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2.3 Gruppenübergreifendes Verhalten

Grenzüberschreitungen

Die Probanden des "Schwarzweiß"-Experiments waren einander natürlich nicht unbekannt; viele waren sogar eng miteinander befreundet. Durch die zufällige Feldzuweisung am Anfang des Versuchs wurden nun viele dieser Freundschaften getrennt. Dies führte dazu, dass es auch während des Projekts genauso viel Kontakt zwischen den wie innerhalb der Gruppen gab. Der Zaun stellte zwar eine physische, jedoch keine psychische Barriere dar.

Das augenfälligste Beispiel für diesen Befund waren die männlichen Versuchsteilnehmer. Sie bildeten im Grunde genommen eine grenzübergreifende Großgruppe und spielten einen Großteil der Zeit durch das Gitter hindurch Karten mit ihren "Kumpels" aus dem jeweils anderen Feld. Ihr Standort war der Flur; sie stellten im Gang Stühle auf und hielten sich dort, obwohl die "Schneise" zwischen Hauptraum und schwarzer Küche recht unbequem war, fast den ganzen Tag auf.

  Wettkampf
Abendlicher Wettkampf Schwarz gegen Weiß.
Dementsprechend hielten sich die vom Leitungsteam erwarteten Anfeindungen - zum Beispiel infolge von "Futterneid" - in Grenzen. Wenn Probleme auftraten, dann basierten sie überwiegend auf schon vorher bestehenden, nicht experimentbedingten Abneigungen. Im Übrigen waren vermutlich nicht alle "Vorwürfe", die man besonders aus dem schwarzen Bereich in Richtung der Weißen hörte, ernst gemeint. So "drohte" etwa, als sich die weiße Gruppe kurz nach Versuchsbeginn Pizza und Döner bestellte und die Leckereien in provokativer Nähe zu den Schwarzen verzehrte, der schwarze Proband VP35 damit, dass jede weiße Versuchsperson, die ihre Mahlzeit allzu "öffentlich" einnehme, für den Fall, dass sie im Rahmen der zweiten Auslosung ins schwarze Feld wechseln müsse, dort nichts zu essen bekommen werde. Außerdem versuchte er den Weißen das Essen madig zu machen, indem er behauptete, die georderten Döner-Fladen enthielten Knochenstücke.

Ernster gemeint waren da schon die Äußerungen der Schwarzen VP6 und VP12. Sie ließen kaum eine Gelegenheit aus zu betonen, wie wenig sie äßen und wie unfair es sei, dass die Weißen so viel hätten.

Sieht man einmal von diesen Einzelfällen ab, dann fiel jedoch die Kritik von schwarzer Seite an den Weißen eher verhalten bzw. halbherzig aus. Natürlich äußerten viele Schwarze auf unsere Nachfrage hin, dass sie die Weißen schon um ihre Privilegien (leckere Mahlzeiten, "freie" Duschen und vor allem den Handybesitz) beneideten. Doch sei die Welt (genauer gesagt: die Welt des Experiments) nun einmal so. Ernsthaft moniert wurde lediglich der Essensgeruch, der hin und wieder, besonders nach dem Eintreffen der frischen Pizza oder der Bestellungen aus der schuleigenen Cafeteria, ins schwarze Feld hinüberdringe. Dieser sei in der Tat, wenn der eigene Magen knurre, nur schwer erträglich.

Solidarität

Insgesamt gab es also keine offene Konfrontation zwischen Arm und Reich. Und auch die Frage, ob man nun schwarz oder weiß war, war letztlich nachrangig gegenüber der offenkundig wesentlich wichtigeren Frage, ob man sich zusammen mit seinen Freunden in einer Gruppe befand. Schwarz zu sein war nur halb so schlimm, wenn man die Zeit mit Freunden durchstand, so wie auch weiß zu sein nur halb so schön war, wenn man unter den Reichen mehr oder weniger "alleine" war.

