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1. Konzeption

Der erste Schritt auf dem Weg zum Experiment war die Klärung der Frage, wie sich "Reichtum" und "Armut" in einer Gesellschaft wie der unseren überhaupt definieren lassen. Konkret machten wir Wohlstand und Bedürftigkeit an folgenden fünf Faktoren fest:

Einen weiteren denkbaren Faktor, die Art der Kleidung, zogen wir nicht als Indikator für Armut bzw. Reichtum heran. Vielmehr kennzeichneten wir über die Farbe der Oberbekleidung - schwarz oder weiß - die beiden Teilgruppen des Versuchs.

Als Labor, in dem wir Armut und Reichtum simulieren wollten, wählten wir, wie schon in einem früheren Experiment, die Aula unserer Schule. Sie verfügte, da sie ursprünglich als Turnhalle konzipiert war, nicht nur über eine 200 Quadratmeter große Versuchsfläche, sondern in einem Nebentrakt auch über großzügige, auf mehrere Räume verteilte Sanitäreinrichtungen (WCs, Duschen, Umkleiden) inklusive Lüftungsanlage sowie - ein besonderer Vorteil für die Beobachter - über eine nur von außen zugängliche Empore, von der aus das Geschehen in der Halle bequem und relativ unauffällig überwacht werden konnte.

Den Versuchszeitraum datierten wir auf fünf Tage im März 2006, einen von anderen schulischen Veranstaltungen (Abitur, Lernstandserhebungen, Theateraufführungen usw.) relativ unbelasteten Termin. Da die Versuchspersonen allesamt Schülerinnen und Schüler waren und es in diesem Zusammenhang zu möglichst wenigen Störungen des regulären Unterrichts kommen sollte, wurde das Experiment als ein um zwei Schultage "verlängertes Wochenende" ausgerichtet: Beginnend am Donnerstagmittag nach der Schule sollte es am darauffolgenden Dienstagmorgen vor Unterrichtsanfang enden, so dass die Versuchsteilnehmer lediglich den Unterricht am Freitag und Montag "verpassten".

1.1 Grenzziehung

Die Grundidee des Experiments war sehr einfach: Die Versuchsfläche (Aula und Nebenräume) wurde konsequent in zwei Bereiche geteilt, in ein so genanntes "weißes" und in ein "schwarzes" Feld. Im weißen Bereich sollten sich die - an ihrer weißen Oberbekleidung erkennbaren - "reichen" Probanden aufhalten, im schwarzen Feld dementsprechend die schwarz gekleideten "Armen".

  Trenngitter
Blick aus dem schwarzen Bereich in das Schlafzimmer der männlichen weißen Versuchsteilnehmer im Aula-Nebentrakt; dazwischen das Trenngitter.
Wohlstand und Armut mit den beiden "Farben" Weiß und Schwarz zu verbinden liegt nahe: Sie stellen erstens eine direkte Assoziation zur Entwicklungsproblematik her ("Erste" vs. "Dritte Welt", "weißer" vs. "schwarzer" Kontinent); zweitens wird diese Zuordnung durch die gleichen Lautungen (weiß - reich bzw. schwarz - arm) begünstigt.

Um die beiden Bereiche voneinander zu trennen, zogen wir quer durch die Aula und auch durch den Flur des Nebentrakts ein zwei Meter hohes Gitter. Dieses bestand aus einem massiven Metallzaun mit im Abstand von jeweils 5 Zentimetern aufgesetzten Streben. Infolge dieser Anordnung konnten die Versuchspersonen zwar nicht nach Belieben das Feld wechseln, einander jedoch sehr wohl sehen bzw. beobachten. Auch das Schmuggeln von kleineren Gegenständen durch das Gitter (oder darüber hinweg) war durchaus möglich, wiewohl natürlich verboten. Da jedoch jedes Laborexperiment - auch - von Regelverstößen lebt, setzten wir die Probanden durch die von uns gewählte "Innenarchitektur" dieser Versuchung aus.

Eine weitere Versuchung ergab sich aus dem Umstand, dass das Trenngitter in der Mitte des Raums an einer Stelle durchbrochen war. Hier hätte man problemlos zur gegenüberliegenden Seite hindurchschlüpfen können, obwohl selbstverständlich auch dies verboten war. Wir bezeichneten diese Öffnung als "Straße von Gibraltar": Sie bot - zumindest theoretisch - vor allem den schwarzen Probanden die Möglichkeit, auf schnellem Weg am Reichtum der Weißen teilzuhaben; dies wäre aber natürlich mit einem gravierenden Regelverstoß verbunden gewesen.

Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass wir in das Trenngitter seitlich auch eine Tür einbauten, die den Beobachtern den Wechsel der Felder erleichtern sollte. Es versteht sich, dass sie von den Versuchsteilnehmern nicht benutzt werden durfte; sie wurde im Übrigen nachts mit einem Vorhängeschloss gesichert.

