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Prognosen und Visionen

Wie schon in den Jahren zuvor (vgl. z. B. die Dokumentation von 2002) sollten auch im Jahr 2003 die Schülerinnen und Schüler eines Sozialwissenschaften-Kurses Prognosen für "die Welt in 50 Jahren" aufstellen. Aus den sehr unterschiedlichen Textbeiträgen wurden für die vorliegende Sammlung diejenigen ausgewählt, die die Zukunft eher fiktional, belletristisch, nicht so sehr analytisch angehen.

Die Dokumente bieten hinreichend Diskussionsstoff:


Verzeichnis der Textbeiträge

Stefanie Wintersohle: Spendenaufruf
Benedikt Funke: Streifengang
Nike Hengstenberg: Wochenrückblick
Katharina Opalka: 2053
Nina Stein: Fahrt ins Grüne
Carlo Scheidges: Flaschenpost
Tobias Bender: Der Pionier
Natascha Fernholz: Reiselust


Die Welt in 50 Jahren (2)

Prognosen vom 5.5.2003


Stefanie Wintersohle: Spendenaufruf

Herzlich willkommen im Programm der Organisation Wda(ü)lIIslM ("Weltverbesserung durch absolut (über)lebensnotwendige Inventionen, Intervention sowie lebenserhaltende Maßnahmen")!

Wir schreiben das Jahr 2053 (für diejenigen, die es noch nicht bemerkt haben), welches geprägt ist durch technische Neuerungen und komplizierte, sich auf dem neuesten Stand der Technik befindende Produktionsverfahren.

Doch zurück zu uns:

Hier finden Sie Informationen zu den aktuellsten Fortschritten, die unsere Organisation in jüngster Zeit gemacht hat.

Wie es ihr Name bereits vermuten lässt, erachtet es unsere Organisation als ihre Pflicht und Aufgabe, die Menschheit zu retten und die Welt zu verbessern. Kurzum ein schlichtes Ziel, dem wir Tag für Tag ein Stück näher rücken, wie Sie im Folgenden feststellen werden.

Es ist uns gelungen, in den letzten Tagen ein Fortpflanzungsverbot durchzusetzen für Wesen, deren IQ sich unter 130 befindet - dadurch gewährleisten wir die Aufrechterhaltung menschlicher Intelligenz und fördern damit weitere Entwicklungen kostensenkender Produktionsverfahren, deren einziger Nachteil ihre hohen Schadstoffemissionen sind.

Aber auch dieses Problem haben wir bereits gelöst - durch gesetzlich vorgeschriebene Sauerstoffmasken, die von der gesamten Weltbevölkerung getragen werden müssen (auch die wenigen noch nicht ausgestorbenen Tiere sind zu ihrem eigenen Schutz in diese Maßnahme einbezogen).

Des Weiteren befinden wir uns durch intensive Forschung in der Endphase der Entwicklung eines Ganzkörperschutzanzuges, welcher es der Bevölkerung ermöglicht, sich bedenkenlos in der emissionsbelasteten und durch fehlgeschlagene chemische Experimente verstrahlten Außenwelt (d. h. außerhalb seiner eigenen vier Wände) aufzuhalten.

Dies ist zwar auf Grund der Energieknappheit, der hohen Schadstoffbelastung und des daraus resultierenden Fahrverbots aller Personentransportmittel lediglich per pedes möglich, allerdings handelt es sich hierbei schon um einen erheblichen Fortschritt, wenn man bedenkt, dass bis zu diesem Zeitpunkt ein Verlassen der Wohnräume quasi unmöglich war. Nicht dass dies notwendig gewesen wäre, denn für alle Tätigkeiten außer Haus besitzt jeder Mensch erwiesenermaßen einen Roboter, der alle anfallenden und zuweilen auch lästigen Aufgaben übernimmt, wie beispielsweise die unabdingbare und lebensnotwendige Beschaffung künstlicher Nahrung - nein, lediglich zur Erheiterung und Beschäftigung der Bevölkerung sollen diese durch unseren Spezialanzug ermöglichten Freigänge dienen.

