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Projekttagebuch

Die folgenden Aufzeichnungen wurden parallel zur Hauptdokumentation erstellt. Zum Teil doppeln sich die Beobachtungen und Befunde; zum größeren Teil enthält die Darstellung jedoch Aspekte, die in der Hauptdokumentation nicht berücksichtigt werden konnten.

Vorbereitungen

30.8.2005: Die Idee

  Weiß und Schwarz
Am Metallgitterzaun.
Tradition haben sie an unserer Schule ja schon lange: Experimente im Sozialwissenschaften-Unterricht. Vor zweieinhalb Jahren zum Beispiel, in dem Versuch "Die Stummen", schwiegen neun Schülerinnen und Schüler drei volle Tage rund um die Uhr und beobachteten dabei ihr eigenes Verhalten und das ihrer Mitschüler. Ein Jahr später gingen neunzehn Zehntklässler auf "Mars Mission". Sie ließen sich fünf Tage lang ohne Uhren, Handys, Radios, Fernseher usw. in den fensterlosen Keller der Schulaula einschließen und erlebten so die völlige Isolation von der Außenwelt - wie während eines Raumflugs. Kurz darauf nahmen in einem anderen Versuch einige Oberstufen-Schüler in den Fußgängerzonen von Attendorn, Gummersbach und Köln als Bettler Platz und testeten die Reaktionen der Passanten - alles im Dienste der Wissenschaft, um Material für sozialwissenschaftliche Facharbeiten zu sammeln.

Kein Wunder also, dass wir darauf spekulieren, für unsere Facharbeiten ebenfalls ein interessantes Projekt auf die Beine stellen zu können. Und tatsächlich: Herr Kugelmeier, unser Sowi-Lehrer, hat heute angekündigt, dass er einen neuen Versuch plant, ein Laborexperiment; Ausrichtung noch offen. Inspiriert durch die letzte Big-Brother-Staffel und durch unseren Wirtschaftspolitik-Unterricht finden wir schnell ein Thema: die Konfrontation von Armut und Reichtum. Unsere Idee: Wir teilen die Schulaula in zwei ungleiche Bereiche. Auf dem einen Feld sollen zehn "reiche" Versuchspersonen wohnen, auf dem anderen etwa zwanzig "arme". Dazwischen ein Metallgitterzaun, so dass die eine Seite jeweils die andere gut sehen kann. Das Ganze fünf Tage und Nächte lang - beobachtet, fotografiert, gefilmt und anschließend in Facharbeiten dokumentiert: von uns.

Wie werden die beiden Versuchsgruppen miteinander auskommen? Was empfindet man, wenn man ständig die Reichen vor Augen hat, ohne an ihrem Reichtum teilhaben zu können? Und wie ist es umgekehrt, den Armen beim Hungern zuzuschauen? Fragen über Fragen, deren Beantwortung Stoff für etliche Fachdiskussionen liefern kann.

2.9.2005: Fragestellungen

Was ist Armut? Was ist Reichtum? Vor allem aber: Wie lassen sich Armut und Reichtum in einer Gesellschaft wie der unseren wirkungsvoll simulieren? Es ist gar nicht so einfach, hier klare Kriterien zu finden. Eins wissen wir sofort: Unsere "Armut" wird immer Armut auf hohem Niveau sein.

Nach längerer Diskussion machen wir Wohlstand und Bedürftigkeit in unserem Experiment an folgenden fünf Faktoren fest: (1) an Art und Umfang der verfügbaren Nahrungsmittel, (2) an den hygienischen Verhältnissen, (3) an Größe und Beschaffenheit des Wohnraums, (4) an der Innenausstattung der Wohnung (Mobiliar) sowie (5) an den Möglichkeiten zur Nutzung von Unterhaltungselektronik.

Einen weiteren denkbaren Faktor, die Art der Kleidung, ziehen wir nicht als Indikator für Armut bzw. Reichtum heran. Vielmehr wollen wir über die Farbe der Oberbekleidung -  nämlich schwarz oder weiß - die beiden Teilgruppen des Versuchs kennzeichnen. So lassen sie sich in unserem geplanten Videofilm über das Experiment und auf den Fotos besser unterscheiden.

Damit steht dann auch gleich der Titel unseres Projekts fest: Schwarzweiß. Schwarz - das werden die Armen sein, weiß die Reichen. Wohlstand und Armut mit diesen beiden "Farben" zu verbinden liegt nahe: Sie stellen erstens eine direkte Assoziation zur Entwicklungsproblematik her ("Erste" vs. "Dritte Welt", "weißer" vs. "schwarzer" Kontinent); zweitens wird die Zuordnung durch die gleichen Lautungen (weiß - reich bzw. schwarz - arm) begünstigt.

13.9.2005: Erste Anfrage

Anruf einer Fernsehreporterin der ZDF-Sendung "Logo". Sie ist im Internet auf unser altes Bettel-Experiment gestoßen und bittet um ein paar Informationen. Als sie von dem "Schwarzweiß"-Projekt erfährt, ist sie sofort Feuer und Flamme. Wir sollen ihr umgehend Bescheid sagen, sobald es losgeht. Sie will unbedingt darüber berichten.

20.9.2005: Terminierungen

Zu beneiden ist Herr Kugelmeier nicht. Denn bevor wir uns an die konkreten Planungen machen können, muss er erst mal Klinken putzen gehen. Schließlich will ein Experiment dieser Größenordnung mit allen möglichen Instanzen abgestimmt sein: mit der Schulleitung, mit der Leitung der Nachbarschule, mit anderen Gruppen, die die Aula nutzen, mit dem Oberstufenkoordinator, der den Klausurplan erstellt, mit den Jahrgangsstufenleitern und Klassenlehrern, mit den Hausmeistern und dem Reinigungsdienst, die einige unserer Versuchsräume ausräumen bzw. säubern sollen und und und.

