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4. Vergleich mit dem Szenario "Mars Mission"

"Schwarzweiß" war nicht das erste Experiment, das im Aulagebäude des St.-Ursula-Gymnasiums lief. Zwei Jahre zuvor hatte hier bereits die so genannte "Mars Mission", ebenfalls ein Versuch zum Verhalten isolierter Gruppen, stattgefunden. Da beide Experimente unter ähnlichen Bedingungen - nach außen abgeschottete Probanden, fünftägige Dauer, teils identische Räumlichkeiten - durchgeführt wurden, lohnt ein kurzer Vergleich.

4.1 Versuchsanordnung

  Das Raumschiff
Das Raumschiff.
Unter der Bezeichnung "Mars Mission" wollten 19 Schülerinnen und Schüler der damaligen Jahrgangsstufe 10 testen, wie Menschen eine Situation bewältigen, in der sie - wie etwa bei einem Raumflug - über eine längere Zeitspanne hinweg in beengten Verhältnissen unter Ausschaltung des gewohnten Wechsels von Tag und Nacht miteinander auskommen müssen.

Zu diesem Zweck ließen sie sich vom 25. bis zum 30. März 2004 im zuvor entsprechend hergerichteten Nebentrakt der Schulaula einschließen - auf engstem Raum, ohne Tageslicht, ohne Uhren, Radio und Fernsehen und damit ohne ein Empfinden für den natürlichen Tag-und-Nacht-Rhythmus, dazu ohne Handy und aktuelle Nachrichten, mithin ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt.

Der Trakt, der halb untergeschossig gebaut ist und über keinerlei eigene Fenster verfügt, wurde nach außen hin völlig abgeschirmt: Alle Türen wurden verschlossen und sorgsam mit Gaffa-Band gegen einfallendes Licht abgeklebt; der Schulgong wurde abgeschaltet; lediglich eine "Schleuse" ermöglichte den damaligen Betreuern den Weg nach draußen.

Im Innern des als "Raumschiff" bezeichneten Versuchslabors verfügten die Schülerinnen und Schüler im Wesentlichen über die Räume, die auch während des "Schwarzweiß"-Projekts genutzt wurden: über die beiden Schüler-Umkleiden und -Sanitäreinrichtungen, die Lehrer-Umkleide, den langen Flur sowie den in seiner Nutzfläche etwa 60 Quadratmeter großen Bühnennebenraum (der im "Schwarzweiß"-Experiment, wenn auch durch Trennwände verkleinert, den Weißen als Küche diente). Den Putzmittelraum am Ende des Gangs nutzte - ähnlich wie bei "Schwarzweiß" - das Betreuungspersonal als Schlafkabine.

Versuchsfeld der "Mars Mission": der gesamte Aula-Nebentrakt. Die Aula selbst, der Vorraum sowie die Bühne waren hingegen lichtdicht abgesperrt. Der Vorraum fungierte als Lichtschleuse für Besucher.

Anders als bei "Schwarzweiß" war bei der "Mars Mission" die lichtdurchflutete Aula-Halle für die Versuchspersonen absolut tabu. Die begrenzten Räumlichkeiten ließen zudem nur eine relativ kleine Anzahl von Probanden zu. Ursprünglich wurde für 16 Personen geplant; de facto wurden es dann 19, von denen eine nach einem Tag abbrach.

Im Grunde genommen bestand die einzige Aufgabe der "Raumfahrer" darin, fünf Tage ohne Uhren, natürliches Licht und Kontakt zur Außenwelt in ihrem "Raumschiff" auszuharren.

