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Die Rolle des Konsumenten in der Marktwirtschaft

Menschen wie du und ich - Fallbeispiele

Aufgabe

  1. Analysieren Sie das Verbraucherverhalten der hier vorgestellten Personen anhand Ihnen bekannter Theorien!
  2. Erläutern Sie, ob bzw. inwiefern die genannten Personen in den hier beschriebenen Situationen jeweils Verbraucherschutzrechte geltend machen können!

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Menschen wie du und ich

Exzentriker Franz Tick will eine seiner berüchtigten Partys feiern. Um entsprechend gestylt zu sein, sucht er die Boutique "Dernier cri" auf, deren Besitzerin Moni ihm zu dem Jackett-Modell "Neon" rät. "Wir haben es ganz neu hereinbekommen", erklärt Moni. "Das trägt hier in der Stadt bestimmt noch keiner."

Franz Tick hört dies gern und greift zu; denn er hofft, sich auf seiner Party mit der neuen Kleidung ins rechte Licht setzen zu können. Als es dann so weit ist, erleidet er jedoch einen Heulkrampf: Auch Exzentriker Hugo Tack, von Tick ohnehin nur höchst widerwillig eingeladen, trägt ein "Neon"-Modell. Solchermaßen um die Exklusivität seines Auftritts gebracht, muss Franz Tick zur Bekämpfung seiner Depressionen an fünf zusätzlichen Nachmittagen seinen Lieblingspsychiater Dr. Donald Durchdreh (Stundenhonorar 149 Euro) konsultieren.

Übrigens hat auch Dr. Durchdreh Sorgen. Am Abend des letzten Sitzungstages mit Herrn Tick wird das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft live übertragen, doch bedauerlicherweise hat am Vormittag der Fernseher des Psychiaters - so scheint es - seinen Geist aufgegeben. Da Dr. Durchdreh absoluter Fußballfan ist, setzt er Himmel und Hölle in Bewegung, damit er abends - notfalls auch auf einem anderen Gerät - das ersehnte Spiel anschauen kann. Leider hat er jedoch diesmal, ganz entgegen seiner üblichen Gewohnheit, wegen der Sitzung mit Herrn Tick keine Zeit, verschiedene Läden abzuklappern und sich persönlich nach Ersatzgeräten zu erkundigen. So muss er sich mit der Diagnose des eilig herbeigerufenen Rundfunk- und Fernsehspezialisten Zacharias Zack, des Inhabers des größten Fachgeschäfts am Ort, begnügen.

"Kein Problem", verkündet dieser, "das liegt an der Antenne. Soll ich sie Ihnen nur anders ausrichten oder lieber gleich eine ganz neue installieren?"

"Lieber gleich eine neue", sagt Dr. Durchdreh kleinlaut, denn ihm scheint eine fabrikneue Antenne eine größere Garantie für korrekten Empfang zu bieten als das bloße Geraderichten des ohnehin schon älteren Modells, das sein Dach ziert.

"Okay", brummt Zacharias Zack. "Wir brauchen dafür höchstens eine Stunde. Dann können Sie Ihr Spiel ja heute abend in voller Länge sehen."

Gesagt, getan. Schon bald machen sich Herr Zack und sein Geselle auf dem Dach zu schaffen. Tatsächlich erscheint nach einer Stunde auf dem Fernsehschirm ein brillantes Bild, und der Abend scheint gesichert.

Als sich Dr. Durchdreh jedoch um 19.55 Uhr gemütlich in seinen Fernsehsessel lümmeln will, packt ihn das Grausen. Statt des grünen Fußballrasens sieht er nur Bildschirmschnee. Offenbar hat der soeben aufgekommene Sturm die nur unzureichend montierte Antenne auf dem Dach verdreht, so dass der Sender nicht mehr empfangen werden kann. Wild entschlossen schnappt sich Dr. Durchdreh eine Leiter, klettert unter Lebensgefahr aufs Dach und dreht die Antenne so lange hin und her, bis ihm seine unten stehende Frau durch Zuruf mitteilt, dass der Empfang nun wieder "normal" sei.

In der Tat gelingt es Dr. Durchdreh daraufhin, die erste Halbzeit anzuschauen; dann jedoch nimmt der Sturm draußen überhand, und die Antenne segelt vom Dach herunter genau ins Gewächshäuschen der benachbarten Familie Liebfried. Herr Liebfried, der sich für Fußball nicht die Bohne interessiert und stattdessen gerade nachschauen will, ob seine Tomaten auch bei Sturm noch wachsen, nimmt bei diesem Sturz beträchtlichen Schaden, so dass er ins Krankenhaus gebracht werden muss.

