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Projekt-Tagebuch

Das folgende Tagebuch schildert die Arbeiten am Politiker-Projekt. Es versteht sich von selbst, dass die Anmerkungen zum Teil hochgradig subjektiv sind. Gleichwohl können sie vieles verdeutlichen, was sonst vielleicht unverdientermaßen ungesagt bleiben müsste.

Vorgeschichte

15.12.2004: Die Idee

Beim Chatten im Internet lernen wir Tatyana, Wanja und Lida aus der Ukraine kennen. Die drei besuchen die Mohyla-Akademie in Kiew. Schnell kommen wir überein, etwas "zusammen" zu machen, irgendein internationales Projekt, multimedial, einen Länder- oder Schulvergleich vielleicht, möglicherweise auch etwas Politisches, über die orangefarbene Revolution. Denn die ist ja derzeit in allen Medien. Ausgang ungewiss.
   Kiew im Dezember 2004 - das bedeutet: Unregelmäßigkeiten bei den Präsidentschaftswahlen, Massenversammlungen, Unruhen und Demonstrationen auf der Straße, Aufrufe zu Streiks und Gegenstreiks, und mittendrin die Akademie. Auch dort wird gestreikt, für Wiktor Juschtschenko, den um den Wahlsieg betrogenen Präsidentschaftskandidaten.
   Ein günstiger Zeitpunkt, Herrn Kugelmeier, Sowi- und Politiklehrer, zu fragen, ob er das Projekt unterstützt. In dieser Zeit Kontakt zu einer ukrainischen Schule zu haben, noch dazu zu einer hauptstädtischen, also einer im Zentrum der Macht und der Auseinandersetzungen: eine historisch einmalige Chance. Welcher Sozialwissenschaften-Lehrer kann da nein sagen?

10.1.2005: Details

Stefan, Jonas, Niklas, Kerstin, Anna Carla 
und Julia-Kristin vor dem Landtag Die Fronten klären sich. Zu Weihnachten ist Juschtschenko zum neuen ukrainischen Präsidenten gewählt worden. Amtsinhaber Janukowitsch gesteht seine Niederlage ein. Günstige Voraussetzungen. Hätte Janukowitsch gesiegt, wäre die Mohyla-Akademie möglicherweise geschlossen worden. So aber steht einer Zusammenarbeit mit dem Attendorner Team nichts im Weg.
   Klar eigentlich, dass als gemeinsames Projektthema unter diesen Bedingungen nur die "Demokratie" in Frage kommt: Die Ukrainer, die allesamt für Juschtschenko gestreikt haben, werden über ihre Revolutionserfahrungen berichten, und wir in Deutschland werden, wenn auch weniger spektakulär, mitzuhalten versuchen. Immerhin finden im Mai in Nordrhein-Westfalen Landtagswahlen statt. Da wird es im Vorfeld einiges an politischer "Basisarbeit" zu beobachten geben.
   Dazu noch ein paar Interviews mit Politikern in Ost und West zum jeweiligen demokratischen Selbstverständnis, vielleicht noch eine vergleichende Schülerumfrage an beiden Schulen, und schon haben wir ein Projekt, das das Hinsehen zweimal lohnt.

19.1.2005: Interviewanfragen

"Klotzen, nicht kleckern" ist unser Motto, und so fangen wir in Deutschland mit unseren Interviewanfragen ganz oben an: bei Bundes- und Landtagsabgeordneten, bei Ministern, Parteichefs und Oppositionsführern. Wir schicken die Anfragen gleich im Dutzend raus - und jede gleich zweimal, per Post (mit Briefkopf der Schule, um ordentlich Eindruck zu machen) und per E-mail.
   Beiläufig fällt uns auf, dass unser Projekt als Amtssprache eigentlich nur Englisch haben kann. Die Ukrainer können kein Deutsch, wir kein Russisch (bzw. Ukrainisch). Also holen wir vorsichtshalber Frau Jansen, unsere Englischlehrerin, als "beratende Dolmetscherin" mit ins Boot.

24.1.2005: Die erste Zusage

Überraschung. Schon nach fünf Tagen kommt die erste Zusage. Hartmut Schauerte, MdB, CDU-Direktmandatsträger unseres Wahlkreises, wird uns, wenn es uns recht ist, am 3. März in der Schule besuchen. Natürlich ist es uns recht, und wir beginnen einen Fragenkatalog zu basteln.

3.2.2005: Offizielle Kontaktaufnahme

Beflügelt von diesem ersten Erfolg schreibt Herr Kugelmeier einen Brief an den betreuenden Lehrer der ukrainischen Schüler. Inhalt: Vorschläge für eine erquickliche Zusammenarbeit; Offenheit für konzeptionelle Überlegungen der Ukrainer: "It would be nice if you would like to cooperate with us on the base of these reflections. It is well understood that we also like to get to know your ideas."
   Der Brief bleibt unbeantwortet.

4.2.2005: Die Umfrage beginnt

Wir beginnen mit einer groß angelegten Fragebogenaktion zum Image von Politik und Politikern, zunächst nur in den Jahrgangsstufen 12 und 13 (das entspricht dem Altersniveau der Mohyla-Akademie). Rund 130 Antwortbögen kriegen wir zusammen. Kerstin und Julia-Kristin werten aus, Anna Carla liest Korrektur. Dann schicken wir die englische Fassung des Bogens nach Kiew. Dort sammelt Tatyana gut 100 Antwortbögen ein.

8.2.2005: Die zweite Zusage

Auch Willi Brase (SPD-Direktmandat im Nachbarwahlkreis Siegen-Wittgenstein) sagt zu. Und dann kommen die Antworten Schlag auf Schlag. Die Schulministerin lädt uns nach Düsseldorf ein. Der CDU-Landtagsabgeordnete kündigt sein Kommen an. Dann der Knaller: Auch SPD-Chef Franz Müntefering will bei uns vorbeischauen.
   Insgesamt kassieren wir nur drei definitive Absagen.

10.2.2005: Unsicherheiten

Leichte Irritationen in unserem Team: Die Chats mit den Ukrainern werden seltener; Tatyana und Wanja sind nur noch schwer zu erreichen. Zwei fest angekündigte Videokonferenzen kommen nicht zustande; angeblich gibt es in Kiew "technische Probleme"; Niklas ist leicht genervt. Beim Layout der geplanten Multimedia-Präsentation überwiegen die Differenzen. Und von einem abgestimmten inhaltlichen Konzept kann erst recht keine Rede sein.
   Im Übrigen ist noch völlig unklar, wer innerhalb des internationalen Teams überhaupt welche Aufgaben (Programmierung, Design, Interviews, Fotos usw.) übernehmen soll. Vorsichtshalber fängt Stefan schon mal an, ein paar Entwürfe fürs Hauptmenü zu machen.

Warmlaufen

28.2.2005: Das erste Interview

Punkt 14.00 Uhr fährt Willi Brase, MdB vor. Empfang am Hauptportal mit Schülerdelegation und Kamera. Dann geht's in die Lehrerbibliothek zum Interview. Dort haben wir großes Gerät aufgefahren: drei Videokameras, einen Mini-Disc-Rekorder, einen Studio-Kassettenrekorder, ein Kleinmischpult, vier Mikrofone und zwei digitale Diktafone, dazu diverse Fotoapparate.
   Der Abgeordnete zeigt sich beeindruckt. Echtes Pressekonferenz-Feeling. Geduldig beantwortet er über zwei Stunden hinweg alle Fragen. Wir sind erstaunt und erfreut zugleich: keine Herablassung "den Schülern" gegenüber, kein unverständlicher Politiker-Jargon. Er ist uns tatsächlich "nah". Politik zum Anfassen.
   Vielleicht ist es dieses Erstaunen, das Niklas zum Schluss, nach der Verabschiedung und beim Abbauen, dazu veranlasst, den Netzstecker zu ziehen, bevor der MD-Rekorder seine Aufzeichnungen gespeichert hat. Zum Glück haben wir aber ja noch die Bandaufnahmen aus dem Kassettenrekorder.
   Ansonsten immer noch keine Nachrichten aus der Ukraine.

