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Interview

Ulla Schmidt, MdB   Ulla Schmidt,
Jahrgang 1949,
Mitglied des Bundestags (SPD),
Bundesministerin für Gesundheit

Politische Arbeit

Frau Ministerin, von Hause aus sind Sie Lehrerin. Wie kamen Sie in die Politik?

Ich bin schon als Schülerin in die Politik gegangen - damals motiviert durch den Vietnamkrieg und die Auseinandersetzungen um die Notstandsgesetzgebung - und bin eigentlich immer dort geblieben. Über die Jahre hinweg habe ich da im Ehrenamt gearbeitet, bis ich dann für den Bundestag kandidiert habe.

Wann war das?

1990 habe ich kandidiert, und seitdem bin ich Mitglied des Deutschen Bundestags und mache Politik nicht mehr ehrenamtlich, sondern hauptberuflich.

Wenn wir richtig informiert sind, haben Sie zum ersten Mal schon 1976 für den Bundestag kandidiert - damals allerdings für den Kommunistischen Bund Westdeutschland.

Das stimmt. Aber da hatte ich nicht so viele Stimmen, dass ich in den Bundestag gekommen wäre.

Wie kam es dazu, dass Sie sich für den KBW entschieden haben?

Ich war damals in der Studentenbewegung, und die suchten eine Kandidatin. Da habe ich auf deren Liste kandidiert. Ich habe damals für die gleichen Ziele wie heute - für mehr Gerechtigkeit und für Frieden - gekämpft. Aber die Stimmenanzahl war sehr gering.

Und wie kam es dann, dass Sie zur SPD gewechselt sind?

In die SPD bin ich 1983 eingetreten. Vorher war ich in der Gewerkschaft, habe viel in der Behindertenpolitik gearbeitet, in Verbänden, in vielen Bereichen in der Lehrerfortbildung. Damals habe ich mich entschieden, in eine Partei zu gehen. Die SPD war da die Partei, die mir am nächsten lag; hundertprozentig gut findet man ja nie alles.
   Und dann ist es ganz schnell gegangen. Ich bin stellvertretende Ortsvereinsvorsitzende, Schriftführerin im Unterbezirksvorstand, Parteiratsmitglied, Ratsmitglied, Bezirksvertretungsmitglied, Ortsvereinsvorsitzende und dann auch Bundestagsabgeordnete geworden. Und jetzt sind es bald schon 25 Jahre, die ich in der SPD bin.

Wie stehen Sie angesichts Ihres eigenen Werdegangs zur Linkspartei?

Ich halte die Linkspartei erstens für überflüssig und zweitens, was die Bundesebene angeht, für überhaupt nicht koalitionsfähig. Das hat mit meinem eigenen Werdegang gar nichts zu tun. Man kann vieles fordern; aber Politik bedeutet eben auch, dass man das Machbare umsetzt, dass man versucht, Mehrheiten zu organisieren, und dass man auch sagt, man ist bereit, mit in Regierungen einzutreten, damit man das, was man als Idee hat, wirklich umsetzen kann.

Kommen wir zurück zur SPD: Gibt es in Ihrer Partei mitunter Vorstellungen bzw. Entscheidungen, die Sie nur schwer mittragen können? Wie verhalten Sie sich dann?

Im Gespräch Also, ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Menschen gibt, der sagt: Mit allem, was beschlossen wird, was mehrheitsfähig ist, bin ich hundertprozentig einer Meinung.
   Ich vergleiche das immer mit den Diskussionen in den Familien. Auch da gibt es auseinander strebende Meinungen, und irgendwann muss man sich einigen. Sie können bei kleinen Dingen wie "Wohin geht die Urlaubsreise?" anfangen - oder bei "Was machen wir wann wo an welchem Abend?". - Dann entscheidet die Mehrheit, und in der Regel trägt man das mit.
   Daneben kann es natürlich Entscheidungen geben, die man nicht mitträgt. Aber die lägen für mich dann auf der Ebene, dass die SPD zum Beispiel entscheiden würde, dass wir einen Krieg führen oder Ähnliches. Diesen Positionen bin ich in der Partei allerdings bisher noch nicht begegnet. Sonst würde ich im Übrigen auch sagen: Da kann ich nicht mitgehen!

