Unterrichts-Dokumente

Zur Übersicht   Friedenssicherung im 21. Jahrhundert


Anmerkungen zu Samuel P. Huntingtons Buch
"Kampf der Kulturen"

Von Florian Damm


Der vorliegende Beitrag ist das Ergebnis einer Leistungskurs-Klausur in der Jahrgangsstufe 13 vom 6.12.2002. Die Aufgabenstellung lautete wie folgt:

  1. Formulieren Sie die Kernthesen des Buchs "Kampf der Kulturen"!
  2. Prüfen Sie die Äußerungen Huntingtons zum Afghanistankrieg (1979ff) und zum Golfkrieg (1991) darauf, inwiefern sie seine Thesen zum "Kampf der Kulturen" be- oder aber auch widerlegen! (Vgl. S.400-410.)
  3. Erörtern Sie, ob bzw. inwiefern die bisherige bzw. die zukünftige NATO-Osterweiterung mit Huntingtons Thesen vereinbar ist!


Die Kernthesen des Buchs

In seinem Buch "Kampf der Kulturen" geht Samuel P. Huntington davon aus, dass das Weltgeschehen nicht mehr durch Bipolarität wie zu Zeiten des Kalten Krieges gekennzeichnet ist, sondern von dem Zusammenleben verschiedener Kulturen geprägt wird. Diese multikulturelle Welt unterteilt der Autor in acht Kulturkreise (westlich, afrikanisch, sinisch, hinduistisch, islamisch, japanisch, lateinamerikanisch und orthodox).

Buchumschlag Den Ursprung dieser Kulturkreise sieht Huntington in der Tatsache, dass sich die verschiedenen Völker nach Beendigung des Ost-West-Konflikts neu definieren mussten, d. h. sie haben sich die Identitätsfrage gestellt und diese zumeist in der Religion beantwortet gefunden.

Zudem behauptet der Autor, der Einfluss auf die Weltpolitik verschiebe sich langsam, aber sicher im Vergleich zur Zeit des Kalten Krieges. Die islamische bzw. die sinische Kultur seien auf dem Vormarsch.

Der Prozess der Entdeckung und des Vormarschs der islamischen Kultur bzw. das Wiederaufleben nichtwestlicher Werte (Indigenisierung) liegt dem Autor zufolge darin begründet, dass der Islam als Glaubensrichtung neuen Zusammenhalt in der islamischen Kultur geschaffen hat und der Islam als Staats- bzw. Lebensform fast überall Anerkennung findet. Dieses Phänomen der Islamischen Resurgenz findet sich auch in dem Aspekt, dass die Muslime den Islam als Lösung ihrer Identitätskrise ausgemacht haben und westliche Werte infolgedessen zumeist strikt ablehnen.

Weiter sieht Samuel Huntington den Islam bzw. die islamische Kultur deshalb auf dem Vormarsch, weil die Bevölkerungsexplosion in muslimisch geprägten Nationen dazu führt, dass der Islam in der Welt große Verbreitung findet. Zudem hält er den Aspekt für wichtig, dass die islamistischen Bewegungen in den muslimischen Nationen immer mehr Zulauf erhalten und die Politik im Wesentlichen aufgrund dieses großen Zulaufs in gewisser Weise mitbestimmen.

Den Vormarsch der sinischen Kultur begründet Huntington anhand der Tatsache, dass die asiatischen Wirtschaften (besonders die chinesische) boomen und ihre wirtschaftliche Macht dazu führt, dass sie ihre Kultur als Ursprung des Booms sehen und infolgedessen ihre Kultur auf einer Skala vor der westlichen ansiedeln. Sie ignorieren also auch die westlichen Werte und versuchen bei Konflikten auf Weltebene (z. B. hinsichtlich der Achtung der Menschenrechte) ihren eigenen, asiatischen bzw. sinischen Weg zu gehen. Samuel Huntington nennt dieses Phänomen des asiatischen Vormarsches Asiatische Affirmation.