3.3.2005: Interview Nr.2

Hartmut Schauerte vor der 10a Drei Tage später das zweite Interview. Hartmut Schauerte, MdB nimmt sich mehr als drei Stunden Zeit für uns. Erst beantwortet er im kleinen Kreis unsere Fragen (ausführlich, präzise, mit großem Ernst), dann geht er in eine 10. Klasse (wir filmen mit), und zum Schluss steht dann noch ein Gespräch mit dem Schulleiter auf dem Programm.
   Bei unserem Interview tut Kerstin das, was sie unter allen Umständen vermeiden wollte: Unter dem Eindruck des Gesprächs mit SPD-MdB Brase fragt sie den CDU-Mann Schauerte, wie er "zur SPD" gekommen sei. Der überspielt den Fauxpas souverän. Das fällt ihm nicht schwer; denn seinen Wahlkreis hat er das letzte Mal überlegen gewonnen. So verabschiedet er sich dann auch nach seinem Besuch in der 10. Klasse auf sehr spezielle Weise: "Dann grüßt mal eure Eltern schön von mir! Die meisten von ihnen haben mich ja gewählt!"
   Beiläufig stecken wir ihm, wir hätten vor geraumer Zeit auch CDU-Landeschef Jürgen Rüttgers angeschrieben, bisher aber keinerlei Antwort erhalten, nicht mal eine Eingangsbestätigung: ob dies Stil des Hauses sei? Schauerte spielt die Geschichte herunter: Wahrscheinlich sei der Chef im Vorwahlkampf-Stress, da könne das schon mal vorkommen. Dann wendet er sich anderen Themen zu.
   Um 14.02 Uhr verlässt er die Schule. Um 14.43 Uhr kriegen wir einen Anruf aus Schauertes Berliner Büro: Wir sollten ihm eine Kopie unseres Schreibens an Rüttgers zuschicken; er werde sich darum kümmern.
   Tatsächlich kommt wenige Tage später eine Rückmeldung aus der Zentrale der NRW-CDU. Zwar hat nicht Rüttgers selbst Zeit für uns, aber sein Generalsekretär Jochen Reck. Wir dürfen, wenn wir wollen, in der Düsseldorfer Wahlkampfzentrale auch uneingeschränkt fotografieren und filmen.

7.3.2005: Interview Nr.3

Aus der Ukraine wenig Neues. Wanja hat das Programmfragment eines Audio-Players geschickt und scheint danach verreist zu sein. Hinsichtlich des Designs gibt es noch immer unterschiedliche Ansichten. Stefan und Niklas sind unzufrieden.
   Für mehr als Unzufriedenheit ist keine Zeit; denn schon steht das nächste Interview auf dem Programm: Theo Kruse, MdL, zunächst etwas irritiert von unserem technischen Gerät, stellt sich unseren insgesamt harmlosen Fragen. Danach geht er in einen Sowi-Kurs der Jahrgangsstufe 12. Dort hat er einen schwereren Stand; denn er muss den Oberstuflern die Position der CDU zum Thema "Studiengebühren" verkaufen. Kontroverse Diskussion.

15.3.2005: Ende einer Beziehung

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Unsere Gruppe kommt überein, die Zusammenarbeit mit den Ukrainern zu beenden. In den letzten sechs Wochen ist nichts Substanzielles dabei herausgekommen. Herr Kugelmeier schreibt einen freundlichen, in der Sache aber eindeutigen Brief - noch einmal an den ukrainischen Lehrer.
   Die Antwort kommt von Tatyana. Genauso freundlich. Fast schwingt ein bisschen Erleichterung mit. Man stehe inzwischen in Kontakt mit einer weißrussischen Schule und tausche sich gerade über Unterrichtsprojekte aus.
   Vielleicht war ihnen unser politisches Thema, speziell zur orangefarbenen Revolution, doch etwas zu heikel...

16.3.2005: In der CDU-Wahlkampfzentrale

Niklas und Stefan in Aktion Dass wir weitermachen, steht außer Frage. Als Erstes erweitern wir unsere Schülerumfrage: Fragebögen gehen nun auch an die Jahrgangsstufen 10 und 11. 140 neue Antworten kommen dadurch hinzu. Außerdem ändern wir unser Thema etwas ab; im Mittelpunkt steht jetzt die Rolle der Volksvertreter innerhalb der Demokratie. Arbeitstitel: "Traumjob Politiker?"
   Und dann geht's auf nach Düsseldorf: sechs Schüler, zwei Lehrer, zwei Autos und jede Menge technisches Handgepäck. Mittags um zwölf besuchen wir die CDU-Zentrale in der Wasserstraße. Aufbau der Aufzeichnungsgeräte im Konferenzraum. Dann NRW-Generalsekretär Jochen Reck. Eine ganze Stunde hat er für uns eingeplant. Sehr fruchtbares Gespräch. Ein Querdenker, der sich auch nicht scheut, mal unbequeme Wahrheiten zu sagen. Im Übrigen ist er für einige lustige Versprecher gut: "Ein Politiker muss bereit sein, auch Abende und Wochenenden zu opfern. Das ist manchmal nicht ganz schwierig, wenn man Familie hat." Oder: "Die allermeisten Abgeordneten haben einen Sechzig-, Siebzig-Stunden-Tag, den ein Normalbürger nicht hat."
   Auch der Generalsekretär ist von unserem Gerät beeindruckt. Beiläufig fragt er uns, ob das unser Beamer sei, der da auf dem Podest stehe. Wir bedauern: Der gehöre der Parteizentrale; wir würden ihn aber gerne mitnehmen.
   Das allerdings will Jochen Reck nun doch nicht.

16.3.2005: Im Landtag

Nach dem Gespräch haben wir noch ausgiebig Gelegenheit, in der CDU-Zentrale zu fotografieren. Die Wände sind tapeziert mit Wahlplakaten. Fast hat man den Eindruck, dass uns eher ein Anti-Steinbrück- als ein Pro-Rüttgers-Wahlkampf bevorsteht. Besonders auf die SPD-Schulpolitik scheinen sich die CDU-Strategen einzuschießen.
   Ganz unter diesem Eindruck betreten wir um 15.00 Uhr den Landtag. Unser Gespräch mit der Schulministerin ist erst für 17.00 Uhr geplant. Zwei Stunden haben wir also noch Zeit.
   Wir sind angemeldet. An der Pforte erwarten uns gleich drei Vertreterinnen der Pressestelle (wir haben Glück; es sind Semesterferien, da gibt es im Landtag viele studentische Praktikanten). Die Studentinnen sind etwas ratlos, da wir so gar nicht dem Bild der üblichen Besucher entsprechen. Zaghaft versuchen sie zunächst, uns die Geschichte des Landtags zu erläutern, dann erraten sie jedoch schnell unsere geheimsten Wünsche: Wir wollen fotografieren und filmen, was das Zeug hält. So durchkämmen sie mit uns das Landtagsgebäude auf der Suche nach leeren Sitzungssälen, von denen wir 360-Grad-Bilder machen können, besuchen die CDU-Lounge, dann die der FDP, die Pressestelle und schließlich die Zuschauertribüne, auf der unser exzessives Fotografierbedürfnis (es ist Sitzungstag) von den Saaldienern allerdings etwas eingedämmt wird.
   Um kurz nach fünf dann - wie es so schön heißt: "am Rande des Plenums" - das Gespräch mit Schulministerin Ute Schäfer (SPD). Die Atmosphäre in dem Konferenzraum ist etwas steril, die Ministerin, wie uns scheint, leicht befangen. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich in gewisser Weise als unsere Vorgesetzte sieht, vielleicht auch daran, dass praktisch jede ihrer Antworten von ihrem Referenten, den sie mitgebracht hat, abgenickt wird.
   Stimmung kommt eigentlich erst auf, als Stefan sein Lieblingsthema, die Einheitsschule, zur Sprache bringt. Aber dann ist die uns zugesagte halbe Stunde auch schon herum, und die Ministerin muss gehen.

Willi Brase multimedial19.3.2005: Der Straßenwahlkampf beginnt

Niklas und Stefan haben im stillen Kämmerlein eine erste Version des Multimedia-Players, den wir für unsere Software-Präsentation verwenden wollen, programmiert und auch gleich Willi Brase und Hartmut Schauerte eingebaut. Videoschnipsel, fliegende Fotos und dazu Interview-O-Ton. Saugutes Design!
   Und auch außerhalb des Kämmerleins tut sich was. Immer deutlicher wirft der Landtagswahlkampf seine Schatten voraus. Eine Woche vor Ostern steht SPD-Direktkandidat Reinhard Jung in der Attendorner Fußgängerzone und verteilt rote Ostereier an die Passanten. Das mache die SPD jedes Jahr, das habe mit der Wahl gar nichts zu tun, kriegen wir zu hören. Trotzdem hat Jung vorsichtshalber seine Plakate mitgebracht.

19.3.2005: Eine Drohung

Auch die NPD ist in der Innenstadt präsent. Unter einem schwarz-weiß-roten Sonnenschirm verteilen vier Kameraden Infoblätter und sammeln Unterschriften. Nach einer halben Stunde schreiten Bürgermeister und Ordnungsamt ein: Ob sie denn eine Genehmigung zum Betreiben des Standes hätten? Dies sei kein Stand, ist die Antwort. Ihr Schirm stehe nicht in einem Ständer!
   Den Bürgermeister interessiert das nicht, und er verweist sie des Platzes. Unter lautem Protest weichen die vier zurück: "So also sieht die Meinungsfreiheit der Systemparteien aus! Aber wir kommen wieder! Dann melden wir hier in Attendorn halt demnächst eine Großdemonstration an. Wenn Ihnen als Bürgermeister das lieber ist!"
   Der zuckt mit den Schultern: "Da droht jemand mit der eigenen Ekligkeit."

