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Rollentheorie / Symbolischer Interaktionismus

Schulalltag - ein Dialog

Aufgabe

Im folgenden Text wird Ihnen ein Beispiel für eine misslungene Interaktion vorgestellt.

  1. Analysieren Sie die Gründe für das Scheitern des Gesprächs aus der Sicht (bzw. in der Terminologie)
        - der funktionalistischen Rollentheoretiker sowie
        - der symbolischen Interaktionisten
    und zeigen Sie auf, wie - im Sinne dieser Theoretiker - eine erfolgreiche Kommunikation hätte zustande kommen können!
  2. Problematisieren Sie die beiden Theorieansätze! Welche Möglichkeiten, welche Grenzen bietet die Analyse einer Interaktion mit den Hilfsmitteln der funktionalistischen Rollentheorie bzw. des symbolischen Interaktionismus?

Material

Schulalltag

Schule. Ende einer Deutschstunde. Der Oberstufen-Grundkurs hat soeben eine Klausur über Barocklyrik zurückbekommen. Markus ist mit seiner Note nicht zufrieden. Nach dem Gongzeichen geht er, während die übrigen Kursteilnehmer gemächlich hinaustrotten, nach vorn und wendet sich ohne Umschweife an die Deutschlehrerin, die gerade eine Eintragung in ihr Kursheft macht.

Schüler: He, Frau Wolf, das mit der "Vier minus" ist 'ne echte Gemeinheit!

Lehrerin (schreibt weiter, schaut nicht auf): Da bin ich aber ganz anderer Meinung.

Schüler (erregt): Typisch! Mehr haben Sie dazu nicht zu sagen! Lehrerin (ruhig, schreibt immer noch): Schließlich habe ich dir einen Kommentar unter die Arbeit geschrieben; den solltest du vielleicht erst mal lesen. - Ach, Christiane! (Sie wendet sich an eine Schülerin.) Putzt du bitte noch die Tafel. Du weißt: unsere Direktorin ist da ziemlich hinterher (lächelt verlegen).

Schüler (knallt der Lehrerin das Klausurheft auf den Tisch, so dass sie nicht mehr in die Kursmappe eintragen kann): Scheiße, sag ich da nur! Alles große Kacke! Ist doch beknackt, eine solche Aufgabe zu stellen!

Lehrerin (bleibt ruhig, denkt jedoch: Mist, wie werd' ich den los? Um halb eins muss ich Robert vom Kindergarten abholen; nur noch eine Viertelstunde bis dahin... - Laut sagt sie): Es scheint ja einen konstitutiven Bestandteil deiner Persönlichkeit auszumachen, dich einer solchen Fäkalsprache zu bedienen; aber das zieht bei mir nicht, mein Lieber! Der Kommentar, den du unter deine Arbeit geschrieben hast, ist eine pure Unverschämtheit. Darüber diskutiere ich nicht.

Schüler: Na, hab ich nicht Recht?!? Was soll'n wir denn heutzutage noch mit so 'nem beknackten Gryphius-Gedicht anfangen. Ist doch alles passé!

Lehrerin (steht auf): Entschuldige mich bitte; ich habe Wichtigeres zu tun, als mir deine Verbalinjurien anzuhören. Ich habe noch eine Besprechung mit der Schulleiterin.

Schüler (ironisch): Ach, wie toll. Dann grüßen Sie sie mal schön. Und beichten Sie ihr dann auch gleich bei dieser Gelegenheit, dass Sie uns nur unzureichend auf die Klausur vorbereitet haben. Das ist doch wohl ein Witz: drei Stunden Textarbeit, und dann gleich 'ne Klausur!

Lehrerin (erinnert sich, dass ihr schon der Seminarleiter im Referendariat den Vorwurf gemacht hat, sie könne ihre Zeit nicht richtig einteilen): Das musst du schon mir überlassen, wie ich im Unterricht vorgehe. Schließlich habe ich die pädagogische Ausbildung, nicht du! - Im Übrigen ist dein Verhalten empörend. Ich bin tief enttäuscht von dir, Markus, tief enttäuscht. Anfangs habe ich dich ja für einen netten Jungen gehalten, aber -

Schüler (unterbricht): Sparen Sie sich Ihren Schmus. Und wenn ich (macht sie nach) "im Übrigen" auch mal etwas sagen darf: Ihr ständiges Geduze geht mir langsam auf den Geist. Als Oberstufenschüler haben wir schließlich das Recht, mit "Sie" angeredet zu werden. Vielleicht fragen Sie da Ihre liebe Frau Direktorin auch mal danach, wie die das sieht!

Lehrerin (verliert allmählich die Fassung, denkt an den Kindergarten): Das ist doch wohl nicht wahr!!! Da hört sich doch alles auf!! So ein unverschämter Kerl!! Ich werde Frau Dr. Mülheim von deinem Verhalten berichten!

Schüler (verbessert): Ihrem Verhalten.

Lehrerin (wütend): Halt gefälligst den Mund! Und verschwinde jetzt endlich! (Sie macht eine hastige Bewegung, bemerkt, dass der Schüler einen Kopf größer ist als sie und dass sie beide allein im Klassenraum sind: Christiane hat die Tafel geputzt und die Tür beim Hinausgehen zugemacht.)

Schüler (ruhig): Stimmt schon, was mein Vater neulich gesagt hat: Die jungen Lehrerinnen kannst du alle in der Pfeife rauchen. Die kriegen nichts geregelt.

Lehrerin (sieht, dass Markus zwischen ihr und der Tür steht; denkt daran, dass der Vater des Schülers der Vorsitzende des schulischen Fördervereins ist): Würdest du -, würden Sie mich jetzt bitte gehen lassen!

Schüler (zitiert seinen Kommentar, den er unter die Klausur geschrieben hat): Da gibt's heutzutage überall Mord und Totschlag auf der Welt, im Irak, in Ruanda, im Kosovo, in Bosnien, wo wir noch vor ein paar Jahren im Urlaub waren; und in der Schule haben wir nichts Besseres zu tun, als Gedichte aus dem Dreißigjährigen Krieg zu lesen! Flucht aus der Wirklichkeit nenne ich das!

Lehrerin (denkt: Eine blöde Situation; hoffentlich kriegen die Kollegen davon nichts mit!): Ich möchte jetzt gehen!

Schüler: Bitte sehr!

Lehrerin (denkt: Eigentlich hat er mir den Weg ja gar nicht verstellt... - Mit dem "Sie" hat er natürlich Recht; blöd ist nur: Wie mach' ich das den andern Schülern klar, dass ich sie jetzt alle siezen werde... - Sie geht an dem Schüler vorbei, dreht sich noch einmal um): Das wird noch ein Nachspiel für Sie haben!

Schüler zuckt mit den Achseln, nimmt sein Heft, packt es in seine Tasche und geht ebenfalls.


Originaltext   -   ©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2003-2010.