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5. Fazit

Welches Resümee lässt sich nun nach den fünf "schwarzweißen" Versuchstagen ziehen? Kehren wir zu unseren Ausgangsfragen zurück und versuchen wir eine Antwort.

5.1 Einsichten

Wie gehen die "weißen Reichen" mit ihrem Reichtum um? Stellen sie ihn provokant öffentlich zur Schau oder handeln sie eher diskret? Welche Rücksichten nehmen sie hierbei auf die "schwarzen Armen"? Wie ausgeprägt ist ihr Wunsch, diese an ihrem Wohlstand teilhaben zu lassen?

  Die Weißen
Die Weißen in ihrer Fernsehecke.
Auffällig war, dass die Weißen in der Anfangsphase des Experiments ihren Reichtum - besser gesagt: ihre Privilegien - ungeniert und in fast schon provokativer Weise "vorführten" - möglicherweise auch nur aus dem Glücksgefühl heraus, dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen zu haben. Dieses Verhalten, am Nachmittag und Abend des Donnerstags noch spielerisch-persiflierend eingeübt, setzte sich dann in den folgenden Tagen weniger reflektiert, eher unbewusst fort. Zwar gab es einzelne Versuche, einigen Schwarzen regelwidrig zusätzliches Essen durchs Gitter zu reichen; insgesamt war die Grundhaltung der Weißen - von Einzelfällen abgesehen - jedoch von wenig Empathie geprägt. Ihr Esstisch stand gut sichtbar parallel zum Zaun; auch telefoniert und Kuchen gegessen wurde unmittelbar vor den Augen der Schwarzen.

Erleichtert wurde den Weißen diese Verhaltensweise sicherlich durch das Bewusstsein, an einem Spiel teilzunehmen. Sie konnten sich darauf berufen, ihre Privilegien durch Losentscheid erhalten zu haben; ihr Reichtum war schicksalhaft, quasi gottgewollt. Das "große Los" gezogen zu haben bedurfte also keiner Rechtfertigung. Umgekehrt setzte sich jede schwarze Versuchsperson, die ihr "bitteres Los" beklagte, dem Vorwurf aus, sie habe doch schließlich gewusst, worauf sie sich bei dem Experiment einlasse; besonderes Mitleid könne sie also nicht erwarten.

Wenn sich die Weißen dennoch solidarisch gegenüber den Schwarzen zeigten, dann hatte diese Empathie häufig ambivalenten Charakter. Die gezeigte Solidarität gründete sich nämlich auf aus der Zeit vor dem Experiment verfestigte Freundschaften, denen auch die Trennung durch die Versuchsanordnung nichts anhaben konnte. Ihre Grenzen hatte die Solidarität jedoch überall dort, wo diese engen Beziehungen zwischen den Schülerinnen und Schülern im Vorfeld des Projekts nicht bestanden hatten. Mit anderen Worten: Wenn heimlich und gegen die Regeln Pizzastückchen vom weißen in das schwarze Feld geschmuggelt wurden, dann erreichten sie dort nur "Freunde", nicht Schwarze an sich. Wer als Schwarzer das Pech hatte, keine Freunde im weißen Bereich zu haben, ging leer aus.

Wie bewältigen die "Schwarzen" ihre Armut? Gibt es Strategien zur gerechten Verteilung des Mangels? Und wie reagieren sie auf den Reichtum der "Weißen"? Gibt es Bestrebungen, sich deren Güter anzueignen? Ist Armut ein Faktor, der zusammenschweißt, oder zehren an allen freundschaftlichen Bindungen letztlich "Futterneid" und Existenzangst?

Wie wir beobachten konnten, kam die Situation, den Reichen beim Essen zuzuschauen, die Armen in den ersten Tagen durchaus hart an. Besonders der Freitag sei schlimm gewesen, resümierten etliche Schwarze. Die Vorgabe, sich das Essen einteilen zu müssen, statt einfach mal (wie zu Hause) "zwischendurch" an den Kühlschrank gehen zu können, habe man als echte Herausforderung empfunden.

