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Medienreaktionen

Westfalenpost vom 17.3.2006

Wie im richtigen Leben: Arm und Reich sind strikt getrennt

Schwarzweiß-Experiment am Ursula-Gymnasium soll ganz neue Aufschlüsse liefern

Attendorn. Die einen haben so ziemlich alles, was das Herz begehrt: Computer, Fernseher, CD-Player, Handys, reichlich zu essen und zu trinken, zwölf Toiletten und Waschräume - auf der "weißen" Seite des Metallzaunes nimmt das Leben seinen Gang wie in einem Hotel der gehobenen Mittelklasse. Allenfalls ein Lagerkoller steht zu befürchten.

Auf der anderen, der "schwarzen" Seite, ist Schmalhans Küchenmeister, das Freizeitangebot dürftig (nicht mal Handys sind erlaubt), und die Schüler müssen sich eine Mini-Duschparzelle samt Toilette teilen. Ein bescheidenes Leben, das nur das Notwendigste bereithält.

Gestern begann am Ursula-Gymnasium das mit Spannung erwartete "Schwarzweiß"-Projekt der zehnten Klassen (siehe WP vom 9. März). 36 Jugendliche, 24 auf der schwarzen, 12 auf der weißen Seite, bleiben bis Dienstag in der Aula strikt voneinander getrennt. Weder Reiche (Weiße) noch Arme (Schwarze) dürfen das ihnen zugewiesene Feld verlassen. "Das ist schon ein bisschen wie Big Brother", gab Frank Kugelmeier, Lehrer für Sozialwissenschaften, zu. "Aber ich rechne nicht mit Problemen."

  Foto © Hubertus Heuel
Alisa Keseberg (16) bescherte die Auslosung fünf Tage und Nächte in der weißen Gruppe.
Unmittelbar vor Beginn des Experiments wurde gestern ausgelost, welche Schüler auf welcher Seite des Zaunes leben dürfen. Patrick Schultz (15) aus Biekhofen erklärte, ihm sei das egal: "Hauptsache, ich bin mit Schülern zusammen, mit denen ich gut auskomme." Von vielen Klassenkameraden wisse er aber, dass sie lieber als "Schwarze" leben wollten: "Weil Armut eine neue Erfahrung wäre."

Als die Auslosung vorüber war, gab es zunächst ein großes Hallo. Alisa Keseberg war glücklich, in der weißen Gruppe gelandet zu sein, weil sie dort mit ihrer Freundin Johanna Lüttecke zusammen ist: "Eigentlich wollte ich schwarz sein, aber noch wichtiger war mir, mit Johanna auf derselben Seite zu sein."

Wie kommen die beiden Gruppen miteinander aus? Was empfindet man, wenn man ständig die Reichen vor Augen hat, ohne an ihrem Reichtum teilhaben zu können? Und wie ist es umgekehrt, den Armen beim Hungern zuzuschauen? Auf diese Fragen soll das sozialwissenschaftliche Experiment Antworten geben. 28 Mädchen sind dabei, nur acht Jungen.

"Die Schüler wollen ihre Grenzen testen", so Kugelmeier, der nicht damit rechnet, dass einer der Probanden vorzeitig das Handtuch wirft. Schulleiter Peter Wiedemeier appellierte dagegen an die Jugendlichen: "Wer´s nicht mehr aushält, soll das sagen und aussteigen."

Aber durchzuhalten gehört ja zum Leben, vor allem für die Armen auf dieser Welt. Erst am Dienstag sind alle wieder gleich - zumindest am Ursula-Gymnasium.

Westfalenpost, Nr.65 (17.3.2006), S.POEA1.


©  Hubertus Heuel (Westfalenpost), Hagen 2006-2010

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