Die heiße Phase

6.4.2005: Ein Umfrageopfer

Schlechte Nachrichten. Anruf aus Berlin: Franz Müntefering muss seinen geplanten Besuch in unserer Schule leider absagen. Die üblen Umfragewerte für die SPD im Vorfeld der NRW-Wahl fordern seinen ganzen Einsatz andernorts. Schade. Wir bedauern sehr.

11.4.2005: Wahlkampf der Chancenlosen

Feststellung der Personalien Nachmittags in Siegen. Gleich werden Gerhard Schröder und Peer Steinbrück in der Siegerlandhalle sprechen. Wir überlegen, ob wir uns unter die etwa 1.000 Zuschauer mischen sollen. Allerdings sind die Sicherheitskontrollen streng. Mit unserem Gerät, Fotoapparat, Stativ und Diktafonen, hätten wir vermutlich ohnehin keine Chance. Also bleiben wir draußen.
   Dort ist es sowieso viel interessanter. Etwas von der Halle entfernt bietet die Partei "BüSo" als Alternativ-Event politischen A-capella-Gesang; und unmittelbar vor dem Halleneingang haben sich fünf Demonstranten zusammengerottet, die gegen Hartz IV protestieren: drei von der WASG, zwei vom "Siegener Netzwerk gegen Sozialkahlschlag". Letztere organisieren, wie wir im Gespräch erfahren, auch die Siegener Montagsdemos ("zehn, fünfzehn Leute kriegen wir immer noch zusammen").
   Kaum haben wir unser Interview beendet, tritt die Polizei auf den Plan. Fünf Personen, so ihre Lesart, sind eine Gruppe - und die muss, wenn sie öffentlich protestieren will, eine Demonstration anmelden. Langwierige Auseinandersetzungen, dass man gar keine Gruppe darstelle, sondern sozusagen einzeln erschienen sei (dann braucht man nämlich nichts anzumelden). Am Schluss werden die Personalien aufgenommen. Halb trotzig, halb beklommen zücken die Akteure ihre Ausweise.

16.4.2005: Grün ist die Hoffnung

Olpe, 10 Uhr morgens in der Fußgängerzone. Die Grünen haben zwischen Kirche und Marktplatz ihr "Energie- und Verbraucher-Infomobil" aufgebaut. Direktkandidat Gerd Sauer und der Landtagsabgeordnete Johannes Remmel verteilen Infoblätter und Windrädchen. Mäßiges Interesse der Passanten. Kein Wunder, es ist feuchtkalt; kein Energiesparwetter. Umso williger werden unsere Fragen beantwortet. Und einen Praktikumsplatz bei der Grünen-Fraktion stellt uns Johannes Remmel, Parlamentarischer Geschäftsführer im Landtag, auch gleich in Aussicht (wir kommen darauf zurück, Herr Remmel!).
   Gegen elf kommt dann, immerhin, die Presse. Ein paar schöne Zeitungsfotos mit Sonnenkollektor und Kandidaten; danach wird eilig zusammengeräumt: Um halb eins muss das Infomobil in der Siegener Innenstadt sein.

20.4.2005: Wieder im Landtag

Düsseldorf, 13.00 Uhr. Interview-Marathon im Landtag. Vier Gespräche sind geplant. Im Sitzungssaal der Grünen zunächst ein Wiedersehen mit Gerd Sauer, dem Olper Direktkandidaten, der hier Mitarbeiter der Fraktion ist. Dann heißt es das ganze Aufnahmegerät hinüber in den FDP-Sitzungssaal packen; denn dort erwartet uns um zwei Uhr Michael Groschek, MdL, Generalsekretär der NRW-SPD. Er ist auf unsere Bitte hin kurzfristig für Müntefering eingesprungen. Eine Stunde Interview vom Feinsten in geschliffenen Formulierungen. Um halb vier geht's dann wieder zurück in den Sitzungssaal der Grünen, der zwischendurch anderweitig belegt war. Hier ist nun eigentlich Sylvia Löhrmann, MdL dran, die grüne Fraktionsvorsitzende. Dann kommt aber auch schon Marie-Theres Kastner, MdL, unsere Interviewpartnerin von der CDU: Ob sie ihr Gespräch vorziehen könne? Sie habe Terminprobleme. Für Sylvia Löhrmann kein Thema: "Dann gehe ich halt so lange noch ins Plenum."
   Wenn wir von diesem Tag eins mitnehmen, dann den Eindruck, dass hier sehr pragmatisch Politik gemacht wird. Von Parteien-Kleinkrieg keine Spur. Der SPD-Generalsekretär geht in den Raum der oppositionellen FDP, die CDU-Frau zu den Grünen. Diese haben in ihrem Saal einige Wahlplakate hängen (was sie eigentlich nicht dürfen). Für die Videoaufnahmen unseres CDU-Interviews überkleben wir eins dieser Plakate mit einem Bild von Frau Kastner (was wir erst recht nicht dürfen). So richtig stören tut das keinen.

21.4.2005: Ein Anruf

Anruf aus Berlin; Büro Müntefering: Der SPD-Vorsitzende könne seinen Besuch in unserer Schule zum geplanten Termin nun doch wahrnehmen. Ob er denn so kurzfristig noch willkommen sei.
   Was für eine Frage!

26.4.2005: Klassengespräche

Helga Daub, MdB (FDP), kommt ins St.-Ursula-Gymnasium, und zwar gleich zu dritt (mit Kreistagsabgeordneter und Landtags-Direktkandidatin im Schlepp). Freundliches, fast routiniertes Gespräch, auch über die Situation in der Ukraine (sie war dort zu Weihnachten EU-Wahlbeobachterin). - Danach noch der Gang in eine 7. Klasse. Die Schülerinnen und Schüler löchern sie intensiver als vorgesehen, fast zwei Schulstunden lang: Ob sie mit Chauffeur da sei? Welchen Autotyp sie fahre? Wie viel man als Bundestagsabgeordnete verdiene? Und dann, urplötzlich, die Frage aller Fragen: Glauben Sie an Gott?
   Frau Daub, sichtlich verblüfft, berichtet etwas zusammenhanglos von einer Kapelle, die oberhalb ihres Hauses stehe und die sie manchmal besuche.
   Die nächste Frage führt dann wieder in gewohnte Bahnen: Was denn ihre Familie zu ihrem Beruf sage?

27.4.2005: Sicherheitsstufe 1

Frank Kugelmeier vs. Franz Müntefering Bereits ab dem frühen Vormittag umschwirrt Polizei das Schulgebäude; denn für 12.30 Uhr ist der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands angesagt. Die Attendorner SPD ist angesichts dieser Nachricht völlig aus dem Häuschen. Landtagskandidat Reinhard Jung möchte am liebsten einen eigenen Presse- und Fototermin mit seinem Chef. Doch der lässt über sein Büro klarstellen: Er kommt nur für das Schülerprojekt und nur in die Aula des Gymnasiums.
   Gegen Mittag füllt sich dann der Schulhof. Ein Tross von Journalisten bevölkert plötzlich die Flure; darunter allein zwei Reporter und ein Fotograf des "Spiegel"; später schiebt sich dann auch noch ein N24-Kamerateam in den Saal.
   Pünktlich um halb eins ist Franz Müntefering da. Acht Minuten beim Schulleiter; dann der Gang zur Aula. Nein, kein Statement, keine Wahlrede, nur geduldiges und umfassendes Beantworten unserer Fragen. "Sie brauchen keine Sorge zu haben. Der Mann ist gut zu verstehen. Da steht ein Hauptsatz neben dem andern", hat uns sein Mitarbeiter bereits mitgeteilt. In der Tat: Im Hintergrund dürfen zwei 10er Klassen mithören, und auf die stellt sich der SPD-Chef perfekt ein. Gekonnt balanciert er zwischen Erklärungen zu politischen Fachbegriffen und Zusammenhängen und anekdotenhaftem Schwelgen in Erinnerungen an seine sauerländische Heimat.
   Auch für unsere Sammlung akustischer Kuriositäten liefert er eine Formulierung: "Das Präsidium meiner Partei besteht aus 13 Personen, davon sind im Moment sieben Männer und sechs Frauen, und vor zwei Jahren war das umgekehrt, sieben Männer, sechs Frauen." Ansonsten aber, dies muss deutlich gesagt werden, leistet er sich in den anderthalb Stunden Dialog keinen Schnitzer. Da sitzt jeder Satz.
   Punkt 14.00 Uhr ist Schluss. Müntefering muss weiter, zum nächsten Termin. Wir auch.

