Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Medienreaktionen

Westfälische Rundschau vom 21.3.2006

"Big Brother" in der Schul-Aula

Attendorns Schüler machten Experiment - Fünf Tage und Nächte getrennt in Arm und Reich

Attendorn. Langsam reicht es. "Manchmal kommen wir uns vor wie die Affen im Käfig", sagt Christof Beierle. Vor allem am vergangenen Freitag. Da war das Experiment "Schwarzweiß" gerade einen Tag alt, und alle Schulklassen kamen vorbei, um einen Blick auf die Teilnehmer zu werfen.

  Foto © Günter Pieper
Ein Zaun trennte bei dem Experiment die arme von der reichen Welt: "Manchmal kommen wir uns vor wie die Affen im Käfig."
Es ist ein bisschen wie beim Fernsehformat "Big Brother": Fünf Tage und Nächte leben 32 Schüler des Attendorner St.-Ursula-Gymnasiums in der Schul-Aula auf engstem Raum zusammen. Oben auf der Empore standen immer wieder Schaulustige.

Ausgedacht hat sich das Projekt Frank Kugelmeier, Lehrer für Sozialwissenschaften am St.-Ursula-Gymnasium. Das Ziel: zu sehen, wie Menschen sich verhalten, wenn sie auf engstem Raum zusammenleben. Zu sehen, was der Unterschied zwischen Arm und Reich ist. Aber es ist auch ein Stück aktive Medienpädagogik.

"Die meisten Schüler kennen Formate wie 'Big Brother' oder 'Deutschland sucht den Superstar'", sagt Frank Kugelmeier. "Jetzt sehen sie, dass ein Format nur so lange schön ist, wie man selber nicht beteiligt ist." Das Interesse am Projekt ist riesig. Einige Fernsehteams haben schon vorbeigeschaut. Viele Schüler sind sichtlich genervt.

Unten in der Aula sind die "armen Schwarzen" und die "reichen Weißen" durch einen Zaun getrennt. Zwei Welten. Der Lebensraum der Weißen ist geordnet. Da stehen Sofa, Sessel, Fernseher und Computer. Mittendrin ein Esstisch, an dem zu den Mahlzeiten alle zusammenkommen. Die Weißen haben einen Schlafraum und damit eine Rückzugsmöglichkeit.

Hinter dem Zaun leben die Schwarzen. Hier liegen Luftmatratzen, Bettzeug und Handtücher herum.

Freude auf ein bisschen Privatsphäre

Statt Sesseln ein paar Holzstühle, statt einem Tisch nur Pappkisten. Ihre Besitztümer haben die Schüler in Kartons verpackt. Für sie gibt es keine Rückzugsmöglichkeit. TV und Computer sehen die Schwarzen nur aus der Ferne.

Doch das finden sie nicht dramatisch. Am schlimmsten, da sind sich alle einig, am schlimmsten sei die Sache mit dem Essen. Denn Nahrung ist auf dieser Seite des Zauns streng rationiert. Da ist gerechtes Management gefragt, damit jeder gleich behandelt wird. Und damit jeder satt wird.

Zwei Drittel der Jugendlichen leben als Schwarze. Und schon aus ökonomischen Gründen haben sie sich gefreut, dass vier aus ihrer Gruppe das Experiment abgebrochen haben. "Jetzt bleibt mehr Essen für alle anderen", sagt Sarah Piepersberg. "Dass man sich so über eine Scheibe Brot freuen kann, hätte ich nicht gedacht", erzählt Julia Berels. Sie hat aufgeschrieben, was sie zu sich genommen hat. Am Freitag eine Birne, einen halben Apfel. Eine Scheibe Brot, Nudeln, einen Teller Suppe. Die zweite Hälfte ihres Apfels hat sie abgegeben, an einen, der später ausgestiegen ist. "Eigentlich war das verschwendet", findet sie.

Die Weißen haben andere Probleme. Hier streitet man sich darum, wer den Tisch abräumen muss. "Am Anfang haben uns die Schwarzen das Essen vom Teller geguckt, das war schlimm", sagt Alisa Keseberg. "Viele von denen sind doch unsere Freunde, wir hätten ihnen gern was abgegeben." Sie kommen gut miteinander aus, die Schwarzen und die Weißen. Am Gitter sitzen sie beieinander, unterhalten sich, spielen Karten.

Was werden sie mitnehmen, wenn es heute zurück ins wirkliche Leben geht? "Nicht mehr alles als selbstverständlich zu empfinden." Da sind sie sich einig. Die Schwarzen freuen sich, zu Hause endlich mal wieder essen zu dürfen, was und so viel sie wollen. Und auf ein bisschen Privatsphäre freuen sie sich auch.

HINTERGRUND

Lebendige Medienerziehung
 
Lehrer Frank Kugelmeier (Bild) hat verschiedene außergewöhnliche Projekte realisiert. Darunter war das Experiment "Die Stummen", bei dem Schüler drei Tage lang gemeinsam geschwiegen haben, oder die "Mars Mission", bei der Jugendliche fünf Tage lang ohne Uhren, Handys oder Radios in einem fensterlosen Keller lebten.
 
Wie entstand die Idee für das Projekt?
 
Kugelmeier: Wir wollten demonstrieren, was es heißt arm bzw. reich zu sein und das andere Extrem direkt vor Augen zu haben. Andererseits wollten wir lebendige Medienerziehung betreiben.
 
Wie ist es verlaufen?
 
Die erste Krise kam am Freitag, dem ersten Tag, den wir komplett hier verbracht haben. Da sind bei den Schwarzen die ersten Teilnehmer ausgestiegen. Den Höhepunkt hatte das Experiment am Samstag. Da bestand für drei Teilnehmer noch mal die Möglichkeit, per Los die Seite zu tauschen. Da war viel Aufregung drin. Jetzt freuen sich alle auf das Ende.

Westfälische Rundschau, Nr.68 (21.3.2006), S.RZT2_.


©  Barbara Allebrodt (Westfälische Rundschau), Dortmund 2006-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter