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2.2.2 Weiße Gruppe

Organisation und Gruppenbildung

  Weiße Gruppe
Die weiße Gruppe.
In der weißen Versuchsgruppe ließen sich keine wirklichen Teilgruppen erkennen. Die einzige Personenkonstallation, die sich öfter an ein und demselben Standort ausmachen ließ, waren die Jungen. Ansonsten kann man die Weißen eher als lose gefügte Schicksalsgemeinschaft beschreiben. Sie aßen, spielten, scherzten zusammen, gingen sich gelegentlich aber auch aus dem Weg.

Die Mädchen tendierten zwar dazu, sich zwei unterschiedlichen Formationen zuzuordnen, mischten sich allerdings auch öfter untereinander und mit den Jungen. Die eine Formation bestand aus VP21, VP27 und VP36. Diese Mädchengruppe schien nicht sehr gut mit dem Rest der Mädchen, wie zum Beispiel VP3 und VP32, auszukommen. Alles in allem mied man jedoch den offenen Konflikt. Gelegentlich aufflackernde Antipathien schienen im Übrigen nicht experimentbedingt, sondern aus dem vorherigen Schulleben importiert zu sein.

Gruppenverhalten

Nach der Auslosung am Donnerstag fingen die Weißen sofort an, ihren Luxus auszukosten: Sie stürzten sich, während die Schwarzen noch "Kriegsrat" hielten und ihr Essen rationierten, demonstrativ mit Süßigkeiten vor den Fernseher, wobei ihnen die Herkunft der Leckereien gleichgültig war. Sie scheuten sich jedenfalls nicht, die Naschartikel auch derjenigen zu verzehren, die ins schwarze Feld geraten waren.

In den folgenden zwei Tagen spielten die Süßigkeiten im Leben der Weißen weiterhin eine erhebliche Rolle. Besonders zwei der Probandinnen machten sich über die Vorräte her. Dies blieb den übrigen Weißen natürlich nicht verborgen; und so begannen diese teilweise sogar, einzelne Knabberartikel vor ihren Mitschülerinnen zu verstecken. Das "Bunkern" von Süßigkeiten reichte allerdings bloß bis zum Samstagmittag. Da für diesen Zeitpunkt die zweite Auslosung angesetzt war und keiner der Reichen wissen konnte, ob er nicht schlagartig arm werden würde, wurde bis dahin das gesamte Naschwerk im weißen Bereich "vorsichtshalber" bis auf den letzten Krümel verzehrt. Im zweiten Teil des Experiments mussten folglich alte wie eingewechselte weiße Probanden, sofern sie sie nicht auf eigene Kosten nachorderten, ohne Chips, Schokoriegel und Gummibärchen auskommen.

Bemerkenswert war, dass nicht alle Weißen das Angebot wahrnahmen, in den Schlafräumen zu nächtigen. Einige legten sich mit ihrem Bettzeug demonstrativ an den Zaun, um so ihren Freundinnen auf der schwarzen Seite nahe sein zu können. Damit blockierten sie das Trenngitter allerdings weitgehend, so dass dort die wechselseitige Kommunikation der übrigen schwarzen und weißen Versuchsteilnehmer be-, wenn nicht gar verhindert wurde: Im Grunde genommen konnten sich Schwarz und Weiß unbeeinträchtigt nur im Gang des Nebentrakts oder am äußersten Rand des Gitters miteinander verständigen.

Auch weitere Beeinträchtigungen schufen sich die Weißen selbst: Sechs Duschen für neun Mädchen zu haben hielt die Probandinnen nicht davon ab, unbedingt einzeln duschen gehen zu wollen. Somit schufen sie sich mehr oder weniger "schwarze Verhältnisse" inmitten ihres Luxus. Auf Nachfragen der Betreuerinnen gaben sie an, sie seien halt gewohnt, sich "ohne Gesellschaft" zu reinigen.

Medienkonsum

Hinsichtlich der Medien waren die Weißen im wahrsten Sinne des Wortes "tonangebend". Der CD-Player lief nahezu ununterbrochen und beschallte auch den schwarzen Bereich. Dies geschah jedoch meist einvernehmlich. Einmal beschwerte sich VP35 von der schwarzen Seite aus über die "faschistische Musik"; denn die weiße Probandin VP11 hatte eine CD der Böhsen Onkelz aufgelegt. Das Problem wurde schnell durch Einschieben einer anderen Scheibe gelöst.

  Computer
Verhängte Computermonitore.
Im Gegensatz zum CD-Player erfreuten sich die beiden aufgestellten Computer keiner großen Beliebtheit, vermutlich weil es sich dabei um ältere Modelle ohne Internet-Anschluss handelte. Sie wurden nur zu Anfang von den Versuchspersonen benutzt, und das auch nur halbherzig. Ein auf einem der Rechner installiertes Spiel wurde "nicht verstanden", was dazu führte, dass die Geräte in den folgenden Tagen ganz ausgeschaltet blieben und die Monitore gegen Ende des Experiments sogar als Wäschetrockner missbraucht wurden.