27.4.2005: Zum dritten Mal Düsseldorf

Mittags SPD-Chef Franz Müntefering, MdB, am späten Nachmittag dann FDP-Landeschef Andreas Pinkwart, MdB. Allerdings nicht bei uns in der Schule, sondern in der FDP-Parteizentrale in Düsseldorf. Mit anderen Worten: Sofort nach "Müntes" Abgang heißt es alles Gerät zusammenkramen, verpacken, aufsitzen und losbrausen Richtung Landeshauptstadt.
   Das Gespräch ist für 17.30 Uhr angesetzt. Genau um 17.00 Uhr melden wir uns in der Zentrale. Unsere Stimmung ist gut, gleichwohl haben wir, während wir im Konferenzzimmer unsere Kameras und Rekorder aufbauen, dort zunächst einmal das eigenartigste Erlebnis unseres gesamten Projekts: Zwischendurch kommt ein FDP-Mitarbeiter herein, betrachtet sinnend unsere Aufnahmegeräte und fragt dann, ob wir denn nur wegen der Technik gekommen seien oder vielleicht auch wegen der Inhalte. Unsere Antwort ("beides!") nimmt er nickend zur Kenntnis. "Wenn Sie nur wegen der Technik hier wären, dann könnten Sie ja auch gleich in den Zoo gehen und dort fotografieren", lässt er uns im Hinausgehen wissen. Worin die Verbindung zwischen Zoobewohnern und FDP-Mitgliedern besteht, sagt er nicht.
   Zehn Minuten später kommt dann der Chef höchstselbst, und die merkwürdige Stimmung ist wie weggeblasen. Auch unsere Kameras und Mikrofone scheinen ihn nicht zu stören, wie sein joviales Eingangsstatement verrät: "Wer stellt hier die Fragen? Das ist ja fast wie bei Joseph Fischer im Untersuchungsausschuss!"
   Dann lernen wir, was es heißt, einen Professor vor sich zu haben: Auf jede Frage antwortet er präzise, kenntnisreich, druckreif; allerdings ist kaum eine Antwort kürzer als fünf Minuten. Weit über eine Stunde dauert das Gespräch, und wir erfahren Dinge, die uns in dieser Direktheit vorher noch keiner gesagt hat: zum Beispiel, dass auch Politiker einer Werbewirkungsfunktion unterlägen und sich deshalb von Zeit zu Zeit - ähnlich wie die Waschmittelreklame, selbst bei gut eingeführten Marken - in den Medien platzieren müssten, um bekannt zu bleiben.
   Am Schluss sind wir sehr zufrieden. Nur Jonas macht ein unglückliches Gesicht. Er darf nämlich anschließend das gesamte Interview, wie auch die meisten andern, von Band bzw. Disc abtippen, damit wir es auf unsere Homepage stellen können. Da kann im Falle Pinkwart einiges zusammenkommen.

27.4.2005: Nachtschicht

Gegen acht Uhr abends Rückfahrt nach Attendorn bzw. Plettenberg. Frau Jansen, Niklas, Julia-Kristin und Jonas im einen Auto, Herr Kugelmeier mit Kerstin, Stefan und Anna Carla im anderen.
   Nach einer Viertelstunde Fahrt schlägt die Ölanzeige in Herrn Kugelmeiers Auto Alarm. Warnblinklicht, Standstreifen, Warten auf den ADAC (Frau Jansen ist mit ihrem Trupp schon weit voraus).
   Nach einer Stunde kommt der Pannendienst, schaut sich die Sache an, meint aber, man könne weiterfahren. Kaum ist er weg, meldet sich nach fünf Kilometern Fahrt die Warnanzeige erneut. Motorschaden. Wieder rechts ran, Warnblinklicht. Erneutes Warten.
   Nach einer weiteren Stunde ein anderer "gelber Engel". Der schleppt den Wagen dann vertragsgemäß bis vor die nächste VW-Werkstatt. So lernen die Insassen nachts um elf das Industriegebiet Langenfeld kennen. Notruf nach Hause, 140 Kilometer entfernt. Tief in der Nacht holt Kerstins Vater die Truppe vorm Werkstatttor ab. Herr Kugelmeier beschließt: schulfrei am folgenden Tag für alle Fahrzeuginsassen! Zum Abschied ein letzter Blick auf sein Auto. Es wird nie mehr nach Attendorn zurückkommen.

30.4.2005: Auf Wahlkampftour (1)

Stefan vor belegten Broten und Steinbrück Sauerlandhalle, Altenhundem, 16.30 Uhr, SPD-Wahlkampfveranstaltung mit Ministerpräsident Peer Steinbrück. Diesmal sind wir, mangels Zweitfahrzeug, nur in kleiner Besetzung unterwegs.
   Seit "Münte" an unserer Schule war, stehen uns alle Türen offen. Unser Projekt hat sich herumgesprochen. Selbstverständlich dürfen wir an der Pressekonferenz teilnehmen, die der Ministerpräsident vorab im Nebenraum geben wird. Und anschließend, während Landtagskandidat Reinhard Jung und die Presse sich schon in den Saal begeben, ist dann auch noch ein eigener Termin für ein Exklusiv-Interview mit uns anberaumt.
   Die Zahl der Veranstaltungsbesucher hält sich in Grenzen. Ja, früher, schwärmt der SPD-Ortsvorsitzende, in den Endsechzigern, da sei Willy Brandt mal hier gewesen. Da hätten die Autos der Gäste bis weit hinauf in den Ort gestanden. Die Autos, die heute hier parken, gehören überwiegend den Besuchern des Aldi-Markts nebenan.
   Die Pressekonferenz selbst ist ziemlich erbärmlich. Steinbrück gibt ein Eingangsstatement ab, und dann sollen die Journalisten fragen. So richtig fragt aber keiner. Man hat den deutlichen Eindruck: Sie haben den Regierungschef drei Wochen vor der Wahl schon abgeschrieben. Umso mehr Zeit bleibt für uns. Schnell gönnt er sich zwei belegte Brote ("Mein Mittagessen!"), dann legen wir los. Die Fragen scheinen ihm Spaß zu machen. Er antwortet überlegt und sehr präzise, vor allem aber: sehr viel länger als ursprünglich angesetzt. "Herr Steinbrück, Sie müssen in den Saal! Der Landtagskandidat sitzt da jetzt schon zwanzig Minuten alleine auf der Bühne!", teilt ihm ein Berater mit. Der Ministerpräsident geht aber lieber erst noch mal austreten, und als er wiederkommt, gesellt er sich vorsichtshalber erneut zu uns. So richtig Lust, auf die Bühne zu gehen, scheint er nicht zu haben. Viel lieber philosophiert er darüber, in welchem Jahr Anna Carla denn wohl Abitur machen werde. Schließlich hilft alles nichts, und seine Mitarbeiter treiben ihn hinaus.

3.5.2005: Auf Wahlkampftour (2)

Wenn sich die SPD großzügig zeigt, dann lässt sich auch die CDU nicht lange bitten: Als Generalsekretär Volker Kauder auf seiner Wahlkampftour nach Olpe kommt, dürfen natürlich auch wir ihn sprechen.
   Die Stadthalle ist wohlgefüllt. Allerdings senken wir durch unsere Anwesenheit das Durchschnittsalter der Zuhörer beträchtlich. Die einführenden Worte findet Landtagskandidat und "Titelverteidiger" Theo Kruse, dann spricht Kauder selbst, und das Abschlussstatement liefert, gewohnt originell, Hartmut Schauerte: "Und selbst, wenn Sie jetzt noch Zweifel haben, meine Damen und Herren, dann können Sie doch sagen: Schlechter kann's sowieso nicht mehr kommen. Da kann ich doch auch mal CDU wählen!"
   Danach das Interview mit dem CDU-Generalsekretär. Es wird das chaotischste Gespräch unseres Projekts überhaupt, was sicherlich nicht an Volker Kauder liegt; aber die Umstände sind ganz einfach gegen uns.
   Es fängt damit an, dass im Rahmen der Veranstaltung laut und vernehmlich die Big Band eines befreundeten Gymnasiums spielt und auch während unseres Interviews, als der Saal bereits so gut wie leer ist, keine Anstalten macht, es sein zu lassen. So flüchten wir in die Lounge, wo der Blechbläsersound allerdings immer noch zu hören ist - besonders, sobald jemand die Tür zum Saal öffnet, was ungefähr alle zwanzig Sekunden der Fall ist.
   Außerdem läuft Niklas Amok. Statt sich während des Interviews um die beiden Standkameras zu kümmern, wie es eigentlich seine Aufgabe wäre, schwirrt er die ganze Zeit um Kauder herum, fotografiert ihn von vorn, von hinten, von der Seite, von unten und springt dabei auch hin und wieder ins Kamerabild. Wie sich später herausstellt, sind alle seine Fotos unscharf, und die beiden Videokameras anzustellen hat er auch vergessen.
   Zum Glück haben Stefan und Herr Kugelmeier mit ihren Apparaten mitgefilmt, so dass auch dieses Interview der Nachwelt erhalten bleibt. Allerdings haben wir anschließend alle Hände voll damit zu tun, den Ton am Computer nachzubearbeiten, um den "mittigen" Sound der Big Band aus Kauders Antworten herauszufiltern.

