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3.2 Auswertung

Rücklauf

  Hausaufgabengruppe
Die "Hausaufgabengruppe" beim Ausfüllen.
Besonders während des Experiments erschien den Probanden das Ausfüllen der Fragebögen als willkommene Abwechslung im schwarzweißen Aula-Alltag. Wie wir beobachten konnten, machten sie sich sofort nach dem Austeilen der Blätter mit großem Ernst ans Werk. Gleichwohl erhielten wir nicht von allen Versuchspersonen vollständige Unterlagen zurück. Den ersten Bogen füllten nur 31 der 36 Probanden aus, den zweiten Bogen 32, den dritten nur 30, den vierten wiederum 31. Lediglich der Bogen "Felderwechsel" wurde von allen 7 Betroffenen bearbeitet.

Für die Ausfälle gibt es mehrere Gründe. Im Vorfeld des Experiments und im direkten Anschluss daran (Bogen 1 und 4) waren einige Teilnehmer krank oder beurlaubt und für uns deshalb "unerreichbar". Hinzu kam, dass sich eine Schülerin erst sehr kurzfristig entschloss, an dem Projekt teilzunehmen, und somit den ersten Bogen "verpasste".

Darüber hinaus konnten während des Experiments (Bogen 2 und 3) natürlich nur diejenigen antworten, die zu diesem Zeitpunkt noch anwesend waren, will heißen: nicht abgebrochen hatten.

In zwei Fällen erhielten wir allerdings trotz Anwesenheit der Probanden keine Rückmeldung. Gründe hierfür sind uns nicht bekannt.

Motive und Erwartungen

Die Motive der Probanden, an dem "Schwarzweiß"-Projekt teilzunehmen, waren vielfältig. Die meisten Versuchspersonen hofften, in dem Experiment "neue Erfahrungen sammeln" zu können. Kaum weniger wollten zudem "Spaß haben". Diese Aussage mag zunächst einmal befremdlich erscheinen; schließlich passen Armut und Spaß auf den ersten Blick nicht gut zusammen. Doch wurde das Experiment offenbar vorrangig unter dem sportlichen Aspekt gesehen: Man ging auf ein gemeinsames Abenteuer, man hielt gemeinsam durch. Im Übrigen, so erklärte uns eine Schülerin im Gespräch, bedeute die Selbstbeschränkung in der Armut auch mehr "Kreativität": Man könne sich schließlich nicht satt zurücklehnen, sondern werde, um die Zeit durchzustehen, erfindungsreicher; und eben das bedeute letztlich mehr "Spaß".

Vermutlich aus diesem Grund gaben dann auch die (relativ) meisten Befragten (18) an, lieber ins schwarze, also arme Feld gelost werden zu wollen. Nur 8 wünschten sich ins weiße Feld; dem Rest war es egal.

Weitere Motive, sich auf das Projekt einzulassen, waren "Neugierde" bzw. "Interesse", wie sich die Dinge entwickeln würden. Vereinzelt wurde auch angegeben, "neue Leute" kennen lernen zu wollen. Demgegenüber spielten Gründe wie der zu erwartende Unterrichtsausfall oder eine "Auszeit" von zu Hause fast keine Rolle.

Auf die Frage, was sie während des Experiments vermutlich am meisten vermissen würden, antworteten die meisten Probanden, nämlich 25, mit "Freunde". Auch das "eigene Bett" (15) und die selbst gewählte "Musik" (11) standen hoch im Kurs. Das Handy und der PC belegten mit je 8 Nennungen hingegen lediglich Platz 4. Auch die "Familie" (mit ebenfalls 8 Nennungen) rangierte in den Bedürfnissen der Probanden eher im Mittelfeld - ebenso wie die Furcht, nicht genügend "Ruhe" zu haben. - Die Hauptfaktoren in der Konfrontation zwischen Armut und Reichtum, nämlich ausreichendes Essen und komfortable Sanitäreinrichtungen, lagen im Bewusstsein der Versuchsteilnehmer - zumindest vor dem Experiment - weit hinten (jeweils 6 Nennungen).

Selbsteinschätzungen

Die meisten Probanden waren vor Beginn des Projekts der Ansicht, dass sie keine Schwierigkeiten haben würden, das Experiment durchzustehen. Diese Zuversicht behielten sie in der Folgezeit dann auch bei. Zu allen Befragungszeitpunkten äußerten sich hier etwa 21 bis 23 Personen optimistisch. Umgekehrt waren es nie mehr als drei Befragte (übrigens ausnahmslos Mädchen), die dezidiert mit Problemen rechneten.

Grundsätzlich "Schwierigkeiten, sich in eine Gruppe einzufügen", hatten eigenen Angaben zufolge höchstens 2 Versuchspersonen. 16 Befragte behaupteten von sich sogar explizit, sie seien "Streitschlichter". Demzufolge waren dann auch die meisten Probanden "mit der eigenen Gruppe zufrieden". Zwar waren einige (nämlich 18) im Vorfeld des Projekts noch skeptisch und kreuzten nur ein "teils/teils" an, doch gaben sich diese Vorbehalte sofort nach Versuchsbeginn. Bereits auf dem zweiten Bogen konstatierten 26 Befragte, keine Probleme mit ihrer Gruppe zu haben; nur 6 (wiederum Mädchen) hatten damit (wenigstens teilweise) Schwierigkeiten.