1.2 Räumlichkeiten

Den Grenzzaun zogen wir so, dass sich - auf den ersten Blick erkennbar - für die Schwarzen und die Weißen ganz unterschiedliche Lebensverhältnisse ergaben. Formal teilte der Zaun die Aula zwar in zwei etwa gleich große Hälften, doch boten diese beiden Hälften ganz verschiedenen Zugriff auf die Nebenräume.

Die schwarzen Probanden hatten in ihrem Bereich lediglich Zugang zur (ehemaligen) Lehrer-Umkleidekabine. Diese wurde als Küche und Vorratsraum für Flaschenkisten und Nahrungsmittel genutzt. Die dahinter liegende kombinierte Dusch- und WC-Zelle war die einzige Sanitäreinrichtung im schwarzen Feld.

Die Weißen verfügten hingegen gleich über drei zusätzliche Bereiche, in die sie sich gegebenenfalls nach Belieben zurückziehen konnten: die beiden (ehemaligen) Schüler-Umkleideräume (inklusive WCs und Duschen) sowie einen großen (ursprünglich als Lager genutzten) Nebenraum. Letzterer fungierte während des Experiments als Küche; die Umkleideräume wurden als Schlafzimmer deklariert; auch an Sanitäreinrichtungen (zwei Toiletten, zwölf Duschen) mangelte es nicht.

Für die Weißen ergab sich aus dieser Zuordnung eine Wohnfläche von etwa 180 Quadratmetern, für die Schwarzen eine Fläche von 120 Quadratmetern. Da wir dem weißen Feld nur 12, dem schwarzen hingegen 24 Versuchspersonen zuwiesen, bedeutete dies, dass die Schwarzen rein rechnerisch mit etwa fünf Quadratmetern pro Person auskommen mussten, während den Weißen immerhin fünfzehn Quadratmeter pro Kopf zur Verfügung standen. Oder, auf die Sanitäranlagen bezogen: Die Schwarzen hatten sich zu zwei Dutzend in eine einzige Dusche zu teilen, wohingegen jeder Weiße sozusagen seine eigene Dusche besaß.

1.3 Einrichtung

Der räumlichen Ausstattung von Schwarz und Weiß entsprach auch die Einrichtung der Räume. Das Innere der weißen Küche war vom Feinsten: drei Arbeitstische mit zwei Doppelkochplatten, drei Kühlschränke (einschließlich Tiefkühlfach), eine Mikrowelle, ein Wasserkocher sowie ein massiver Küchenregalschrank mit umfangreichen Vorräten, dazu mehrere Bistro-Stühle und ein Radio.

Auch im Hauptraum (also in der ihnen zugewiesenen Aulahälfte), der als Wohnzimmer fungierte, verfügten die Weißen über eine Reihe innenarchitektonischer Besonderheiten. Hierzu gehörten mehrere Tische und Polsterstühle für gemeinsame Mahlzeiten, eine separate Leseecke mit Sofa, Schaukelstuhl und Radio-CD-Kombination, eine Computerecke mit zwei Rechnern (ausgestattet mit diversen Spielen, allerdings ohne Internet-Anschluss) sowie eine "klassische" Wohnzimmereinrichtung mit einer aus zwei Zweisitzern bestehenden Couchgarnitur, einem kleinen Tisch und einem Fernseher inklusive Antennenanschluss, Videorekorder und DVD-Player. Zimmerpflanzen, ausgelegte Zeitschriften und Videokassetten, Poster und ein Teppich rundeten das "wohnliche" Bild ab.

Ganz anders die schwarze Seite: Hier gab es in der Küche zwar auch ein Vorratsregal sowie auf einem Arbeitstisch zwei Doppelkochplatten; ansonsten war die Ausstattung jedoch mehr als bescheiden: nur eine kleine 15-Liter-Kühlbox für das Notwendigste (Butter, Aufschnitt), kahle Wände, darüber hinaus im Hauptraum, der gleichzeitig "Wohnzimmer" und Schlafraum war, für 24 Personen lediglich sechs wackelige Holzstühle und gerade mal zwölf Bananenkisten als Mobiliar.

Eine besondere Schikane stellte die Position des Fernsehers dar. Er ragte, wenn auch durch den Metallzaun abgetrennt, deutlich in den schwarzen Bereich hinein, war aber natürlich mit dem Bildschirm in Richtung der Weißen positioniert. Da sich das TV-Gerät in einem Videoschrank befand, konnten die Schwarzen zwar die Filme der Weißen mithören, hatten jedoch keine Chance, sie anzusehen. Selbst wenn ein mitleidiger Weißer (oder ein fernsehsüchtiger Schwarzer durch den Zaun) versucht hätte, den Apparat ein wenig zu den Armen hinzudrehen, wäre dies misslungen: Der Videoschrank war per Fahrradschloss an einem Wandheizkörper arretiert.


©  St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2006-2010

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