  Die Aula
Das Versuchslabor: die Aula der Schule.
Erstaunlicherweise ist nach zwei Wochen tatsächlich alles in trockenen Tüchern, und der Termin für unser Experiment steht fest: Donnerstagmittag, 16. März 2006, bis Dienstagmorgen, 21. März 2006. Im Klartext: Zweieinhalb Schultage werden für den Versuch draufgehen, aber auch zwei Tage am Wochenende. Wer wird unter diesen Bedingungen bereit sein teilzunehmen?

18.10.2005: Interessenten

Herr Kugelmeier startet einen Versuchsballon. Er kündigt das Experiment in den zehnten Klassen an und fragt vorsichtig nach Interessenten. Spontane Begeisterung. Fast jeder will mitmachen, insgesamt über siebzig Leute. Nach längerem Nachdenken immer noch über sechzig. Als er eine Liste herumgehen lässt, sind es fünfzig.

Geplant ist der Versuch für dreißig Personen. Die Aula-Nebenräume, in denen die reichen Weißen schlafen sollen, setzen hier das Limit. Wir werden auslosen müssen.

16.11.2005: Einspruch

Interview mit einem WDR-Hörfunkreporter zu einem anderen Projekt. Als er zufällig von unserem geplanten Schwarzweiß-Experiment hört, zieht er die Augenbrauen hoch: Warum, um Gottes Willen, wir denn die Armen als "Schwarze" und die Reichen als "Weiße" bezeichnen wollten? Das sei zu klischeehaft und im Übrigen politisch in höchstem Maße inkorrekt. Darüber werde sicherlich kein Massenmedium berichten. Lieber sollten wir die Farbgebung noch einmal überdenken.

Doch unser Entschluss steht fest. Erstens machen wir das Experiment nicht für Zeitung, Hörfunk und Fernsehen. Und außerdem: Die Weißen SIND nun mal die Reichen - und die Schwarzen SIND die Armen. Alle anderen Farbzuweisungen wären Augenwischerei, ja Heuchelei.

7.12.2005: Details

Vorbesprechung des Experiments. Diesmal gehen wir in die Details. Angesichts der großen Nachfrage entschließen wir uns, immerhin 36 (statt 30) Versuchspersonen die Teilnahme zu ermöglichen - 12 Weißen und 24 Schwarzen. Diese Ungleichverteilung dürfte gegenüber dem wirklichen Leben noch geschönt sein.

Ungleich wird auch die Raumausstattung sein. Das weiße Feld wird auf 180 Quadratmetern vier Räume umfassen - die eine Aulahälfte als Wohnzimmer, dazu im Nebentrakt getrennte Schlafräume für männliche und weibliche Probanden sowie eine Küche mit vier Kochplatten, Mikrowelle und drei Kühlschränken. Darüber hinaus zwei WCs und insgesamt zwölf Duschen, sozusagen für jeden Probanden eine.

Natürlich wird es im weißen Feld alles geben, was das Herz begehrt: Nahrungsmittel en masse; weiterhin wollen wir die Möglichkeit zulassen, sich Essen per Pizzaservice oder in der schuleigenen Cafeteria zu bestellen. An Mobiliar planen wir eine gepolsterte Sitzgruppe, einen Wohnzimmertisch, ein zusätzliches Sofa, mehrere Esstische mit Polsterstühlen, Teppiche, Wandbilder und Zimmerpflanzen ein. Ein Fernseher mit Videorekorder und DVD-Player, eine CD-Radiokombination sowie zwei Computer werden für die angemessene Stimmung sorgen. Auch MP3-Player und Handys sind selbstverständlich zugelassen.

Grundriss

Demgegenüber müssen sich die 24 Schwarzen mit nur 120 Quadratmetern zufrieden geben: der anderen Aulahälfte, einer winzigen Dusch-WC-Kombination und einem kleinen Küchenraum, zu dessen "Luxus" allein eine 15-Liter-Kühlbox gehört. Eigene Schlafräume erhält die schwarze Gruppe nicht. An Mobiliar sehen wir lediglich sechs alte, wackelige Holzstühle vor, außerdem zwölf Bananenkisten. Auch dürfen die Schwarzen ihre Habseligkeiten nur in Pappkartons unterbringen. Koffer und Taschen sind ebenso tabu wie jede Art von Unterhaltungselektronik - Handy inklusive.

Das Beste aber: Vor dem Experiment wird keiner, der sich für das Projekt angemeldet hat, wissen, zu welcher Seite er gehören wird. Über Schwarz oder Weiß soll unmittelbar vor Versuchsbeginn das Los entscheiden.

1.1.2006: Ergänzungen

Jahreswechsel. Je mehr wir uns mit dem Experiment beschäftigen, desto ausgefeilter wird unsere Versuchsanordnung. In Ergänzung zu unseren bisherigen Regeln beschließen wir, in der Mitte des Projekts ein zweites Mal zu losen: Am dritten Tag sollen drei Weiße ins schwarze Feld wechseln müssen, drei Schwarze ins weiße Feld gehen dürfen. Außerdem sollen je ein Weißer und ein Schwarzer frei entscheiden dürfen, ob er wechseln oder bleiben will.

Unser Regelkatalog umfasst inzwischen dreißig Punkte.

6.1.2006: Ungeduld

E-Mail aus Köln. Die ZDF-"Logo"-Reporterin ruft sich in Erinnerung. Wann denn das Experiment losgehe? Es könne doch nicht mehr lange dauern...