7.5.2005: Köln, Schildergasse

Bröhl und Kugelmeier im Wohnwagen In der Wahlkampfzeit samstags nach Köln zu fahren ist schon deshalb lohnend, weil man ziemlich sicher sein kann, dort wirklich alle Parteien mit ihren Infoständen anzutreffen (vorsichtshalber haben wir aber vorher bei den örtlichen Parteizentralen auch noch mal angefragt).
   Tatsächlich finden wir sie komplett: die CDU vor dem Kaufhof, die PDS und die SPD auf der Schildergasse, die FDP am Neumarkt, und am Rudolfplatz die Grünen (deren Bagagewagen auf der Schildergasse in der Nacht zuvor von Unbekannten abgefackelt worden ist). Diverse Gespräche mit Diktafon und Fotokamera.
   Um 14.00 Uhr haben wir einen Interviewtermin mit Hans-Peter Bröhl, dem örtlichen Vorsitzenden der Jungen Union. Das Wetter ist mäßig, und so hocken wir mit ihm über eine Stunde im CDU-Infomobil, dem parteieigenen Wohnwagen.
   Sehr substanzielles, weil engagiertes und ehrliches Gespräch, vielleicht eins unserer besten. Hätte auch noch länger dauern können, doch irgendwann zwingen ihn seine Parteifreunde hinaus: "Wir machen draußen Wahlkampf, und du sitzt hier im Trocknen!"
   Zum Abschluss fragt ein CDU-Wahlhelfer, ob Anna Carla einen Luftballon haben möchte. Sie möchte nicht.

8.5.2005: Wasserfest

Attendorn; verkaufsoffener Sonntag. Am frühen Nachmittag steht FDP-Direktkandidatin Nicole Hilchenbach an ihrem Infostand mitten auf dem Marktplatz und wartet auf den "Juli"-Tourbus, der ihre Kandidatur wirksam unterstützen soll. Nicht schlecht gedacht, doch der Bus hat Verspätung. Dass er dann doch noch kommt, macht die Sache allerdings auch nicht besser; denn es schüttet wie aus Kübeln. Für ein Kurzinterview mit uns reicht es gerade noch. Dann wird der blau-gelbe Info-Schirm eilig auf Halbmast gesetzt, der Tourbus abgeschlossen, und die ganze liberale Truppe flüchtet sich klatschnass in Diebels Fasskeller.

10.5.2005: Programmentwürfe

Bestandsaufnahme. Für unsere geplante Multimedia-Präsentation sichten wir die bisher aufgenommenen Fotos (fast 2.000 inzwischen) und Videos (über 30 Stunden Bandmaterial). Merkwürdig, was die Kameraperspektive ausmacht: Vieles, was die "Volksvertreter" sagen, steht in seltsamem Kontrast zu ihrer Gestik und Mimik. Besonders befremdlich die Bilder, auf denen wir sie vor ihren mitgebrachten Wahlplakaten fotografiert haben. Virtuality meets reality.
   Genauso merkwürdig sind aber auch die Fotos, die wir von den Basispolitikern im Straßenwahlkampf haben. Da erscheint plötzlich selbst der unbekannteste Wahlhelfer überlebensgroß. Wie kleine Könige posieren viele vor ihrem Infostand.
   Eins ist uns klar: Diese Widersprüchlichkeit muss unbedingt auch in unsere Präsentation hinein!

Endspurt

18.5.2005: Staatsministerin, live

Köln, Ebertplatz; Wahlkreisbüro von Bündnis 90/Die Grünen, 11.00 Uhr. Zweimal ist der Termin verschoben worden, nun endlich findet es statt: das Gespräch mit Kerstin Müller, Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Wir erklären ihr kurz das Anliegen unseres Projekts: Betroffene aus der ersten Reihe sollen uns über den Beruf des Politikers bzw. der Politikerin Auskunft geben. - Sie schluckt. "Und warum gerade ich?", fragt sie etwas gequält. Doch dann steht sie uns fast anderthalb Stunden Rede und Antwort.
   "Das war jetzt aber einmal allround", merkt sie zum Schluss an. Im Gehen erzählen wir ihr, dass wir in zwei Tagen auch einen Gesprächstermin mit Bärbel Höhn haben. Die komme zusammen mit Joschka Fischer nach Siegen. An Fischer selber sei ja wohl leider nicht heranzukommen. Kerstin Müller überlegt einen Augenblick. "Ich kann ihn ja mal anrufen", sagt sie dann. "Vielleicht lässt sich da ja was machen." Logisch, dass wir diese Idee ausgesprochen gut finden.
   Einen Tag später dann leider die Absage: Fischers Beamte hätten Sicherheitsbedenken. Früher sei im Zusammenhang mit einer "Schulklasse" schon mal etwas vorgefallen.

20.5.2005: Auf Joschka-Tour

Siegen, Siegplatte, 12.00 Uhr. Der grüne Landtagsabgeordnete Johannes Remmel begrüßt uns per Handschlag: Wir sind angemeldet. Eine Viertelstunde müssen wir warten: Unter dem Wahlkampfpodest der "Joschka-Tour" schnüffelt noch ein Polizeihund nach Sprengstoff; Joschka on tour (mit Bodyguard) schließlich kommt gleich der Bundesaußenminister. Dann werden wir in den VIP-Bereich geleitet. Kurze Taschenkontrolle. Ein Sicherheitsbeamter interessiert sich für unsere gelben Fotoapparat-Ersatzakkus und ist leidlich beruhigt, als er feststellt, dass es keine Farbbeutel sind. Schon sitzen wir in der ersten Reihe.
   Es treten auf: Johannes Remmel, Umweltministerin Bärbel Höhn, dann Joschka Fischer. Kaum beginnt der zu reden, wissen wir, dass aus unserem Interview nichts geworden wäre. Er krächzt mehr, als dass er spricht - Tribut an drei Wochen Wahlkampfauftritte non stop. Was ihn allerdings nicht daran hindert, alle Anwürfe aus dem Publikum sofort zu parieren.
   Während seiner Rede signalisiert uns der Wahlkampfmanager, dass wir nach der Veranstaltung einfach sitzen bleiben sollen; Frau Höhn werde dann zu uns kommen. Am Ende der Rede wird es unruhig im VIP-Bereich: Alle Journalisten wollen ein Interview mit "Joschka", notfalls auch mit der Ministerin. Der Sicherheitsdienst hat schwer zu tun. Schließlich bahnt sich Bärbel Höhn einen Weg durch die Menge. Ein Reporter fängt sie ab. "Sind Sie von der Schule?", fragt sie ihn, und indem er anfängt zu stottern, ist sie auch schon bei uns.
   Bisher waren wir die Filmemacher; nun übernimmt sie die Regie: "Warte mal, kannst du dich mal dahin stellen? Das sieht besser aus. Sonst kuck ich ja immer hoch. Wenn du dich mal dahin setzt... - Setz dich mal dahin, dann kann ich dich besser ankucken! Genau. Dann machen wir das nämlich ganz professionell!"
   Schließlich haben wir die optimale Kameraeinstellung gefunden und können anfangen zu fragen. Auch ein paar "Kollegen" vom WDR haben sich zwischenzeitlich eingefunden. Sie filmen als Zaungäste mit.