Wie Sie sehen, sind wir sehr um das Wohl der Menschheit bemüht und setzen all unseren Einfluss in das Bestreben, den Menschen ihr Leben so angenehm wie möglich zu gestalten.

Darum: HELFEN AUCH SIE!!! Eine geringfügige Spende von einem Euro unterstützt uns, die Welt zu retten!

Spendenkonto: 1234005006
BLZ: 573490 80
Stichwort: Rettet die Welt (Wda(ü)lIIslM)

Benedikt Funke: Streifengang

Es ist ein heißer, trockener Montag im Dezember, so um die 30°C. Ich gehe wie jeden Morgen durch die Ghettos von Serkenrode. Mit seinen 50 Millionen Einwohnern zählt es zu den kleineren Orten im Umkreis. Doch in dieser Gegend geht es rau zu. Man muss sehr vorsichtig sein, will man nicht den Müll aus dem 500. Stock abkriegen. Deshalb trauen sich auch nur wenige ohne ihr ionenbetriebenes Helicopter-Auto auf die Straße. Meine Aufgabe ist es, hier für Recht und Gesetz zu sorgen. Ich bin nämlich Polizist, was hier eher auf Abneigung stößt. Seit etwa fünf Wochen bin ich einem Drogendealer auf der Spur. Er verkauft diese neue synthetische Droge namens "Donkey-End". Donkey-End macht stark abhängig und lässt einen glauben, man sei ein fliegender Esel.

Mein Informant, ein Außerirdischer vom Planeten Mars, gab mir den Tipp, nach einem Mann, der auf den Namen John hört, Ausschau zu halten. Angeblich soll er sich die meiste Zeit in einer bestimmten Nintendothek aufhalten. Ich hasse Nintendotheken, wie alles, was von Nintendo stammt. Denn als vor 20 Jahren die Marsianer auf der Erde landeten, stellte sich heraus, dass die Firma ein Unternehmen der Aliens ist, die auf diese Weise auf der Erde Fuß fassen wollten. Als sie sich dann zu erkennen gaben (es ist bis heute nicht geklärt, wie sie sich bis dahin vor uns hatten verborgen halten können), übersäte Nintendo mit neuen Technologien den Weltmarkt und wurde schließlich der einzige noch weltweit operierende Konzern. Mittlerweile gibt es praktisch nichts mehr, auf dem nicht der Name "Nintendo Corp." zu finden ist. Selbst das synthetisch hergestellte Essen, das der breiten Masse zu Nahrung verhilft und echt widerlich schmeckt, stammt aus den Labors von Nintendo.

So in meine Gedanken versunken gehe ich weiter die Straße hinunter. Plötzlich werde ich aus meinem Gedankenwirrwarr herausgerissen. Ich habe eine alte Frau angerempelt, die daraufhin ohne irgendeine Absicherung zu Boden gestürzt ist. Sie scheint nicht verletzt zu sein, doch man sieht ihr deutlich an, dass es ihr nicht gut geht. Wahrscheinlich wurden ihr bereits mehrere Organe entfernt und durch künstliche ersetzt. Selbst die Gliedmaßen scheinen bionisch zu sein. Schnell helfe ich ihr auf, entschuldige mich und gehe weiter. Zwei Straßen entfernt sehe ich endlich den Eingang der gesuchten Nintendothek. Doch bevor ich überlegen kann, wie ich diesen John nun dingfest mache, passiert es: Unvermittelt höre ich direkt über mir ein Rauschen in der Luft. - 'Oh, Mist!', denke ich (und es ist leider das Letzte, was ich denke): 'Ein Müllsack aus dem 500. Stock!'

Nike Hengstenberg: Wochenrückblick

Sehr verehrte Damen und Herren, herzlich willkommen zu Europa Aktuell. Mein Name ist Futura 103972 und in der nächsten Zeiteinheit werde ich mit Ihnen auf die aktuellen Ereignisse der letzten Woche zurückblicken.