20.1.2006: Arbeitsteilung

  Sandra, Laura und Alexandra
Sandra, Laura und Alexandra.
Mit jedem Tag, den wir dem Experiment näher kommen, steigt die Spannung. Zugleich wird uns aber auch ein wenig mulmig: Ob wir tatsächlich alles bewältigen werden? Fünf Tage Beobachtung und Betreuung sind eine lange Zeit.

Ein erster, wichtiger Schritt: Arbeitsteilung. Laura wird die eigentliche Beobachtung der Probanden übernehmen, Alexandra die Formulierung und Auswertung von Fragebögen, die wir den Projektteilnehmern im Laufe des Versuchs aushändigen wollen, und Sandra wird das "Schwarzweiß"-Experiment mit seinem Vorläufer, der "Mars Mission", vergleichen, denn an der hat sie zwei Jahre zuvor selbst als Probandin teilgenommen.

Herr Kugelmeier rät uns allerdings dringend, die Lasten auf noch mehr Schultern zu verteilen. An Freiwilligen, die uns helfen wollen, fehlt es nicht. Aus allen Ecken und Enden melden sie sich: Beobachter, "Essenholer", Kameraleute, Fotografen - wir können sozusagen aus dem Vollen schöpfen. Kurz gesagt: Außer den 36 Probanden und uns drei Hauptbetreuerinnen werden noch 15 weitere Helfer an dem Experiment teilnehmen.

30.1.2006: Die Auswahl

Auswahl der Versuchspersonen. Es gibt über 40 Bewerber, aber allerhöchstens 36 Plätze. Folglich muss auch hier das Los entscheiden. Die besten Chancen haben die Jungen, weil ohnehin in der Unterzahl. Alle 11 Bewerber kommen in den Versuch, dazu 25 weibliche Probanden. Sechs weitere sitzen hoffnungsfroh auf der Reservebank.

Natürlich gibt es Gemaule; natürlich ist die Auswahl ungerecht. Ein Vorgeschmack auf das, was uns erwarten wird, wenn wir zu Versuchsbeginn Schwarz und Weiß auslosen werden.

2.2.2006: Fototermin

Fototermin mit der Versuchsgruppe in der Aula. Noch ist die Halle leer. Die potenziellen Teilnehmer sind zuversichtlich ("Da ist doch massig Platz", "Hier kann man's doch wohl aushalten" usw.).

  Probanden
Die Probanden in der leeren Aula.

Gleichwohl gibt es letzte Bewegungen innerhalb der Gruppe. Vier Leute sagen kurzfristig ab, stattdessen wollen allerdings fünf andere mitmachen. Schließlich bleibt es bei der Gesamtzahl von 36 Versuchspersonen, davon 28 Mädchen, aber nur 8 Jungen.

3.3.2006: Vorbereitungen

Es wird ernst. Wir schaffen die ersten Möbel in die Aula: einen tonnenschweren Küchenschrank (für die Weißen), zwei klapprige Regale (für die Küche der Schwarzen), Tische, Couch-Zweisitzer, fünf Stellwände als Raumteiler und sechzehn Trenngitter (noch unmontiert) - allesamt aus dem Fundus der Schule. Respekt!

4.3.2006: Pressemeldung

Erster Bericht über unser Projekt in der Presse. Eine Reporterin der Siegener Zeitung hat Wind von dem Experiment bekommen. Und ordnet in der Überschrift Schwarz und Weiß gleich falsch zu.

7.3.2006: Aufbau

Am Vormittag beginnen die Aufbauarbeiten in der Aula. Die Klasse 10b, die einen Großteil der Versuchspersonen stellt, montiert das 14 Meter lange und 2 Meter hohe Trenngitter. Danach noch ein Foto-Shooting mit "schwarzen" und "weißen" Probanden am Zaun.

8.3.2006: "Schwarzweiß" im Internet

Premiere für die Rohfassung unserer Internetseite über das Projekt, dem Anlass entsprechend natürlich in schwarz-weißem Design. Sie umfasst zwar (zunächst) nur fünf Rubriken (Kurzinfo, Ziele, Regelkatalog, Grundriss, Vorab-Fotos); aber mehr ist zum jetzigen Zeitpunkt wirklich nicht zu vermelden.

Im Laufe des Vormittags gibt Herr Kugelmeier eine Pressemitteilung über unser Projekt heraus - an die örtlichen Tageszeitungen, außerdem an die Redaktionen von WDR und RTL, mit denen er bereits bei früheren Projekten zusammengearbeitet hat.

Eine Extra-Mitteilung geht auch an die ZDF-"Logo"-Reporterin. Keine Rückmeldung.

9.3.2006: Hörfunk-Anfrage

In der Westfalenpost und in der Westfälischen Rundschau erscheinen Vorab-Berichte zu "Schwarzweiß". Am Mittag ruft daraufhin eine WDR-Hörfunkreporterin an: Sie habe über uns in der Zeitung gelesen. Ob sie während des Experiments mal vorbeischauen dürfe?

10.3.2006: Getränkeservice

  Getränke
Getränke im schwarzen Feld, links die Kühlbox.
Am Vormittag meldet die Vorarbeiterin der schuleigenen Putzkolonne Vollzug: Die Sanitäreinrichtungen des Aulatrakts sind gesäubert und desinfiziert. Auch an Toilettenpapiervorräte und Plastikeimer in den Toilettenzellen hat sie gedacht. Großes Sonderlob unsererseits!

Später dann die Anlieferung der Getränke: vorwiegend Mineralwasser für die Schwarzen, für die Weißen auch Cola, Limonade, Bitter Lemon, Säfte und Milch.