22.5.2005: Die Würfel fallen

Sonntag. Landtagswahl. Der Tag der Entscheidung. Die fällt am Abend ziemlich früh, sozusagen mit der ersten Prognose: Die SPD verliert, die CDU gewinnt. Grüne und FDP liegen bei 6 Prozent, die WASG bei 2,2, die PDS bei 0,9. Will heißen: Steinbrück geht, Rüttgers kommt.
   Theo Kruse (CDU) fährt für seine Partei das höchste Einzelergebnis in ganz Nordrhein-Westfalen ein. Reinhard Jung, sein Kontrahent von der SPD, erreicht gerade mal 23 Prozent. Über die Liste kommt er später dennoch in den Landtag. Gerd Sauer (Bündnis 90/Die Grünen) und Nicole Hilchenbach (FDP) bleiben hingegen chancenlos.
   Die eigentliche Nachricht ist dann aber Münteferings Ankündigung, die SPD strebe Neuwahlen im Bund an. Schnell wird uns klar: Nicht nur der Wahlkampf, auch unser Projekt wird deshalb in die Verlängerung gehen.
   Immerhin: Unser Multimedia-Programm über den "Traumjob Politiker?" ist fast fertig. Sechs Bauteile haben wir inzwischen beisammen:

Aber auch die Homepage mit den vollständigen Interviews nimmt allmählich Gestalt an - unser Angebot für Vielleser. Text um Text erscheint auf den Internetseiten, wenn auch unter Schmerzen: Leider haben wir keine passende Spracherkennungs-Software, und so tippen sich Jonas, Kerstin und Julia-Kristin beim Abschreiben der Gesprächsmitschnitte fast die Finger wund.
   Was wir dabei in den Interviews zu hören bekommen, ist zudem oft alles andere als druckreif: Mündliche Formulierungen sind nun mal keine Schriftsprache; auch Abgeordnete haben das Recht auf Satzbaufehler; und so müssen wir zum Schluss stilistisch doch noch so einiges glätten.

27.5.2005: Politischer Kirchentag

Hannover. Nach der Wahl ist vor der Wahl. Da macht die Politik selbst vor dem Evangelischen Kirchentag nicht halt. Selten waren so viele Politiker dort. Kein Wunder, dass auch Kerstin und Stefan, die eigentlich aus ganz anderen Gründen hinfahren wollten, sich nun an die Absätze der Volksvertreter heften.
   Tatsächlich gelingt es Kerstin, ein paar schöne Fotos von Angela Merkel und Johannes Rau zu machen. Und auch ein Diktafon-Kurzinterview sackt sie ein: mit Karin Möhle, der Bundesvorsitzenden der AG Frauen in der CDA.

29.5.2005: In Klausur

Niklas und Stefan verbarrikadieren sich für zweieinhalb Tage in Stefans Zimmer. Sie wollen das Politiker-Programm beim Siemens-Wettbewerb "Join Multimedia" einreichen. Leider enthält es noch ein paar Bugs; und Herr Kugelmeier findet stündlich neue. Da heißt es hurtig die Tastatur schwingen und Schadensbegrenzung betreiben. Einsendeschluss ist der 1. Juni.

1.6.2005: Ein fertiges Provisorium

Geschafft. Die Software läuft - nahezu - fehlerfrei. Dennoch ist es wohl eher eine Version 0.9 als 1.0, die der Betreuungslehrer da nachmittags zur Post bringt. Die Wettbewerbs-CD-ROM ist vom Brennen noch warm; am Vormittag sind die letzten Fehler bereinigt worden.
   Eine echte Version 1.0 zu programmieren gelingt uns erst einen knappen Monat später.

7.6.2005: Im Netz

Bingo! Ab heute ist unser Politiker-Programm auch im Intranet unserer Schule zu besichtigen. "Für den Einsatz an höheren Lehranstalten geeignet." Für das Internet wäre es ein wenig zu umfangreich: 100 Megabytes Multimedia pur.

Intermezzo

8.6.2005: Eine Interviewanfrage spezieller Art

Auf diese Idee kann wirklich nur ein Lehrer kommen. Herr Kugelmeier eröffnet uns, wir könnten jetzt, nach unseren reichhaltigen Promi-Erfahrungen, eigentlich auch mal den neuen Papst interviewen. Der komme doch Ende August zum Weltjugendtag sowieso nach Köln. Außerdem spreche er deutsch. Das treffe sich günstig.
   Als wir uns von unserem ersten Schreck erholt haben, beginnen wir uns mit dem Gedanken anzufreunden. Und dann gehen auch gleich unsere Anfragen raus: eine ans Weltjugendtagsbüro und eine direkt an den Vatikan.

11.7.2005: Antworten

Das Weltjugendtagsbüro rührt sich überhaupt nicht; dafür schickt uns aber zumindest die Apostolische Nuntiatur in Berlin namens des Vatikan eine höfliche Absage. Erstens: Der Papst sei für seinen Deutschlandbesuch bereits ausgebucht. Zweitens: Der Papst gebe grundsätzlich keine Interviews. (Vier Wochen später wird zwar eins veröffentlicht, mit Radio Vatikan, aber sei's drum...)
   So begraben wir unsere Pläne.

13.7.2005: Tipps und Tricks

Anruf von Roman Mensing, unserem früheren Schulleiter, seines Zeichens Monsignore und Bildungsbeauftragter des Erzbistums Paderborn. Er habe von unseren Bemühungen gehört. Die Idee sei ja einmalig. Das müsse man unbedingt machen: Endlich mal ein echter "Dialog mit der Jugend" usw.
   So schicken wir noch einen zweiten Brief ans Weltjugendtagsbüro, diesmal etwas eindringlicher formuliert. Jetzt kommt auch tatsächlich Antwort, vom WJT-Generalsekretär persönlich. Er zieht die Mauer sehr hoch: Wir brauchten uns um den Dialog zwischen Kirche und Jugend keine Sorgen zu machen. Es gebe im Raum Köln genügend Schulen und Schüler, die den Weltjugendtag in dieser Hinsicht spirituell und logistisch unterstützten. Wir übersetzen: Beten und Stühle schleppen erwünscht; mehr nicht.
   Herr Mensing ist mit dieser Antwort nicht zufrieden: "Dann müssen wir das halt anders machen!" - Wenn schon der Papst keine Zeit habe, müsste sich doch wenigstens irgendeiner der Kardinäle oder Bischöfe für ein Gespräch finden lassen. "Schließlich springen davon zu der Zeit doch etliche hundert in Köln herum!"
   Er empfiehlt uns Kurienkardinal Walter Kasper. Der halte am 17. August eine Katechese in Düsseldorf. Den sollten wir einfach ansprechen.
   Und dann werden wir auch gleich in die Geheimnisse klerikaler Politik eingeweiht: "Aber informieren Sie um Himmels Willen niemanden im Vorfeld darüber, schon gar keinen von den Kirchenoberen! Fragen Sie nicht lange um Erlaubnis, sondern seien Sie einfach da!"

14.8.2005: Fragen

Der Kölner Kardinal Meisner gibt ein Rundfunkinterview. Der Weltjugendtag sei ein Ort, um Fragen zu stellen, lässt er verlauten.
   Wir lauschen erstaunt. Dann fährt er fort: Nämlich ein Ort für Fragen von Gott an uns!
   Nun gut. Auch bei diesem Interview wären wir gerne dabei.

17.8.2005: Unter Pilgern

Interview in der Sakristei Düsseldorfer Innenstadt; Sankt Andreas, 10 Uhr morgens. Die Tore der Kirche stehen weit offen. Am Eingang bekommen wir Stoffsäckchen mit Weizenkörnern überreicht. Drinnen Scharen übermüdeter, doch fröhlicher, singender, beinahe euphorischer Pilger. Wir können diese Euphorie nicht so ganz teilen und dringen ein in eine uns nahezu fremde Welt.
   Drei Stunden sitzen wir hier, eingezwängt zwischen Bank, Kerzenständer und Pfeiler, hören der römisch-katholischen Unterweisung zu und warten mit postierter Videokamera auf unsere Chance. Besonders Stefan, evangelisch und gerade erst von einem Attac-Praktikum zurück, leidet sehr.
   Dann ist es so weit. Nach der Abschlussmesse stellen wir uns den nach draußen Strömenden entgegen und machen uns auf in Richtung Sakristei.
   Walter Kardinal Kasper, "Ökumeneminister" des Vatikan, ist zu einem Interview bereit. Schließlich sei ja gerade auch schon das ZDF da gewesen. - Es werde aber ziemlich politisch, warnen wir ihn. Doch das stört ihn nicht. Bereitwillig gibt er Auskunft zur politischen Rolle der Kirche und der innerkirchlichen Demokratie, zu Multikulti und zur Globalisierung. Überraschend deutlich lobt er hierbei Franz Münteferings Kapitalismuskritik.
   Am Schluss ist er allerdings doch ein wenig irritiert, dass wir so gar nichts Religiöses gefragt haben. "Na ja, ist schon in Ordnung. Politik muss schließlich auch sein!"
   Sagt es und geht dann zum Mittagessen.

Auf ein Neues

Das Hauptmenü des Programms22.8.2005: Erfolgsmeldung

Erster Schultag des neuen Schuljahrs. Nachricht aus München. Wir haben uns mit unserer Politiker-CD-ROM beim Siemens-Wettbewerb "Join Multimedia" durchsetzen können. Einer der ersten drei Plätze. Welcher, ist noch offen. Das wird erst während der Preisverleihung Mitte September verraten.
   Große Zufriedenheit unsererseits. Allerdings kein Erfolg, auf dem man sich ausruhen könnte. Unübersehbar rückt die Bundestagswahl näher. Also sind auch wir wieder gefordert; für die Interviews im neuen Schuljahr allerdings in etwas offenerer Besetzung, nämlich teils mit Gastreportern. Denn inzwischen lernen wir auch einige unserer Mitschülerinnen und Mitschüler aus anderen Klassen und Kursen an.