Nach Meinung des Autors ist der Westen im Begriff zu verblassen; in erster Linie, da er sich dem Vormarsch der islamischen bzw. sinischen Kultur stellen muss, wobei er zwangsläufig Einfluss einbüßt.

Der Westen, so Huntington, verliert seine Vormachtstellung in der Welt umso mehr, als vor allen Dingen die beiden oben beschriebenen Kulturkreise unter wirtschaftlichen, demografischen und militärischen Gesichtspunkten aufgeholt haben und nicht mehr oder nicht mehr vollständig in Abhängigkeit des Westens existieren. Da der Westen - insbesondere die USA - jene Aspekte aber nicht wahrnehmen will bzw. andere Kulturen und deren Werte nicht anerkennen, sondern die westlichen Werte wie z. B. Demokratie verbreiten möchte (siehe NATO-Osterweiterung), sieht Huntington die Entstehung eines erhöhten Konfliktpotentials zwischen den USA und dem Islam bzw. Asien.

Die größte Gefahr will Huntington in der islamischen Kultur erkennen, da schon jetzt viele so genannte Transitions- bzw. Bruchlinienkriege zwischen Muslimen und Nichtmuslimen geführt würden. Diese Bruchlinienkriege begründet Huntington mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, da zur Zeit der Sowjet-Herrschaft kulturelle Strömungen unterdrückt worden seien und sich nun "Bahn brächen".

Alles in allem kann man sagen, dass Huntington den Einfluss des Westens aufgrund der Islamischen Resurgenz bzw. der Asiatischen Affirmation schwinden sieht und als Konsequenz - im Gegensatz zu Fukuyama, der das Ende der Geschichte nach Beendigung des Kalten Krieges prophezeite - neue, sich in der Entstehung befindende Konflikte aufzeigt.

Kritische Anmerkungen

Huntington versucht seine These vom "Zusammenprall der Kulturen" an verschiedenen zeitgeschichtlichen Beispielen nachzuweisen; denn schon in einigen Konflikten der jüngeren Vergangenheit, so der Autor, zeichne sich die künftige Entwicklung ab. Besonders der Afghanistankrieg (ab 1979) und der zweite Golfkrieg (1991) müssen ihm als Belege für diese Behauptung herhalten (vgl. S.400-410). Genau diese Beispiele machen jedoch auch deutlich, dass Huntingtons Argumentation zum Teil auf tönernen Füßen steht.

(1) So kann man den Afghanistankrieg schon deshalb nicht als "Kampf der Kulturen" bezeichnen, da sich nicht zwei Kulturen gegenüberstanden. Auf der einen Seite befanden sich zwar die Muslime, auf der anderen Seite jedoch kämpften die Sowjets, die eine ideologische, aber keine kulturelle Macht darstellten. In dieser Tatsache verbirgt sich ein Kritikpunkt gegenüber dem gesamten Buch, da die Sowjetunion oftmals als Orthodoxie bezeichnet wird, zur Zeit des Kalten Krieges in der vom Sozialismus geprägten UdSSR jedoch kein großer Wert auf Religion gelegt wurde.

(2) Nimmt man Huntingtons Kernthesen wirklich ernst, so hätten die USA dem muslimisch geprägten Afghanistan keine finanzielle bzw. militärische Unterstützung zukommen lassen dürfen, da sich ja so zwei verfeindete Kulturen verbündeten.

(3) Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob die antisowjetische Kriegskoalition der Afghanen die Hilfestellung der USA tatsächlich, wie an einer Stelle im Buch bezüglich der arabischen Kriegsfreiwilligen angedeutet wird (vgl. S.402), als "unmoralisch" und "subversiv gegen den Islam" empfand. Denn ohne diese Hilfeleistungen wären die Afghanen bzw. Muslime technologisch benachteiligt gewesen, so dass sie den Krieg wahrscheinlich niemals für sich hätten entscheiden können.