Belfast. Großes Aufsehen erregten am Montag die Sprecher des Europäischen Gen-Ausschusses "Future Cloning", denn sie vermeldeten, dass ein weiterer menschlicher Klon aus dem Experiment XYZ im Alter von genau 45 Jahren an einer noch unbekannten Klonvirusinfektion gestorben sei. Dieses sei nun schon der 15. Klon, der von dieser noch unheilbaren Krankheit befallen worden sei. Anhand eines speziellen Computerprogramms werden die Genome aller Klone innerhalb weniger Hundertstelsekunden abgelesen und mithilfe eines Zeitraffers kann dann die Entwicklung der Versuchsklone stimuliert und anschließend analysiert werden. Dabei ist "Future Cloning" dann auf den Virus gestoßen, der bei allen therapeutisch erzeugten Klonen im Alter von 45 Jahren auftritt und sekunden später zum Tode führt.

Das Computerprogramm ist bereits zum Patent gemeldet und soll auch in den nächsten Zeiteinheiten auf den Markt kommen. Unter der Cybernummer xqüly kann man dieses Programm dann für nur 100 Compuchips auf seinen PC laden. Dieses Programm sei ein großer Schritt in dem BSCS (Body-Self-Controlling-System), das im Jahr 2044 von dem Europäer Elektriko 24098 entwickelt worden ist, denn fortan kann jeder Europäer nicht nur seine momentane Gesundheit per Computer ständig kontrollieren, sondern auch gegen Krankheiten vorbeugen, die in den nächsten 40 Jahren auftreten werden. Das Europäische Komitee für Alterungsprozesse sagte, dass durch diese Neuentwicklung die durchschnittliche europäische Lebenserwartung von 88 Jahren auf 100 Jahren erhöht wird.

Paris. In der Politik gab es erneut Gespräche über eine Heraufsetzung des Rentenalters von 78 auf 80 Jahre. Dieses sei aufgrund "des Chaos in unserem sozialen Gefüge" notwendig, betonte Europainnenminister Insider 8929 gestern in Straßburg. Nach einer Statistik sind nämlich 70% aller Menschen in Europa über 65 Jahre, "unsere Bevölkerungspyramide ähnelt einem Strohalm, dem oben ein Trichter angesetzt wurde", sagte Insider 8929.

Gestern reiste Europapräsident Kontrolletti 143 erstmals seit dem Ende des Atomkrieges zwischen Amerika und der Vereinten Asiatischen Union nach Tokio, um sich ein Bild über die Auswirkungen der Nuklearschlacht in den Jahren 2041 bis 2043 zu machen. Nach 19 Jahren wurde erstmals das Ausreiseverbot für Europäer aufgehoben, zumal die Intensität der Strahlung abgeschwächt und unter Benutzung der vorgeschriebenen Sauerstoffmasken ungefährlich sei. Die Weltbevölkerung ist erstmals seit 2042 wieder deutlich angestiegen und hat sich auf ihren alten Stand von 2041, auf 9 Mrd. Menschen, regeneriert.

Nun zum Sport: Bei dem Europathon hat am Mittwoch die 68jährige Konditiona 73780 einen neuen Rekord aufgestellt. Sie bewältigte die Distanz von 84 km in nur 4 Stunden und 34 Minuten.

In der Europafußballbundesliga gewann der Estländer SV gegen Polen 07 6:3, Rot-Weiß Schweiz verlor 2:5 gegen Portugal.

Bei der Formel Air siegte in einem spektakulären Fliegen Blitzardo 10672, Zweiter wurde Flitzerick 38881 und Dritter wurde Nikeair 10101. Das nächste Fliegen wird in zwei Wochen über Berlin stattfinden.

Das Wetter: Die dicke Wolkendecke wird sich auch in der folgenden Woche nicht auflockern, so dass nur eine Schutzcreme von 20 Ozonfaktor auf alle unbedeckten Körperteile verteilt werden muss.

Das war Europa Aktuell. Ich würde mich freuen, wenn Sie auch nächste Woche wieder einschalten würden. Auf Wiedersehen!

Katharina Opalka: 2053

Sarah bewegte sich vorsichtig durch die Stadt. Äußerlich war sie nicht von den anderen Menschen zu unterscheiden, die sie umgaben. Hin und wieder blieb sie stehen und sprach laut in die warme Luft, als ob sie einem Gesprächspartner im "Gehirn" etwas über ihr Wochenende erzählen würde. 12 Jahre im Untergrund hatten ihr gezeigt, wie man sich unauffällig in einer Menschenmenge fortbewegt. Trotzdem war sie nicht mehr oft auf den Straßen gewesen, seit die christlichen Kirchen als fundamentalistische Vereinigung verboten und ihre Mitglieder zu Vogelfreien erklärt worden waren.

