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1.4 Nahrungsmittel

Ein wesentlicher Aspekt innerhalb unseres Arm-Reich-Projekts war natürlich der des verfügbaren Essens. Die Berechnung der benötigten Lebensmittel gestaltete sich allerdings schwierig. Zum einen wussten wir zwar aus einem früheren Experiment, dass in der Isolation bei aufkommender Langeweile der Nahrungsmittelkonsum steigt; zum anderen war für uns jedoch speziell das Verhalten der weißen Gruppe schwer prognostizierbar: Würde sie sich mit den zur Verfügung gestellten Lebensmitteln zufrieden geben - oder würden die Versuchspersonen etwa via Pizza-Service ständig Leckereien von außerhalb ordern?

Fest stand, dass die Probanden im Rahmen des Experiments viermal frühstücken, viermal zu Mittag und fünfmal zu Abend essen würden. So rechneten wir den Nahrungsmittelbedarf in Essens-Einheiten (EE, warme Mahlzeiten für mittags und abends) bzw. Frühstücks-Einheiten (FE, Brot mit Aufschnitt) um. An Flüssigkeitsbedarf veranschlagten wir pro Tag eine Trink-Einheit (TE, überschlägig 2 Liter Getränke, ohne Flüssigkeit in Dosensuppen usw.).

Den Schwarzen zogen wir vom kalkulierten Nahrungsmittelbedarf pauschal etwa 15 Prozent ab; den Vorrat der Reichen stockten wir entsprechend auf. Insgesamt ergab sich dadurch folgendes Bild:

Weiße (12 Personen):

  Kühlschrank Nr.3
Weiße Küche, Kühlschrank Nr.3
6 Dosen (9 kg) Eintopfsuppen = 24 EE 9 Packungen (4,5 kg) Nudeln = 45 EE 1 Packung (8 Kochbeutel) Reis = 16 EE 2 Dosen (20 Stück) Würstchen = ./. Fleisch n. V. = ./. 5 kg Kartoffeln = 15 EE Gesamt: = 100 EE 1 Graubrot (à 20 Scheiben) = 20 FE 2 Weißbrote (à 20 Scheiben) = 40 FE 24 Brötchen = 24 FE (48 FE) 4 Pack. Wurstaufschnitt (je 10 Scheiben) = (für 40 FE) 4 Pack. Schnittkäse (je 10 Scheiben) = (für 40 FE) Marmelade = (für mind. 28 FE) Gesamt: = 84 FE (108 FE) 3 Kästen (25,2 Liter) Mineralwasser = 12,6 TE 3 Kästen (45 Liter) Cola = 22,5 TE 1 Kasten (15 Liter) Fanta, Sprite usw. = 7,5 TE 5 6er-Einh. (30 Liter) Säfte = 15 TE 10 Flaschen (10 Liter) Bitter Lemon = 5 TE 4 Einh. (4 Liter) Milch = 2 TE Gesamt: = 64,6 TE Diverses: 2 x Margarine 1 x Butter 1 x Salz 1 x Zucker 1 x Ketchup Pfeffer, Oregano 24 x Joghurt 15 Äpfel 15 Birnen ca. 30 Mandarinen 15 Bananen 12 Paprika 12 Tomaten 2 Torten 12 Eis

Schwarze (24 Personen):

  Dosensuppe
Dosensuppe
14 Dosen (21 kg) Eintopfsuppen = 56 EE 9 Packungen (4,5 kg) Nudeln = 45 EE 2 Packungen (16 Kochbeutel) Reis = 32 EE 3 Dosen (30 Stück) Würstchen = ./. 10 kg Kartoffeln = 30 EE Gesamt: = 163 EE 3 Graubrote (à 20 Scheiben) = 60 FE 2 Knäckebrote (à 10 Stück) = 20 FE 4 Pack. Wurstaufschnitt (je 10 Scheiben) = (für 40 FE) 4 Pack. Schnittkäse (je 10 Scheiben) = (für 40 FE) Gesamt: = 80 FE 22 Kästen (184,8 Liter) Mineralwasser = 92,4 TE 6 Flaschen (9 Liter) Cola = 4,5 TE 1 Flasche (1 Liter) Bitter Lemon = 0,5 TE Gesamt: = 97,4 TE Diverses: 3 x Margarine 1 x Salz 1 x Zucker 25 Äpfel 25 Birnen

1.5 Unterhaltungselektronik

Gerade in modernen Industriegesellschaften - und in einer solchen fand der Versuch nun einmal statt - ist als Wohlstandmaß neben den Nahrungsmitteln auch die verfügbare Unterhaltungselektronik sehr wichtig. Folgerichtig untersagten wir den Schwarzen für die Dauer des Experiments jede Benutzung von Handys, MP3- bzw. CD-Playern, Radios, Taschen-Spielkonsolen (Gameboy usw.) und ähnlichen Geräten.