Kann man bei allen Kompromissen dann überhaupt noch seine eigene Meinung sagen? Was halten Sie in diesem Zusammenhang beispielsweise von der so genannten Partei- bzw. Fraktionsdisziplin?

Die eigene Meinung kann man immer sagen. Sie werden bei jeder Entscheidung im Bundestag, jedenfalls bei großen Entscheidungen, immer auch einen Teil der Abgeordneten haben, die sagen: Ich weiche hier von der Fraktionsmeinung ab; ich stimme mit "nein".
   Aber ansonsten ist die Fraktionsdisziplin notwendig. Ich bin als Ulla Schmidt ja nicht frei schwebend gewählt worden. Ich bin gewählt worden, weil die Menschen wollen, dass eine sozialdemokratische Politikerin da ist. Wenn man persönlich noch ein paar Stimmen mehr bekommt (in den Erststimmen kommt das ja zum Ausdruck), ist es gut, aber man wird im Grunde genommen über die Partei gewählt. Das sieht man zum Beispiel daran, dass jemand, der ganz alleine für den Bundestag kandidiert, nie die Stimmenzahl erhält, die er eigentlich braucht, damit er ein Mehrheitsmandat in einer Stadt bekommt.
   Insofern erwarten die Bürger, dass ich dafür stehe, dass das, was die sozialdemokratische Fraktion entscheidet, auch Wirklichkeit wird. Wenn ich das nicht mehr will, dann wählen die Bürger meine Partei bzw. mich als Abgeordnete nicht mehr, weil sie sagen: Wir sind damit nicht einverstanden. Es würde ja auch gar nicht funktionieren, wenn jeder machen würde, was er will, oder wenn die Frage, wie man stimmt, davon abhängig würde, was vielleicht Lobbyistengruppen an Einfluss einbringen.

Ist "Politikerin" Ihr Traumberuf?

Von meiner Jugend her überhaupt nicht. Ich hätte, als ich so in Ihrem Alter war - oder auch später -, nie gedacht, dass ich mal hauptberufliche Politikerin werden würde. Auch nicht, als ich in die SPD eintrat. Da dachte ich: Da sind ganz andere, die viel mehr wissen, die viel "größer" sind und deshalb dafür in Frage kommen.
   Aber jetzt, wo ich es mache, muss ich sagen: Ich mache das gerne. - Ich war gerne Lehrerin, bin immer gerne in die Schule gegangen. Ich habe gedacht, es wäre mein Traumberuf, Sonderschullehrerin zu sein. Aber jetzt muss ich sagen: Abgeordnete zu sein - oder selbst Gesundheitsministerin (was nicht immer nur mit Freuden verbunden ist) - ist etwas, was ich unheimlich gerne mache. Ich hätte im Moment nichts anderes, was ich lieber machen würde.

Eigenschaften

Welche Eigenschaften sollte jemand haben, um in der Politik erfolgreich zu sein?

 



Er sollte vor allen Dingen sehr standfest sein. Ich halte viel davon, dass man, wenn man sich für etwas entscheidet, auch versucht, die Dinge umzusetzen und dazu zu stehen. Man muss manchmal Mut haben, man muss Durchsetzungskraft haben.
   Eine ganz wichtige Eigenschaft ist auch: Man muss Menschen gerne haben. Als Politikerin oder Politiker muss man sehr viel mit Menschen arbeiten, die Menschen zu verstehen versuchen und auf sie zugehen. Wenn das nicht gegeben ist, wird es schwierig, als Politiker bzw. Politikerin zu arbeiten. Denn dann fehlt das Verhältnis zur Bevölkerung.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen - und Sie sagen mir dann, ob man sie braucht?

Ja...

Zielgerichtetheit?

Ja.

Idealismus?

Ja.

Altruismus?

Altruismus und Idealismus gehören zusammen.

Populismus?

Den braucht man nicht.

Kompromissbereitschaft?

Ja.

Taktisches Geschick?

Ja.

Wille zur Macht?

Ja.

Charisma?

Das wäre wunderbar.

Skrupellosigkeit?

Nein.

Gutes Aussehen?

Nein, das muss nicht sein. Dann wären manche von uns nicht in der Politik.