Nachmittags ein Anruf von der WDR-Fernsehredaktion in Siegen. Sie schickt zum Start des Projekts ein Kamerateam vorbei.

13.3.2006: Klare Worte

Letzte Vorbesprechung mit den Versuchspersonen. Als wir konkretisieren, was sie in den nächsten Tagen erwarten wird, müssen einige doch ein bisschen schlucken. Offenbar haben sich ein paar Probanden eher auf einen Party-Event als auf ein sozialpsychologisches Experiment eingerichtet. Andererseits: Fast alle möchten nach der Auslosung gerne ins schwarze Feld.

14.3.2006: Daily Soap

Vormittags endgültiger Aufbau der Versuchsanordnung: Sofas, Tische, Stühle und Zimmerpflanzen werden platziert, Videoschrank und PCs angeschlossen. Auch die geliehenen Kühlschränke sind inzwischen eingetroffen. Uns fällt die dankbare Aufgabe zu, sämtliches Inventar einer umfassenden Grundreinigung zu unterziehen.

Mittags die Einweisung der Helfer. Erstellung eines Dienstplans. Hinweise zu den Beobachtungsbögen, die geführt werden sollen. Tipps für die Kameraführung, die weitgehend den Dogma-Regeln folgen soll: reine Handkamera, möglichst dicht dran am Geschehen, keine künstliche Beleuchtung, keine Nachsynchronisation, keine gestellten Szenen, höchstmögliche Authentizität.

Nachmittags ein Anruf von der RTL-Fernsehredaktion in Köln. Auch sie schickt - mindestens zum Start des Experiments - ein Kamerateam. Am Telefon gerät der Redakteur ins Schwärmen. Am liebsten möchte er eine Daily Soap aus dem Projekt machen - jeden Abend einen Beitrag in den Nachrichten. Allerdings sei dann (wegen des dazwischen liegenden Wochenendes) die Terminierung des Experiments ungünstig. Ob wir das Projekt nicht von Montag bis Freitag durchziehen könnten?

Doch für derartige Änderungen ist es, Gott sei Dank, zu spät.

15.3.2006: Torte und Dosensuppen

Vormittags in der Aula: Interviews mit ein paar Probanden vor laufender Schul-Kamera für unser Video. Etwas gehemmt schildern sie ihre Beweggründe für die Teilnahme an dem Experiment. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass das Mikrofonkabel einen Wackelkontakt hatte. (Wiederholung des Ganzen einen Tag später; gleicher Raum, gleiche Zeit; diesmal ist das Kabel intakt).

Video "Erwartungen" (Dauer: 4:07 Min.; Größe: 1,4 MB):

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Am Nachmittag ist dann wieder Packen angesagt. Herr Kugelmeier hat eingekauft: Acht Kisten voller Lebensmittel, die wir auf die Regale verteilen - vorwiegend Dosensuppen und Graubrot für die Schwarzen, erheblich vielfältigere Kost für die Weißen: von verschiedenen Sorten Brot und Aufschnitt über Fleisch, Obst und Gemüse bis hin zu Eis und Torte.

Im Angesicht der teils recht kärglichen Vorräte und Inneneinrichtung sind wir ganz froh, dass wir keine Versuchspersonen sind. Auch wenn wir die meiste Zeit in der Schule verbringen und das Ganze beobachten werden, können wir doch immerhin zwischendurch mal an die frische Luft gehen oder wenigstens per Handy Kontakt zur Außenwelt herstellen, und sei es auch nur für den Pizza-Service. Arme Schwarze!

Das Experiment

16.3.2006: Erster Tag: Die Auslosung

  Begrüßung
Begrüßung durch den Schulleiter.
Der Tag der Tage. Um 14 Uhr beginnt das Experiment. Zuerst aber kommt RTL, und zwar schon um 11. Gerne möchte das Kamerateam ein paar Probanden noch im Unterricht aufnehmen. Dass das allein schon aus rechtlichen Gründen nicht geht, haben wir zwar vorher gesagt, aber sei's drum. So filmt das Team dann ersatzweise anderthalb Stunden die leere Aula.

Gegen halb zwei trudelt das WDR-Kamerateam ein. Natürlich sind inzwischen auch die Probanden da, außerdem etliche Helfer und Schaulustige. Knisternde Spannung, je näher wir den 13.45 Uhr kommen, dem Termin der Auslosung.

Noch haben alle ihr Gepäck im schwarzen Feld deponiert; nur seine mitgebrachten Süßigkeiten und Knabbereien muss jeder im weißen Feld abgeben - zur alleinigen Verfügung derjenigen, die "weiß" werden.

Während der Auslosung kommt es dann so, wie wir es uns schon gedacht haben. Nichts ist mehr übrig von den hehren Bekenntnissen aus dem Vorfeld des Experiments ("Wir möchten alle gerne schwarz werden, um mal zu erleben, wie es ist, arm zu sein!"). Fast jedem, der ein "weißes" Los zieht, fällt ein Stein vom Herzen. Umgekehrt scheint einigen, die "Schwarz" gezogen haben, erst jetzt zu dämmern, worauf sie sich da eingelassen haben.

Nach dem Losentscheid bricht Hektik aus. Die Weißen schieben ihre Kisten und Taschen nach nebenan in die Schlafräume, inspizieren ihre Unterkunft und können ihr Glück kaum fassen. Demgegenüber müssen sich die Schwarzen irgendwie arrangieren. Zunächst einmal halten sie Kriegsrat, teilen sich in drei Koch- und Essgruppen auf und legen einen Duschplan fest. Von solcher Solidarität beeindruckt versuchen auch die Weißen, sich als Gruppe zu präsentieren (zumal die TV-Teams noch da sind): Demonstrativ platzieren sie sich auf der Couchgarnitur vor dem Fernseher, brechen die ersten Fruchtgummitüten an und ziehen sich betont "aufmerksam" einen Comedy-Film rein.