Angesichts dieses Befunds mag es überraschen, dass die Schwarzen während des gesamten Projekts keinerlei Anstalten machten, die Regeln zu brechen, auf das Feld der Weißen vorzudringen und an deren Privilegien teilzuhaben. Ihre "Friedfertigkeit" hatte sicherlich damit zu tun, dass man sich durch das Niederreißen des Zauns der angestrebten Armutserfahrung beraubt hätte. Hinzu kam ein Grund, der in dem Experiment strukturell angelegt war - nämlich die Spielregel, jederzeit aussteigen zu können. In der Tat nutzten vier Probandinnen diesen Ausweg als Konfliktvermeidungsstrategie; zwei oder drei andere wären ihnen, falls sie sich nicht dem Druck der Restgruppe ausgesetzt gefühlt hätten, vielleicht noch gefolgt. Ein klares Ergebnis des Experiments ist also, dass sich ein Sechstel der Schwarzen der Konfrontation von Armut und Reichtum schlichtweg durch Flucht entzog. Wäre den Probanden dieser Weg verstellt gewesen, hätte sich das Gewaltpotenzial der Gruppe möglicherweise ganz anders dargestellt.

Eine weitere - bittere - Erkenntnis, die sich aus dem Experiment ziehen lässt, ist die, dass Not offenbar nicht automatisch zusammenschweißt. Auffällig war, dass sich die Schwarzen zwar anfangs über die allgemeinen Regularien (Essens- und Duschplan) verständigten, im Übrigen jedoch nie gemeinsam gegenüber den Weißen aufstellten. Stattdessen betrieben sie Schicksalsbewältigung eher in Kleingruppen: Die einen spielten, die zweiten lernten, die dritten jammerten. Sie verspielten damit einen strategischen Vorteil, nämlich ihre zahlenmäßige Überlegenheit, und machten es in ihrer Heterogenität den Weißen leicht, ihren Reichtum auszuleben, ohne gravierende Vorwürfe der armen Seite ertragen zu müssen.

Welche Mechanismen entwickeln die Versuchspersonen zum Ausgleich der eingeschränkten Kommunikationsangebote? Welche Unterschiede sind in diesem Zusammenhang zwischen "Schwarzen" und "Weißen" zu verzeichnen?

  Pflichtlektüre
Pflichtlektüre.
Besonders hart trafen die Kommunikationsbeschränkungen des Experiments natürlich die Schwarzen: Sie hatten de facto fünf Tage lang keinen direkten Kontakt zur Außenwelt, sprich: zu ihrer Familie und ihren Freunden. Wollten sie etwas "von draußen" erfahren, waren sie auf die Gnade der Weißen angewiesen, die ihnen gelegentlich am Zaun von ihren Telefonaten mit gemeinsamen Bekannten berichteten. Art und Umfang der gespielten Musik wurden ihnen von den Weißen diktiert; auch die Spielfilme, die die Reichen im Fernsehen anschauen konnten, lieferten den Armen bestenfalls einen akustischen Eindruck; schlimmstenfalls kontaminierten die Lautsprecher des TV-Geräts und des CD-Players den gesamten Aulatrakt.

Vor diesem Hintergrund entfiel für die Schwarzen jede Möglichkeit des Für-sich-Seins, des Über-sich-Nachdenkens. Phasen der Kontemplation konnten wir kaum beobachten. Lediglich zwei Versuchspersonen führten eine Art "Tagebuch" oder schrieben Gedichte über das Experiment. Die übrigen bewältigten die Zeit, wie bereits angedeutet wurde, vor allem mit Hilfe dreier Strategien:

Nur scheinbar besser waren die Weißen gestellt. Zwar verfügten sie über Fernsehen, Radio, CD-Player und natürlich ihre Handys, doch konnte die gesamte Unterhaltungselektronik letztlich den "echten" Kontakt zur Außenwelt nicht ersetzen. So tendierten mit der Zeit auch die Reichen dazu, die Zeit vorrangig mit Gesellschaftsspielen herumzubringen.

Es fiel auf, dass sich viele weiße Probanden ähnlich wie früher schon die Versuchspersonen der "Mars Mission" verhielten: Sie verfügten zwar über etliche Beschäftigungsmöglichkeiten, liefen jedoch, von einer inneren Unruhe getrieben, umher, ohne sich schlussendlich für irgendeine Tätigkeit zu entscheiden. Radio und Fernsehen waren lediglich Sekundärmedien, hingehört und -gesehen wurde kaum; die Computer blieben ganz ausgeschaltet.

Welche Strukturen bilden sich in Gruppen mit beschränkten Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten heraus (Kooperation? Hierarchien? Vereinzelung?)? Welche Auswirkungen hat in diesem Zusammenhang die ständige Nähe der Gruppenmitglieder zueinander?

Einig waren sich die Probanden - schwarze wie weiße - im Nachhinein darin, dass sich das Experiment weitgehend im herrschaftsfreien Raum abgespielt habe. Fast alle Versuchspersonen gaben in den Fragebögen zu Protokoll, es gebe keinen "Gruppenchef" (bzw. habe keinen gegeben); auch konstatierten sie mehrheitlich, Jungen und Mädchen seien innerhalb der Gruppen mit den gleichen Aufgaben betraut (gewesen).