Ein gutes Beispiel für diesen Befund war die Weiße VP11: Sie baute ihre Schlafstätte am Zaun auf und klagte öfter über Langeweile, da ihre Freundinnen ihre Zeit auf dem schwarzen Feld verbrachten. Sie war auch eine derjenigen, die aus Mitleid Essen durch den Zaun schmuggelten.

Auch die Schwarze VP9 zeigte, wie sehr freundschaftliche Bindungen das Experiment beeinflussten. Als sie am Samstag beim Losentscheid einen Zettel zog, der ihren Wechsel auf die weiße Seite bestimmte, fing sie an zu weinen und klagte, sie wolle nicht ins andere Feld; da habe sie keine Freunde; und außerdem wolle sie das Experiment im schwarzen Bereich durchstehen. Sie gab sich zudem später kaum Mühe, sich in den Tagesablauf der weißen Gruppe zu integrieren, und baute ebenfalls ihr Bett direkt am Zaun auf, wo sie auch die meiste Zeit des Tages verbrachte.

Überhaupt sammelte sich in der Mitte des Zaunes häufig ein Großteil der Mädchen, um zu reden, zu spielen oder sich grenzüberschreitend die Haare zu frisieren, was durch die Öffnung des Zaunes, die "Straße von Gibraltar", auch nur dort möglich war (und was von den Betreuerinnen gerade noch als zulässig toleriert wurde).

Auch bei der Ausstrahlung der TV-Reportagen über "Schwarzweiß" zeigten sich die Weißen solidarisch mit ihren Freunden auf der anderen Seite und erklärten ihnen, was gerade passiere und wer im Bild sei.

Gruppenverteilung nach der 2. Auslosung: links neben dem Aulaeingang der Schlafbereich der Hausaufgaben- und der Schlafgruppe, rechts neben dem Eingang das Bettenlager der Jungen. Direkt am Zaun der Schlafbereich "um" VP8. Gegenüber die Weißen VP29, VP9 und VP11. Im Gang oder in der Mitte der Aula, gelegentlich auch am Gitter: die Jungen-Spielgruppe (auf Stühlen). Manchmal stattdessen am Gitter auch spielende Mädchen (aus der schwarzen Hausaufgabengruppe, ergänzt um die Weißen VP21, VP36 u.a.). Im weißen Feld Konzentration der Aktivitäten auf den Bereich "TV/Spiel" bzw. den Esstisch.

Gleichgültigkeit

  Mit und ohne Torte
Kartenspiel mit und ohne Torte.
Natürlich gab es aber auf weißer Seite hin und wieder auch Anzeichen von Gleichgültigkeit gegenüber der Situation der Schwarzen. Ein augenfälliges Beispiel hierfür war die weiße Versuchsteilnehmerin VP29. Sie saß zwischendurch mit Handy bzw. MP3-Player am Ohr und Pizza in der Hand am Zaun und unterhielt sich ohne irgendein erkennbares Problembewusstsein mit ein paar "hungernden" schwarzen Probanden.

Ähnlich verfuhr VP21, als im weißen Bereich eine Torte angeschnitten wurde. Auch sie setzte sich mit ihrem Kuchenstück ans Gitter und "entschuldigte" ihr Verhalten mit dem Umstand, dass sie mit einigen Schwarzen auf der anderen Seite Karten spielen wolle und von diesen gewissermaßen gezwungen worden sei, ihre Mahlzeit am Zaun einzunehmen.

Die durchgängige Praxis, dass im weißen Feld vor den Augen der Schwarzen gegessen wurde, stellte - zumindest auf der weißen Seite - keiner ernsthaft in Frage. Die Überlegung, aus Rücksicht auf die Armen lieber in einem der Nebenräume zu tafeln, wurde zwar zwischendurch zaghaft geäußert. Letztlich setzte sie jedoch niemand in die Tat um.

