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Medienreaktionen

Siegener Zeitung vom 23.3.2006

Von Reichen und "armen Sündern"

Experiment "Schwarzweiß" beendet / Fünf Schüler gaben auf / Handy wichtiger als Essen

Attendorn. Am Dienstag gingen um Punkt 7 Uhr die Türen der Aula im St.-Ursula-Gymnasium wieder auf. Beim sozialwissenschaftlichen Experiment "Schwarzweiß" (die SZ berichtete) hielten von 36 Schülerinnen und Schülern 31 durch und waren fünf Tage lang der Konfrontation von Armut und Reichtum ausgesetzt. Fünf (vier Arme und eine Reiche) schmissen bereits vor der Halbzeit das Handtuch.

  Foto © Marianne Möller
Fünf Tage lang waren 31 Schülerinnen und Schüler des St.-Ursula-Gymnasiums beim sozialwissenschaftlichen Experiment "Schwarzweiß" der Konfrontation zwischen Arm und Reich ausgesetzt.
Sandra Schulte, Alexandra Schneider und Laura Dörken beobachteten das Geschehen. Sie schreiben ihre Facharbeit über das Projekt und gingen mit dem letzten Teilnehmer schlafen und standen mit dem ersten wieder auf. Dabei konnten sie beobachten, wie gut es den reichen Teilnehmern auf dem weißen Feld ging. Sie hatten genügend Vorräte, zwei Schlafräume, sechs Duschen und zwei Toiletten, konnten sich mit Fernseher, PC und MP3-Player auf Sofas die Zeit vertreiben und telefonieren. Die "Armen" vom schwarzen Feld hausten dagegen auf Bananenkisten, hatten nur eine Toilette und eine Dusche und sie mussten auf ihrem Feld in der Aula schlafen. Die Vorräte waren von Anfang an stark begrenzt. Multimedia oder Elektronik waren tabu. Die einzige Unterhaltungsmöglichkeit waren Spiele. Und gespielt wurde reichlich, von Mau-Mau bis Tabu. Insgesamt war es eher ein Abhängen. Neben Spielen waren Dösen, Lesen, Essen und Quatschen die Aktivitäten der Schüler. Fernseher und PC wurden kaum genutzt. Es bildeten sich Grüppchen, auch zwischen Arm und Reich. In der Jungenecke trafen sich "Schwarze" und "Weiße" zum Quatschen und Mau-Mau-Spielen.

Bereits am Freitag verließen nach einem Tag und einer Nacht drei Teilnehmer das Projekt. Ein Mädchen aus dem weißen Bereich hatte die Grippe, zwei andere aus dem schwarzen Feld wollten raus, weil sie Hunger hatten. Am Samstag gingen zwei weitere Mädchen. Die Sehnsucht nach ihren Freunden war zu groß. Dieser Rausgang brachte positive Effekte mit sich. Die gedrückte Stimmung, die die "gepatzten" Teilnehmer verbreiteten, hatte sich gelöst. Und im schwarzen Bereich war wieder mehr zum Essen da. Alle anderen waren sich zu dem Zeitpunkt bereits sicher, durchzuhalten. Miriam vom schwarzen Feld hatte sich das Ganze wegen des begrenzten Essens schlimmer vorgestellt: "Man gewöhnt sich daran, weniger zu essen." Obwohl es beim Essen schon zum Streit kam. Die "Schwarzen" hatten die Vorräte aufgeteilt und falsch kalkuliert. So gab es dann an einem Abend für jeden nur eine halbe Scheibe Brot. Eine Schülerin nahm sich den Knapp, der etwas dicker war. Das führte gleich zum kleinen Aufruhr. Am Tag danach musste eine Achter-Gruppe nach einer Fehlkalkulation eine Dosensuppe, die für vier Personen gedacht war, mit Wasser verlängern, um satt zu werden. Der Geschmack war einfach eklig.

Theresa, Johanna, Elena und Melanie haben erfahren, dass ein solches Projekt zusammenschweißt. Ramona findet selbst Bananenkisten bequem. Johanna und Philipp vom weißen Feld haben sich echt wohl gefühlt: "Uns ging es sehr gut, wir hatten ja alles." Kathrin, die am Samstag nach der Losziehung von Schwarz nach Weiß wechseln durfte, nutzte ihre Vorzüge gleich aus: Sie lag auf dem Sofa und telefonierte stundenlang, was sie vorher nicht durfte.

Genervt waren die Schülerinnen und Schüler, dass sie ständig beobachtet, gefilmt und fotografiert wurden. Zahlreiche Pressevertreter und Kamerateams waren vor Ort und ein Schulkamerateam verfolgte unentwegt das Geschehen. Am Montag forderte ein RTL-Kameramann die Teilnehmer sogar auf, den Zaun niederzureißen. Er wollte wohl Action vor seiner Kamera haben. Doch da bockten die Schüler.

Manchmal ging es schon ziemlich "krass" zu: Als am ersten Abend im Fernsehen vom Projekt berichtet wurde, saßen die "Reichen" bequem mit Chips vor der Glotze, die "Armen" hingen wie arme Sünder am Trennungsgitter, hörten nur den Ton und konnten nichts sehen. Problematisch war es auch, als am Samstag der Wechsel von je vier Kandidaten anstand. Bei den "Weißen" gab es gerade gutes Essen, da mussten vier von ihnen ins schwarze Feld zu Brot und Dosensuppe. So waren die Schüler auch sozialem Druck ausgesetzt.

"Insgesamt gab es sehr viele positive Erkenntnisse", so Lehrer und Projektleiter Frank U. Kugelmeier. "Die Armen haben gemerkt, wie schwierig es ist, mit wenig Nahrung auszu[kommen] und entsprechend zu kalkulieren. Beim Essen wurde ihnen bewusst, dass das nicht alles selbstverständlich ist. Die Weißen haben dagegen sehr geaast und vieles stehen gelassen. Doch trotz der Konfrontation haben die beiden Teams etwas Gemeinsames: Sie haben es geschafft, gemeinsam eingesperrt zu sein, und können stolz sein, diese Prüfung bewältigt zu haben." Gewundert hat sich der Projektleiter über den hohen Stellenwert der Handys, die wichtiger als Essen waren: "Als die schwarzen Schüler rauskamen, wollten gleich alle ihre Handys wiederhaben und hingen sofort an der Strippe."

Siegener Zeitung, Nr.70 (23.6.2006), S.11.


©  Marianne Möller (Siegener Zeitung), Siegen 2006-2010

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