Im Großen und Ganzen stimmten unsere Beobachtungen mit diesen Einlassungen überein. Gelegentlich hatten wir allerdings den Eindruck, dass speziell das Kochen doch eher "Frauensache" war. Vor allem im weißen Bereich gab es zudem eine kleine Gruppe von Probandinnen, die freiwillig den Spüldienst übernahmen, während sich andere - männliche wie weibliche - hier zurückhielten.

Diese Nuancen in der Aufgabenverteilung wurden innerhalb der Gruppen durchaus wahrgenommen. Mitunter kam es deswegen auch zum Streit (etwa hinsichtlich der Frage, wer im weißen Feld den Esstisch abräumen müsse). Insgesamt gesehen nahmen sich die Meinungsverschiedenheiten jedoch eher als Scharmützel aus.

Soziale Outcasts brachte die Versuchsanordnung jedenfalls nicht hervor. Lediglich die vier schwarzen Aussteigerinnen mussten, als sie das Experiment verließen, in der Restgruppe einen massiven Ansehensverlust hinnehmen.

Wie gestaltet sich ein "Leben im Käfig", also ein Tagesablauf unter ständiger Beobachtung? Wie wird man damit fertig, sich den Blicken anderer nicht entziehen, sich nicht zurückziehen zu können?

Das Gefühl, auf dem Präsentierteller zu sitzen, stellte sich bei den Probanden schon sehr früh ein. Mit den Kameras der Betreuerinnen und Beobachter hatten sie gerechnet, vielleicht noch mit ein paar Medienvertretern, nicht jedoch mit weiteren Besuchern.

Die gab es nun freilich. Denn wir gestatteten beispielsweise mehreren Kursen und Schulklassen, das Experiment von der Empore aus für jeweils etwa zehn Minuten zu "besichtigen". Die Blicke der Mitschülerinnen und Mitschüler (die übrigens angehalten waren, nicht mit den Probanden zu sprechen) führten schon bald zu Missfallensbekundungen im Versuchsfeld. Während einige Schwarze äußerten, sie fühlten sich "wie die Affen im Käfig", zogen sich die Weißen, sobald sie auf der Empore außer dem Stammpersonal auch anderes Publikum ausmachten, meist grummelnd in ihre nicht einsehbaren Nebenräume zurück. Dies führte zu dem bizarren Bild, dass der weiße Aulabereich gelegentlich geradezu verwaist schien, wohingegen die Schwarzen mangels Ausweichmöglichkeiten nichts anderes tun konnten, als die Beobachtung mehr schlecht als recht zu ignorieren.

Gleichwohl lief die Konfrontation mit den Besuchern durchweg friedlich ab. Unruhe kam lediglich ein einziges Mal auf, als am Montag - im Rahmen eines Unterrichtsgangs ihrer Klasse - eine der Aussteigerinnen über den Köpfen der Probanden erschien. Einigen Schwarzen ging dieser Rollentausch erkennbar zu weit. Der Versuchsleiter ordnete dann auch, sobald er die Situation bemerkte, umgehend den "Abgang" der ehemaligen Probandin an.

  Umzingelt
Von RTL umzingelt.
Eine besondere Dimension der Beobachtung ergab sich durch die Auftritte der Vertreter von Presse, Hörfunk und Fernsehen. Konnte die Anwesenheit der festen Beobachter sowie der schulischen Besuchergruppen noch den Eindruck erwecken, die im Verlauf des Experiments gesammelten Informationen blieben "im Hause", entlarvten spätestens die grellen Spots der Fernsehkameras dies als Illusion.

Entsprechend verunsichert, teils auch latent aggressiv reagierten die meisten Probanden. Schnell bildeten sich drei Typen von Reaktionen heraus:

Unter den "Hartgesottenen", denen die Reporterfragen nichts auszumachen schienen, waren einige, die sich - da sich die Fragestellungen der verschiedenen Medienvertreter wiederholten - geradezu Textbausteine zurechtbastelten, die sie immer wieder verwendeten, so dass sie recht routiniert reagieren konnten.

Als im Laufe des Montags allerdings in dem guten Glauben, dies werde der interessanteste Tag des Experiments werden, außer einem dreiköpfigen Fernsehteam auch Repräsentanten von vier verschiedenen Zeitungen sowie des Hörfunks anreisten, wurde es selbst den Gutwilligsten zu viel. Genervt beschwerten sie sich bei der Versuchsleitung: Nein, sich weiterhin öffentlich zur Schau stellen und "zum Affen machen" - das wollten sie nun doch nicht. Formate wie "Big Brother" seien, so einer der Beschwerdeführer, offensichtlich nur so lange schön, wie man nicht selbst daran teilnehmen müsse.