Am Abend erfüllt dann Essensduft die gesamte Aula. Während die Armen an einer Scheibe Brot oder einem halben Apfel kauen, haben die Weißen von ihrem Privileg Gebrauch gemacht und Pizza oder Döner geordert. Schon gibt es die ersten Frotzeleien. Versuchsperson (VP) 35, schwarz, versucht den Reichen das Essen madig zu machen: In die Dönerfladen würden manchmal versehentlich kleine Knochenstückchen eingebacken. VP34, weiß, kontert, umgeben von Cola, Säften, Pizza und Grillfleisch: "Wie schmeckt denn euer Wasser?"

Was uns zunächst leidlich schwer fällt, ist, unsere Rolle als Betreuerinnen einzunehmen; denn die Probanden sind gerade mal zwei Jahre jünger als wir, zwei haben sogar unser Alter. Sie stellen viele Fragen, auf die wir nicht immer sofort eine Antwort wissen. Vieles haben wir uns zwar in der Theorie schon ausmalen können, aber gelegentlich sieht die Praxis doch etwas anders aus, besonders wenn die Versuchspersonen die Spielregeln ausreizen, ohne sie letztlich zu verletzen: Was macht man zum Beispiel, wenn die Weißen telefonieren und das Handy an den Zaun halten? Und wie geht man gar mit "echten" Regelverstößen um, etwa dem Schmuggeln von Essen durch den Zaun in den schwarzen Bereich? Auch wir bekommen allmählich eine Ahnung davon, dass das Experiment recht stressig zu werden verspricht.

Video "Die Auslosung" (Dauer: 5:52 Min.; Größe: 3,3 MB):

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17.3.2006: Zweiter Tag: Extrawürste

Erste Unruhe im schwarzen Lager. In der Nacht haben sich einige "Arme" Essen gekocht. Misstrauisch prüft nun jeder, ob die eigenen Essensrationen nicht angetastet sind. Die Weißen wiederum beklagen sich, dass sie nicht hätten schlafen können, weil die Schwarzen bereits um fünf Uhr früh zu duschen begonnen hätten.

Unverkennbar haben sich auf dem schwarzen Feld schon jetzt "Neigungsgruppen" gebildet. Die meisten Jungen spielen Karten, zum Teil "durch den Zaun" zusammen mit den Weißen. Eine Mädchengruppe macht Hausaufgaben, liest oder bastelt, eine andere Mädchengruppe liegt fast den ganzen Tag auf den Matratzen und hadert mit dem Schicksal.

Allgemeinen Unwillen erregen die schwarzen VP26 und VP27. Sie nehmen sich aus der ihrer Gruppe zugewiesenen Brottüte zusätzlich zu ihrer eigentlichen Ration die zwei dicksten Scheiben (nämlich die Endstücke) und zerbrechen bei dieser Aktion auch noch die restlichen Brotscheiben. Bitter beklagen sich die übrigen Schwarzen, dass offenbar mancher nicht ohne "Extrawürste" auskommen könne.

Wie zum Trotz streckt daraufhin mittags eine schwarze Essgruppe die gekochte Erbsensuppe so sehr mit Wasser, dass die Mahlzeit ungenießbar wird.

Aber auch die Weißen haben ihre Sorgen. In den Blick geraten hier die umfangreichen Süßigkeiten, die vor Versuchsbeginn in dem Feld deponiert wurden. Besonders zwei Probandinnen machen sich darüber her. Das bleibt den übrigen Weißen natürlich nicht verborgen, und so beginnen sie, das Naschzeug voreinander zu verstecken und zu bunkern.

  Spiel
Schwarze beim Spiel.
Am Nachmittag spekulieren die Ersten darüber, wer wohl am folgenden Tag nach der neuerlichen Auslosung das Feld wird wechseln müssen. Die schwarzen VP6 und VP12 nörgeln, dass sie, falls sie dann nicht ins weiße Feld übersiedeln dürfen, das Experiment verlassen werden. Von anderen Probanden wird das mit Kopfschütteln kommentiert.

In anderem Zusammenhang diskutieren VP6 und VP12 (und weitere weibliche Probanden) eine noch originellere Problemlösungsstrategie: Sie wollen kurzerhand alle Essensvorräte aufessen und dann einfach gehen. In dem Punkt, dass das Experiment so doch gar keinen Sinn mache, sind sich die beiden Versuchspersonen einig, doch merken sie an, dass es halt nicht einfach sei, mit wenig Essen - und vor allem ohne Handy - auszukommen, und dass sie es sich so schlimm nicht vorgestellt hätten.

Gegen Abend ist es dann so weit: VP26 will das Experiment verlassen. Sie habe "Bauchschmerzen vor Hunger". Mühsam unterdrückt sie die Tränen. Kurz darauf entschließt sich auch VP20 zu gehen: Das Hungergefühl werde zu groß.

Beide werden von ihren Angehörigen abgeholt. Die können sich einen spöttischen Unterton nicht verkneifen: "Na, immerhin habt ihr ja einen ganzen Tag in Armut ausgehalten."

Kaum ist VP26 draußen, zündet sie sich als Erstes eine Zigarette an. Ob es wirklich der Hunger war, der die Bauchschmerzen verursacht hat? - Dass sie noch am selben Abend mit ihrem Freund in einer Attendorner Kneipe gesichtet wird, bleibt den Handybesitzern im weißen Feld nicht verborgen, und so sinken ihre Sympathiewerte in der Aula, zumindest vorübergehend, rapide.