Sarah hatte sich schon lange an den Gedanken gewöhnt, dass jeder der vorbeigehenden Menschen das Recht hatte, sie umzubringen. Sie war keine Person, nur ein Schatten, der von den anderen nicht gesehen werden durfte. Sogar die Südweltbewohner, die am Rand der Gehwege saßen und bettelten, hatten mehr Rechte als sie.

Sie hatte einmal zur genetischen Oberschicht gehört; ihre Eltern waren eine der ersten Familien, die die Entscheidung trafen, ihr ungeborenes Kind genetisch zu verändern. Leider hatten sie dabei den Fehler gemacht, Wert darauf zu legen, dass das Gewissen ihrer Tochter eines der ausgeprägten, veränderten Merkmale sein sollte. Als Sarah dann noch in Kontakt mit einigen Mitgliedern der Kirche kam, wurde sie zu einem Renegade, einer Gejagten. Sie gehörte zu den wenigen Christen, die noch nicht verhaftet oder getötet worden waren. Sie wusste, dass dieses nicht mehr lange so bleiben konnte.

"Sarah, du tötest dich selbst." Mehr hatte Reya nicht zu ihr gesagt. Sie redete nie viel. Obwohl Sarah und Reya seit Jahren zur gleichen Gemeinde gehörten, wusste Sarah kaum etwas über Reya, außer dass sie zur Kirche gekommen war, weil sie die Politik der NorthEast-Regierung verabscheute. Sie war in Deutschland geboren, dem vorletzten Land, das sich NorthEast angeschlossen hatte. Deswegen konnte sie sich daran erinnern, wie es war, ohne ständige unangekündigte Kontrollen, ohne perfekte technische Überwachung und ohne den erzwungenen Zugang zum "Gehirn" zu leben. Reya gehörte auch zu den wenigen, die kein Modul in ihrem zerebralen Kortex implantiert hatten, mit dem die "Angepassten" jederzeit Zugang zu Bildern, Musik, Literatur und vor allen Dingen dem Gedankenaustausch mit anderen Menschen hatten. Sarah war zwar an das "Gehirn" angeschlossen, konnte es aber nicht benutzen, da sie sonst auf jeden Fall von den Cops lokalisiert worden wäre. Es gab innerhalb der Kirche einige besonders begabte Hacker, die zum Teil für die Regierung gearbeitet hatten und deshalb in der Lage waren, die Implantate der Christen auszuschalten. Reya arbeitet ebenfalls in dieser Funktion, sie hatte auch das Programm entwickelt, mit dem sich Sarah gleichzeitig in die Module aller NorthEast-Menschen einschalten konnte.

Sarah passierte eine Kontrolle, ohne angehalten zu werden. Der Cop lächelte sie freundlich an und winkte sie weiter. Wenige Minuten später würde er derjenige sein, der sie festnehmen und bei ihrer Folterung durch die Spitze der Regierung zusehen würde.

Ohne lange nachzudenken, um am Ende nicht doch zu zögern, schaltete sich Sarah in das "Gehirn" ein. Sie wusste, dass sie nur wenige Sekunden hatte, ihr Pop-up in den Gedanken aller anderen Menschen in NorthEast zu verbreiten.