Beeinflusst die stetige Beobachtung das eigene Verhalten? Fällt man unter dem Blick der Beobachter in eine bestimmte Rolle? Nutzt man die Situation vielleicht, um sich zu "produzieren"? Oder ist einem - umgekehrt - die permanente Überwachung irgendwann gleichgültig?

Gemäß Paul Watzlawicks Aussage, dass man "nicht nicht kommunizieren" kann [1], war es nur folgerichtig, dass die Versuchspersonen auf die verschiedenen Beobachter vielfältig reagierten.

Am natürlichsten verhielten sich die Probanden, soweit wir das feststellen konnten, wenn sie mit ihren nahezu gleichaltrigen Betreuerinnen kommunizierten. Auch der Versuchsleiter wurde (gerade noch) als Vertrauensperson akzeptiert. Gegenüber den Journalisten setzten sich einige Versuchspersonen jedoch, wie schon angemerkt wurde, sehr deutlich in Szene.

Auffällig war zum Beispiel, dass die Vertreter der weißen Seite mehrheitlich bestrebt waren, vor Kamera und Mikrofon ihr tiefes Mitleid mit den Schwarzen zu bekunden, auch wenn dieses vielleicht nicht bei jedem Weißen wirklich echt war.

Die Schwarzen standen hier weniger unter Rechtfertigungsdruck. Der Kontext ihres Daseins - Bananenkisten, Matratzenlager, Dosensuppen - sprach für sich. Gleichwohl kam es auch hier zu Inszenierungen. Bezeichnend war etwa der gruppenintern geäußerte Vorwurf, einige Schwarze schälten, sobald das Fernsehen auftauche - aber nur dann! -, öffentlich Kartoffeln, um sich ins rechte Licht zu setzen.

Für die Versuchsleitung war dieser Vorwurf nicht neu. Schon bei dem Experiment "Mars Mission" hatten sich mehrere Versuchspersonen medienwirksam beim Kartoffelschälen ablichten lassen.

Zum Schluss noch zwei methodische Fragen: Ist ein Laborexperiment wie "Schwarzweiß" tatsächlich ein geeignetes Instrument zur Konfrontation von Armut und Reichtum? Und: Lässt sich soziale Ungleichheit, speziell Armut, überhaupt simulieren?

Beginnen wir mit der Antwort auf die zweite Frage: Nein; selbstverständlich lässt sich echte Bedürftigkeit durch das Experiment nicht abbilden. Wie wir bereits in den Vorüberlegungen formuliert haben, war der im "Schwarzweiß"-Projekt arrangierte Mangel "Armut auf hohem Niveau", zudem Armut auf Zeit. Was sich durch den Versuch simulieren ließ, war allenfalls eine Ahnung von echter Bedürftigkeit. Umso bemerkenswerter ist vor diesem Hintergrund allerdings das Ergebnis, dass immerhin vier Personen das Experiment vorzeitig verließen, weil ihnen offenbar schon die "Ahnung", der Hauch von Armutserfahrung unerträglich war.

Schwieriger ist die Beantwortung der ersten Frage. Geht man von den Erwartungen aus, die einem durch Fernsehformate wie "Big Brother" oder "Dschungelcamp" suggeriert werden, dann ist das Experiment eher ereignisarm verlaufen. Fest steht, dass es in den Tagen der angestrebten Konfrontation von Arm und Reich zu keinem gravierenden Konflikt untereinander oder zwischen den beiden Gruppen gekommen ist. Weder wurde der Zaun niedergerissen, noch attackierten oder zerfleischten sich die Armen gegenseitig.

  Tortenanschnitt
Tortenanschnitt im weißen Bereich.
Es ist nun Interpretationssache, wie man diesen Befund einordnet. Kritisch kann man anmerken, dass die Versuchsanordnung unter Umständen nicht konfliktträchtig genug konstruiert war, dass man Auseinandersetzungen konsequenter hätte forcieren müssen.

Allerdings lassen sich die Versuchsergebnisse - ganz im Sinne der Konzeption des Projekts - auch positiv deuten. Denn möglicherweise spiegelt die Friedfertigkeit der Probanden schlichtweg die derzeit herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse wider. Schließlich werden auch in der "realen" deutschen Gesellschaft trotz geöffneter Schere zwischen Arm und Reich nicht jeden Tag Revolutionen ausgefochten.

