Unterrichts-Dokumente

Zur Übersicht   Sozialer Wandel


Anmerkungen zu Francis Fukuyamas Buch
"Das Ende des Menschen"

Von Katharina Opalka


Der vorliegende Beitrag ist das Ergebnis einer zweistündigen Grundkurs-Klausur in der Jahrgangsstufe 12 vom 26.6.2003. Die Aufgabenstellung lautete wie folgt:

  1. In der Zukunftsforschung unterscheidet man gemeinhin zwei "Typen" von Visionären:
    • Euphoriker: technologiefreudige Zukunftsenthusiasten, denen die Entwicklung hin zum (notwendig) Besseren gar nicht schnell genug gehen kann,
    • Apokalyptiker: erklärte Pessimisten, die die Zukunft düster sehen - und die mit ihren Prophezeiungen zugleich aufrütteln wollen, damit die vorhergesagte Zukunft nicht eintrifft.
    Ordnen Sie Francis Fukuyama einem dieser beiden "Typen" zu, indem Sie die Kernthesen des "Spiegel"-Interviews "Schöner neuer Mensch" (Nr.21/18.5.2002) herausarbeiten!
  2. Vergleichen Sie vor diesem Hintergrund Fukuyamas Überlegungen zur Zukunft unserer Gesellschaft mit den Vorstellungen anderer Sozialwissenschaftler! Berücksichtigen Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede!
  3. Erörtern Sie die Chancen und Gefahren, die sich aus einer Gesellschaft, wie Fukuyama sie beschreibt, ergeben können!


Die Thesen

In einem 2002 geführten Spiegel-Interview, "Schöner neuer Mensch" betitelt, werden die Zukunftstheorien des amerikanischen Autors Francis Fukuyama in dessen Buch "Das Ende des Menschen" thematisiert und die Bedingungen, unter denen sich Fukuyama ein Ende der Menschheit vorstellt, dargelegt.

Buchumschlag Der Autor stellt direkt klar, dass es ihm nicht um das Aussterben, sondern die Veränderung der menschlichen Rasse geht, eine Veränderung, nach der der uns heute bekannte Mensch nicht mehr existieren wird.

Fukuyama führt als Ursache für diese Veränderung hauptsächlich den medizinischen Fortschritt an, welcher zu grundsätzlich drei Entwicklungen der Gesellschaft führt, die er skeptisch betrachtet.

Erstens erfolgt aufgrund des pharmazeutischen Fortschritts eine Nivellierung der Gesellschaft. So verringern Medikamente wie "Ritalin" oder "Prozac" die individuellen Unterschiede und mindern zudem geschlechtsspezifische Besonderheiten. Diese an sich positive Entwicklung sieht Fukuyama aus zwei Gründen als problematisch an. Zum einen greift sie in den natürlichen "Plan" des Menschen ein, zum anderen - und das ist der gravierendere Umstand - ist dieser Eingriff von Autoritäten bzw. deren Ideologien gesteuert, also nicht vom Individuum selbst bestimmt.

Der Mensch wird dem temporär herrschenden Ideal einer Gesellschaft angepasst, das seinem Wesen womöglich widerspricht.

Die nächste möglicherweise problematische Entwicklung sind der genetische Fortschritt und die damit verbundene Frage nach der Verteilung der genetischen Errungenschaften. Fukuyama zeichnet eine Gesellschaft, die sich in reiche, genetisch Privilegierte und ärmere, genetisch Unterprivilegierte aufspaltet. Daraus resultieren "genetische Klassenkämpfe", wenn sich die untere Schicht politisch motivieren lässt. Gleichzeitig ist aber auch die Forderung nach einer staatlichen Kontrolle des Genpools hinfällig, da dieses gerade Fukuyamas erster Befürchtung, nämlich der Kontrolle des "neuen Menschen" durch Autoritäten, hier: den Staat, entspricht.

Als dritte Problematik ergeben sich aus dem medizinischen Fortschritt die Überalterung der Bevölkerung und die damit verbundene Hemmung von "Wandel und Innovation". Durch die bessere medizinische Versorgung und die höhere Lebenserwartung stehen immer mehr alte, mental starre Menschen immer weniger jungen, innovationsfreudigen Menschen gegenüber, was sowohl technischen als auch politisch-ideologischen Stillstand bedeutet, wie Fukuyama am Beispiel des (fehlenden) Umschwungs in Diktaturen belegt. Eine besondere Konzentration erfährt dieses Problem beim Zusammentreffen "angeworbener" junger männlicher Arbeitskräfte und "eingesessener" alter Frauen in den Industrieländern. Deren divergierende Bedürfnisse muss die Politik einfangen und in dem Sinne darauf eingehen, dass sie hier eine besondere Herausforderung sieht.