23.8.2005: Leeres Haus

Attendorn, Centro Don Bosco, 17.00 Uhr. Uwe Beul, SPD-Direktkandidat unseres Wahlkreises, im Wahlkampfstress. Er hat "interessierte Bürgerinnen und Bürger" zum Gespräch mit dem Aussiedlerbeauftragten der Bundesregierung eingeladen.
   Als wir ankommen, ist der Platz vor dem Heim nahezu leer. Drinnen sieht es nicht besser aus. Kaum einer der etwa 100 Sitzplätze ist besetzt; knapp zwanzig Leute teilen sich die Stühle, der harte Kern des SPD-Ortsvereins. Von "interessierten Bürgerinnen und Bürgern" keine Spur, von der eingeladenen Presse auch nicht. Der Aussiedlerbeauftragte Hans-Peter Kemper, MdB spricht vor leerem Haus.
   Anschließend Manöverkritik. "Kein gutes Zeichen für die Wahl!", murmeln einige. "Vielleicht war der Termin nicht besonders glücklich gewählt", meinen die Veranstalter vorsichtig. Da nimmt sich der Trost nur schwach aus, dass ihnen immerhin von Seiten einer prämierten Schülergruppe Aufmerksamkeit zuteil geworden ist.

27.8.2005: Die "Anderen"

Seltener Besuch in Attendorn: mitten auf dem samstäglichen Marktplatz ein Stand der Linkspartei. Direktkandidat Josef Fillipek verteilt Flyer und gibt Auskunft. Was er von der "Männerfreundschaft" Gysi - Lafontaine halte? Er kenne die beiden zu wenig, antwortet er diplomatisch. Allerdings (hinter vorgehaltener Hand): Gysi sei ihm lieber.
   Fast haftet dem Stand ein Geruch von Aussatz an. Die Attendorner, sonst recht aufgeschlossen, meiden die angebotenen Informationen. Und von den anderen Parteien lässt sich heute in der Innenstadt seltsamerweise überhaupt keiner blicken.

29.8.2005: Noch eine spezielle Anfrage

Im Internet recherchieren wir, dass Oskar Lafontaine, Mitglied der WASG und Spitzenkandidat der Linkspartei in NRW, auf seiner Wahlkampftour am 31. August nach Siegen kommen wird. Eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte.
   Umgehend rufen wir bei Ullrich Georgi, dem Siegener Direktkandidaten der WASG, an. Wir kennen ihn von einem Interview im Frühjahr her. Doch Herr Georgi muss passen, obwohl sie zwei Tage später einen gemeinsamen Auftritt haben werden: An Lafontaine komme er nicht heran. Dessen Wahlkampf organisiere im Übrigen die Linkspartei. An deren Zentrale sollten wir uns am besten wenden.
   Daraufhin mehrere Anrufe in der nordrhein-westfälischen Geschäftsstelle der "Linken". Niemand hebt ab. Erst gegen Abend kommen wir endlich durch, haben den Geschäftsstellenleiter selbst am Apparat. Auch er bedauert: Er könne da leider gar nichts festmachen. Denn eine Telefonnummer von Oskar Lafontaine habe auch er nicht. Aber er werde ihn am folgenden Tag während einer Wahlkampfveranstaltung treffen. Da könne er ihn ja mal fragen und uns dann zurückrufen.
   Tatsächlich klingelt am nächsten Abend das Telefon: Ja, der Spitzenkandidat habe einem Interview zugestimmt. "Aber höchstens acht Minuten, nicht länger! Da ist Herr Lafontaine sehr streng!"
   Acht Minuten? Kein Thema. Wir sind Profis.

31.8.2005: Oskar kommt

Siegen, 12.30 Uhr. Wir befinden uns, wie schon im Frühjahr, wieder auf der Siegplatte. Die Tribüne ist diesmal etwas kleiner, rustikaler als seinerzeit die der Grünen. Auf einem der Wahlplakate am Rand steht handschriftlich: "Oskar kommt!" Noch ist er nicht da. Noch spricht dreißig Meter weiter in der Fußgängerzone CDU-Mann Friedrich Merz. Großer Publikumsandrang. Aber auch vor den Infoständen der "Linken" finden sich schon die ersten Interessierten zusammen.
   Am Siegufer begrüßen uns WASG-Kandidat Georgi und der Wahlkampfmanager der Linkspartei. Bei dem Interview bleibe es natürlich, hören wir. Man habe sich aber überlegt, es nicht hier so öffentlich zu machen, sondern lieber drüben im Café. Wir sollten schon mal dorthin gehen und alles aufbauen. Man werde dann Herrn Lafontaine zu uns geleiten.
Während des Interviews    Misstrauisch machen wir uns auf den Weg, mit dem unbehaglichen Gefühl, in dem ganzen Trubel letztlich vergessen zu werden.
   Das Café selbst ist gut gewählt. Schöner Blick aus dem ersten Stock auf den Fluss und die Fußgängerzone. Kleine Bistro-Tische, orangefarbene Wände in Rauputz, rankende Kunstblumen, Kerzenständer, fast etwas Toscana-Atmosphäre. Dazu ein paar ältere Damen, die verwundert unsere Kameras, Mikros und Diktafone betrachten.
   Dann kommt unten plötzlich Unruhe in die Menge. Oskar Lafontaines Limousine fährt vor. Menschentrauben, Jubel, Pfiffe, Reporter und zwei Kamerateams. Kaum ist der Spitzenkandidat ausgestiegen, schnürt er - wir fassen es kaum - wirklich zielstrebig auf unser Café zu, vorbei an allen Notizblöcken und Mikrofongalgen: Exklusiv-Interview mit dem St.-Ursula-Gymnasium!
   Eilig nimmt er an unserem Tisch Platz. Kurzer Händedruck. "Wer stellt die erste Frage?"
   Routiniert spulen wir unseren Fragenkatalog ab; und ebenso routiniert sind seine Antworten, verbunden immer auch mit einem kurzen, belustigten Blick schräg hinter uns. Denn dort spielen sich dramatische Szenen ab. Der Publikumsverkehr im Café ist praktisch zum Erliegen gekommen; stattdessen bevölkert ein Pulk von Sicherheitsbeamten des LKA Saarbrücken, Journalisten und Neugierigen das obere Stockwerk. Am Tisch nebenan sitzt ein "Spiegel"-Reporter und schreibt mit. Irgendwann hängt ein Mikrofongalgen über uns, und eine RTL-Kamera schiebt sich von der Seite her ins Bild.
   Dann sind wir fertig. Siebeneinhalb Minuten. Oskar Lafontaine ist zufrieden. Schneller Abschied, dann zieht der ganze Tross in Richtung Siegplatte ab. Zurück bleiben nur wir, die älteren Damen und eine befremdete Bedienung.
   Unten ist der Platz inzwischen richtig voll geworden. Nicht nur die "eigenen" Leute, auch das Merz-Publikum von nebenan hat sich eingefunden; denn der CDU-Redner ist mittlerweile abgereist.
   Warum er denn nicht etwas früher gekommen sei, wird Lafontaine von einem Reporter gefragt. Dann hätte er sich doch mit Friedrich Merz direkt auseinander setzen können. - Darauf habe er keinen Einfluss, kontert Lafontaine. Den Zeitplan für die Wahlkampfroute habe die Partei schon vor langer Zeit festgelegt.
   Wir wissen es anders: Lafontaines Auftrittstermin ist, als bekannt war, dass Merz kommen werde, kurzfristig eine halbe Stunde nach hinten geschoben worden.

