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Medienreaktionen

WDR-Hörfunk vom 21.3.2006

Ein Schülerexperiment: 5 Tage Arm und Reich

[Anmoderation:] Wie fühlt es sich an, wenn man im Luxus lebt? Und wie ist es, völlig arm und mittellos zu sein? 36 Schüler der 10. Klasse des St.-Ursula-Gymnasiums in Attendorn haben es ausprobiert. Am vergangenen Donnerstag traten sie an, um Teil des Experiments "Schwarzweiß" zu werden. Fünf Tage und Nächte sollten die Schüler eingesperrt in der 200 Quadratmeter großen Schulaula verbringen, getrennt durch einen 2 Meter hohen Metallzaun. Eine Gruppe war weiß und reich, die andere schwarz und arm. Wer in welche Gruppe kam, wurde ausgelost. Ein Lehrer und drei Oberstufenschülerinnen haben das Experiment beobachtet. Heute Morgen um sieben Uhr, also in einer guten halben Stunde, geht es zu Ende. Ka[t]rin Boers hat die Schüler in den letzten Tagen begleitet.

  Malte im Interview
WDR-Hörfunkreporterin Katrin Boers recherchiert im schwarzen Feld.
[Beitrag:] Während die weiße Gruppe mit 12 Mann im Luxus lebte, mussten die 24 schwarzen Schüler ihre sowieso knapp bemessenen Vorräte einteilen. Sie lebten auf Bananenkisten und Schlafsäcken, mit einer Dusche und einer Toilette. Die Weißen hatten Computer, Fernseher, drei Kühlschränke und sechs Duschen. Doch die Köpfe haben sich die Schüler nicht eingeschlagen. Das Experiment lief sehr ruhig ab. Fast schon zu ruhig für Schülerin Madeleine Klement aus dem weißen, reichen Team:

Madeleine: Ja, mir fällt auch eigentlich am schwersten, dass man den ganzen Tag nichts Richtiges zu tun hat. Wir spielen wirklich den ganzen Tag, und das kommt auch einem mittlerweile aus den Ohren raus, weil: Man hat keine Lust mehr zu spielen.

[Kommentar:] Da gab's bei dem schwarzen, armen Team schon mehr zu tun. Alleine sich morgens frisch zu machen war ein Abenteuer für das arme Team mit nur einem kombinierten Bad mit Toilette und Dusche, schildert die 15-jährige Jana Willeke:

Jana: Also, heute Morgen war es zum Beispiel ein bisschen voll, weil: Da wollten drei auf [die] Toilette, eine musste noch duschen, und zwei..., da war richtig Stau, das war schon ein bisschen anstrengend. Aber sonst klappt das eigentlich ganz gut.

[Kommentar:] Auch das Essen-Einteilen und Kochen für 24 Schüler auf zwei Kochplatten nahm viel Zeit in Anspruch. Während das weiße Team jede Menge zu essen hatte und auch gerne mal das Pizzataxi kommen ließ, übertrieben die anderen ihre Essensrationierung so, dass sie die Dosensuppen mit Wasser auf die doppelte Menge streckten. Eine völlig neue Erfahrung für Jana:

Jana: Ich hab mir vorher noch nie Gedanken übers Essen gemacht, also so einzuteilen, dass ich gesagt gekriegt hab: Hier hast du fünf Dosen und du musst jetzt die nächsten Tage damit auskommen. Am Anfang war es echt heftig.

[Kommentar:] Ganz besonders das Brot war dann auch der zentrale Streitpunkt beim schwarzen Team, sagt Oberstufenschülerin Sandra Schulte. Sie beobachtete das Experiment:

Sandra: An den Broten ist jeweils ein "Knapp" dran (sag ich jetzt mal); der ist etwas dicker. Dann gab es richtig Differenzen, weil sich eine den Knapp genommen hat und den allein gegessen hat und die andere Gruppe meinte: Nee, nee, so geht das nicht, man hätte den noch mal locker teilen können, und das war eigentlich viel zu viel. Und dann gab es da wirklich um ein kleines Stückchen Brot ganz schön Ärger.

[Kommentar:] "Ach, fünf Tage halten wir locker durch" hieß es am Anfang. Doch vier Schüler gaben wohl deshalb auf, weil sie Hunger hatten, vermutet Jana:

Jana: Die haben sich das, glaube ich, nicht so schlimm vorgestellt, ohne Handy und so, und dann kam der Hunger auch noch dazu. Freitag zum Beispiel, da ist es schon heftig gewesen, aufzuwachen und zu denken: Oh, nur eine Scheibe Brot und sonst nichts.

[Kommentar:] Ein noch härterer Brocken als das wenige Essen war für viele aus dem schwarzen Team, dass sie fünf Tage ohne ihr Handy auskommen mussten. Da hatten es die Weißen besser, die durften ihre Handys behalten. Trotz Handy und Essen gab es aber auch hier kleine Probleme, erzählt Oberstufenschülerin Laura Dörken:

Laura: Die haben sich angezickt ohne Ende, obwohl sie Essen hatten; und dann ging es um Sachen wie Tischabräumen oder um Süßigkeiten. Zum Beispiel haben die sich super viel um Süßigkeiten gestritten, weil sie davon ja auch nicht so viel hatten. Also, da gab's genauso Probleme.

[Kommentar:] Die Situation in der geteilten Aula erinnerte ein bisschen an ein Ferienlager. Musik hören, lesen und auf Schlafsäcken rumliegen. Eine Gruppe Jungs spielte durch den Zaun hindurch Karten. Manche machten sogar Hausausgaben oder lernten, so langweilig war ihnen. Einen richtigen Lagerkoller hat kein Schüler bekommen. Damit hat auch Sozialwissenschaftslehrer Frank Kugelmeier nicht gerechnet:

Kugelmeier: Schüler sind sehr genügsam, das heißt, man kann relativ viel mit denen machen. Die Schüler nehmen das also so hin. Ein bisschen wie Klassenfahrt, ein bisschen wie ein Zeltlager. Insofern haben sich meine Erwartungen bestätigt.

[Kommentar:] Eins verband die Schüler, egal zu welcher Gruppe sie gehörten: Raus aus der Aula durften sie fünf Tage lang nicht. Erst heute Morgen um 7 Uhr. Danach ging's aber nicht nach Hause, sondern zurück in die Klassen. Unterrichtsbeginn: 7 Uhr 45.

[Abmoderation] Fünf Tage lang arm und reich sein. Katrin Boers über ein Schülerexperiment.

WDR-Hörfunk: "Morgenecho" (WDR 5), ca. 6.23 Uhr.

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©  Katrin Boers (WDR), Siegen 2006-2010

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