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Rollentheorie / Symbolischer Interaktionismus

Kleine Dienstbesprechung - ein Dialog

Aufgabe

  1. Analysieren Sie den Verlauf des unten stehenden Gesprächs unter Verwendung der Terminologie
        - der funktionalistischen Rollentheorie,
        - des Symbolischen Interaktionismus!
  2. Erläutern Sie, ob bzw. inwiefern Ihnen die Interaktion der beiden Gesprächspartner ge- oder misslungen erscheint! Erörtern Sie, in welchen Phasen die Interaktion hätte optimiert werden können!

Material

Kleine Dienstbesprechung

Müller: Na, dann nehmen Sie erst mal Platz, Herr Schulze!

Schulze (setzt sich zögernd, wartet, bis sein Gegenüber ebenfalls sitzt): Danke, Herr Müller...

Müller (hebt den Blick zur Decke): Tja, Herr Schulze, war ein langer Arbeitstag, nicht wahr?

Schulze (denkt: Er soll lieber gleich zur Sache kommen, statt drum herum zu reden...).

Müller (sinniert): Ja, in der letzten Zeit war in der Firma ziemlich viel zu tun. Erst das Geschäft mit Südafrika. Dann die Sache mit Spanien. Ziemlich erfreulich, diese Entwicklung.

Schulze (etwas unkonzentriert): Ja, wir waren alle recht eingespannt.

Müller: Auch der Großauftrag der LimCom Inc. war ja ein voller Erfolg...

Schulze (denkt: Er soll es lieber kurz und schmerzhaft machen; außerdem muss ich noch auf den Bau, der Elektriker war heute da, wahrscheinlich hat er die Leitung im Keller jetzt doch falsch gelegt.): In der Tat haben wir in diesem Marktsegment unseren Anteil ausbauen können.

Müller (fixiert Schulze): Schade nur, dass die Sache jetzt mit Kanada nicht geklappt hat.

Schulze (denkt: Aha, endlich ist er so weit): Nun ja, die Herren hatten da wohl einfach etwas andere Vorstellungen als wir, Herr Müller.

Müller (plötzlich ernst): Das sagt sich leicht, Herr Schulze, das sagt sich leicht. Vielleicht hätte man sie doch überzeugen können.

Schulze: Sie haben ja auch noch nicht völlig abgesagt; es geht zur Zeit, so hat mir Mr. Paddington versichert, halt lediglich darum, daheim in Ontario zunächst einmal die Standpunkte zu klären.

Müller: Ach was, Herr Schulze, seien wir ehrlich: Der Auftrag ist geplatzt!

Schulze: So würde ich das nicht sehen...

Müller (unterbricht): So sollten Sie es -, ach, was sage ich?: So müssen Sie es aber sehen! Es war jedenfalls unverzeihlich, die Herren ohne eine konkrete Zusage wieder nach Kanada fahren zu lassen!

Schulze (denkt: Bis ich da bin, hat der Elektriker bestimmt schon Feierabend gemacht...): Ich hatte eher den Eindruck, dass Mr. Paddington von der Firmenleitung aus die Hände gebunden waren. Auch Herr Dr. Viereck hatte das Gefühl, dass...

Müller (unterbricht): Ach, hören Sie mir mit Dr. Viereck auf! Dr. Viereck war mit der ganzen Angelegenheit doch allenfalls am Rande befasst. Die Verantwortung lag in Ihren Händen; und Sie haben die Kanadier gehen lassen. Ich könnte auch sagen: Sie haben die Sache verpatzt!

Schulze (denkt: Ach, daher weht der Wind. Er will mich rausschmeißen. Nun denn; Erika wird sich freuen, ausgerechnet jetzt, wo wir das Haus abbezahlen müssen...).

Müller (unbeirrt): Und wenn es nur das wäre. Aber da ist ja noch mehr...

Schulze (denkt: Sie wird wieder arbeiten gehen müssen, sonst langt das Geld nicht. Vielleicht können wir Tobias bei ihren Eltern unterbringen...): Darf ich fragen, was Sie meinen?

Müller: Das dürfen Sie. Das dürfen Sie. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, Herr Schulze; aber haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass es auch, nun, wie soll ich mich ausdrücken?: ganz formale Gründe geben kann, weshalb aus dem Vertrag nichts geworden ist?

Schulze (denkt: Ausgerechnet ihre Eltern. Die haben doch bisher nur an dem Jungen herumgemäkelt. Verwöhntes Blag hat sein Großvater ihn genannt): Sie meinen, die Firmenleitung in Ontario...

Müller (unterbricht): Ich meine Sie, Herr Schulze, ich meine die Tatsache, dass Sie in der letzten Zeit ein wenig, nun, nicht mehr ganz der Alte sind. Ihr Hausbau nimmt Sie wohl doch reichlich in Anspruch.

Schulze: Entschuldigen Sie, Herr Müller, aber ich bin mir nicht bewusst, dass der Bau meines Hauses irgendetwas mit den geschäftlichen Abschlüssen unserer Firma...

Müller (unbeirrt): Umso bedauerlicher, dass Sie sich dessen nicht bewusst sind.

Schulze: Sie meinen, ich habe kalkzerfressene Fingernägel, der Zement hängt mir im Anzug, und der Mörtel liegt mir auf den Haaren, oder wie?

Müller: Seien Sie nicht albern. Nein, an Ihrem Äußeren ist nun wirklich nichts auszusetzen. Tadellos wie immer, mein Lieber. Aber andererseits...

Schulze: Andererseits? (denkt: Der Elektriker ist jetzt sowieso weg, warum also soll ich mit dem Scheiß-Müller nicht diskutieren?)

Müller: Ich will Ihnen, wie gesagt, nicht zu nahe treten, aber gewisse Kapazitäten, die Sie früher für die Firma freigesetzt haben, sind nun, so scheint es mir, plötzlich anderweitig gebunden.

Schulze (säuerlich): Herr Müller, Sie haben eben selbst gesagt: die Aufträge von Südafrika, von Spanien, von der LimCom Inc. sind eingefahren - daran bin ich schließlich nicht ganz unbeteiligt gewesen. Wenn nun, wie Sie sich ausdrücken, die Sache mit Kanada geplatzt ist, dann ist das sicherlich bedauerlich; aber in der Geschäftswelt kommen diese Dinge vor. Sie kommen in unserer Firma vor; sie kommen in anderen Firmen vor. Sie monokausal aus der Tatsache erklären zu wollen, dass ich zur Zeit ein Haus baue, bauen lasse übrigens - eine durchaus legitime Tätigkeit, soweit ich weiß -, erscheint mir, gelinde gesagt, unangebracht. - Wenn Sie wollen, dass ich die Firma verlasse, dann sagen Sie es gleich. Wir sparen dann eine Menge Zeit, statt um den heißen Brei herumzureden.

Müller (abwehrend): Aber lieber Herr Schulze, ich habe mit keiner Silbe an Ihrer fachlichen Qualifikation gezweifelt. Mir sind da halt nur Gedanken gekommen...- Selbstverständlich ist Ihr Platz in unserem Unternehmen, gar kein Zweifel.

Schulze: Sie wollten mir wohl nur den Kopf waschen.

Müller (verlegen lächelnd): Gewissermaßen ja. Ihre Reaktion zeigt mir jedoch, dass das offenbar nicht nötig war...

Schulze (versöhnlich): Jedenfalls nicht, weil irgendwelcher Mörtelstaub drauf herumliegt...


Originaltext   -   ©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2003-2010.