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Interview

Johanna Wanka, MdL   Johanna Wanka,
Jahrgang 1951,
Mitglied des brandenburgischen Landtags (CDU),
Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur
des Landes Brandenburg,
Präsidentin der Kultusministerkonferenz

Persönlichkeitsmerkmale

Frau Ministerin, welche Eigenschaften sollte Ihrer Ansicht nach jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Ich denke, in allererster Linie muss er etwas für die Menschen übrig haben. Er muss etwas bewegen wollen. Ein Stückchen "Wille zur Macht" ist, denke ich, ganz hilfreich. Und er muss alles tun, damit die Menschen ihm vertrauen - unabhängig davon, wie unpopulär das ist, was man dann zum Teil durchsetzen muss.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen - und Sie sagen mir dann, ob man sie braucht?

Ja.

Zielgerichtetheit?

Ist nicht schädlich.

Idealismus?

Ja.

Altruismus?

Ja, auch.

Populismus?

Nein.

Kompromissbereitschaft?

Ja, auf jeden Fall.

Taktisches Geschick?

Ja. Auch auf jeden Fall.

Charisma?

Es geht auch ohne, aber mit ist es bequemer.

Skrupellosigkeit?

Eigentlich nicht.

Gutes Aussehen?

Nein.

Medienwirksamkeit?

Es ist - leider - gut, wenn man die in der Politik hat.

Unverwechselbarkeit?

Nein, die würde ich nicht als zwingend ansehen.

Fehler und Visionen

Welche Fehler sollte ein Politiker bzw. eine Politikerin auf keinen Fall machen?

Zusagen abgeben, von denen man jetzt schon weiß, dass man sie nicht einhalten kann. Das ist das Schlimmste, weil die Menschen dann kein Vertrauen mehr in die Politik haben.

Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Oh, das ist jetzt eine gemeine Frage! Vielleicht war ich manchmal zu optimistisch und dachte: Ich krieg die andern schon rum und kriege eine Sache hin. Das ist mir zum Beispiel schon passiert.

Bereuen Sie Ihre Fehler?

Während der "Join Multimedia"-Preisverleihung (mit Pro7-Moderatorin Sylvia Laubenbacher) Ja. Ich ärgere mich manchmal sehr. Vor allen Dingen, wenn man im Nachhinein denkt: Wenn man etwas geschickter gewesen wäre, hätte man etwas erreichen können. Doch; ich ärgere mich sehr über meine Fehler - Sie nicht?

Freuen Sie sich, wenn Ihre Gegner Fehler machen?

Auch. Schadenfreude gehört zu den menschlichen Grundeigenschaften.

Auch wenn es Fehler sind, die die Gemeinschaft betreffen?

Nein. Es klang jetzt vielleicht so, als wenn die Freude über den Fehler wichtiger wäre als der Fehler selbst. So ist es nicht. Aber natürlich hat man ein Maß an Schadenfreude, gerade in der Politik.

Brauchen Politikerinnen bzw. Politiker Visionen?

Ja. Man muss etwas wollen. Wenn man nur versucht, Tagesgeschäfte zu erledigen, ist das viel zu wenig. Und dann kann man auch keinen begeistern.

Und welche Visionen sind das?

Es kommt ganz darauf an, in welchem Politikfeld man tätig ist oder in welchem Land man sich befindet. Es ist sicherlich in einem Land wie Brandenburg anders als in Nordrhein-Westfalen oder Bayern.

Frisst der politische Alltag diese Visionen auf?

Die Gefahr besteht. Aber sie ist nicht zwingend.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei. Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Verwirklichen... - Mir wünschen würde ich, dass es nirgendwo Krieg gibt.

Praktische Politik

Kommen wir mal zur praktischen Politik, und zwar zu der, die uns Schülerinnen und Schüler direkt betrifft, nämlich zur Bildungspolitik. - Als im Sommer in Nordrhein-Westfalen Jürgen Rüttgers Ministerpräsident wurde, war eine seiner ersten Amtshandlungen, die Rechtschreibreform auszusetzen. Wie beurteilen Sie als Vorsitzende der Kultusministerkonferenz dieses Vorgehen?

Das war im höchsten Maße ärgerlich. Denn die Ministerpräsidenten aller Bundesländer hatten ein Jahr zuvor uns, die Kultusminister, beauftragt, diese Reform mit ganz klaren Randbedingungen in Kraft zu setzen. Wir haben das erfüllt und übererfüllt. Und dann fällt vierzehn Tage vor dem Termin einem - oder in diesem Fall zwei - Ministerpräsidenten ein, es nun doch anders zu wollen! - Also, das hat auch die Gegner der Rechtschreibreform nicht erfreut. So kann man nicht vorgehen!
   Wissen Sie, die Ministerpräsidenten müssen sich untereinander verständigen. Da ist kein Druck von außen. Und wenn sie sich in einem Punkt verständigt haben, dann muss das halten. Es kann nicht sein, dass man die eigenen Beschlüsse vierzehn Tage später wieder kippt. Das war das Ärgerlichste daran.