Andererseits lassen sich die Thesen Huntingtons in Sachen Afghanistankrieg insofern belegen, als in der islamischen Welt zum dschihad gegen die Sowjets aufgerufen wurde und ziemlich viele Muslime dem Aufruf folgten. Auch die finanzielle Unterstützung Afghanistans durch die anderen muslimischen Nationen unterstreicht den Zusammenhalt bzw. die Islamische Resurgenz, die Huntington in seinem Buch thematisiert. Weiter kann auch die Tatsache, dass die Demografie bzw. der Glaubenseifer der Muslime zum Sieg Afghanistans beitrugen, als Beleg für Huntingtons Kernthesen gelten.

Alles in allem bin ich jedoch der Meinung, dass es kein Kampf zwischen zwei Kulturen war, sondern in erster Linie ein Kampf zwischen zwei Ideologien - nämlich der der USA gegen die der UdSSR. Dieser Krieg war also noch viel zu sehr vom Kalten Krieg beeinflusst, als dass man ihn einen "Kampf der Kulturen" nennen könnte.

Der Golfkrieg von 1991 lässt sich hingegen schon eher als ein Kampf der Kulturen bezeichnen:

(1) Zunächst einmal gilt es festzuhalten, dass beide Seiten - die USA (der Westen) wie auch die arabische Welt - diesen Krieg als Religionskrieg bezeichneten. Die USA titulierten ihn zwar nur indirekt als Religionskrieg (Präsident Bushs verschiedentliche Anrufungen Gottes, vgl. S.406), um eine Invasion und die Sicherung der Ölquellen rechtfertigen zu können. Jedoch belegt auch Letzteres eine wichtige These Huntingtons: Dem Autor zufolge verfolgen die USA nämlich in erster Linie weiterhin die Absicht, ihre Vormachtstellung in der Welt zu festigen; und dazu gehört es nun einmal, sich Zugang zu wichtigen Ressourcen zu verschaffen.

(2) Im Weiteren wird in dem Buch die These, dass der Islam als Religion die zentrale Identität des islamischen Kulturkreises bildet, z. B. dadurch belegt, dass Saddam Hussein erfolgreich die Religion benutzte, um die gesamte muslimische Öffentlichkeit auf seine Seite zu bringen (vgl. S.405). Auch die Tatsache, dass ein Teil der islamischen Regierungen den Irak (zumindest verbal) unterstützte (S.403), spricht für die These des Autors von einem Zusammenhalt innerhalb des Islams.

(3) Ferner verloren in der Zeit des Golfkriegs innermuslimische Differenzen an Gewicht, da der Islam einen gemeinsamen Feind, nämlich die USA, ausgemacht hatte - ein weiterer Beleg für Huntingtons These vom Zusammenhalt im Islam.

(4) Dass ein Großteil der nichtwestlichen Kulturen den Golfkrieg nicht unterstützte, unterstreicht außerdem die These, dass sich die nichtwestlichen Kulturen immer weiter indigenisieren und sich vom Universalanspruch des Westens und den westlichen Interessen loslösen und sich ein eigenes Bild über die Situation im Nahen Osten machen.

Jedoch widerspricht den Thesen Huntingtons die Tatsache, dass der Islam sich immer noch vor der Macht des Westens fürchtet und (noch) nicht die große Gefahr für den Westen darstellt.

Nationen wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate unterstützten den Westen im Golfkrieg sogar und verhielten sich nach Ende des Krieges neutral. Offenbar tragen diese Staaten immer noch ihrer Abhängigkeit von den USA Rechnung; sie wirkt stärker als die Verbindung zum Islam.

Auch die Tatsache, dass der Westen im Golfkrieg siegte, widerspricht der These Huntingtons, wonach der Westen Probleme haben würde, seine Vormachtstellung innerhalb der Weltpolitik aufrechtzuerhalten. Diese "Probleme" kamen im Golfkrieg nicht zum Vorschein.