Fukuyama zeichnet also die Vision einer Welt, die nach außen zwar durchaus positiv erscheint, unter der Oberfläche aber einige Risiken birgt. Er betrachtet hierbei besonders die Folge der medizinisch-genetischen Entwicklung als gefährlich, da er eine staatlich bzw. kapitalistisch gelenkte Verteilung dieses Fortschritts fürchtet, die entweder zu einem Ungerechtigkeitssystem oder zu staatlicher Willkür führt. Zudem prognostiziert er Konflikte zwischen vom Fortschritt unterschiedlich profitierenden Bevölkerungsgruppen. Wie der ihn inspirierende Aldous Huxley und dessen Roman "Schöne neue Welt" ist Fukuyama mit Sicherheit zu den Apokalyptikern unter den Zukunftstheoretikern zu rechnen.

Vergleichsmöglichkeiten

Fukuyama sieht unsere zukünftige Gesellschaft also eher pessimistisch; hierin stimmt er mit einigen anderen Theoretikern überein.

So stellte Alvin Hansen schon sehr früh seine Stagnationsprognose, die einen Stillstand der wirtschaftlichen Entwicklung voraussagte, auf. Er begründet diese Stagnation in einigen Punkten ähnlich wie Fukuyama, nämlich mit dem Rückgang des Bevölkerungswachstums, das Fukuyama negativ sieht. Zudem führt Hansen die Unmöglichkeit weiterer geographischer Expansion, die hohe Sparsumme und Kapital sparende technische Neuerungen als Gründe der Stagnationsprognose an (welche im Übrigen durchaus kritisch zu betrachten ist). Die von Hansen vorhergesagte Stagnation stützt sich ebenso wie Fukuyamas Prognose in Teilen auf die Überalterung der Bevölkerung, welche eben zu der hohen Sparsumme führt. Beide Autoren argumentieren also mit derselben Ursache für Stagnation, wobei Hansen noch weitere Gründe aufführt.

Auch Ulrich Beck betrachtet unsere Zukunft als eine Risikogesellschaft, in der vor allen Dingen durch die Individualisierung, den fehlenden Versicherungsschutz und ökologische Krisen die Sicherheit der Menschen gefährdet ist. Beck und Fukuyama stimmen hauptsächlich darin überein, dass sie die Risiken des Eingriffs der Menschen in die gegebene Umwelt aufzeigen und die von der Politik ergriffenen (Gegen-)Maßnahmen für sinnlos oder kontraproduktiv halten. Beide betrachten das Problem aber aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Während Fukuyama die Direktfolgen für den Menschen sieht (genetische Ungleichheit), beschreibt Beck die indirekten Folgen: die Zerstörung der Umwelt und die damit verbundene fehlende Sicherheit, die im mangelnden Unrechtsbewusstsein des Menschen begründet liegt.

In einem anderen Punkt ähneln sich Fukuyama und Daniel Bell. Bell sieht ähnlich wie Alvin Toffler den Schlüssel zur Macht in einer "nachindustriellen Gesellschaft" in Information und zuarbeitenden Dienstleistungs-Technologien, nicht mehr in traditionellem (Geld-)Kapital und Güterproduktion liegen. Bells Akademiker, die in der Dienstleistungsgesellschaft den wertvollsten Rohstoff - nämlich Wissen - besitzen, und Tofflers "Kognitariat" sind das Äquivalent zu Fukuyamas Staat bzw. Oberschichten, die die Verfügungsgewalt über den Genpool bzw. die Medikamente besitzen, mit deren Hilfe Menschen kontrolliert werden können.

Anders als einige Apokalyptiker sieht Toffler diese Informationszukunft aber durchaus unter positiven Aspekten. So prognostiziert er eine Gesellschaft, die per Computer zu Hause lernt und arbeitet, und zwar für projektbezogene Firmen. Am prägnantesten unterscheidet sich Toffler von Fukuyama, wenn er, wie auch Beck, eine Individualisierung und Aufspaltung der Gesellschaft in Interessengruppen beschreibt, die im Kontrast zu Fukuyamas durch die Pharmazie nivellierter Bevölkerung steht.

Die Überalterung der Gesellschaft, die Fukuyama so negativ auslegt, wäre in den Modellen von Jeremy Rifkin und Gerd Mutz eher von Vorteil; gehen beide doch davon aus, dass in Zukunft Arbeitsplätze hauptsächlich im gemeinnützigen Bereich entstehen, also auch und gerade in der Altenpflege. Rifkin würde diese hierbei hauptsächlich über die Besteuerung der "Cyberspace"-Ökonomie finanzieren, während Mutz keine konkrete Finanzierung vorschlägt.