Medienwirksamkeit?

Die wird immer wichtiger. Um ein guter Politiker oder eine gute Politikerin zu sein, muss man die nicht haben. Aber leider wird diese Medienwirksamkeit immer wichtiger für die Entscheidung für eine Partei.

Unverwechselbarkeit?

Die wäre auch schön.

Frauen und Politik

Spielen Frauen in der Politik immer noch eine untergeordnete Rolle?

Ja. Das sieht man ja daran, dass wir zwar eine Bundeskanzlerin und Bundesvorsitzende der CDU haben, aber auch nur, weil seinerzeit die Männer in der Partei viele Probleme hatten. Aber ansonsten haben wir keine Ministerpräsidentin. Wir haben kaum weibliche Parteivorsitzende. Wir haben zwar heute viele Frauen im Bundestag, wir haben mittlerweile auch Ministerinnen, da hat sich etwas getan. Aber es ist immer noch nicht selbstverständlich, dass Frauen genauso für Führungsaufgaben vorgesehen werden wie Männer. Letztendlich fällt es, wenn ein guter Mann da ist, immer noch schwer, sich für die gute Frau zu entscheiden.

Interviewerin, persönliche Referentin, Ministerin Müssen Frauen in der Politik die "besseren Männer" sein, um bestehen zu können?

Das wäre nicht gut. Man muss bestimmt einige Eigenschaften sowohl als Mann als auch als Frau haben - beispielsweise die, die wir eben genannt haben: Zielgerichtetheit, Durchsetzungsfähigkeit, Kompromissbereitschaft -; sonst geht es nicht.
   Aber ich finde, die Demokratie lebt davon, dass die voneinander abweichenden Gefühle oder auch Fähigkeiten von Männern und Frauen gleichermaßen einfließen. Männer und Frauen sind unterschiedlich, aber die Erfahrungen von beiden gehören dazu, dass man demokratisch für die Mehrheit entscheiden kann. Und ich hielte es für schlecht, wenn die Frauen die besseren Männer wären. Sie sollen in der Politik gute Frauen sein. Männer und Frauen sollten sich dazu hören und ergänzen in dem, was an Entscheidungen nach vorne gebracht werden muss.

Halten Sie das Gesundheitsministerium für ein typisches Frauenressort?

Das war es nie. Es ist nicht schlecht, wenn eine Frau es macht, weil der gesamte Gesundheitssektor ein Männerbereich ist. Da werden Sie kaum Frauen in Führungspositionen finden, weder bei Krankenhäusern noch bei kassenärztlichen Vereinigungen oder Krankenkassen. Da sind Frauen in den Führungspositionen manchmal wirklich nur kleine Sprenkel.
   Insofern ist es nicht schlecht, wenn da auch mal eine Frau vornean steht. Aber es ist kein typisches Frauenministerium. Das kann ein Mann wahrnehmen, das kann eine Frau wahrnehmen. Wenn man Europa anschaut, dann ist der Anteil von Frauen und Männern, die an der Spitze eines solchen Ministeriums stehen, immer wechselnd.

Fehler

Welchen Fehler sollte ein Politiker oder eine Politikerin auf keinen Fall machen?

Das ist schwer zu beantworten. Man sagt immer: Man soll nichts versprechen, was man nicht halten kann. Aber manchmal verspricht man etwas, weil man glaubt, man kann es auch umsetzen. Und dann stellt man fest: Man kann es nicht einhalten. - Das sind ganz schwierige Positionen. Aber ich glaube, ein Politiker sollte sich vor allen Dingen wirklich bemühen, ehrlich zu sein und auch ehrlich zu sagen, wo die Grenzen dessen liegen, was man politisch erreichen kann.

Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Was soll ich da sagen! Es sind bestimmt eine ganze Menge an Fehlern, die jeder gemacht hat. Ich habe zum Beispiel auch schon Situationen erlebt, wo ich geglaubt habe, man kann etwas durchsetzen. Ich habe dafür gestritten und nachher gesehen: Ich habe überhaupt nicht die Mehrheit dafür. Oder es kommen plötzlich Faktoren auf, die ich nicht beeinflussen kann, so dass ich mein Vorhaben nicht umsetzen kann. - Ansonsten fallen mir jetzt keine bedeutenden Fehler ein, sondern nur die, die jeder macht.

