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Medienreaktionen

Sonntags-Anzeiger vom 26.3.2006

Fotostress "hinter Gittern" nervte am meisten

"Schwarzweiß"-Experiment in Attendorn nach fünf Tagen beendet

  Foto © Marianne Möller
Fünf Tage lang waren 31 Schülerinnen und Schüler des St.-Ursula-Gymnasiums beim sozialwissen-schaftlichen Experiment "Schwarzweiß" der Konfrontation zwischen Arm und Reich ausgesetzt.
Attendorn. Das sozialwissenschaftliche Experiment "Schwarzweiß" ist beendet. Von 36 Schülerinnen und Schülern hielten 31 durch und waren fünf Tage lang der Konfrontation von Armut und Reichtum ausgesetzt. Dabei stellte Lehrer und Projektleiter Frank U. Kugelmeier verwundert fest, welch hohen Stellenwert Handys bei den Schülern haben. Das Mobiltelefon wurde bei den Teilnehmern im schwarzen Bereich, die sich als Arme auf das Notwendigste beschränken mussten, am meisten vermisst.

Bereits nach einem Tag und einer Nacht verließen drei Teilnehmer das Projekt. Ein Mädchen aus dem weißen Bereich hatte die Grippe, zwei andere aus dem schwarzen Feld wollten raus, weil sie Hunger hatten. Noch vor der Halbzeit gingen zwei weitere Mädchen in die Freiheit. Die Sehnsucht nach ihren Freunden war zu groß. Die Rausgänge brachten positive Effekte mit sich. Die gedrückte Stimmung, die die "gepatzten" Teilnehmer verbreiteten, hatte sich gelöst. Und im schwarzen Bereich war wieder mehr zum Essen da. Alle anderen waren sich zu dem Zeitpunkt bereits sicher, durchzuhalten. Miriam vom schwarzen Feld hatte sich das Ganze wegen des begrenzten Essens schlimmer vorgestellt: "Man gewöhnt sich daran, weniger zu essen." Obwohl es beim Essen schon zum Streit kam. Die "Schwarzen" hatten die Vorräte aufgeteilt und falsch kalkuliert. So gab es dann an einem Abend für jeden nur eine halbe Scheibe Brot. Eine Schülerin nahm sich das Stück, das etwas dicker war. Das führte gleich zum kleinen Aufruhr.

Am Tag danach musste eine Achter-Gruppe nach einer Fehlkalkulation eine Dosensuppe, die für vier Personen gedacht war, mit Wasser verlängern, um satt zu werden. Der Geschmack war einfach eklig.

Wie sehr ein solches Projekt zusammenschweißen kann, haben Theresa, Johanna, Elena und Melanie erfahren. Ramona musste zum ersten Mal in ihrem Leben auf Bananenkisten sitzen und fand sie sogar bequem. Echt wohl gefühlt haben sich Johanna und Philipp vom weißen Feld: "Uns ging es ja als Reichen sehr gut, wir hatten ja alles."

Kathrin, die am Samstag nach der Losziehung von Arm nach Reich wechseln durfte, nutzte ihre Vorzüge gleich aus: Sie lag auf dem Sofa und telefonierte stundenlang, was sie vorher nicht durfte.

Genervt waren die Schülerinnen und Schüler, dass sie ständig beobachtet, gefilmt und fotografiert [wurden]. Zahlreiche Pressevertreter und Kamerateams waren vor Ort und ein Schulkamerateam verfolgte unentwegt das Geschehen. Am zweitletzten [Tag] forderte ein RTL-Kameramann die Teilnehmer sogar auf, den Zaun niederzureißen. Er wollte Action vor seiner Kamera haben. Doch da bockten die Schüler. Als im Fernsehen vom Projekt berichtet wurde, saßen die "Reichen" bequem mit Chips vor der Glotze, die "Armen" hingen am Trennungsgitter, hörten nur den Ton und konnten nichts sehen. Krass war auch, als am Samstag der Wechsel von je vier Kandidaten anstand. Bei den "Weißen" gab es gerade gutes Essen, da mussten vier von ihnen ins schwarze Feld zu Brot und Dosensuppe.

"Insgesamt gab es sehr viele positive Erkenntnisse", so Frank U. Kugelmeier. "Die Armen haben gemerkt, wie schwierig es ist, mit wenig Nahrung auszukommen und entsprechend zu kalkulieren. Beim Essen wurde ihnen bewusst, dass das nicht alles selbstverständlich ist. Die Weißen haben dagegen sehr geaast und vieles stehen gelassen. Doch trotz der Konfrontation haben die beiden Teams etwas Gemeinsames: Sie haben es geschafft, gemeinsam eingesperrt zu sein, und können stolz sein, diese Prüfung bewältigt zu haben."

Sonntags-Anzeiger vom 26.3.2006, S.4/E.


©  Marianne Möller (Sonntags-Anzeiger), Siegen 2006-2010

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