Dies bleibt nicht der einzige Unglücksfall in der Familie Liebfried. Am folgenden Tag passiert nämlich Herrn Liebfrieds vierzehnjährigem Sohn Gottlieb ein böses Missgeschick. Man muss dazu wissen, dass sich im Hause Liebfried gerade deren reiche amerikanische Erbtante Dorette Dollar aufhält. Diese hat Gottlieb dreihundert Euro gegeben, damit er sich davon gute amerikanische Bücher kaufe, um sein Englisch zu vervollkommnen. Gottlieb denkt jedoch nur zum Teil daran, seine Fremdsprachenkenntnisse aufzubessern; er beschließt vielmehr, von dem erhaltenen Geld 198 Euro abzuzweigen und in ein fernsteuerbares Flugzeugmodell namens Sturzi zu investieren, das zu diesem Sonderpreis gerade im Spielwarenladen Krabbel angeboten wird und von dessen Fähigkeiten ihm sein Klassenkamerad Stefan Schleim, der bereits glücklicher Besitzer eines Sturzi-Exemplars ist, schon viel vorgeschwärmt hat.

Als Frau Liebfried und Tante Dorette gerade am Krankenbett von Herrn Liebfried weilen, stiehlt sich Gottlieb deshalb davon und ersteht das lange ersehnte Modell. Leider währt die Freude nur kurz. Da Gottlieb des Fernsteuerns unkundig ist, landet das Flugzeug, das der Junge sofort vor der Ladentür ausprobiert, unsanft im Schaufenster der Firma Krabbel. Scheibe und Flugzeug sind daraufhin reif für den Restmüll.

Noch während der Glaser für eine neue Scheibe Maß nimmt, erscheint Herr Grunz im Spielwarenladen und reklamiert die kleine sprechende Puppe (Marke "Talking Dolly"), die er acht Monate zuvor erworben hat (und zwar in Erinnerung an seine jüngere Schwester, die an einem Püppchen der gleichen Firma seinerzeit auch schon viel Freude hatte).

Talking Dollys Sprechmechanismus sei kaputt, erklärt er nun betrübt. "Und dies", fährt er fort, "obwohl meine Tochter die Puppe nur sachgemäß verwendet hat." - Die Verkäuferin, Frau Krabbel, zuckt bedauernd mit den Achseln und verweist auf die in ihrem Laden aushängenden "Allgemeinen Geschäftsbedingungen", nach denen auf komplizierte elektronische Spielzeuge, die im Allgemeinen stark beansprucht werden (wie z. B. sprechende Puppen), nur eine sechsmonatige Garantie gewährt werde. Da Herr Grunz die Puppe schon länger habe, könne man leider nichts machen.

Als Herr Grunz mit diesem Bescheid nach Hause kommt, gerät seine Frau in Rage. Sie legt ihm mit deutlichen Worten nahe, der Firma Krabbel sofort einen angemessenen Brief zu schreiben. Sofort setzt sich Herr Grunz an den Computer und greift in die Tasten, allerdings nicht ohne zuvor noch Franz Tick zugewinkt zu haben, der gerade draußen auf einem überdimensionierten Dreirad vorbeitrampelt.

Franz Tick pflegt mit diesem seltsamen Gerät bei der Konditorei Hartbrot vorzufahren. Dort nimmt er jeden Dienstag sowie jeden zweiten und vierten Donnerstag im Monat einige gehörige Portionen von Kaffee und Kuchen ein. Doch lassen wir ihn an dieser Stelle selbst zu Wort kommen:

"Eigentlich weiß ich ja, dass diese Buttercremetortenstücke meiner Gesundheit nicht gerade förderlich sind; denn meinen dritten Herzinfarkt hab ich nun auch schon hinter mir. Kommt von dem vielen Fett, hat der Arzt gesagt. Na ja, ich hab halt ein paar Pfunde zu viel auf den Hüften. Aber was soll ich machen? Wenn man dick ist, wird man doch von seinen Mitmenschen förmlich geschnitten, richtig isoliert. Na, und da mampfe ich dann eben einfach in mich rein, ein Tortenstück nach dem andern. Danach geht's mir dann richtig gut. Ich ess mein Alleinsein einfach weg. Und schmecken tut's schließlich auch. Ohne Kuchen könnte ich, glaube ich, gar nicht leben. Und deshalb bin ich wohl auch Stammkunde bei unserm Konditor."

Den Konditor, einen gewissen Herrn Salmonelli, freut derartiges Lob natürlich sehr. Auch über Giovanni Salmonelli gäbe es übrigens an dieser Stelle einiges zu erzählen; wir wollen jedoch für heute unsere Berichterstattung schließen, um uns nun unsererseits in den Konsum zu stürzen...


Originaltext   -   ©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2003-2010.