"In diesem Moment sehen alle Menschen auf der Welt diesen Gedanken. Ihr könnt ihn nicht ausschalten, versucht erst gar nicht, ihn wegzudenken. Ich bin Sarah, seit 12 Jahren Mitglied der Kirche. Wir sind keine terroristische Organisation. Ich weiß, dass ich in wenigen Sekunden verhaftet und anschließend getötet werde. Denkt nicht weiter darüber nach; denkt nicht weiter darüber nach, wie ihr über nichts nachdenkt. Ihr glaubt genügend zu wissen, jeden Tag verdoppelt sich das Gewissen im "Gehirn" und damit auch in eurem Kopf - wenn ihr es wollt. Aber das, was ihr nicht wisst, ist viel wichtiger. Als vor Jahren die Amerikaner und die Asiaten die NorthEast gründeten und die Möglichkeiten der Gentechnik im Zusammenhang mit der Nutzung der Gehirnwellen entdeckt wurden, glaubten alle, dass das Leben besser werden würde. Niemand stirbt heute mehr an Krankheiten, kein Mensch auf der Welt hungert mehr. Aber es gibt Dinge, die die Regierung verheimlicht; als Erstes natürlich, dass es überhaupt etwas zu verheimlichen gibt, wo doch alle Zugang zu allen Informationen haben. Doch es gibt einige Sachen, die sie euch nicht wissen lassen.

Ihr habt nur die Erlaubnis, zwei Merkmale an euren Kindern zu verändern. Ihr gebt ihnen ein angenehmes Aussehen, lasst sie perfekte Gamer oder Klavierspieler sein. Keiner denkt mehr darüber nach, ob nicht das vielleicht schon falsch ist. Aber die genetische Oberschicht darf noch mehr. Wer genügend Einfluss und Medien besitzt, kann den genetische Codes seines Kindes auf Wunsch auch komplett verändern. Es gibt heute schon Kinder, die zu 100% nach dem Wunschbild ihrer Eltern geschaffen wurden. Sie sind vielleicht perfekt - aber denkt darüber nach, ob sie noch Menschen sind. Sie selbst halten sich für etwas Besseres als Menschen. Vor über 200 Jahren gab es einen Philosophen, der den Begriff "Übermensch" prägte. So nennen sie sich. Sie halten euch für minderwertig, egal ob ihr Bettler in den Südländern seid oder Lebensunternehmerin in Japan. Die Kirche dachte bloß, dass ihr das wissen solltet. Ich weiß nicht, ob es jetzt noch eine Chance gibt, eine Diktatur der Übermenschen zu verhindern…"

In diesem Moment hörten 8 Milliarden Bewohner der NorthEast Sarahs Botschaft, aber nur wenige sahen, wie sie sich von den Cops gefangen nehmen und foltern ließ, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Nina Stein: Fahrt ins Grüne

Heute wollten wir eigentlich mal ins "Grüne" fahren, richtig erholen, raus aus der Stadt. Doch schon am Morgen wurden unsere Pläne durchkreuzt. Fahrverbot; wie fast jeden Tag im Sommer. Die Stadt liegt unter einer grauen Dunstwolke. Auch das Wasser haben sie schon wieder abgestellt. Zu viel Verbrauch bei der Hitze… aber wer kann sich das noch leisten? Und das Benzin? 20 Euro der Liter; plus Porto und Versand. Direkt bestellt bei BP.de; ein teurer Spaß also, solch ein Ausflug ins Grüne - kostet auch viele grüne Scheine. Vielleicht heißt es deshalb so… denn grün ist eigentlich nichts mehr, oder nicht mehr viel, eher gelb oder ocker. Ganz im Gegensatz zu meinen gengezüchteten Zimmerpflanzen. Da gibt es welche, die sind richtig "grün", so muss das gewesen sein - früher, aber die blauen passen einfach besser zur Einrichtung, das werden die letzten grünen gewesen sein, die ich vorerst bestellt habe, außerdem haben sie bei dieser Sorte den Eigengeruch noch nicht ganz weggezüchtet...

Was aber tun? Will raus aus der Wohnung, habe Langeweile. Jeden Tag nur dasitzen. Computer an. Computer aus. Arbeiten, Freizeit, Familie. Alles am Computer. Sehe aus dem Fenster, ganz unten ein paar Menschen, ganz klein, keine Autos. Die Leuchtreklame gegenüber haben sie letzte Woche abgerissen. Keiner fährt mehr in Urlaub - jetzt sparen sie sich alle das Geld. Ist allen zu teuer und da an der See gibt's ja auch nur Probleme. Aber manche sagen, die haben noch frisches Obst da, und dass die Einheimischen noch im Meer baden, sagen sie. Ich kann das nicht glauben.

