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Interview

Ingo Wolf, MdL   Ingo Wolf,
Jahrgang 1955,
Mitglied des NRW-Landtags (FDP),
Minister für Inneres und Sport
des Landes Nordrhein-Westfalen

Persönlichkeitsmerkmale

Herr Minister, ist Politiker Ihr Traumberuf?

Im Gespräch Er macht mir sehr viel Freude, aber es ist nicht so, dass ich das vorher geplant hätte. Es hat sich mehr so ergeben. Jetzt mache ich es aber mit voller Freude.

Wie sind Sie zur FDP gekommen?

Ich bin im Alter von 32 Jahren eingetreten. Vom Herzen her war ich allerdings immer Liberaler und habe die FDP auch schon gewählt, bevor ich in die Partei eingetreten bin.

Welche Eigenschaften sollte jemand haben, um in der Politik erfolgreich zu sein?

Er sollte sachkompetent sein. Er sollte auch in hohem Maße glaubwürdig und geradlinig sein. Notwendig ist außerdem, dass er verlässlich ist und zu dem steht, was er vor der Wahl gesagt hat. Das sind, glaube ich, ganz wichtige Voraussetzungen.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen, und Sie sagen mir, ob man diese benötigt?

Ja...

Zielgerichtetheit?

Ja.

Idealismus?

Bei dem hohen Freizeiteinsatz, den man hat, weil man auch zu ungünstigen Zeiten Dienst machen muss, gehört eine Portion Idealismus dazu.

Altruismus?

Der ist wünschenswert, denn es geht letztendlich ja darum, etwas für die Gesellschaft zu bewegen und zu gestalten.

Populismus?

Den finde ich gar nicht gut. Wir haben sehr viele populistische Thesen, die natürlich in den Zeitungen guten Widerhall bekommen. Aber ich meine, die Menschen wollen vor allem, dass man ehrlich auftritt und dass man, wie ich schon sagte, als Person glaubwürdig ist.

Kompromissbereitschaft?

Die braucht es natürlich. Denn bereits in der eigenen Partei gibt es ja durchaus widerstreitende Interessen. Und spätestens in einer Koalition muss man natürlich die Bereitschaft zum Kompromiss haben. Häufig ist es auch so, dass sich daraus am Ende eine gute Lösung ergibt. Es dürfen nur keine faulen Kompromisse sein.

Taktisches Geschick?

Taktisches Geschick muss man haben, das ist klar. Man muss beispielsweise wissen, zu welcher Zeit man welche Vorschläge macht. Aber natürlich nicht in dem Sinne, dass man die Dinge auf die lange Bank schiebt und notwendige Reformen nicht durchführt.

Wille zur Macht?

Das ist ein Begriff, der meines Erachtens nicht trägt. Es geht nicht um "Macht". Es geht darum, dass man etwas gestalten kann, dass man für die Menschen etwas bewegen kann. Ich glaube aber nicht, dass man nach persönlicher Macht streben sollte.

Charisma?

Charisma ist sehr hilfreich. Es führt dazu, dass man die Menschen leichter überzeugen kann, dass man besser auf sie zugehen kann. Insofern ist Charisma eine wichtige Eigenschaft.

Skrupellosigkeit?

Die gehört nicht in die Politik. Es gibt sie allerdings nicht selten.

Gutes Aussehen?

Natürlich ist es schon hilfreich, wenn man eine gewisse Sympathie auf sich zieht. Insofern kann es durchaus von Vorteil sein, wenn einen die Menschen als angenehm - auch als äußerlich angenehm - empfinden.

Medienwirksamkeit?

Die ist in unserer heutigen Gesellschaft absolut wichtig. Man muss mit den Medien arbeiten, man muss sich auf sie einstellen. Man sollte sich ihretwegen allerdings nicht verbiegen lassen.

Unverwechselbarkeit?

Wer die hat, hat große Vorteile. Man sollte daran arbeiten, dass man ein eigener Typ bleibt und sich nicht zu sehr abschleifen lässt.

Fehler

Welchen Fehler sollte ein Politiker oder eine Politikerin auf keinen Fall machen?

Es ist ganz wichtig, dass man sich nicht von seinen festen Überzeugungen löst. Was man vorher zu tun verspricht, muss man hinterher auch tun.

Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Diesen jedenfalls nicht. Wir haben in Nordrhein-Westfalen gezeigt, dass wir jetzt das tun, was wir vorher gesagt haben. Das bringt uns eine große Akzeptanz in der Bevölkerung.

Freut es Sie, wenn Ihre politischen Gegner Fehler machen?

Mir ist es am liebsten, wenn wir für alle Menschen im Lande zu guten Ergebnissen kommen. Insofern ist Häme an dieser Stelle nicht angesagt, sondern es geht darum, dass wir - auch politisch - Gutes für unsere Bürgerinnen und Bürger bewirken können.

Medien

Politik spielt sich heutzutage vielfach über die Medien ab - vor allem über das Fernsehen, zum Beispiel in Politik-Talkshows. Ist das eher ein Segen oder ein Fluch?