3.9.2005: Zwei Wiedersehen

Attendorn, Fußgängerzone. Ein sonniger Samstagmorgen, und so sind alle Parteien irgendwie, irgendwo unterwegs. Selbst die kleine MLPD ist mit einem Stand vor dem Südsauerlandmuseum vertreten.
   Direkt unter dem Turm des Sauerländer Doms hat traditionell die SPD ihren roten Schirm aufgebaut. Dort gibt es ein Wiedersehen mit Bundestagskandidat Uwe Beul. Er verteilt Infoblätter und Wahlkampf-Kugelschreiber. Auch einer älteren Passantin bietet er die Präsente an. - "Danke, aber ich hab Sie schon gewählt", sagt die. "Per Briefwahl!" - Uwe Beul nickt: "Das ist schön. Aber nehmen Sie's ruhig trotzdem mit!" - Die Dame greift zu und stutzt dann: "Das ist ja von der SPD! Nee, dann will ich's nicht!" Und schon ist sie weg. Gequält grinst uns der Kandidat zu.
   Ein paar Meter weiter steht sein Kontrahent von der CDU: "Titelverteidiger" Hartmut Schauerte. Da unser letztes Interview auf den Tag genau schon ein halbes Jahr her ist, stellt Anna Carla ein paar zusätzliche Fragen zur aktuellen Wahl. Außerdem erhält sie einen der begehrten CDU-Echtholz-Wahlkampfkugelschreiber, der in ihrem inoffiziellen Parteikugelschreibertest Platz eins für höchsten Schreibkomfort belegen wird (am schlechtesten schneiden übrigens die Landtagswahl-Kulis der PDS ab; die MLPD läuft außer Konkurrenz, sie verteilt nur Bleistifte).
   Zum Schluss haben wir noch ein Anliegen: Wir hätten gehört, am 15. September komme der frischgebackene Ministerpräsident Jürgen Rüttgers nach Meinerzhagen in die Stadthalle. Ob man an den da wohl herankommen könne? - Schauerte überlegt kurz. "Das müsste möglich sein", sagt er dann. Und auf unsere Frage, an wen wir uns wegen eines Interviewtermins mit Herrn Rüttgers denn nun am besten wenden sollten, fällt seine Anwort noch kürzer aus: "An mich!"

15.9.2005: Ansichten zur Rechtschreibreform (1)

Rüttgers in Meinerzhagen Meinerzhagen, Stadthalle, 19.00 Uhr. Der Ministerpräsident verspätet sich. Schuld sind, so die örtlichen CDUler, "die Grünen"; denn die haben am Nachmittag im Landtag, vermutlich aus reiner Bosheit, eine namentliche Abstimmung beantragt. Da gelte dann leider bis zum Schluss Anwesenheitspflicht.
   Ähnlich wie bei der Kauder-Veranstaltung im Frühjahr drücken wir durch unser Erscheinen den Altersdurchschnitt der Anwesenden erheblich; aber immerhin: Es sind Leute anwesend, und zwar reichlich.
   Als Jürgen Rüttgers eine halbe Stunde später immer noch nicht auf der Bühne ist, senkt Hartmut Schauerte für alle Gäste den Getränkepreis auf einen Euro; den Rest werde er aus eigener Tasche bezahlen. Beifall der Wartenden. Der geladene Fanfarenzug Meinerzhagen spielt dankbar ein paar Extrarunden Musik.
   Gegen acht ist Rüttgers dann endlich da, sichtlich geschafft von des Tages Last. Zuerst redet Schauerte, dann er. Danach gibt's die Nationalhymne, und dann sind wir dran. Diesmal machen wir ein "Fragen-Special" zur Rechtschreibreform, die Rüttgers für NRW gerade ausgesetzt hat. Natürlich verteidigt er seine Entscheidung ausführlich. Erst als Stefan eine etwa einminütige Abschlussfrage zu seinem Lieblingsthema (Einheitsschule) stellt und daraufhin Unruhe bei den Umstehenden aufkommt, mahnt Rüttgers zur Kürze. Schließlich warte der Fanfarenzug schon eine ganze Weile auf das Gruppenbild mit Ministerpräsident.

17.9.2005: Ansichten zur Rechtschreibreform (2)

München, Veranstaltungshalle "Avalon", 20.00 Uhr. Preisverleihung "Siemens Join Multimedia 2005". Tatsächlich holen wir den ersten Platz. Sehr intensive, doch kurze allgemeine Freude, dann geht's gleich wieder an die Arbeit: Wir wollen nämlich auch Jurymitglied Johanna Wanka, die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, interviewen.
   Der Veranstalter Siemens ziert sich ein wenig, ist skeptisch, ob man die Frau Ministerin mit dergleichen behelligen dürfe. Wir sind da bedeutend zuversichtlicher. Wenn unser Projekt bisher etwas gezeigt hat, dann dies: Politikerinnen und Politiker sind, zumindest Schülergruppen gegenüber, weitaus aufgeschlossener und wohlwollender, als sich das die meisten vorstellen. Am deutlichsten hat das uns gegenüber einmal Hartmut Schauerte formuliert: "Mauern der Distanz werden häufig nicht von denen, die oben sind, aufgebaut, sondern die werden von denen 'gedacht', die vermeintlich unten sind. Das ist so wie beim Maurer auch; der fängt unten an zu mauern, nicht oben. Zu mir kann jeder kommen!"
   Und so ist es bei Frau Wanka dann auch. Natürlich hat sie Zeit für uns. Und ganz andere Ansichten zur Rechtschreibreform als ihr Parteifreund Rüttgers hat sie ohnehin. Und die äußert sie dann auch sehr deutlich.

18.9.2005: Die Würfel fallen, auch im Bund

Der Tag der Tage. Bundestagswahl. Die Parteien am Abend ratloser denn je. Für Schwarz-Gelb hat's nicht gereicht, für Rot-Grün ohnehin nicht. Dafür hat die Linkspartei mit der Doppelspitze Lafontaine - Gysi den (Wieder-)Einzug in Fraktionsstärke geschafft.
   Erst Tage später klären sich die Fronten. Keine Ampel, keine "Schwampel", sondern eine Große Koalition mit Merkel als Kanzlerin, Müntefering als Vizekanzler, Steinbrück als Finanzminister und Kauder als CDU/CSU-Fraktionschef. Lauter bekannte Gesichter auf den Fernsehschirmen. Aber jetzt, wo wir sie etwas näher kennen, sehen wir sie mit anderen Augen, menschlicher vielleicht.

21.9.2005: Europäische Erweiterung

Das Basisarbeit-Modul des ComputerprogrammsVorläufige Bilanz unseres Projekts: rund 42 Stunden Videofilmmaterial, 18 Stunden Audioaufzeichnungen, etwa 3.000 Fotos sowie Interviewmitschriften in Buchdicke. Dazu ein interaktives Computerprogramm für die, die sich eher schnell und gezielt informieren wollen, und eine ausführliche Internet-Präsentation zum "Traumjob Politiker?" für die besonders Gründlichen zum Schmökern. - Mit anderen Worten: Stoff für mehrere Jahre Politik- und Sowi-Unterricht.
   Und was lässt sich aus diesen Materialien nun konkret lernen? Vor allem, dass Politik in der Regel weit weniger spektakulär abläuft, als es die Medien darstellen. Dass das politische Tagesgeschäft durchgängig von Kompromissen lebt. Dass zur politischen Arbeit Visionen, zumindest Ziele gehören und dass reichlich "Wille zur Macht" erforderlich ist, um sich diesen Zielen nähern zu können. Dass Abgeordnete im Übrigen aber auch nur ganz gewöhnliche Menschen mit Schwächen und Fehlern sind - und dass sie hin und wieder sogar so ehrlich sind, dies zuzugeben.
   Natürlich ist auch einiges offen und strittig geblieben: Die Frage zum Beispiel, ob sich der Status von Frauen in der Politik inzwischen verbessert hat. Oder die Fragen, wie viel Populismus zur Durchsetzung des eigenen Willens erforderlich ist und wie man in diesem Zusammenhang mit den Medien umzugehen hat.
   Und welchen Nutzen haben wir persönlich aus dem Projekt gezogen? Ein gestärktes Selbstvertrauen vermutlich. Wer Polit-Promis interviewen will, muss leidlich stressfest sein. Auch einen gehörigen Zugewinn an Durchsetzungskraft - immerhin haben wir es geschafft, uns gegenüber unserer professionellen Konkurrenz von Presse, Rundfunk und Fernsehen zu behaupten. Eine Prise Problembewusstsein, besonders was die Macht der Medien angeht: nämlich ein Gespür dafür, dass es manchmal ganz schön schwierig ist, Politiker-Statements auf die berüchtigten anderthalb Minuten Sendezeit zu reduzieren und dabei mit Bild- und Tonausschnitten nicht zu manipulieren. Und, last but not least, sicherlich die Steigerung dessen, was die Lehrer so gerne "Teamfähigkeit" nennen.
   Apropos Team. Nachmittags um drei ein Anruf aus dem CDU-Europabüro in Meschede: Unser Wunsch nach einem Termin mit Peter Liese, Mitglied des Europäischen Parlaments, für den 21. Oktober geht klar.
   Nach unseren Blicken in den Landtag und in den Bundestag erweitern wir nun also unseren Gesichtskreis. Europa - das heißt: Diskussionen um die Währungsunion, um die EU-Verfassung, um Agrarsubventionen, um den Türkeibeitritt, um die Gemeinsame Sicherheits- und Außenpolitik. Themen genug. Wir machen weiter.


©  Anna Carla Kugelmeier und Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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