Auch der Fernseher verlor bald an Wichtigkeit - spätestens ab dem Zeitpunkt, zu dem alle verfügbaren Videos mehrfach abgespielt waren. In der ersten Hälfte des Versuchs lief das Gerät zwar recht häufig, doch sah im Grunde niemand richtig hin. Auch wurde sofort abgeschaltet, falls sich irgendwo eine bessere Beschäftigung fand.

Eine Ausnahme bildeten die beiden WDR-Reportagen über das Experiment, die die Versuchspersonen am Donnerstag- bzw. Samstagabend am Bildschirm mitverfolgen konnten. Hier drängten sich jeweils alle Weißen vor den Apparat, und selbst die Schwarzen auf der anderen Seite versuchten zumindest mitzuhören. Lediglich die weiße (später schwarze) Probandin VP10 fiel auf, weil sie sich aus der Übertragung nichts zu machen schien. Sie beschäftigte sich derweil anderweitig. Auf Nachfrage bestätigte sie aber, das habe schon seine Richtigkeit.

Regelverstöße

Bekanntlich durften die Weißen, anders als die Schwarzen, ihr Gepäck in Taschen unterbringen, die allerdings im Vorfeld des Versuchs auf der Empore hatten deponiert werden müssen. Da die Betreuerinnen die Kulturtasche des weißen Probanden VP34 dort nicht wiederfanden, bekam er nach einer langen Suchaktion im ganzen Aulatrakt schließlich die Erlaubnis, selbst auf die Empore zu gehen und dort nachzusehen. Dies wurde von den anderen Weißen als "unfair" und gar als "Regelverstoß" bezeichnet, da außer ihm kein anderer hinausdurfte.

Nicht nur ihre Taschen, sondern auch die Handys und MP3-Player wurden den weißen Probanden nach Versuchsbeginn ausgehändigt. Dabei neigten die Versuchspersonen freilich zum Schummeln: Sie versuchten, auch die Handys der Schwarzen zu bekommen, um für sie SMS zu schreiben oder Anrufe zu tätigen, was jedoch durch die Betreuerinnen unterbunden wurde.

Schon kurz nach Beginn des Experiments klagten einige weiße Versuchsteilnehmer über Langeweile und bestellten Pizza und Döner. Später kam heraus, dass beim Verzehr Regelverstöße begangen worden waren, indem Pizza durch den Zaun gereicht worden war. Die Betreuerinnen versammelten daraufhin die Betroffenen in der Küche, um sie auf die Verstöße anzusprechen. Die Weißen gaben auch sofort zu, dass das Experiment so keinen Sinn mache, und sahen schuldbewusst zu Boden. Einige von ihnen wurden rot und bekannten sich uneingeschränkt schuldig. Sie erklärten auch ihre Motive: Ihre Freunde säßen hungernd auf der anderen Seite und sie hätten Mitleid.

Ob es mit dem Mitleid wirklich so weit her war, lässt sich bezweifeln. Denn ein paar Minuten nach der "Vergatterung" saßen einige weiße Versuchspersonen wiederum mit Pizza, Handy und MP3-Player "bewaffnet" (allerdings ohne etwas durchzureichen) am Zaun, um sich mit schwarzen Probanden auf der anderen Seite zu unterhalten, die zum Abendessen gerade mal einen Apfel gegessen hatten. - Auch der große Tisch, der zu jedem Abendessen parallel zum Zaun aufgestellt wurde, zeugte nicht gerade von großer Empathie gegenüber den Schwarzen.

Abbrüche

  Vergrippt
Vergrippt.
Der Auszug von VP20 und VP26 wurde von den Weißen nicht verstanden. Weiße Freunde von VP26 bezeichneten diese als "schwach" und behaupteten, dass es "ja wohl nicht so hart sein könne, schwarz zu sein".

Am Abend des zweiten Tages schied als einzige weiße Versuchsperson VP22 wegen einer starken Grippe aus. Von zu Hause erhielt sie deswegen offenbar Vorwürfe, was im Betreuungsteam jedoch nicht verstanden wurde, da eine Krankheit allemal als ein triftiger Grund aufzuhören galt und erklärtermaßen niemand gegen seinen Willen festgehalten werden sollte. Der Ausstieg der Kranken löste großes Bedauern in der Gruppe aus.

Als VP22 fort war, nahm sofort VP11 deren Schlafplatz am Zaun ein. Aus Langeweile äußerte sie später den Gedanken, doch einen "Battle" (also Kampf) um das Essen zu veranstalten: Sollten die Schwarzen gewinnen, würde es zusätzliches Essen aus der Küche der Weißen geben. - Derartige Ideen wurden aber nicht verwirklicht, da das Experiment keine neue Folge von "Big Brother" darstellen sollte.