Und wenn sich aus dem Experiment auch keine großen Aggressionen und Konfrontationen herauslesen lassen, dann immerhin doch einige kleine. Die gab es im konkreten Fall nämlich durchaus - besonders innerhalb der ersten drei Tage des Projekts. Angesichts der Ungewissheit, zur "Halbzeit" vielleicht das Feld wechseln zu müssen (bzw. zu dürfen), lagen bei den schwarz-weißen Probanden hin und wieder die Nerven blank. So stellten sich beispielsweise am zweiten Tag auf beiden Seiten Irritationen und Gereiztheiten hinsichtlich der Nahrungsmittelvergabe ein, die zugleich ein Schlaglicht auf die sozialen Unterschiede in den beiden Gruppen warfen: Während sich die Armen ums Grundsätzliche, nämlich die gerechte Verteilung der Brotstücke sorgten [2], waren die Weißen vor allem damit beschäftigt, die vorhandenen Süßigkeiten voreinander in Sicherheit zu bringen.

Diese unterschiedlichen Daseinserfahrungen führten dann, freilich eher verhalten, auch zu Aggressionen zwischen den Gruppen. Die Auseinandersetzungen schlugen sich zwar vorrangig in Frotzeleien nieder, doch changierten diese merkwürdig ambivalent zwischen "Spiel" und "Ernst" [3].

Im Übrigen gab es während des "Schwarzweiß"-Projekts immerhin einen Bereich, in dem die Konfrontation zwischen Arm und Reich, obwohl nur simuliert, eklatant war: das Feld der Kommunikationstechnologie. Hier kamen wir zu einer überraschenden Erkenntnis, für die allein sich der Versuch bereits gelohnt hat und die wir abschließend bewusst zugespitzt formulieren:

Wenn es in dem Experiment überhaupt zu Übergriffen von Schwarzen auf das weiße Feld gekommen wäre, dann vermutlich nicht, um den Reichen ihre Nahrungsmittel zu stehlen, sondern um sich in den Besitz ihrer Handys zu bringen. Denn, so das Fazit unserer Beobachtungen, in unserer Gesellschaft scheint der Nicht-Besitz eines Mobiltelefons inzwischen ein größerer Armutsindikator zu sein als fehlendes Essen.

5.2 Ausblick

Sollte ein Experiment wie "Schwarzweiß" noch einmal wiederholt werden? Wir meinen: ja - wenn auch vielleicht in modifizierter Form.

Einige Versuchsteilnehmer schlugen bereits vor, das Projekt in einem zweiten Durchgang unter härteren Rahmenbedingungen durchzuführen: mit einem noch höheren Anteil an Armen, mit noch weniger Essensvorräten auf der schwarzen Seite und mit (noch) strengeren Kontrollen am Zaun, um Regelverstöße zu verhindern.

Über die weitere Reduktion von Nahrungsmitteln und die Erhöhung der "Armenquote" lässt sich sicherlich diskutieren. Ob es dagegen sinnvoll ist, die Zaunkontrollen zu verschärfen, sei dahingestellt: Immerhin sind Regelverstöße - das abweichende Verhalten der Probanden - bei sozialpsychologischen Experimenten gewissermaßen das Salz in der Suppe.

Worüber allerdings nachzudenken ist, ist die Beschaffenheit des Grenzzauns. Es kann durchaus sinnvoll sein, diesen undurchlässiger zu machen. Denkbar ist es etwa, statt eines einfachen Zauns eine massive Trennwand zu ziehen, die vielleicht nur an einigen Stellen von einem Gitter unterbrochen ist, so dass den beiden Gruppen der Blick auf den jeweils anderen Bereich teilweise verwehrt bleibt.

Reizvoll wäre es sicherlich auch, einander völlig fremde Probandengruppen gegenüberzustellen, möglicherweise Schülerinnen und Schüler verschiedener Schulen, im Idealfall von unterschiedlichen Schulorten. Allerdings birgt eine solche Konfrontation auch einige Risiken. Wahrscheinlich müsste man in diesem Fall, um Schlimmeres zu verhüten, die Aufsicht in die Hände eines professionellen Sicherheitsdienstes legen.


[1] Es handelt sich hierbei um das erste Axiom menschlicher Kommunikation. Vgl. Paul Watzlawick: Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien. Bern, Stuttgart, Wien 1974 (102000).

[2] Vgl. hierzu unsere Videosequenz "Extrawürste", die die Befindlichkeit der Probanden am zweiten Versuchstag einfängt.

[3] Ein Beispiel für das ambivalente Verhalten der Probanden liefert die Videosequenz "Wechselstimmung" vom dritten Tag.


©  St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2006-2010

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