Ich esse schon mal zu Mittag. Zwei Tabletten müssen reichen, bin auf Diät. Vielleicht fahren wir ja morgen. An die gleiche Stelle wie letztes Mal. Es gibt noch alte Baumstämme dort und einen Tümpel. Wenn man Glück hat, ist noch ein Baumstumpf frei, und dann sitzt man da und genießt die schöne Aussicht, denn da, wo vorher Wald gewesen sein muss, kann man jetzt ganz weit sehen. Bis zur Stadt, wenn der Dunst es zulässt. Und wenn sich abends alle Menschen wieder aufmachen und in einer langen Kolonne auf die Stadt zufahren, um den Filmstart zu Hause nicht zu verpassen, dann kann man manchmal, wenn man Glück hat, den Mond sehen, oder sogar ein paar Sterne.

Carlo Scheidges: Flaschenpost

Hier sitze ich nun. In meiner kleinen Höhle, die ich mir mit Müh und Not erobert habe. Ganze zwei Tage habe ich gebraucht, um die Vorbewohner hieraus zu vertreiben, aber Gott sei Dank waren sie nicht besonders intelligent und haben ihre Höhle miserabel verteidigt. Ich nun meinerseits bin gerade dabei, diese zusätzlich zu befestigen.

Aber ich schreibe diese Nachricht nicht, um jemanden damit zu beeindrucken, wie ich meine Höhle eingenommen habe. Ich schreibe sie, damit derjenige, der diese Flasche findet, die Geschichte unseres Landes, ja der ganzen Welt, erfährt.

Vor 40 Jahren trat plötzlich ein genverändernder Virus auf, der sich in der Wasserversorgung unserer Riesenmetropolen festsetzte. Nur zwei Jahre später waren die Städte fast menschenleer. Millionen waren gestorben.

Die betroffenen Regierungen dachten, dahinter stecke ein Anschlag der Feinde (jede Regierung hat Feinde), und setzten auf diesen vermeintlichen Anschlag hin ihre Atomwaffen ein. Das taten dann die Feinde natürlich genauso, und - na ja - die Weltbevölkerung wurde fast komplett ausgelöscht, die großen Städte zerfallen und aufblühende Regionen und sauberes Wasser gibt es nun nicht mehr.

Ich habe Glück, immerhin, in meiner Höhle gibt es eine kleine Quelle, deshalb habe ich auch das Risiko auf mich genommen, sie zu erobern. Aber sonst gibt es nichts mehr.

Doch Schluss jetzt. Ich muss mich aufmachen, um meine Verteidigung vorzubereiten. Der nächste Angriff kommt bestimmt!

Tobias Bender: Der Pionier

Der Wecker schlug Alarm und begann Peter mit den neuesten interplanetarischen Staumeldungen zu versorgen. Das Verkehrsproblem war in den letzten 20 Jahren immer schlimmer geworden, selbst nachdem ein Großteil des Verkehrsaufkommens mit Hilfe von Hovercars in die Luft verlegt worden war - es wollte einfach niemand auf seine Mobilität verzichten und sich an einen einzigen Planeten binden...

Peter stand, nach dem am Vortag absolvierten Slashballspiel im Cyberspace immer noch ein wenig müde, schließlich auf, um sich sein Frühstück zuzubereiten. Heute konnten es ruhig die roten Pillen sein; die waren größer und sättigten besser, sie waren zwar im Vergleich zur früheren Nahrung lächerlich, aber Darth W. Bosh hatte ja das gesamte Nahrungsmittelvorkommen der Erde (und damit ihres einzigen Lieferanten) im 3. Nuklearen Krieg gegen Bhutan und die dort lebenden Terroristen vernichtet. Wie dem auch war; wichtig war, dass er satt wurde, denn er hatte einen anstrengenden Tag im Outback, außerhalb der Stadt auf dem kleinen Teil unbesiedelter Planetenoberfläche vor sich. Er war ein Cleaner, das hieß, er bereitete - zusammen mit seiner Mannschaft - die unbewohnbaren Abschnitte des Jupiter für die Siedler vor, genau wie sie es zuvor bei Mond und Mars getan hatten, bis der Wohnraum dort knapp geworden war...