Verdrängung

Besonders gegenüber den Vertretern der Medien betonten die Weißen immer wieder, wie groß doch das Mitleid sei, dass sie für die Armen empfänden, und wie sehr sie es bedauerten, sie nicht an ihrem Reichtum teilhaben lassen zu können. Wie die Reichen in den Interviews, die wir selbst mit ihnen führten, zugaben, handelte es sich bei diesen Äußerungen jedoch vielfach lediglich um wohlfeile Lippenbekenntnisse. Sie waren Ausdruck eines inneren Konflikts, den die Weißen durchzustehen hatten. Sie wussten sehr wohl, dass von ihnen erwartet wurde, sich solidarisch zu äußern, auch wenn diese Grundhaltung vielleicht gar nicht ihrer Überzeugung entsprach. Um ihrem Dilemma zu entkommen, wendeten die Weißen - außer den schon erwähnten öffentlichen Mitleidsbekundungen - drei weitere verbale Strategien an:

2.4 Umgang mit Medien

Von Anfang an war allen Probanden klar, dass das Experiment auf großes Medieninteresse stoßen würde. Schon ein paar Tage vor Versuchsbeginn hatten sich die Teams zweier Fernsehanstalten angekündigt; hinzu kamen dann Vertreter des WDR-Hörfunks und der regionalen und überregionalen Presse.

Im Umgang mit den Medien glichen sich die Verhaltensmuster der beiden Gruppen, wobei die Versuchsteilnehmer durchaus zwischen den verschienenen "Arten" der Medien differenzierten.

Die Kamerateams wurden - das wussten wir bereits aus früheren Experimenten - eher als lästig denn als willkommene Ablenkung vom langweiligen Versuchsalltag empfunden. Vor allem beim Essen gefilmt zu werden störte die Probanden empfindlich. Wenn irgend möglich, zogen sich die Weißen, sobald die Fernsehleute die Aula betraten, in ihre Küche und die Schlafräume zurück. Diese Möglichkeit hatten die Schwarzen natürlich nicht, und so mussten sie etliche Interviews über sich ergehen lassen. Der Wunsch, einmal "ins Fernsehen zu kommen", wich bald der Befürchtung, man werde vom Kameramann vielleicht nicht richtig ins Bild gesetzt und laufe damit Gefahr, sich vor Hunderttausenden von Zuschauern zu blamieren. Auch regten sich mehrere Probanden, genauer gesagt: Probandinnen, über die Indiskretion einiger Fragen auf.

  RTL-Interview
Interview vor leerer Reisschüssel.
Besonders das zweite RTL-Team, das am Montag erschien, machte sich in dieser Hinsicht nicht sehr beliebt. Dessen Reporter versuchte nämlich, da ihm die Situation in der Aula zu aktionsarm erschien, die Schwarzen zur Revolution aufzurufen: Warum sie den Grenzzaun nicht einfach niederrissen und sich das Essen der Reichen holten?

Um dem Fernsehbeitrag dann doch noch den nötigen konfrontativen Touch zu verleihen, reaktivierte das RTL-Team die bereits drei Tage zuvor ausgeschiedene VP20. Sie musste in einer gestellten Szene - mit geliehener Tasche - noch einmal vor laufender Kamera die Aula verlassen und Auskunft über die Gründe für ihren Abbruch geben.

Auch wurde die "Vieltelefoniererin", VP29, von dem Team bedrängt und so lange nach ihren Motiven für den umfassenden Handykonsum befragt, bis sie sich schließlich in ihren Schlafraum flüchtete.

Als wesentlich angenehmer empfanden die Probanden hingegen die Zeitungsreporter. Bei ihnen hatten die Versuchsteilnehmer offenbar eher das Gefühl, "auf Augenhöhe" mitreden und den Verlauf des Interviews leidlich beeinflussen zu können. Vielleicht trauten sie auch einfach dem geschriebenen Wort mehr als dem "schnellen Bild".


©  St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2006-2010

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