur Macht?

Ja, in gewissem Maße.

Charisma?

Auf jeden Fall.

Skrupellosigkeit?

Die ist nicht so gut.

Gutes Aussehen?

Das ist nicht entscheidend.

Medienwirksamkeit?

Ja. In unserer Gesellschaft braucht man die.

Unverwechselbarkeit?

Auch die ist hilfreich.

Welchen Fehler sollte ein Politiker oder eine Politikerin auf keinen Fall machen?

Ein Politiker oder eine Politikerin sollte nicht Leute beleidigen, sollte nicht ausfallend werden, sollte höflich sein und Leuten wirklich gut zuhören.

Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Ich bin genau wie jeder andere Mensch nicht frei von Fehlern. Manchmal ist man gestresst und hört deshalb nicht so richtig gut zu. Mitunter wehrt man auch Dinge ab, weil es gerade einfach nicht geht. Das ist manchmal schwer vermittelbar.

Freut es Sie, wenn Ihre politischen Gegner Fehler machen?

Eigentlich nicht. Denn eigentlich sollte man im Sinne der Bürgerinnen und Bürger Politik machen. - Aber natürlich greift man Sachen, die von anderen Parteien falsch gemacht werden, auf, um sie besser zu machen.

Medien

Politik spielt sich heutzutage vielfach über die Medien ab - vor allem über das Fernsehen, zum Beispiel in Politik-Talkshows. Ist das eher ein Segen oder ein Fluch?

Ich finde, dass Politik wieder mehr in den Parlamenten und weniger in den Talkshows stattfinden sollte. Inzwischen haben wir hier in Deutschland eher eine Mediokratie als eine Demokratie. Politik sollte wieder mehr von den Parlamenten und von den Bürgerinnen und Bürgern direkt gemacht werden

Also betrachten Sie die Massenmedien als "vierte Macht" im Staat.

Ich würde sogar noch weiter gehen. Es ist mittlerweile wahrscheinlich sogar die erste oder zweite Macht im Staat.

Horst Seehofer, der jetzige Landwirtschaftsminister, hat in einem Fernsehinterview vor einiger Zeit zugegeben, dass er jeden Morgen, an dem er sich nicht in der Zeitung fand, deprimiert gewesen sei. Deshalb unsere Frage: Macht Politik süchtig - vor allem mediensüchtig?

Also, bei mir ist das sicherlich nicht so. Ich bin auch nicht jeden Tag in der Zeitung. Ich versuche zwar, relativ bürgernah Politik zu machen; ich bin zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen sehr viel unterwegs, ganz konkret vor Ort. Aber da ich in der Partei "Die Linke" bin, kommen wir nicht so oft in die Zeitungen, in die Medien rein wie zum Beispiel ein Minister. Von daher ist das eine andere Situation.

Können Sie sich ein Leben ohne Politik vorstellen?

Ich bin ein politischer Mensch. Von daher werde ich in irgendeiner Form immer Politik machen. Aber das heißt nicht, dass man immer im Parlament oder in ähnlicher Form Politik macht, sondern das kann auch Politik im Kleinen sein. Ich engagiere mich zum Beispiel ehrenamtlich in einer Flüchtlingshilfeorganisation. Das ist auch Politik, aber eben keine parlamentarische, sondern außerparlamentarische.

Kirche und Politik

Themenwechsel: Kirche und Politik - wie passt das zusammen?

Ich finde, die Kirche sollte sich aus der Politik heraushalten. Wir haben Glaubensfreiheit hier in Deutschland. Jeder kann nach seiner Fasson selig werden. Das sollte jeder und jede auch tun.

Kirchenvertreter sollten sich dann also Ihrer Ansicht nach auch bei Fragen wie der Stammzellenforschung oder der Krippenpolitik nicht in die Politik einmischen.

Nein, ich finde, in die direkte Politik sollten sie sich nicht einmischen. Sie können natürlich Statements dazu abgeben oder auch Verlautbarungen, wie sie das sehen.
   Genauso bin ich dagegen, dass sich zum Beispiel Wirtschaftsverbände oder Lobbys in die Politik einschalten. Politik sollte durch wirtschaftliche, finanzielle oder andere Mächte nicht beeinflussbar sein.

In diesem Zusammenhang eine eher intime Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ich persönlich glaube daran nicht. Ich glaube allerdings, dass wir mit unserer Materie sozusagen in den großen Kosmos wieder eingehen und dass wir von daher natürlich in irgendeiner Weise weiter existieren, aber nicht in der Form, in der wir im Moment da sind.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus Ihrem Nicht-Glauben bzw. Glauben für Ihre konkrete politische Arbeit?

Also, ich würde nicht von Glauben sprechen. Ich habe bestimmte politische Überzeugungen, die ich im Laufe meines Lebens erworben habe. Ich komme aus einer bestimmten Gegend, ich habe von Kindesbeinen an bestimmte Erfahrungen gemacht, und diese Erfahrungen versuche ich natürlich auch umzusetzen.

Visionen

Brauchen Politiker Visionen?

Während des Interviews Ich finde schon, dass ein Politiker Visionen braucht, obwohl man ja auch schon von Politikern gehört hat, wer Visionen hat, der sollte besser in die Psychiatrie eingewiesen werden. Aber positive Visionen von einer besseren Gesellschaft, von sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit sind schon sehr wichtig.

Frisst der politische Alltag diese Visionen auf?

Man muss sich immer wieder zum Nachdenken, zum Besinnen Zeit nehmen, und man muss auch immer wieder überprüfen, ob das, was man tut, mit der Wirklichkeit und mit einem selbst noch übereinstimmt.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee, und Sie hätten einen (aber wirklich nur einen!) politischen Wunsch frei: Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Mein Wunsch wäre, dass es tatsächlich soziale Gerechtigkeit gibt, dass es nicht zu diesem immer größeren Auseinanderklaffen von Arm und Reich in unserer Gesellschaft kommt. Es gibt immer Reichere und immer Ärmere in unserer Gesellschaft, und das ist etwas, was mir zuwider ist. Mein Wunsch ist also, dass das in Zukunft anders wird.

Das Interview wurde am 20.9.2008 in Düsseldorf geführt. Die Fragen stellten Anna Carla Kugelmeier, Lea Brohsonn und Sebastian Rabe.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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