Ganz im Gegensatz zu VP22, die am Abend ebenfalls geht. Als Weiße hat sie eigentlich keinen Grund zur Klage, doch ist sie arg vergrippt und hat wohl auch Fieber. Zu Hause will sie zuerst gar keiner haben: Sie solle doch bitte sehr durchhalten. Natürlich fährt Herr Kugelmeier sie trotzdem heim.

Video "Extrawürste" (Dauer: 7:51 Min.; Größe: 3,5 MB):

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18.3.2006: Dritter Tag: Wechselstimmung

Inzwischen haben wir es uns auf unserem Beobachtungsposten gemütlich eingerichtet. Meistens sitzen wir oben auf der Empore der Aula. Dort haben wir den besten Überblick über die Halle. Alle paar Stunden wechseln sich die eingeteilten Helfer ab und füllen Dutzende von Beobachtungsbögen.

Auch mit den Kameras sind wir heute wieder unterwegs. Meist halten wir einfach drauf, filmen für unser Video vorsichtshalber alles, was uns vor die Linse kommt. Jedes Detail kann im Nachhinein von Bedeutung sein.

Am späten Vormittag herrscht nervöse Spannung in der Aula. Mittags soll der angekündigte Wechsel stattfinden: Drei Weiße werden ins schwarze Feld, drei Schwarze ins weiße Feld gelost. Zwei weitere Personen können frei entscheiden, ob sie wechseln wollen oder nicht.

Es ist schwer zu sagen, wer nervöser ist: die Armen oder die Reichen. Zumindest reicht die Unruhe der Weißen so weit, dass sie - in der richtigen Erkenntnis, sie nicht ins andere Feld mitnehmen zu können - bis zum Mittag sämtliche noch vorhandenen Süßigkeiten verzehren.

Auch bei den Schwarzen kommt Nervosität auf. Man sieht es deutlich: Einige haben bereits nach zwei Tagen vom Arm-Sein die Nase voll und hoffen nun inständig, endlich weiß zu werden. Allerdings gibt es auch gegenteilige Stimmen: VP9 zum Beispiel hat geradezu Angst davor, in den weißen Bereich wechseln zu müssen: Sie will ihre "armen" Freundinnen nicht im Stich lassen.

Als um 11 Uhr das WDR-Kamerateam erscheint, wird die Spannung geradezu unerträglich. Die Auslosung kurz nach 12 ist dann fast eine Erlösung. Zumindest weiß anschließend jeder, woran er ist.

Grotesk ist vor allem das Schicksal von VP35. Der schwarze Proband traut sich nicht so richtig, die weiße Zone zu betreten, denn zwei Tage zuvor hat er noch allen Weißen, die vor seinen Augen allzu penetrant Pizza gegessen haben, gedroht, im Falle eines Wechsels würden sie im schwarzen Feld nichts zu essen bekommen. Nun ist er selbst es, der ins weiße Feld wechseln muss.

Demgegenüber ist der Losentscheid für die schwarze VP29 der Glückstreffer schlechthin: Sobald sie im weißen Feld ist und ihr Handy zurückerhalten hat, telefoniert sie sofort mehrere Stunden am Stück.

Dann erfahren wir, dass nun auch VP5 und VP18 abbrechen werden. Als sie realisiert haben, dass sie das Los nicht in den weißen Bereich katapultiert hat, wollen beide nur noch weg. Die übrigen Versuchspersonen reagieren kühl. Die Abschiedszeremonie findet lediglich im engsten Freundinnenkreis statt.

Als beide weg sind, bessert sich die Stimmung merklich. Zum einen ist die schwarze Gruppe jetzt um ein paar Zauderer und Zweifler ärmer, zum andern um deren zurückgelassenen Essensanteil reicher. Allerdings wird dieser nicht gerecht unter allen Schwarzen verteilt, sondern lediglich innerhalb der Essgruppe, der die Aussteigerinnen angehörten, "weitervererbt".

Video "Wechselstimmung" (Dauer: 6:32 Min.; Größe: 3,9 MB):

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19.3.2006: Vierter Tag: Brot und Spiele

Großes Hallo um Mitternacht. Eine der weißen Versuchspersonen hat Geburtstag. Als Geschenk erhält sie ein paar Kleinigkeiten, aus dem schwarzen Bereich auch etwas Selbstgebasteltes. Abschließend errichten ihr zu Ehren sowohl Weiße als auch Schwarze je eine menschliche Pyramide. Dann fallen alle todmüde auf ihre Matratzen.

  Abhängen
Abhängen im schwarzen Bereich.
Auch wir Betreuerinnen sind eigentlich todmüde. Im Vorfeld des Versuchs hatten wir uns vorgestellt, dass jede von uns zwischendurch mal für ein paar Stunden würde nach Hause fahren können, um Abstand zu gewinnen. Inzwischen haben wir uns jedoch entschieden, zu dritt dazubleiben. Das ist zwar anstrengend, aber so verpassen wir wenigstens nichts.

Der Morgen und der Vormittag schleppen sich dahin. Jetzt, wo jeder weiß, dass er keine Chance mehr hat, den Bereich zu wechseln, ist die Stimmung gedämpft. Die Versuchspersonen, sowohl die weißen als auch die schwarzen, vertreiben sich die Zeit mit Lesen, Spielen, Schwatzen und Kochen. Unmerklich nähern sich die Lebensverhältnisse von Schwarz und Weiß einander an: Es regiert die Langeweile.