Hierin liegt, wie Fukuyama an anderer Stelle schreibt, eben auch das weitere Problem, dass die Überalterung die Finanzierung der Gesellschaft erschwert. Das Problem der Stagnation liegt also nicht nur im mentalen, sondern auch im ökonomischen Bereich.

Absolut konträr zu Fukuyama ist Walt W. Rostow einzuordnen, der die Konsumgesellschaft (die durchaus nivelliert ist) und den technischen Fortschritt als höchstes zu erreichendes Ziel darstellt, das jedes Land anstreben sollte, nachdem es vorher vier andere Entwicklungsstufen durchlaufen hat. Diese Theorie wurde seinerzeit als Gegengewicht zu Marx aufgestellt, welcher in seiner Beschreibung von Klassenkämpfen wiederum Fukuyama sehr ähnlich ist, der eben auch Revolten aufgrund des - diesmal genetischen - Ungleichgewichts vorhersagt.

Chancen und Gefahren

Fukuyamas Vision einer Zukunft birgt neben den "apokalyptisch" gesehenen Risiken auch Chancen. Die Risiken sind eben die von Fukuyama betonten, dass es aufgrund einer ungerechten Verteilung des Fortschrittes gerade im genetischen Bereich zu Konflikten, möglicherweise zu Revolutionen bzw. zu Klassenkämpfen im Marxschen Sinne kommen wird.

Zudem erscheint der Missbrauch der gentechnologischen und pharmazeutischen Entwicklung durch den Staat bzw. andere Autoritäten einleuchtend.

Fukuyamas bzw. Huxleys Beschreibung einer "Schönen neuen Welt", in der die Menschen vordergründig zufrieden sind, weil sie vom Staat ruhig gestellt werden, ist nicht so abwegig, wenn man die Ideen von Politikern, die Menschen mittels "Tittytainment" (Z. Brzezinski) systematisch zu verdummen, betrachtet. Es wäre die Schreckensvision einer Gesellschaft, in der eine Autorität prinzipiell die Masse ohne deren Widerspruch kontrollieren könnte und in zugespitzter Form - aus ihrer Sicht - den perfekten Menschen selektieren könnte um eine Herrscherklasse zu bilden, wie die fiktiven Alphas bei Huxley oder wie es im realen Genozid des Dritten Reichs mit Blick auf die arische Rasse geschehen sollte.

Es ist also notwendig, dass die im Kern ja positiven Entwicklungen und Technologien verantwortungsvoll genutzt werden.

Nur dann kann im Fortschritt auch eine Chance gesehen werden, wenn die Gesellschaft, die diesen Fortschritt propagiert, wirklich gerecht und demokratisch ist. Dann könnten die pharmazeutischen Erzeugnisse und die Entschlüsselung des genetischen Codes den Menschen voranbringen, da Krankheiten geheilt und die Bedingungen für menschliches Leben global verbessert werden könnten.

Hierzu muss aber das Monopol einiger Eliten auf den Fortschritt gebrochen werden. Dieses kann nicht Aufgabe der Zukunft sein, sondern muss heute bereits geschehen. Eine Gesellschaft, die auf Gerechtigkeit basiert, würde auch das Problem der Überalterung nicht als so gravierend betrachten. Unter diesen Bedingungen wäre eine Gesellschaft denkbar, in der der Mensch sich vielleicht verändert, in der auch das Zusammenleben komplett neue Formen annimmt, dies aber eine positive Veränderung ist. Die Genetik würde es möglich machen, Armut, Hunger, Krankheit zu beseitigen und so eine global bessere Welt zu schaffen.

Vielleicht wird der Mensch durch die Gentechnik eine neue Stufe der Evolution betreten - es steht heute an zu entscheiden, ob diese Evolution positive oder negative Auswirkungen hat und ob die Menschheit zum "Ende" gelangt oder es wirklich eine "Schöne neue Welt" gibt.


Literaturhinweis:

Schöner neuer Mensch. Der amerikanische Starautor Francis Fukuyama widerruft die Hauptthese seines Bestsellers "Das Ende der Geschichte". In seinem neuen Buch behauptet er, dass es doch noch dramatische Umwälzungen geben könne: durch die Biotechnik.
©  Der Spiegel, Nr.21/2002 (18.5.2002), S.122-128.


Das Copyright für den Text liegt bei der Autorin.
Auskunft erteilt die Fachschaft Sozialwissenschaften des St.-Ursula-Gymnasiums Attendorn.


©  für die Bearbeitung und Zusammenstellung:  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2001-2010