Die Weißen unterlagen derartigen Einschränkungen selbstverständlich nicht. Ihnen war allerdings ausdrücklich untersagt, Telefongespräche im Auftrag der Schwarzen zu führen. Auch durften sie diese bei Telefonaten nicht am Zaun "mit halbem Ohr" mithören lassen.

Lediglich Fotoapparate durften sowohl Weiße als auch Schwarze bei sich führen. Wir erhofften uns von den gemachten Aufnahmen eine besonders authentische Dokumentation des Experiments. Kameras in Form von Foto-Handys waren für die Schwarzen natürlich tabu.

1.6 Versuchspersonen

Aus unterrichtsorganisatorischen Gründen konzipierten wir das Projekt ausschließlich für die 10. Klassen unserer Schule. Ursprünglich planten wir für etwa 30 Versuchspersonen, von denen sich 10 auf dem weißen, 20 auf dem schwarzen Feld einfinden sollten. - Die Ungleichverteilung erschien uns plausibel: Schließlich gibt es auf der Welt mehr Arme als Reiche.

Als wir unser Vorhaben öffentlich machten, war der Zuspruch enorm. Fast 60 Interessenten (von etwas über 80 Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe) wollten spontan teilnehmen - und das, obwohl wir die deutliche Parole ausgegeben hatten, dass vor Versuchsbeginn niemand wissen werde, ob er dem schwarzen oder dem weißen Feld zugeordnet werde; hierüber entscheide einzig und allein das Los.

Angesichts des Andrangs und um nicht gar zu viele abweisen zu müssen entschlossen wir uns, die Zahl der möglichen Versuchspersonen auf 36 zu erhöhen (12 für den weißen, 24 für den schwarzen Bereich). Andererseits wussten wir aus früheren Experimenten (etwa "Die Stummen" oder "Mars Mission"), dass die Zahl der Teilnehmer im Laufe der Zeit bis zum Versuchsbeginn üblicherweise auf etwa 40 bis 50 Prozent der ursprünglichen Interessenten zusammenschnurren würde.

Tatsächlich waren es dann exakt 36 Personen, die am Donnerstag, dem 16. März 2006, für das Experiment bereitstanden. Mit anderen Worten: Wir brauchten niemanden abzulehnen, mussten aber andererseits auch keinen zur Teilnahme "überreden".

Unter den Versuchspersonen waren 28 Mädchen, jedoch nur 8 Jungen. Das Ungleichgewicht der Geschlechter ist - bedingt - sicherlich damit zu begründen, dass das Attendorner St.-Ursula-Gymnasium (eine frühere Mädchenschule) traditionell von mehr Schülerinnen als Schülern besucht wird. Doch erklärt dies nicht alles. Eine der beteiligten männlichen Versuchspersonen äußerte die Vermutung, die Ungleichverteilung sei auf eine Art "Kettenreaktion" zurückzuführen: Wo sich eine Schülerin anmelde, da wollten dann sofort auch ihre Freundinnen mitmachen (um nicht allein "zurückzubleiben"), während Jungen in dieser Hinsicht eher Einzelgänger seien und über ihre Teilnahme eigenständiger entschieden. Ein anderer Versuchsteilnehmer gab zu bedenken, dass für das Wochenende, an dem das Experiment stattfand, ein Zehntklässler zahlreiche "Kumpel" zu seiner Geburtstagsparty eingeladen habe, so dass sich möglicherweise vor diesem Hintergrund die Zahl der männlichen Bewerber ausgedünnt habe.

Dass Geburtstage freilich kein Hinderungsgrund sein müssen, zeigte ein anderer Fall: Eine Schülerin nahm an dem Versuch teil, obwohl sie am vierten Tag ihren 17. Geburtstag feierte. - Geburtstag, so erklärte sie, habe man schließlich öfter, ein Experiment wie "Schwarzweiß" erlebe man hingegen nur einmal.

1.7 Versuchsverlauf

Für den Ablauf des Experiments formulierten wir im Vorfeld detaillierte Regeln, deren wichtigste wir hier im Folgenden kurz vorstellen. Jede Versuchsperson verpflichtete sich, diese Regeln anzuerkennen, und musste bei Verstößen gegebenenfalls sogar mit Disqualifikation rechnen. - Das vollständige Regelwerk ist im Original-Wortlaut im Anhang enthalten.