Um noch pünktlich zu kommen, ließ Peter seinen Wagen bzw. sein "Car", wie es auf Englisch, in der offiziellen Weltsprache, hieß, schon von seinem Roboter für die Arbeit vorbereiten.

Nachdem er noch hastig einen Schluck dieses künstlichen Koffeindrinks (Kaffee gab es ja aufgrund der herrschenden Nahrungsmittelknappheit kaum noch) zu sich genommen hatte, machte er sich nun also auf, das Tragfähigkeitsproblem des Planeten wenigstens für die nächsten Wochen zu beheben…

Natascha Fernholz: Reiselust

Erst gestern bin ich aus dem Urlaub wiedergekommen. Wieder einmal war ich mit meinen Eltern zwei Wochen lang unterwegs in unserem Weltraumflugzeug. Versteht mich nicht falsch! Urlaub und Ferien sind schon nicht schlecht, aber wenn man seit Jahren nichts anderes unternimmt, als das Universum zu durchqueren, dann hängt einem auch das nach einiger Zeit zum Hals raus! Überhaupt frage ich mich, wieso wir nicht mal ein richtiges Abenteuer erleben können! So wie die Menschen früher. Ich erinnere mich, wie mir meine Oma einmal davon erzählt hat, wie sie mit dem Zug durch ganz Europa gefahren ist! Züge - sowas gibt es heute gar nicht mehr; oder zumindest sind sie nicht mit dem unterirdischen Verkehrsnetz zu vergleichen, das einen von Paris nach Moskau in weniger als einer Stunde bringt! Nein, heute haben wir unsere eigenen fliegenden Autos - und die Jüngeren unter uns zumindest fliegende Motorroller! Überhaupt ist alles anders. Die Medizin ist so weit fortgeschritten, dass wir sämtliche Krankheiten wie Krebs oder auch Aids mühelos bekämpfen können. Es gibt Roboter für alles, so dass nur wenige von uns arbeiten müssen. Auch im Haus muss nichts mehr getan werden. Meine Oma hat gesagt, in Zeiten ihrer Jugend habe man noch selber putzen müssen! Wie schrecklich! Heute sind unsere Häuser so gebaut, dass sie sich selbst reinigen können. Bezahlt wird nicht mehr mit Geldscheinen, sondern nur noch mit Karte, wenn wir denn überhaupt mal ausgehen, um etwas zu kaufen! Denn wozu gibt es Computer?! Die Computer sind natürlich nicht zu vergleichen mit denen von früher. Unsere sind, versteht sich, kleiner, besser und schneller! Die meisten Leute tragen sie, ähnlich wie das Telefon, wie eine Uhr. So etwas wie eine Tastatur haben nur noch die ganz alten Versionen. Meiner zum Beispiel wird einzig und alleine durch meine Gedanken gesteuert! Das verhindert somit auch direkt, dass sich jemand Unbefugtes daran zu schaffen macht. Überhaupt haben die Menschen nur noch wenig Kontakt zueinander. Nur den nötigsten halt. Und wenn, dann nur innerhalb der Familie. Wenn man jemand anderen kennen lernen will, so läuft das ausschließlich über den Computer. Wozu sollte man sich auch mit anderen treffen?! Und vor allem: wo? Man könnte sowieso nichts gemeinsam unternehmen. Jegliches Essen ist chemisch zubereitet und meist direkt aus der Tube. Restaurants? Fehlanzeige! Und ein "Kino" ist selbstverständlich in dem Computer enthalten. Was also sollte uns junge Leute reizen, unsere Wohnung zu verlassen?! - Allerdings habe ich gerade gehört, dass sie dabei sind, eine Möglichkeit zu finden, in die Vergangenheit zu reisen. Das wäre dann freilich mal was. Ich kann es kaum erwarten. Nach all dem, was mir meine Oma erzählt hat, möchte ich unbedingt mal selbst erleben, wie es früher war!


Das Copyright für die Texte liegt bei den Autorinnen und Autoren.
Auskunft erteilt die Fachschaft Sozialwissenschaften des St.-Ursula-Gymnasiums Attendorn.


©  für die Bearbeitung und Zusammenstellung:  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2001-2012