Ein ähnliches Bild ergab sich hinsichtlich der Selbstständigkeit der Befragten: Vor dem Experiment glaubten immerhin 16 Probanden, sie kämen "ganz gut allein zurecht", während des Experiments erhöhte sich diese Zahl dann zwischenzeitlich auf 25.

Dass sie ein paar Tage eingesperrt sein würden (bzw. waren), störte das Gros der Teilnehmer ebenfalls nicht. Fast alle notierten, dass ihnen das nichts oder höchstens teilweise etwas ausmache. Allerdings nahm die geäußerte Zuversicht im Laufe des Experiments erkennbar ab.

Ambivalenter sah das Bild hinsichtlich der Aussage "Ohne meine Freunde würde ich nicht an dem Experiment teilnehmen" aus. Befürworter und Gegner dieses Statements hielten sich hier zu allen vier Befragungszeitpunkten die Waage.

Einschätzung der eigenen Gruppe

Die eigene Gruppe, egal ob schwarz oder weiß, wurde von den meisten Probanden positiv eingeschätzt. Vor dem Experiment überwog zwar die Skepsis (nur 4 Personen glaubten, dass es "keinen Streit innerhalb ihrer Gruppe" geben werde), diese verschwand jedoch schlagartig mit dem Beginn des Experiments: Auf dem zweiten Bogen teilten 17 Versuchspersonen mit, es gebe keinen Streit; nur 5 waren erklärtermaßen gegenteiliger Ansicht. Und auf dem dritten Bogen äußerten sich sogar 19 positiv und nur noch 2 deutlich negativ - vermutlich auch deshalb nur 2, weil andere Gruppenkritiker das Experiment zu diesem Zeitpunkt bereits abgebrochen hatten.

Nach dem Experiment wurde die eigene Gruppe deutlich kritischer gesehen. Dass es keinen Streit gegeben habe, resümierten nur noch 10 der Befragten, 15 notierten hier "teils, teils", und 6 Probanden, darunter 3 Aussteigerinnen, monierten, es sei sehr wohl zu Auseinandersetzungen gekommen. Allerdings muss man berücksichtigen, dass die Einschätzungen hier, wie auch im dritten Fragebogen, etwas unscharf waren, da inzwischen ja 7 Versuchspersonen nicht nur eine, sondern beide Gruppen kennen gelernt hatten und ihre Aussagen möglicherweise nur auf eine der beiden Gruppen bezogen.

Durchgängig waren sich die Probanden jedoch einig, dass das Experiment nicht zur Herausbildung einer sozialen Rangordnung innerhalb des jeweiligen Feldes geführt habe. Einen "Gruppenchef" machten lediglich 2 Versuchspersonen (und auch nur zum dritten Befragungszeitpunkt) aus. Umgekehrt erklärten aber zeitgleich 27 Befragte, sie seien innerhalb ihres Feldes mehr oder weniger gleichberechtigt.

Auch der Aussage, dass Jungen und Mädchen innerhalb ihrer Gruppe die gleichen Aufgaben übernähmen, stimmte durchweg eine deutliche Mehrheit (von bis zu 29 Personen) zu.

Einschätzung der Stellung der Gruppen zueinander

Einen sichtbaren Erkenntniszuwachs gab es bei den Probanden hinsichtlich der Einschätzung, wie die Gruppen "Schwarz" und "Weiß" miteinander auskommen würden. Vor dem Experiment nahmen nur 5 Personen an, dass es "keinen Streit zwischen den beiden Gruppen geben" werde; demgegenüber prognostizierten 14 Befragte Auseinandersetzungen. Am zweiten Tag des Versuchs (Bogen 2) gab es nur noch eine Probandin, die dieser Auffassung war; 25 Teilnehmer sahen dagegen keinen Konflikt. Ein ähnliches Bild bot der vierte Tag (Bogen 3): Hier waren sogar 28 Befragte der Meinung, dass das Zusammenleben von Arm und Reich harmonisch verlaufe. Wiederum 25 Befragte sahen dies auch nach Abschluss des Experiments so; nur 3 Personen, darunter 2 Aussteigerinnen, hielten zu diesem Zeitpunkt das Projekt für konfliktträchtig.

Ein Grund für die von den Probanden empfundene Konfliktarmut lag vermutlich darin, dass die mehr oder weniger virtuelle Grenze zwischen Arm und Reich - der Metallzaun - zwar den physischen Kontakt zur jeweils anderen Seite beeinträchtigte, nicht jedoch die Kommunikation. In der Tat sahen im Rahmen der vier Befragungen bis zu 30 der Probanden das Trenngitter nicht als "Hindernis für Kontakte" an. Offenbar führten diese "Kontakte" dann letztlich zur Entspannung der Situation.