Schätzen Sie es, wenn Ihre Gegner Fehler machen?

Es bringt nicht viel. Gut, man hat politische Gegner, aber eigentlich brauchen wir in der Demokratie auch immer wieder das politische Zusammenwirken. Deshalb wäre es mir lieber, wenn alle gut wären und wenn man sich darauf verlassen könnte. Aber natürlich habe ich es lieber, wenn ein Gegner Fehler macht, als wenn ich es selber bin. Es wäre unehrlich, etwas anderes zu sagen.

Medien

Politik spielt sich heutzutage vielfach über die Medien ab - vor allem über das Fernsehen, zum Beispiel in Politik-Talkshows. Ist das eher ein Segen oder eher ein Fluch?

Ich bin mir da nicht so ganz sicher, weil ich glaube, dass einerseits die Medien insofern Unheimliches geleistet haben, als sie heute in der globalisierten Welt - auch über das Internet - Informationen in jeden Winkel dieser Erde bringen können und im Übrigen auch Information über jeden Winkel der Erde sehr schnell allgemein zugänglich gemacht werden kann.
   Was ich andererseits zwar nicht als Fluch, aber als negativ ansehe, ist, dass mit der Dynamik bzw. der Vielfalt der Medien jede Information, egal ob sie überprüft ist oder nicht, in die gesamte Welt gepustet wird. Heute kann man alles behaupten, was man will; die Korrekturen werden dann nicht mehr so wahrgenommen. Das bringt, das stelle ich jedenfalls fest, viel Verwirrung. Das macht auch manchmal Politik zu vertreten so schwierig, weil man diese Informationsfülle, die auf die Menschen einwirkt, gar nicht bedienen kann.
   Gerade das Fernsehen hat meiner Meinung nach sehr starken Einfluss, weil bei allem, was dort gesagt wird, die Menschen zunächst einmal meinen, man würde ja nichts berichten, was nicht stimmt. Das ist problematisch.
   Aber ich habe immer noch eine Vielfalt der Medien lieber, als dass wir in einer Diktatur leben, in der die Medien eingeschränkt werden. Man muss nur lernen, damit umzugehen.

Betrachten Sie die Massenmedien als "vierte Macht" im Staat?

Sie haben zumindest einen großen Einfluss. Faktisch sind sie eine Macht. Die Pressefreiheit ist eines der Grundelemente unserer Demokratie. Es gibt keine Demokratie ohne Pressefreiheit, ohne Medienfreiheit; sonst hätte sie diktatorische Ansätze. Insofern spielen die Medien eine große Rolle - manchmal für einen Politiker eine größere Rolle, als wir es wünschen, wenn wir etwas rüberbringen wollen. Aber ich halte sie letztlich für unverzichtbar. Ich halte die Pressefreiheit für eines der höchsten Güter in einer Demokratie.

Ihr Kollege Horst Seehofer, der jetzige Landwirtschaftsminister, hat in einem Fernsehinterview vor einiger Zeit zugegeben, dass er jeden Morgen, an dem er sich nicht in der Zeitung fand, deprimiert gewesen sei. Deshalb unsere Frage: Macht Politik süchtig - vor allem mediensüchtig?

Nein, mich jedenfalls nicht. Ich bin immer ganz froh, wenn ich da eine Zeit lang keine Rolle spiele. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich morgen wahrscheinlich viel mehr in der Zeitung stehe als der Horst Seehofer. Gesundheit ist eben ein Thema. - Aber mediensüchtig bin ich mit Sicherheit nicht.

Können Sie sich ein Leben ohne Politik vorstellen?

Nein. - Ich muss nicht immer die Ämter haben. Aber ich könnte mir nie vorstellen, dass ich mich ganz daraus zurückziehe. Ich habe schon als junger Mensch die Auffassung vertreten: Meckern kann jeder. Und sagen, was falsch ist, kann auch jeder. Aber jeder soll sich in diesem Land einmischen, wenn er gesund ist und die Chance dazu hat. Dann kann er etwas verändern. Damit kann man auch scheitern. Da kann man schöne und vielleicht auch mal weniger schöne Tage haben. Aber es funktioniert nur, wenn man da mitmacht, und das würde ich auch weiterhin machen.