Der größte Widerspruch liegt meiner Meinung nach aber darin, dass ein Großteil der Arabischen Liga die Invasion des Iraks anfangs verurteilte und eine Koalition mit den USA einging. Wenn es nämlich nach Huntingtons "reiner Lehre" gegangen wäre, hätte die Arabische Liga aufgrund der kulturellen Identität mit dem Irak geschlossen hinter diesem stehen müssen.

Insgesamt könnte man den Golfkrieg schon eher als einen Kampf der Kulturen bezeichnen, da die gesamte arabische bzw. islamische Öffentlichkeit hinter dem Irak stand und auch der Westen - zumindest unterschwellig - einen Religionskrieg in diesem Kampf erkannte. Jedoch hinterlässt der neutrale Status vor allen Dingen Saudi-Arabiens noch einige Fragezeichen, ob es sich seinerzeit wirklich und ohne Einschränkungen um einen Zusammenprall von Kulturen handelte.

Huntington und die NATO-Osterweiterung

Zur geplanten NATO-Osterweiterung äußert sich Huntington in seinem Buch zwar nicht explizit, doch lassen sich seine Thesen an diesem Fall zukünftiger "praktischer Politik" sehr schön reflektieren.

Die bisherige Osterweiterung um die Staaten Polen, Tschechien und Ungarn ist vollkommen kompatibel zu den Thesen Huntingtons, da diese Länder kulturell zum Westen gehören und es, wenn man Huntington "zu Ende denkt", somit ohnehin nur eine Frage der Zeit war, wann die Erweiterung der NATO um diese Staaten stattfinden würde.

Auch die zukünftige NATO-Osterweiterung um die baltischen Staaten ist mit den Ansichten des Autors vereinbar, da diese Nationen ebenfalls in Religion und überhaupt Kultur größtenteils westlich geprägt sind.

An dieser Stelle werden allerdings schon die Grenzen erkennbar, die Huntington in seinem Buch zwischen der westlichen und der orthodoxen Kultur zieht. Die oben genannten Staaten gehören seiner Meinung nach - gerade noch, möchte man sagen - zum "westlichen" Europa und müssen infolgedessen bei der Einigung Europas entsprechend berücksichtigt werden.

Die zukünftige NATO-Osterweiterung um Rumänien und Bulgarien jedoch widerspricht ein wenig den Thesen Huntingtons, da diese Staaten unzweifelhaft dem orthodoxen Kulturkreis angehören. Die Tatsache, dass sie aber immerhin zum orthodoxen, also letztlich christlichen, Kulturkreis gehören, unterstreicht die von Huntington angesprochene Eventualität, dass es ein orthodox-westliches Bündnis geben wird, um die sinische bzw. islamische Bedrohung eindämmen zu können. Diesen Zusammenhalt der Christen sieht Huntington nämlich in naher Zukunft als wahrscheinlich an.

Huntingtons These von der bedrohten Vormachtstellung des Westens lässt sich mit der NATO-Osterweiterung in dem Sinne belegen, dass der Westen auf diese Weise versucht, sein Territorium zu sichern bzw. die Verbreitung der westlichen Werte in den Osten auszuweiten.

Kurzum: Die NATO-Osterweiterung deckt sich im Großen und Ganzen mit den Thesen Huntingtons; sie ist mit den Ansichten des Autors durchaus vereinbar und bestätigt diese vielleicht sogar auf besondere Weise.


Literaturhinweis:

Samuel P. Huntington: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München, Wien 1996. (Taschenbuchausgabe 1998.)


Das Copyright für den Text liegt beim Autor.
Auskunft erteilt die Fachschaft Sozialwissenschaften des St.-Ursula-Gymnasiums Attendorn.


©  für die Bearbeitung und Zusammenstellung:  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2001-2010