Verhalten gegenüber den Medienvertretern

Damit, dass sich die Medien für das "Schwarzweiß"-Projekt interessieren würden, hatten immerhin 26 Probanden (Bogen 2) gerechnet; gerade mal 2 waren davon überrascht. Allerdings wurde den Medienvertretern, wie an anderer Stelle bereits erwähnt, mit gemischten Gefühlen begegnet. Und auch das Verhalten der Mitschülerinnen und Mitschüler (wenn nicht gar das eigene) sah man in dieser Hinsicht zwiespältig.

Auf die Frage, ob sich die Probanden anders verhielten, wenn ein Fernsehteam da sei, antworteten die meisten positiv. Die Antworten auf den Fragebögen sprachen hier für sich:

Befindlichkeiten

Auf den beiden Bögen, die wir während des Experiments austeilten, wurden die Versuchsteilnehmer gefragt, ob sie bereits an ihre Grenzen gestoßen seien. Tatsächlich gab es hier schon am zweiten Versuchstag (Bogen 2) positive Antworten: Sie sei "nah dran", vermerkte eine Probandin, eine andere monierte das "dreckige Bad", einer dritten fehlten ihr Handy bzw. der Kontakt zu ihrem Freund. Auch das "Hungergefühl" wurde von einigen als beeinträchtigend empfunden.

Angesichts des fortgesetzten Hungerns und/oder Dahindämmerns fielen die Antworten zwei Tage später (Bogen 3) nicht viel anders aus. Ich will nach Hause, mir ist langweilig, konstatierte eine Probandin, und eine andere zeigte sich ebenfalls genervt: Weil ich normalerweise Leuten, die ich nicht mag, aus dem Weg gehe. Natürlich wurden auch wieder der Hunger und die fehlende Hygiene angeführt. - Andererseits schienen jedoch die meisten Versuchspersonen entschlossen, die Sache durchzustehen.

Den Tagesablauf während des Experiments beschrieben die meisten Versuchsteilnehmer - auf beiden Feldern! - lakonisch mit Aufstehen, Frühstücken, Spielen, Sich-Unterhalten, Duschen, Mittagessen, Spielen, Abendessen, Schlafen.

Auf die Frage, wie sie sich fühlten, fielen die Antworten der Probanden am zweiten Tag (Bogen 2) eindeutig aus: "gelangweilt" (25 Antworten), "müde" (22) und "hungrig" (12), aber auch "satt" (9). Ähnliche Ergebnisse zwei Tage später (Bogen 3): "gelangweilt" (17) und "müde" (16). Ein bemerkenswerter Unterschied war jedoch hinsichtlich des Hungers zu verzeichnen: Nunmehr gaben immerhin 21 Probanden an, "satt" zu sein - ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich die Essenssituation speziell im schwarzen Bereich zwischenzeitlich entspannt hatte.

Die sieben Teilnehmer, die am dritten Tag ihr Feld hatten wechseln müssen bzw. dürfen, sahen dies im Rückblick mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Bis auf eine Versuchsperson gaben alle an, sie vermissten ihre alte Bezugsgruppe. Zwei Schülerinnen (VP9 und VP27) fühlten sich im neuen Bereich sogar ausgesprochen "fremd". VP27, die per "Joker" vom schwarzen ins weiße Feld gewechselt war, hatte eigenen Bekundungen zufolge nun plötzlich ein schlechtes Gewissen und bereute ihre Entscheidung. VP9, die ins weiße Feld hatte wechseln müssen, erklärte, sie habe nicht gedacht, dass es so schwer sei, "den Armen etwas vorzuessen".

Erfahrungen

  Mahlzeit
Einnahme einer warmen Mahlzeit...
Natürlich wollten wir nach dem Experiment von den Probanden wissen, ob sie etwas aus dem Projekt mit nach Hause nähmen. Wie sich denken lässt, fielen die Antworten hier sehr unterschiedlich aus.

Dass das Experiment sie "verändert" habe, bezeugten immerhin 3 weibliche Probanden; die übrigen wollten so weit allerdings denn doch nicht gehen. Immerhin konstatierten aber 10 Teilnehmer, sie hätten gelernt, "auch mit wenig zufrieden zu sein". Mehrfach kam die Antwort, man habe zu schätzen gelernt, was man habe. Auch die Fähigkeiten zur "Rücksichtnahme auf andere" und dazu, sein "Essen zu rationieren", wurden als Profit des Versuchs angesehen. Einer Probandin wurde durch das Projekt bewusst, dass sie "ohne Handy aufgeschmissen" sei. Eine Aussteigerin merkte an, sie habe vor allem gelernt, "dass man nicht allen vertrauen kann". Interessant war ferner die Feststellung einer Teilnehmerin, sie habe erfahren, dass "Arm-Sein auch schön sein" könne.

Dass sie "nichts" aus dem Experiment mitnähmen, erklärten nur drei Probanden, zwei Jungen und ein Mädchen. Eine - ehemals schwarze - Schülerin machte zudem einen nachdenkenswerten Verbesserungsvorschlag: Bei einem zukünftigen derartigen Versuch müsse der Mangel an Nahrungsmitteln im schwarzen Bereich noch viel extremer ausfallen.


©  St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2006-2010

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