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Medienreaktionen

WDR-Online vom 21.3.2006

120 Stunden arm oder reich

Ein ungewöhnliches Schülerexperiment

Am Dienstagmorgen (21.03.06) ging für 36 Schüler des Attendorner St.-Ursula-Gymnasiums ein ungewöhnliches Abenteuer zu Ende. Bei der Aktion "Schwarz-Weiß" hatten sie sich für fünf Tage und fünf Nächte freiwillig in der Schulaula eingesperrt: Die schwarze Gruppe war arm, die weiße reich.

  Gitterzaun
Ein Gitterzaun trennt die beiden Gruppen
Wer von den Zehntklässlern in welche Gruppe kam, war bis zum Start des Experiments am Donnerstagmittag (16.03.2006) unbekannt. Das Los entschied über schwarz oder weiß, arm oder reich. Das war einer der spannendsten Momente des Versuchs. Bleiben Freundinnen zusammen? Werden Pärchen getrennt? Dann zogen die Schüler in ihre Hälften. Die 200 Quadratmeter große Aula wurde mit einem zwei Meter hohen Gitterzaun in zwei Hälften geteilt.

Zwölf "reiche, weiße" Schüler machten es sich mit jeder Menge Luxus bequem. Mit dabei: ein Fernseher, zwei Computer, verschiedene Gesellschaftsspiele, gemütliche Sofas und Sessel, sechs Duschen, getrennte Schlafräume und drei volle Kühlschränke. Die 24 "schwarzen, armen" Schüler bekamen Bananenkisten als Möbel und mussten sich eine Toilette und eine Dusche teilen. Während sich die "reiche" Gruppe Pizza oder Leckereien aus der Cafeteria bestellen durfte, mussten die "Armen" mit nur sehr wenig Proviant zurechtkommen.

Verzicht als Experiment

Hieß es zu Beginn noch: "Ach, fünf Tage halten wir locker durch!", sah das nach einem Tag schon anders aus. Die "schwarze" Gruppe musste auf vieles verzichten. "Mir fehlt mein Handy, und ich vermisse meine Musik. Mein Bett fehlt mir. Da kriegt man schon öfter mal so Verspannungen im Rücken. Und mein Badezimmer, wo man lange duschen kann - wo man seine Ruhe hat", so die 15-jährige Jana Willeke nach vier Tagen im "schwarzen" Team. Ein Leben ohne Handy gestaltete sich für viele Schüler fast noch schmerzhafter als das wenige Essen.

Hunger wird zum Problem

  Essen?
"Gibt's noch irgendwo was zu essen?"
Das wenige Essen war für die 15-jährige Jana Knorr eine ganz neue Erfahrung: "Am Freitag war das schon schlimm mit dem Hunger, dann ist man auch wirklich aufgewacht und dachte: 'Ah, nur eine Scheibe Brot.' Und wir sind ja nicht so gewöhnt, Essen zu rationieren." Fünf Schüler, die vor allem aus der "schwarzen" Gruppe kamen, brachen das Experiment vorzeitig ab; sie wurden vom Hunger geplagt. Gerade die Essensproblematik beschäftigte die "schwarze" Gruppe sehr, zum Beispiel die Frage, wie man für 24 Personen auf zwei Kochplatten kocht. Kreativität zeigten sie bei der Lösung, indem sie drei Mannschaften bildeten, die nacheinander kochten.

Insgesamt bildete sich rasch eine enge Gemeinschaft, in der es auch mal Streit gab, aber die Schüler waren beschäftigt. Anders in der "reichen" Gruppe: Da die "weißen" Schüler dort alles hatten, wussten sie anfangs nichts mit sich anzufangen.

Trotz Langeweile: PCs und Fernseher blieben aus

Bei dem Experiment wollten die Schüler herausfinden, wie sich die zwei verschiedenen Gruppe untereinander und zueinander verhalten. Lesen, schlafen, spielen, und sogar gelernt wurde auf vielen Luftmatratzen und Schlafsäcken. Letztendlich "plätscherten" so die fünf Tage dahin. Es gab keine heftigen Konfrontationen und auch keine Abschiedsparty am letzten Abend. Aber trotz aller Unterschiede gab es bei beiden Gruppen ein gemeinsames Ergebnis: Sie alle mussten vor allem gegen die Langeweile kämpfen. Erstaunlich dabei war: Der Fernseher und die PCs liefen so gut [wie] gar nicht. Stattdessen spielten die Schüler jede Menge Kartenspiele - und dabei war selbst der trennende "Grenz"-Zaun uninteressant.

Das Experiment endete am Dienstagmorgen (21.03.06) um 7.00 Uhr; die Schüler zogen aus der Aula aus. Eine kurze Freiheit - um 7.45 Uhr fing die erste Schulstunde an, und da mussten alle Experimentteilnehmer wieder wie immer antreten.

Das Experiment war geplant und begleitet von dem Sozialwissenschaftslehrer Frank Kugelmeier und von drei Oberstufenschülerinnen, Sandra, Laura und Alexandra. Während der gesamten Zeit haben sie die Teilnehmer zu ihren Erfahrungen in Form von Fragebögen befragt. Im Anschluss an das Experiment werten die drei Oberstufenschülerinnen die Ergebnisse aus und schreiben ihre Facharbeit über das Experiment. - Das St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn ist schon bekannt für seine außergewöhnlichen Schülerexperimente. Bei der "Mars Mission" ließen sich Schüler fünf Tage lang in den Keller der Aula einsperren. Sie lebten ohne Tageslicht und Zeit und simulierten so das Leben auf einer Weltraumstation.

WDR-Online: wdr.de Panorama.
URL: http://www.wdr.de/themen/panorama/16/schuelerexperiment/index.jhtml?rubrikenstyle%3Dpanorama


©  Katrin Boers (WDR), Köln/Siegen 2006-2010

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