Selbstverständlich durfte der Versuch jederzeit abgebrochen werden. Ein "vorübergehender" Abbruch mit anschließender Rückkehr kam allerdings nicht in Frage. Auch hatten Personen, die disqualifiziert worden waren oder das Experiment abgebrochen hatten, umgehend am planmäßigen Unterricht teilzunehmen.

1.8 Eingriffe

Abgesehen von dem Feldwechsel am dritten Versuchstag planten wir ursprünglich keine weiteren Eingriffe in den Experimentalablauf. Lediglich in Notsituationen oder bei gravierenden Problemen, die die Probanden selbst nicht lösen konnten, wollten wir tätig werden.

Während des Versuchs änderten wir allerdings unser Konzept und entschieden, den Ablauf zumindest in einem Punkt doch zu "stören". Der Grund: Nach dem Weggang einiger Probanden aus dem Experiment waren ab dem dritten Tag im schwarzen Bereich offensichtlich zu viele Nahrungsmittelvorräte vorhanden, so dass die Grundkonstellation des Projekts - hier die "satten" Weißen, dort die hungrigen Schwarzen - gefährdet schien.

Wir beschlossen deshalb, aus der schwarzen Küche in einer "Nacht-und-Nebel-Aktion" fast ein ganzes Brot zu entwenden. Verpackung und Krümel wurden jedoch dagelassen, um alles wie das Ergebnis der nächtlichen Fressattacke einer Versuchsperson aussehen zu lassen.

Erst nach dem Ende des Experiments wurde den (überraschten) Probanden das Brot zum abschließenden Frühstück wieder ausgehändigt.

1.9 Betreuungsgruppe

Da es sich bei unserem "Schwarzweiß"-Projekt um ein ausgesprochen komplexes Experiment handelte, kamen wir als betreuendes Leitungsteam überein, die anstehenden Aufgaben arbeitsteilig und unter Einbindung einer Reihe von Hilfskräften zu bewältigen.

(1) Laura Dörken, Schülerin der Jahrgangsstufe 12, zeichnete für die Beobachtung der Probanden verantwortlich. Zur Seite standen ihr 18 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 10, 11 und 12, die entweder die Versuchsteilnehmer nach einem vorher festgelegten Zeitplan quasi rund um die Uhr von der Empore der Aula aus überwachten und über ihre Eindrücke auf Protokollbögen akribisch Buch führten oder aber, mit Fotoapparaten und Videokameras ausgestattet, die Probanden im Versuchsraum direkt begleiteten.

(2) Alexandra Schneider, ebenfalls Schülerin der Jahrgangsstufe 12, legte ihren Arbeitsschwerpunkt auf die Konzeption und Auswertung von Fragebögen, mit deren Hilfe sie die jeweilige Befindlichkeit der Probanden erkunden wollte. Einen ersten Bogen erhielten die Versuchsteilnehmer bereits drei Tage vor Projektbeginn, zwei weitere wurden im Verlauf des Experiments ausgeteilt (einer vor, einer nach dem samstäglichen Feldwechsel einiger Probanden), der vierte Bogen nach Projektende. Ein zusätzlicher Fragebogen ging an die "wechselnden" Versuchspersonen.

(3) Sandra Schulte, auch sie Schülerin des 12. Jahrgangs und zwei Jahre zuvor selbst Probandin im Experiment "Mars Mission", versuchte sich an einem Vergleich der beiden Experimente. Reizvoll war diese Aufgabe insofern, als sowohl "Schwarzweiß" als auch die "Mars Mission" unter ähnlichen Bedingungen stattfanden: Beide Versuche liefen über fünf Tage, beide wurden in etwa in den gleichen Räumlichkeiten durchgeführt, in beiden Experimenten durften die Probanden das "Labor" zwischenzeitlich nicht verlassen.

(4) Frank U. Kugelmeier, der Versuchsleiter, überwachte und koordinierte die Arbeitsbereiche der beteiligten Schülerinnen und Schüler. Außerdem führte er zwischendurch Interviews mit den Versuchspersonen, die im Film und auf Mini Disc festgehalten wurden. Im Übrigen hielt er den Kontakt zu den Medien (Presse, Hörfunk, Fernsehen), die sich schon recht früh für das Experiment interessierten. Unterstützt wurde er in seiner Arbeit von mehreren Kollegen der Schule, namentlich Wolfgang Dröpper, Ralf Wesbuer und Peter Wiedemeier.


©  St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2006-2010

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