Kirche und Politik

Themenwechsel: Kirche und Politik - wie passt das zusammen?

Wir legen ja Wert auf die Trennung zwischen Kirche und staatlichem Handeln. Aber die Kirche spielt in unserem Land eine große Rolle. Und wenn Sie fragen: Wie passt das zusammen?, dann glaube ich, dass das Handeln von Abgeordneten, die sich als Christen verstehen, auch christlich geprägt ist und damit bestimmte Entscheidungen beeinflusst. Es ist nicht so sehr die Kirche, die das beeinflusst, sondern der Glaube und das, was zu einer Religion dazugehört.

Inwieweit dürfen sich Kirchenvertreter in die Politik einmischen? Ich denke da zum Beispiel an den Fall des Augsburger Bischofs Mixa und seine Äußerungen zur "Krippenpolitik" der Familienministerin oder an die Einwände mehrerer Bischöfe gegen die Stammzellenforschung.

Die Bischöfe sind für mich genauso Bürger dieses Landes wie jeder andere, und selbstverständlich sollen sie sich einmischen. Sie sollen mit zur Diskussion beitragen. Allerdings müssen sie dann auch vertragen können, dass man einen Bischof kritisieren kann. Das heißt, auch ein Papst, der sich in die aktuelle Politik einmischt, muss damit leben, dass die Menschen oder die Presse genau ihn kritisieren.
   Es war ja lange Jahre so, dass ein Bischof oder Papst überhaupt nicht kritisiert werden durfte. Das galt auch für Richter oder andere. Ich bin ganz froh, dass wir dazu allmählich ein normaleres Verhältnis bekommen. Jeder soll sich einmischen. Jeder muss dann nur zusehen, dass er auch eine Mehrheit für seine Ansicht hat.
   Was ich weniger gut fand (was aber heute auch nicht mehr so stattfindet), das war, dass die Kirche früher dazu aufgerufen hat, eine bestimmte Partei zu wählen. Das ist eine Einmischung, die ich so nicht akzeptiere.

In diesem Zusammenhang eine eher intime Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Da bin ich mir nicht so sicher. Aber ich glaube schon, dass man - wenn man das als Leben bezeichnen will - bei denen, die einen mögen, nie vergessen ist, sondern auch nach dem Tod noch da ist. Ich habe in meinem Alter ja schon viele Menschen sterben sehen, und die, die mir nah waren, sind immer noch da. Aber ich glaube nicht daran, dass man sich auf einer Wiese trifft.

Welche Konsequenzen haben Ihre - ich sage mal: - Glaubenszweifel für Ihr politisches Handeln?

Gar keine. Denn ich akzeptiere ja, dass Menschen auch anderes denken. Ich bin der Meinung, dass es gerade, was die Glaubensfragen angeht, wichtig ist, dass man akzeptiert, wenn jemand sagt: Ich glaube an ein Leben nach dem Tod (und auch dass sich dort Personen oder Seelen begegnen).
   Für mein politisches Handeln gäbe es da allenfalls die Konsequenz, dass ich dafür sorge, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der jeder seinen Glauben so leben darf, wie er das möchte - sofern nicht Glaube vorgeschoben wird, um andere unterdrücken zu können. Aber das möchte ich möglich machen, dass niemand wegen seines Glaubens diskriminiert wird, niemand ausgelacht wird. Das ist, glaube ich, das Wichtige.

Begriffe

Dürfen wir Ihnen nun einige Begriffe nennen - und Sie sagen uns dann, was Ihnen dazu einfällt?

Bitte.

Rauchverbot.

Das will ich gerne umfassend durchsetzen. Ich hätte gerne ein allgemeines Rauchverbot in allen öffentlichen Räumen, auch in Gaststätten, weil die Nichtraucher geschützt werden müssen. Ich finde es unverantwortlich, dass die Gesundheit von Menschen, die nicht rauchen, geschädigt wird, nur weil sie sich zusammen mit Rauchern aufhalten. Raucher können da rauchen, wo sie andere nicht stören und wo sie sie nicht schädigen.

