Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Medienreaktionen

Westfalenpost vom 22.3.2006

Nur wer kein Handy hat, ist wirklich arm

St. Ursula: Schwarzweiß-Experiment nach 113 Stunden beendet

Attendorn. Nach 113 Stunden ging gestern Morgen gegen halb acht das Experiment zur Konfrontation von Armut und Reichtum - "Schwarzweiß" genannt - des St.-Ursula-Gymnasiums in Attendorn zu Ende.

  Foto © Barbara Sander-Graetz
Ausmarsch aus der Aula. Vor der Tür stehen die Mitschüler und begrüßen die Teilnehmer des Experiments.
12 Schüler und Schülerinnen durften auf der einen Seite (weiß) die Sonnenseite des Lebens mit allen Annehmlichkeiten genießen, auf der anderen Seite lebten zum Schluss 19 Schwarze, die nur das Nötigste besaßen, und das auf engstem Raum.

"Endlich wieder ein Handy", nicht nur Stefanie Erwes (schwarze Gruppe) hat ihr Handy vermisst, fast alle aus der schwarzen Gruppe hatten regelrecht Entzug. "Armutskriterien in Deutschland sind nicht unbedingt fehlende Lebensmittel, sondern ein fehlendes Handy", ist eine Bilanz, die Lehrer und Projektleiter Frank Kugelmeier spontan beim Anblick telefonierender Mädchen zieht.

Sie durften am Dienstagmorgen kurz vor dem Ausmarsch aus der Aula wieder zu ihrem geliebten Kommunikationsmittel greifen, und das wird genutzt. Vor der Aula warteten schließlich Freunde und Klassenkameraden um die Probanden zu begrüßen und in die Arme zu schließen. Danach kam allerdings für alle der harte Alltag zurück, denn alle Schüler und Schülerinnen des Experiments mussten in den Unterricht, und der umfasste am Dienstag gleich sieben Stunden. Doch das war bekannt und die Möglichkeit sich auszuruhen war während der fünf Tage mit Sicherheit gegeben.

Das können auch Sandra Schulte, Laura Dörken und Alexandra Schneider bestätigen. Die drei Schülerinnen der Jahrgangsstufe 12 beobachteten die Teilnehmer und dokumentierten den Versuch. "Eigentlich habe ich gedacht, geteiltes Leid ist halbes Leid und die Schwarzen würden eine starke Gruppe bilden, aber dem war nicht so", erklärt Sandra Schulte. Die Lebensmittelrationen machten den Schwarzen Kopfzerbrechen. So wurde gleich nach der Auslosung für die Bereiche von ihnen ein Plan aufgestellt. "Es war sinnvoll", so Alexandra Schneider, "dass sich die Schwarzen strukturiert haben."

Trotzdem hatten sie wohl Sorge zu verhungern, und so wurde eine Dosensuppe so weit mit Wasser gestreckt, bis sie ungenießbar wurde. Die Lage entspannte sich, als vier aus der schwarzen Gruppe ausschieden. Eine Mitspielerin konnte als Joker das Feld wechseln, was sie sofort nutzte, um stundenlang zu telefonieren, die anderen drei schieden vorzeitig aus. "Heute geht es erstmal nach McDonalds", erklärt Stefanie Erwes auf die Frage, was sie als Erstes macht, wenn sie das Lager verlässt. Alisa Keseberg hat eigentlich nichts vermisst, "nur vielleicht mein eigenes Bett." Klar, sie war bei den Weißen und die Pizzakartons in der großen Küche zeugen davon, dass sie ihre Annehmlichkeiten genutzt haben. Zu ernsthaften Konflikten kam es nicht, sehr zum Leidwesen von RTL[-Teams], die vier Stunden auf eine Eskalation am Zaun warteten. Im Gegenteil: "Vier Mädchen aus beiden Bereichen haben aus Solidarität ihr Bett direkt am Zaun aufgebaut", weiß Laura Dörken. Auch sonst war die Kommunikation äußerst angeregt am Zaun. Außerdem wurde unendlich viel gespielt.

Westfalenpost, Nr.69 (22.3.2006), S.POEK1.


©  Barbara Sander-Graetz (Westfalenpost), Hagen 2006-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter