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Medienreaktionen

WDR-Fernsehen vom 21.3.2006

Schwarzweiß-Projekt ging zu Ende

Filmbericht und Studiogespräch

  Handys
Beim Austeilen der Handys.
[Anmoderation:] Wir haben in der vergangenen Woche mehrfach über das so genannte Schwarzweiß-Projekt am Attendorner St.-Ursula-Gymnasium berichtet. Sie erinnern sich: 36 Schülerinnen und Schüler, eingeschlossen in der Aula, aufgeteilt in eine weiße, reiche Gruppe, der es an nichts fehlte, und eine schwarze, arme, deren Mitglieder gerade mal mit dem Nötigsten auskommen mussten. Dazwischen nur ein Zaun. Das Experiment à la "Big Brother" war auf fünf Tage angelegt, und heute Morgen ist es zu Ende gegangen.

[Austeilen der Handys. Einige Schülerinnen verschicken erste SMS.]

[Kommentar:] Handys frei für die armen St.-Ursula-Schüler. Fünf Tage haben sie bei Brot und Eintopf gelebt und mussten sich die Essensrationen einteilen. Man sollte also meinen, dass vor allem der Hunger die Armen von den Reichen trennt.

[Nah, auf der Empore:]

Kugelmeier: Ich denke aber, dass der Hauptunterschied in unserer - in Anführungszeichen - "zivilisierten" Gesellschaft ist, dass man als Armer kein Handy hat oder jedenfalls nicht benutzen darf. Das ist also manchen deutlich schwerer gefallen, als mal auf Essen zu verzichten.

[Lena öffnet die Tür am Zaun, läuft ins schwarze Feld hinüber und umarmt Stefanie.]

[Kommentar:] Kurz vorher hatte sich die Grenze zwischen Schwarz und Weiß relativ unspektakulär geöffnet. Wer durch Losentscheid von seinen Freunden getrennt worden war, feierte ausgiebiges Wiedersehen. Ob schwarz oder weiß: Nach Hause wollen jetzt alle.

[Nah:]

Laura: Ich bin eigentlich froh, dass ich jetzt mal rauskomme und meine Familie wiedersehe und andere Freunde. Jetzt waren wir ja so lange mit bestimmten Leuten in einem Raum, deswegen ist man dann auch mal froh, wenn man andere Leute wiedersieht.

Sarah: Weil: Es war halt ziemlich langweilig die ganze Zeit. Wir wussten die ganze Zeit nicht, was wir machen sollten. wir haben hier eigentlich mehr so die ganze Zeit rumgelegen. Und - na ja - man hatte auch keinen Kontakt zu der Außenwelt und so, und deshalb bin ich jetzt schon froh, dass ich jetzt wieder raus kann.

[Die Versuchspersonen beim gemeinsamen Frühstück.]

[Kommentar:] Aber zuerst werden noch die Vorräte der reichen Gruppe verfrühstückt. Während die vor allem gelernt hat, mit Langeweile umzugehen, nehmen die Armen auch andere Erkenntnisse mit in die Freiheit.

[Nah:]

Laura: Dass ich auf jeden Fall mich glücklich schätzen kann, dass es mir so gut geht.

Sarah: Dass wir auf einmal auch uns so ziemlich gefreut haben sogar über Brot oder so, was man ja im normalen Leben als ganz normal empfindet und gar nicht mehr drüber nachdenkt. Und hier hat man dann auf einmal darüber nachgedacht und sich darüber gefreut.

[Auszug der Versuchspersonen aus der Aula. Lauter Jubel der draußen wartenden Mitschüler.]

[Kommentar:] Viel Zeit zur Freude hatten Arme und Reiche nicht, denn schon um acht Uhr war für alle wieder Unterricht angesagt.


[Schnitt: Siegener WDR-Studio. Moderator Dirk Glaser mit der Betreuerin Alexandra und den Versuchspersonen Philipp (weiß) und Jana (schwarz).]

Glaser: Tja, und fast am Ende eines langen Tages sind jetzt drei der Beteiligten hier bei mir im Studio. Es sind Jana Willeke (sie war in der schwarzen Gruppe dabei) und Philipp Hinz (er war in der weißen), und Alexandra Schneider hat die ganze Sache beobachtet, oben von der Balkonbrüstung. Jana, wie war's denn eigentlich? Du hast das ja in der schwarzen Gruppe miterlebt: Was war die schlimmste Erfahrung?

Jana: Also, für mich war die schlimmste Erfahrung, dass ich mir mein Essen einteilen musste. Wir hatten Essen vorgegeben gekriegt, und da mussten wir halt selber bestimmen, wann wir was essen und wie viel wir auf jeden Fall essen. Und das habe ich vorher nie gemacht. Ich bin vorher an den Kühlschrank gegangen, hab mir was rausgenommen, wenn ich Hunger hatte. Also das war schon ziemlich schlimm, fand ich.

Glaser: War es eine gute Erfahrung - so unterm Strich -, das auch mal erlebt zu haben?