Also, die Talkshows sind häufig schon grenzwertig, weil sie durch ihre Kurzatmigkeit und ihren Häppchen-Charakter natürlich eine intensive Diskussion kaum noch zulassen. Wenn man nur darauf hinarbeitet, den nächsten Klatsch-Akkord zu kriegen oder den nächsten Lacher zu ernten, dann wird das häufig der schwierigen Lage nicht gerecht. Politik ist heute vielfach sehr kompliziert, sehr komplex. Und das eignet sich dann eben nicht für eine nur sehr kurzatmige Diskussion.

Betrachten Sie die Massenmedien als "vierte Macht" im Staat?

Dass sie eine solche Macht darstellen, das wird man sicherlich nicht bezweifeln dürfen. Es ist deshalb wichtig, dass man immer wieder deutlich macht: Die Entscheidungen werden im Parlament getroffen und nicht durch die Zeitung mit den vier Buchstaben.

Horst Seehofer, der jetzige Landwirtschaftsminister, hat in einem Fernsehinterview vor einiger Zeit zugegeben, dass er jeden Morgen, an dem er sich nicht in der Zeitung fand, deprimiert gewesen sei. Deshalb unsere Frage: Macht Politik süchtig - vor allem mediensüchtig?

Das mag bei vielen so sein. Ich pflege das immer sehr gelassen zu handhaben. Wenn man etwas zu sagen hat, sollte man das tun. Aber man sollte nicht danach streben, jeden Tag irgendwo in der Zeitung zu stehen. Das ist nicht der Sinn von Politik. Die Menschen können dadurch einer Person oder Richtung auch leicht überdrüssig werden.

Können Sie sich ein Leben ohne Politik vorstellen?

Das ist die berühmte Frage des Loslassens. Ich könnte mir das sehr gut vorstellen. Ich habe schon so viele unterschiedliche Berufe im Leben gehabt, dass ich sehr wohl auch etwas anderes machen kann. Und ich habe auch eine sehr gute Ausbildung, um gegebenenfalls etwas anderes zu machen.

Kirche und Politik

Kirche und Politik - Wie passt das zusammen?

Ich persönlich gehöre der evangelischen Kirche an und glaube, dass das sehr wohl zusammenpasst. Es ist wichtig, dass man die Themen, die die Kirche anspricht - die ja auch im politischen Alltag gesellschaftliche Themen sind -, mit berücksichtigt. Und das tun wir in ständigen Gesprächen beispielsweise mit der evangelischen, mit der katholischen Kirche, auch mit der jüdischen Glaubensgemeinschaft.

Inwieweit dürfen sich Kirchenvertreter in die Politik einmischen? Ich denke da zum Beispiel an die Krippenpolitik oder die Stammzellenforschung.

Ich denke, dass jeder in einer Demokratie das Recht hat, seine Meinung zu sagen. Und es ist auch wichtig, dass es unterschiedliche Meinungen gibt, damit Politik auswählen kann, damit daraus eine gute politische Entscheidung hergeleitet werden kann. Insofern ein klares Ja: Natürlich haben die Kirchen auf ihre Art und Weise eine Mitwirkungsberechtigung - aus meiner Sicht sogar eine Pflicht.

In diesem Zusammenhang eine eher intime Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ich glaube, diese intimen Fragen gehören nicht in ein solches Interview.

Dann frage ich mal so: Welche Konsequenzen ziehen Sie aus Ihrem Glauben für Ihre konkrete politische Arbeit?

Entscheidend ist, dass das, was sich letztendlich auch im Glauben widerspiegelt, nämlich eine gewisse Grundsatztreue, eine gewisse Festigkeit und Verlässlichkeit - dass dieses wichtige Eigenschaften sind, die man auch in der Politik braucht.

Visionen

Brauchen Politiker Visionen?

Sie zielen sicherlich auf die Äußerung von Helmut Schmidt ab, der mal gesagt hat, wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. Ich glaube, dass es schon wichtig ist, dass man eine gewisse Perspektive hat, dass man überlegt: Wie soll unser Land in fünf oder zehn Jahren aussehen? (Wobei es natürlich für alle schwierig ist, das zu prognostizieren.)
   Vernünftig ist es also, einerseits eine feste Überzeugung zu haben, andererseits aber möglichst auch eine Langfrist-Perspektive.

Frisst der politische Alltag diese Vision, diese Langfrist-Perspektive auf?

Es wird sicherlich immer so sein, dass man von den Idealen, die man hat, Abstriche machen muss. Wenn ich als Liberaler sehr freiheitliche Vorstellungen habe, werden die sich nicht immer alle verwirklichen lassen. Aber es ist wichtig, dass man daran arbeitet, möglichst viele von den Inhalten zu verwirklichen.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee, und Sie hätten einen (aber wirklich nur einen!) politischen Wunsch frei: Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Mein klarer Wunsch ist, dass wir ein hohes Maß an Freiheit in dieser Gesellschaft haben und dass es möglichst viele Menschen gibt, die den großen Charme der Freiheit erkennen und nicht immer nach dem Gegenteil, nach der Einschränkung von Freiheit rufen.

Das Interview wurde am 20.9.2008 in Düsseldorf geführt. Die Fragen stellten Anna Carla Kugelmeier, Lea Brohsonn und Sebastian Rabe.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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