Die zweite Auslosung

Am Samstag wurde im weißen Bereich das erste Mal sauber gemacht. Stühle und Tische wurden zur Seite geschoben und ein Besen angefordert. Dies war eins von zwei Malen, an denen sich die Weißen zumindest ansatzweise reinlich zeigten. Die Einschränkung "ansatzweise" ist deshalb erforderlich, weil sich die Putzaktionen darauf beschränkten, den Boden zu fegen. Am Ende des Experiments war die Küche noch voll von halbvollen Töpfen, und Pizzakartons zierten, zusammen mit Apfelsafttüten, den Boden.

Der Grund für die gelegentliche Reinlichkeit der Weißen ließ sich nur erahnen. Auffällig war jedoch, dass der Besen immer dann geschwungen wurde, wenn für den Verlauf des Tages ein Fernsehteam angekündigt war - so auch am Samstagmittag zur zweiten Auslosung.

Diese Auslosung hatte für die Weißen insofern eine große Bedeutung, als sich hierdurch ein Drittel, mindestens jedoch ein Viertel der Belegschaft im weißen Feld änderte: Drei Weiße mussten, eine weitere Probandin durfte ins schwarze Feld wechseln. Umgekehrt durften bzw. mussten bis zu vier Personen aus dem schwarzen in den weißen Bereich kommen.

  Am Zaun
Freundinnen am Zaun.
Die mehr oder minder Glücklichen, die das schwarze Feld verlassen durften, waren VP9, VP29 und VP35. VP27 erhielt einen "Joker", durfte also frei über Wechsel oder Bleiben entscheiden und wählte den Wechsel. Im Gegenzug verschwanden aus dem weißen Feld VP4, VP10 und VP19. Hier zog VP32 den "Joker" und entschloss sich, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, im weißen Feld zu bleiben.

VP29 fiel auf, da sie sofort nach dem Wechsel ihren Freund anrief und ab dato jeden Tag ungefähr drei Stunden damit verbrachte, zu telefonieren.

VP9 fiel der Wechsel sichtlich schwer und sie schlug ihr Lager direkt am Zaun, gegenüber ihrer "schwarz gebliebenen" Freundin auf. Sie hatte vor allem Probleme mit den Kleidungsvorschriften im weißen Feld und erklärte, sie besitze aus gutem Grund keine weißen Oberteile und habe sich extra welche von ihrer Schwester leihen müssen. Nach einem tränenreichen Abschied aus dem schwarzen Feld fügte sie sich nicht so gut in ihre neue Gruppe ein und verbrachte in den folgenden Tagen die meiste Zeit am Zaun. Sie machte zwar deutlich, dass sie sich in ihrem alten (schwarzen) Bereich wohler gefühlt habe, musste andererseits aber zugeben, dass es nun wesentlich angenehmer war, genug Essen zu haben.

Der männliche Wechselkandidat, VP35, überraschte durch Solidarität. Als die Weißen kurz nach dem Feldwechsel aßen, lehnte er die Mahlzeit ab, da er bereits kurz vor der Auslosung in seiner schwarzen Gruppe gegessen hatte. Vielleicht geschah dieser Verzicht auch aus einer gewissen Unsicherheit heraus: Vor dem Wechsel hatte er geäußert, er habe Angst, dass die Weißen ihn nicht haben wollten. Genau wie VP9 fiel es ihm schwer, sich zu integrieren.

Sonstige Aktivitäten

Am Sonntag hatte eine der Versuchspersonen im weißen Bereich Geburtstag. Mit einer menschlichen Pyramide ihrer Gruppe und selbst gebastelten Geschenken aus dem schwarzen Bereich wurde ihr Ehrentag noch in der Nacht gefeiert. Der Versuchsleiter besorgte für das Geburtstagskind (und die übrigen Weißen) Kuchen.

Um den vorletzten Tag zu überbrücken, spielten die Weißen ununterbrochen "Tabu", "Wer bin ich?" und ähnliche Spiele. Am letzten Tag zeigten sie eine ausgeprägte Aufbruchsstimmung: Wiederum wurde der Boden gefegt; außerdem schafften die Probanden alles nicht benötigte Mobiliar zur Seite, was den Bereich auf einmal sehr unwohnlich aussehen ließ. Tische und Stühle wurden an den Rand gestellt und bis zum Versuchsende auch dort gelassen. Unsere Vermutung, die Aufräumaktion sei der Vorbote einer rauschenden Abschlussparty, bestätigte sich jedoch nicht; stattdessen klang der letzte Abend ruhig, ohne jede Abschiedszeremonie aus.

Allerdings wurden die Betreuerinnen permanent nach einem gemeinsamen Frühstück am Dienstagmorgen gefragt. Die Weißen wollten es sich offenbar nicht nehmen lassen, zumindest "auf die letzte Minute" mit ihren schwarzen Freunden den Abschluss des Experimentes zu zelebrieren - natürlich mit genug Essen für alle.

Die Weißen: eine große, reiche Gruppe, doch trotz Luxus nicht gefeit vor Lästereien und Langeweile.


©  St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2006-2010

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