Brandenburg hat die Reform - zumindest in Teilen - in Kraft gesetzt. Weshalb?

Nicht nur Brandenburg, sondern alle Minister (es gab keinen einzigen, der dagegen war) hatten in der Kultusministerkonferenz beschlossen, dass ab 1. August 2005 die Reform in allen unstrittigen Teilen in Kraft tritt. In diesen unstrittigen Teilen wird ab jetzt alles als Fehler angerechnet, und in den drei strittigen Bereichen werden jetzt noch mal vom Rat für Deutsche Rechtschreibung Nachbesserungen überlegt. Genau das haben wir in Brandenburg umgesetzt - wie in allen Bundesländern mit Ausnahme von Bayern und Nordrhein-Westfalen.

KMK-Präsidentin Wanka mit dem Attendorner Siegerteam Wir haben in Deutschland ja nun etwas, was wir noch nicht einmal während des Ost-West-Konflikts hatten, nämlich zwei Rechtschreibungen. Ist das nicht ein Zeichen für pure Kleinstaaterei?

Noch haben wir nicht zwei Rechtschreibungen, sondern in Nordrhein-Westfalen und in Bayern werden die Dinge, die wir in den anderen Bundesländern jetzt schon als Fehler anstreichen, noch nicht als Fehler gewertet. Das heißt, die Kinder lernen ganz genauso, aber es wird noch nicht als Fehler gewertet. - Was aber noch viel schlimmer wäre: Wir haben die Reform ja mit der Schweiz und mit Österreich abgesprochen; es ist ja keine Sache, die nur Deutschland betrifft. Wenn dieser gesamte deutsche Sprachraum jetzt auseinander fallen würde, dann würde das, denke ich, niemand verstehen.

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang das Verhältnis von Politik und Wissenschaft? Haben Sie als Politikerin sich von den deutschen Sprachwissenschaftlern acht Jahre lang (und länger) an der Nase herumführen lassen? - Man könnte auch umgekehrt fragen: Mit welchem Recht mischt sich überhaupt die Politik in Fragen der deutschen Rechtschreibung ein?

Nun gut; da haben wir grundgesetzliche Regelungen. Was die Sprache in unseren Schulen betrifft, da hat die Politik nach unserer Gesetzgebung schon die Kompetenz zu entscheiden. Im Übrigen war die Grundidee für die Rechtschreibreform gut. Die Grundidee war ja, es einfacher zu machen - und ich hoffe, das merken Sie auch: die deutsche Sprache, die sich durch ganz viele Ausnahmetatbestände und Einzelfallbeispiele auszeichnet, stärker an Regeln zu orientieren. - Ein Fehler der Politik war es dann allerdings, dass man, als klar war, dass bei diesen Vereinfachungen - Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung - sehr viele berechtigte Proteste vorhanden waren, das über Jahre zwar nicht ignoriert, aber dass man sich nicht genügend darum gekümmert hat. Erst im letzten Jahr haben wir dann in der Kultusministerkonferenz diesen Rat für Deutsche Rechtschreibung eingesetzt und haben gesagt: In den drei Bereichen, in denen die Gesellschaft am unzufriedensten ist, wird noch mal korrigiert. Das war, so denke ich, von der Politik vernünftig, aber man hätte das wahrscheinlich schon Jahre eher machen können.

Ein anderer Aspekt: Sie sind jetzt hier zur "Join Multimedia"-Preisverleihung nach München gekommen. Welche Bedeutung messen Sie generell Schülerwettbewerben wie dem von Siemens bei?

Wir haben ja eine Reihe von Wettbewerben für Schüler und für Studenten. Ich denke, das ist ganz wichtig. Die Kultur, sich an solchen Wettbewerben zu beteiligen, ist in Deutschland noch gar nicht so ausgeprägt.
   In diesem Jahr haben wir hier bei "Join Multimedia" die Situation, dass es mehrere deutsche Preisträger gibt. In den letzten Jahren waren dagegen kaum welche dabei. - Also, ich denke, solche Wettbewerbe sind ganz, ganz wichtig, um Eigeninitiative anzuregen, um die Schüler dazu anzuregen, Dinge zu machen, die sie nicht machen müssen, die im Unterricht nicht zwingend sind. Denn diese Einstellung braucht man auch nachher im Beruf: Eigeninitiative, Spaß an der Arbeit, etwas Neues ausprobieren, zusammenarbeiten.

Sehen Sie in solchen Schülerwettbewerben vielleicht auch Gefahren, zum Beispiel eine zu enge Verquickung von öffentlicher Schule und Privatwirtschaft?

Das könnte passieren; ich sehe es aber zum Beispiel bei diesem Preis hier überhaupt nicht - und auch bei anderen nicht. Man sollte auch nicht immer diese Urangst haben, die zum Teil im deutschen Schulsystem - auch im Hochschulsystem - nur allzu ausgeprägt ist: die Angst, vereinnahmt zu werden. Die ist unnötig.

Das Interview wurde am 17.9.2005 am Rande der "Join Multimedia"-Preisverleihung in München geführt. Die Fragen stellten Julia-Kristin Klein und Kerstin Rüenauver.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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