Demgegenüber wurde das Projekt "Schwarzweiß", wie sich schon an der Kontrastierung von Arm und Reich ablesen lässt, deutlich komplexer angelegt. Wie unterschiedlich die beiden Experimente trotz ihrer formalen Gemeinsamkeiten waren, zeigt das jeweilige Regelwerk:

"Mars Mission":

"Schwarzweiß":

4.2 Verlauf

  Schwerelosigkeit
Die Raumfahrer beim Überwinden der Schwerkraft.
Um es gleich zu sagen: Zwar verlief das "Schwarzweiß"-Experiment ohne nennenswerte Konflikte, doch kann es sich - trotz dieses aus gruppendynamischer Sicht positiven Befunds - mit der Harmonie, die die "Mars Mission" seinerzeit erzeugte, in keiner Weise messen: Der Zusammenhalt und das "Wohlfühl-Gefühl" waren bei den "Raumfahrern" bedeutend ausgeprägter. Erkennbar war dies allein schon an der Tatsache, dass die Probanden der "Mars Mission" das Ende des Projekts ausnahmslos mit Bedauern aufnahmen und die meisten von ihnen gerne sogar noch vier oder fünf Tage verlängert hätten, wohingegen ein Großteil der "Schwarzweiß"-Versuchspersonen spätestens ab Samstag die Stunden bis zum Ende der Veranstaltung nur noch rückwärts zählte.

Möglicherweise trug zum Wohlbefinden der "Raumfahrer" der Umstand bei, dass die Versuchsgruppe relativ klein war und so schnell freundschaftliche Beziehungen entwickeln konnte. Dem kann man freilich entgegenhalten, dass auch die beiden "Schwarzweiß"-Teilgruppen gerade mal 12 bzw. (zuletzt) 19 Personen aufwiesen, was eigentlich ebenfalls zu einer starken Gruppensolidarität hätte führen können.

Eine weitere Erklärung für die verschiedenen Verhaltensmuster in den beiden Experimenten liegt darin, dass aus der Grundgesamtheit von drei 10. Klassen (also ca. 85 Schülern) für die Teilnahme an den Versuchen unterschiedlich stark "gesiebt" wurde; schließlich machten bei der "Mars Mission" nur halb so viele Probanden mit wie bei "Schwarzweiß". Vielleicht, so unsere Annahme, waren beim letztgenannten Versuch allzu viele Personen dabei, die sich etwas voreilig und "unüberlegt" angemeldet hatten.

Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Verhaltensunterschiede in den strukturellen Verschiedenheiten der beiden Versuchsanordnungen begründet liegen. Die Harmonie, die während der gesamten "Mars Mission" unter den Probanden im "Raumschiff" zu beobachten war, hatte sicherlich nicht nur mit der optimistischen Grundeinstellung der Versuchsteilnehmer zu tun, sondern hing vermutlich auch von den unerwartet günstigen Rahmenbedingungen ab. Die Möglichkeit, fünf Tage völlig "zeitlos" in Klausur zu verbringen, führte die Probanden in einen Zustand völliger Freiheit: Sie waren aller schulischen und/oder familiären Verpflichtungen ledig, konnten im Hier und Jetzt leben und brauchten nicht über das Morgen nachzudenken. Das Bewusstsein, nichts organisieren, sich um nichts kümmern zu müssen (Essen gab es schließlich in Hülle und Fülle), verhinderte zudem die Herausbildung von Hierarchien, die dem allgemeinen Wohlbefinden hätten abträglich sein können. Kurzum, die Versuchsteilnehmer waren, wie es auch in der Dokumentation zu dem Experiment heißt, glückliche Gefangene.

Demgegenüber könnte man die Teilnehmer an "Schwarzweiß" - auch die Weißen! - in der Mehrzahl als unglückliche Gefangene bezeichnen. Im Gegensatz zu den "Raumfahrern" kam ihnen die Zeit nicht abhanden. Mehr noch: Die Zäsur durch die neuerliche Auslosung am dritten Tag machte ihnen die zeitlichen Dimensionen des Experiments umso schmerzlicher bewusst. Während die Mitglieder der "Mars Mission" weitgehend stressfrei in den Tag hinein leben konnten, war das Dasein der "Schwarzweiß"-Teilnehmer geprägt von Anspannung. Der verlockende - oder drohende - Feldwechsel und später die Aussicht auf den Schulalltag am Dienstagmorgen waren für die Schwarzen und Weißen leider nur allzu berechenbare Termine. Etwas vereinfacht zusammengefasst: Die "Raumfahrer" lebten in Kenntnis des Endes, die Armen und Reichen warteten darauf.

Insofern stellt "Schwarzweiß" für das Zeit-Experiment "Mars Mission" eine interessante Ergänzung dar.


©  St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2006-2010

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