Gilt das auch für Kneipen?

Ja. Ich hätte das Verbot auch gerne in Kneipen, überall. Aus gesundheitspolitischen Gründen.

Wie sieht es mit dem wirtschaftlichen Aspekt aus - dass die Wirte dadurch Umsatzeinbußen haben?

Gehen Sie mal nach Italien: Da gibt es überall ein Rauchverbot, und es gibt überhaupt keinen, der sagt, dass das nicht geht. Solange man eine Diskussion darüber führt oder solange man viele Ausnahmen macht, hat man immer auch sehr viel negativere Reaktionen, als wenn man sagt: So ist es jetzt! So ist es geregelt, und wer rauchen will, geht vor die Tür!
   Im Übrigen haben wir ja vor, spezielle Räume für Raucher zu gestatten. Da kann man dann rauchen. Aber nicht da, wo auch Nichtraucher hinkommen.

Ein anderer Begriff: Alkopops.

Die müssten verboten werden. Wir haben ja in einem ersten Schritt schon die Steuern dafür erhöht. Das Gefährliche dabei ist, dass Jugendliche und auch Erwachsene Alkopops trinken und nicht merken, wie viel Alkohol tatsächlich darin ist.

Übergewichtige Kinder.

Dagegen müssen wir etwas tun. Sonst werden sie die chronisch Kranken von morgen. Deshalb haben wir das Programm "Bewegen - Ernährung" auf den Weg gebracht.

Schwere Schultornister.

Dagegen bin ich natürlich auch, schon wegen der Rückenschäden. Ich versuche zum Beispiel bei Lehrern dafür zu werben, dass die Kinder die Bücher, die sie nicht brauchen, in der Schule lassen können. Und bei Eltern, dass sie darauf achten, dass ihre Kinder wirklich nur das mitnehmen, was sie auch brauchen.

Gesundheitsreform.

Die muss sein!

Sterbehilfe.

Die lehne ich ab. Ich bin für den Ausbau der Palliativmedizin und dafür, dass Menschen in Würde und, soweit das geht, ohne Angst vor Schmerzen sterben können. Eine aktive Sterbehilfe lehne ich ab.

Visionen

Brauchen Politikerinnen bzw. Politiker Visionen?

Ja, klar. Ohne dass man Visionen von dem hat, wo man hinwill, ist manchmal der Alltag doch zu anstrengend. Man muss wissen, wofür man kämpft, auch wenn es oft Rückschläge gibt.

Frisst der politische Alltag diese Visionen nicht auf?

Es gibt Tage, an denen man das Gefühl hat, man kann seine Vorstellungen nicht umsetzen, weil man im Alltag oft ausschließlich von einer Minute auf die andere entscheiden und reagieren muss. Aber ohne dass Visionen und Vorstellungen von dem, was man erreichen will, da sind, hat man nicht die Kraft, manche Ämter auszuüben. Man braucht schon viel Kraft als Politiker.

Was wäre für Sie ein Grund zu sagen: "Ich höre als Politikerin auf"?

Mein Alter vielleicht. Oder wenn tatsächlich etwas entschieden würde, wo ich sage: Ich kann das nicht mittragen. Es könnte ja eine Situation geben, in der ich allein eine ganz andere Meinung habe als meine Partei - und die brauchte vielleicht meine Stimme, um die Mehrheit zu haben. Da müsste man dann sagen: Okay, dann mache ich meinen Platz frei für jemanden, der die Position der Partei oder der Fraktion vertritt. Denn ich darf mit meinem Verhalten nicht ein Ganzes ins Wanken bringen, das vielleicht eine Mehrheit von 99 Prozent hat.
   Aber im Moment möchte ich, offen gestanden, noch nicht aufhören.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei. Welches politische Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Ganz zeitnah hätte ich gerne, dass wir tatsächlich eine Bürgerversicherung bekommen, damit alle in diesem Land sich gerecht an der Finanzierung des Gesundheitswesens beteiligen. Auf dieser Basis können dann auch weiterhin Reformen gemacht werden.

Das Interview wurde am 22.8.2008 in Attendorn geführt. Die Fragen stellten David Jansen, Anna Carla Kugelmeier und Lea Brohsonn.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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