Jana: Ja, also, ich hab mich schon gefreut, als ich heute Nachmittag nach Hause kam und endlich mal wieder einen Kühlschrank gesehen hab. Und dann konnte ich endlich denken: Boah, jetzt kannst du dir irgendwas nehmen. Aber ich fand's eine gute Erfahrung, weil: Ich hab sowas vorher noch nie gemacht.

  Alexandra, Philipp und Jana
Alexandra, Philipp und Jana "auf Sendung".
Glaser: Philipp in der weißen Gruppe: Bei euch hat es ja an nichts gemangelt. Was war für dich das schlimmste Erlebnis? Hat es überhaupt eins gegeben?

Philipp: Da kann man eigentlich nicht davon reden. Also, das Schlimmste - würde ich jetzt mal sagen - war eigentlich, dass wir ziemlich Mitleid mit den Armen hatten, weil: Am ersten Abend, als wir da saßen und Pizza gegessen haben und die arme Seite dann zu uns rübergeguckt hat, da hatten wir dann doch ein schlechtes Gewissen.

Glaser: Habt ihr denn dann ein bisschen was durchgesteckt durch den Zaun, oder war das verboten?

Philipp: Das war verboten, ja.

Glaser: Wie haben sich die beiden Gruppen zueinander verhalten, Alexandra? Sie haben ja nun alles beobachten können. Hat man da eine Veränderung bemerkt? Hat man das auch von oben gesehen, wie beispielsweise plötzlich so Mitleidsreaktionen kamen und Ähnliches?

Alexandra: Ja, auf jeden Fall. Also, zuerst haben die erstmal ihre Zeit damit verbracht, sich selber einzufinden in dem Ganzen, und hinterher kamen dann solche Sachen wie, dass sie zusammen "Tabu" gespielt haben oder so. Das war ganz interessant mit anzusehen.

Glaser: Welches war die spannendere Gruppe von beiden, wenn man das mal so von außen bewertet?

Alexandra: Ich würde mal sagen, dass die schwarze schon eher spannender war, weil: Man konnte da mehrere Sachen beobachten. Die mussten sich halt mehr ausdenken, um sich zu beschäftigen, weil: Die Weißen hatten Computer zur Verfügung und Fernsehen, die hatten auch mehr Spielmöglichkeiten.

Glaser: Jana, wärst du lieber in der weißen Gruppe gewesen?

Jana: Nein. Also, ich bin froh, dass ich in "Schwarz" gelandet bin. Es war halt eine neue Erfahrung für mich - erstmal das mit dem Essen-Einteilen und auch: mal ganz abgeschnitten sein von der Außenwelt, und auch: sehen, wie das ist, als Armer zu leben und die Reichen direkt gegenüber [zu haben]. Also, an dem ersten Abend, wie Philipp schon sagte, mit der Pizza: Wir saßen da, hatten eine Birne in der Hand, und die durften eine Pizza Margherita essen, und der ganze Geruch breitete sich aus, also, das war schon [heftig].

Glaser: Also, das war nicht einfach nur ein Spiel, sondern man hat das durchaus auch ernsthaft empfunden. Auch ihr [Weißen] mit dem Mitleid. Ist es bei euch langweilig geworden zwischendurch? Ihr hattet ja nun alles. Ihr konntet Fernsehen zwischendurch gucken und alles Mögliche machen...

Philipp: Ja, also, in der ersten Zeit war es schon ziemlich langweilig, weil: Wir hatten zwar genug Spiele, die wir machen [konnten], aber wir hatten irgendwie nicht so richtig die Lust, die zu spielen. Dann haben wir natürlich erst mal die Videos geguckt. Nur: Nach ein[ig]er Zeit konnten wir die dann fast alle auswendig, und dann war das auch nicht mehr so schön. Aber nach einem Tag oder zweien ging's dann, da haben wir dann eigentlich fast nur Spiele gespielt, aber das war dann auch nicht gerade so langweilig.

Glaser: Würdet ihr bei so einer Geschichte noch mal mitmachen, bei so einem Experiment? Jana?

Jana: Ja, ich ja.

Glaser: Sofort dabei?

Jana: Ja, wär ich schon.

Glaser: War die Zeit zu lang oder zu kurz, diese fünf Tage?

Jana: Also, ich fand, es reichte jetzt erst mal, weil: Man wusste ja, wie lange es geht, und man hatte ein Ziel vor Augen. Aber wenn es jetzt noch länger gewesen wäre, hätte ich mich auch dafür eingetragen.

Glaser: Philipp, wärst du auch noch mal dabei?

Philipp: Ja, ich würde auch noch mal mitmachen, weil: Das war eine ziemlich gute Erfahrung.

Glaser: Wollen wir mal gucken, was euren Lehrern demnächst einfällt. Die Schule ist ja bekannt dafür, dass immer wieder was Neues kommt. Es war schön, dass ihr hier wart im Studio. Herzlichen Dank für den Besuch und alles Gute für die Zukunft! Dankeschön, Jana, Philipp und Alexandra!

WDR-Fernsehen, "Lokalzeit Südwestfalen", 21.3.2006, 19.30 Uhr.


©  Mike Külpmann, Dirk Glaser (WDR), Siegen 2006-2010

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