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0. Vorüberlegungen

Was prägt unsere gesellschaftlichen Strukturen? Ist es der "nivellierte Mittelstand", den Helmut Schelsky in den 50er-Jahren ausmachte [1], sind es mehr oder minder umrissene, doch entschichtete "Lebenswelten" bzw. "Milieus" [2] - oder ist es doch eher die (Zwei-)Klassengesellschaft, die erst kürzlich Paul Nolte [3] wieder in die Diskussion brachte? Die aktuellen Arbeitslosenzahlen und die öffentlichen Debatten um Hartz IV, die Gesundheitsreform und die "Rentenlücke" scheinen vor allem Nolte Recht zu geben. In der Tat mehren sich die Indizien, dass in unserer Gesellschaft die Spanne zwischen Wohlhabenden und Bedürftigen größer wird.

  Bettler
Bettler in Köln.
Auf internationaler Ebene bestätigt sich dieses Bild. Fast täglich erreichen uns Meldungen über afrikanische Boat People, die sich auf den Weg machen, um im reichen Europa ihr Glück zu suchen, Berichte über so genannte Wirtschaftsflüchtlinge in Abschiebehaft, über Latinos vor streng bewachten texanischen Grenzanlagen oder über junge marokkanische Männer vor den Sperrzäunen der spanischen Exklaven in Nordafrika.

An empirischen Untersuchungen über den Kontrast "Arm vs. Reich" fehlt es nicht. Meist sind diese Arbeiten jedoch makrosoziologisch ausgerichtet; sie orientieren sich in der Regel am Einkommen und dem damit verbundenen Status der untersuchten Personen. Studien zum Verhalten von Armen und Reichen in direkter Konfrontation sind hingegen rar gesät.

Die vorliegende Untersuchung "Schwarzweiß" soll dazu beitragen, diese Lücke - zumindest ein Stück weit - zu schließen. Unsere Arbeit basiert, wie schon unsere früheren Studien zum gleichen Thema, auf der Methode des sozialwissenschaftlichen Experiments. Nach mehreren Feldversuchen (vgl. unsere Projekte "Bettelarm" und "Bettelarm 2") entschieden wir uns diesmal allerdings, ein Labor-Szenario zu entwickeln: die direkte Gegenüberstellung von Versuchspersonen, die "nichts", und solchen, die "alles" haben, auf engstem Raum.

Natürlich kann man mit einem derartigen Laborexperiment dem Elend in der Welt nicht gerecht werden. Echte Bedürftigkeit lässt sich nicht simulieren. "Armut im Labor" ist immer Armut auf hohem Niveau. Gleichwohl lassen sich durch unser Projekt auf der mikrosoziologischen Ebene mehrere Fragen beantworten [4]:

Da das Experiment konzeptionell - auch - auf TV-Formate wie "Big Brother" rekurriert, bietet es darüber hinaus, quasi nebenbei, Antworten auf einige medien- bzw. kommunikationswissenschaftliche Fragen:


[1] Der Begriff "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" stammt aus dem Jahr 1953. Vgl. Helmut Schelsky: Auf der Suche nach der Wirklichkeit. München 1979. S.326ff.

[2] Vgl. Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt/M. 1992. - Vgl. ferner die jährlichen Milieu-Erhebungen von Sinus Sociovision, Heidelberg.

[3] Paul Nolte: Unsere Klassengesellschaft. Wie könnten die Deutschen angemessen über ihr Gemeinwesen sprechen? Ein unzeitgemäßer Vorschlag. In: Die Zeit, 56. Jg., Nr. 2 (4.1.2001), S.7.

[4] Umfassendere Fragestellungen und Kommentare finden Sie im Anhang.


©  St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2006-2010

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