Was uns etwas Sorgen macht, ist der Umstand, dass sich im schwarzen Feld die Essenslage offenbar allzu sehr entspannt hat: Vier schwarze Versuchspersonen sind ausgestiegen, eine durfte ins weiße Feld wechseln, ohne dass "Ersatz" für sie gekommen wäre, und so scheint inzwischen für alle Armen mehr als genug da zu sein. Da diese Situation das Experiment zu vereinfachen, wenn nicht gar zu verfälschen droht, beschließen wir einzugreifen. In einem unbeobachteten Augenblick entwendet Sandra aus der schwarzen Küche ein ganzes Brot. Da sie Brottüte und Krümel hinterlässt, entsteht der Eindruck, das Verschwinden des Brots sei das Resultat der Fressattacke einer Versuchsperson.

Großes Erstaunen unsererseits über die Reaktion der Betroffenen: Als die Schwarzen den Diebstahl bemerken, bleibt der erwartete Aufstand aus. Sie sprechen zwar mit großem Bedauern über den Brotklau, fügen sich jedoch in ihr Schicksal. Vermutungen über den Täter stellt niemand wirklich an.

Video "Brot und Spiele" (Dauer: 7:02 Min.; Größe: 3,8 MB):

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Am Nachmittag wird es Zeit für ein Zwischenfazit. Herr Kugelmeier und wir führen deshalb vor laufenden Kameras weitere Interviews mit den Probanden. Die Bilanz ist eher ernüchternd: Insgesamt ist die Grundhaltung der Weißen, auch wenn sie es manchmal anders behaupten, bisher von wenig Empathie geprägt. Ihr Esstisch steht seit dem ersten Tag gut sichtbar parallel zum Zaun. Auch telefoniert und Kuchen gegessen wird unmittelbar vor den Augen der Schwarzen. Versuche, die Schwarzen am Wohlstand der Weißen teilhaben zu lassen, halten sich bislang in Grenzen. Wenn den Schwarzen tatsächlich - heimlich und regelwidrig - durch das Gitter irgendeine Knabberei zugesteckt wird, dann bestenfalls befreundeten Personen. Wer als Schwarzer keine Freunde im weißen Feld hat, geht allemal leer aus.

Erleichtert wird den Weißen diese Verhaltensweise sicherlich durch das Bewusstsein, an einem Spiel teilzunehmen. Sie können sich darauf berufen, ihre Privilegien durch Losentscheid erhalten zu haben; ihr Reichtum ist schicksalhaft, quasi gottgewollt. Das "große Los" gezogen zu haben bedarf also keiner Rechtfertigung. Umgekehrt setzt sich jede schwarze Versuchsperson, die ihr "bitteres Los" beklagt, dem Vorwurf aus, sie habe doch schließlich gewusst, worauf sie sich bei dem Experiment einlasse; besonderes Mitleid könne sie also nicht erwarten.

Eine weitere - bittere - Erkenntnis, die sich bisher aus dem Experiment ziehen lässt, ist die, dass Not offenbar nicht automatisch zusammenschweißt. Auffällig ist, dass sich die Schwarzen zwar anfangs über die allgemeinen Regularien (Essens- und Duschplan) verständigt haben, im Übrigen jedoch nie gemeinsam gegenüber den Weißen aufstellen. Stattdessen betreiben sie Schicksalsbewältigung eher in ihren "Neigungsgruppen": Die einen spielen, die zweiten lernen, die dritten jammern. Sie verspielen damit einen strategischen Vorteil, nämlich ihre zahlenmäßige Überlegenheit, und machen es in ihrer Heterogenität den Weißen leicht, ihren Reichtum auszuleben, ohne gravierende Vorwürfe der armen Seite ertragen zu müssen.

Video "Zwischenbilanz" (Dauer: 11:04 Min.; Größe: 3,3 MB):

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20.3.2006: Fünfter Tag: Medienalarm

  RTL-Interview
Sandra (vorne) filmt den RTL-Reporter beim Interview.
Mittlerweile zählen fast alle Probanden die Stunden bis zum Ende des Experiments nur noch rückwärts. Bei den Schwarzen herrscht allgemeine Lethargie; man "hungert sich so durch". Und auch bei den Weißen werden allmählich die Lebensmittel knapp, zumindest die leckeren.

Ausgerechnet für heute haben sich etliche Medienvertreter angekündigt - in der fälschlichen Annahme, der letzte Tag des Experiments werde der spektakulärste sein. Den Anfang macht die Journalistin vom WDR-Hörfunk, ihr folgen dann Reporter und Redakteure von vier - auch überregionalen - Zeitungen; mittags erscheint zudem ein weiteres RTL-Kamerateam.

Während die Vertreter von Presse und Hörfunk bei den Probanden halbwegs gelitten sind, macht sich RTL-Redakteur Ralf Dolgner eher unbeliebt. Er ist unzufrieden; ihm ist das Szenario zu aktionsarm. Alle paar Minuten moniert er, dass die Versuchsteilnehmer "so langweilig herumliegen"; schließlich fordert er sie sogar zur Revolution auf. Auf der Empore entspinnt sich zwischen ihm und dem Versuchsleiter, Herrn Kugelmeier, ein eigenartiges Gespräch:

DOLGNER: Ich versteh die Schwarzen nicht. Die sitzen da wirklich den ganzen Tag nur rum und machen nichts.
KUGELMEIER: Was sollen sie machen? Sie sind halt arm...
DOLGNER: Aber sie könnten doch was tun. Warum reißen sie nicht einfach den Zaun nieder und holen sich das Essen von den Weißen?
KUGELMEIER: Das könnten sie natürlich tun. Doch sie wissen, dass sie damit dem Experiment seinen Sinn nehmen würden. Schließlich wollen sie ja die Erfahrung machen, wie es ist, arm zu sein.
DOLGNER: Aber könnte es nicht auch eine wichtige Erfahrung sein, dass man sich gegen Armut wehren kann?
KUGELMEIER: Das wäre sicherlich eine Erfahrung - aber keine sehr realistische.
DOLGNER: Die Kids haben mir gesagt, Sie hätten ihnen verboten, Revolution zu machen.
KUGELMEIER: Ich habe ihnen gesagt, dass es nichts bringt. Aber sie müssen meinem Rat ja nicht folgen.
DOLGNER: Die könnten jetzt also tatsächlich einen Aufstand machen?
KUGELMEIER: Das könnten sie. Sie werden es aber nicht tun.
DOLGNER: Warum nicht?
KUGELMEIER: Weil sie damit zugeben würden, dass sie - im Gegensatz zu wirklich Armen - ihre relative Armut noch nicht mal fünf Tage lang aushalten.

Der Reporter nickt, ist aber noch nicht überzeugt. Ein letztes Mal versucht er unten in der Halle den Volkszorn zu wecken. Ohne Erfolg. Frustriert verabschiedet sich das Team. (Den Bericht sendet RTL übrigens trotzdem.)

Am Abend haben wir dann endlich Gelegenheit, erste Resümees zu ziehen. Alexandra sitzt in unserem Aufenthaltsraum unter der Empore und tippt die Ergebnisse der Frage- und Beobachtungsbögen in ihren Laptop. Sandra, Laura und ein paar zusätzliche Helfer sind wechselweise mit Kamera, Fotoapparat bzw. Papier und Kugelschreiber unterwegs, um letzte Impressionen einzufangen.

Video "Medienalarm" (Dauer: 5:53 Min.; Größe: 3,0 MB):

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21.3.2006: Der Auszug

Der letzte Morgen des Experiments. Pünktlich um 7 wird die Grenze zwischen Schwarz und Weiß geöffnet, und alle Probanden frühstücken gemeinsam am Tisch der Weißen. Eine allgemeine Zufriedenheit ist zu spüren; selbst das WDR-Fernsehteam, das bereits um 6 Uhr angerückt ist, kann dabei nicht stören.

Als wir Betreuerinnen den Probanden das Brot zurückgeben, das wir ihnen während des Experiments geklaut haben, fallen die Reaktionen unterschiedlich aus. Einige Versuchsteilnehmer sind erkennbar sauer, andere finden unser Vorgehen eher lustig, wieder andere sind einfach nur überrascht.

Kurz nach halb acht beginnt dann der große Auszug aus der Aula. Als sich die Pforten des Vorraums öffnen, erwartet uns draußen eine riesige Schar von Mitschülern, die uns johlend begrüßen. Auch der WDR filmt natürlich mit.

Das ist aber noch nicht alles: Am Abend sollen drei von uns ins WDR-Studio nach Siegen: ein Weißer, eine Schwarze und Alexandra als Betreuerin. Dort haben wir dann unseren großen Live-Auftritt in der "Lokalzeit". Zum Glück können wir vorab heimlich einen Blick auf den Zettel von Moderator Dirk Glaser werfen und wissen so wenigstens ungefähr, was er uns fragen wird.

Auswertungen

22.3.2006: Nachwirkungen

Anruf eines Redakteurs des Kölner Express: Er habe in WDR Online von unserem Projekt gelesen. Ob wir ihm Auskunft geben könnten? Er wolle darüber auch in seiner Zeitung berichten.

Unser Einwand, dass das Experiment am Vortag bereits abgeschlossen worden sei, scheint ihn nicht zu stören. Wir hätten ja sicherlich Fotos gemacht. Auch die früheren Projekte interessieren ihn.

23.3.2006: Große Pläne

Vor zwei Tagen war der offizielle Starttermin für unsere Facharbeiten. Allmählich wird uns bewusst: Ab jetzt läuft die Zeit. Es wird ernst.

Heute ist zudem die ultimative Gelegenheit, bei den Probanden die letzte (nämlich vierte) Staffel Fragebögen einzusammeln, die wir erst nach dem Versuch ausgeteilt haben: Morgen gehen die Schülerinnen und Schüler auf Klassenfahrt.

Gegen Mittag ein weiterer Anruf des Kölner Express: Telefoninterview mit einigen Versuchsteilnehmern. Die Fotos von unseren Projekten gefallen dem Redakteur allerdings nicht so besonders. Ob er in der kommenden Woche mal einen Fotografen vorbeischicken könne?

Unsere Frage, wer oder was denn da (noch) fotografiert werden solle, schließlich seien alle unsere Projekte vorbei, irritiert ihn nicht. Er sei vor allem an der "Location" interessiert.

24.3.2006: Materialschlacht

Erste Sichtung unserer Materialien: etwa 40 Beobachtungsprotokolle, 140 Fragebögen und über 1000 Fotos. Dazu etwa zehn Stunden Videoaufzeichnungen. Die Aufteilung für unsere Facharbeiten bleibt: Laura übernimmt die Beobachtungsbögen, Alexandra wertet die Fragebögen aus und Sandra schreibt den Vergleich mit der "Mars Mission".

28.3.2006: Inszenierungen

  Aulakeller
Der Aulakeller während der "Mars Mission"
Gleich zwei Leute schickt die Express-Redaktion in unsere Schule: außer dem Fotografen auch einen Reporter, eine knappe Stunde verspätet, dank Satelliten-Navigation. Kurze Interviews, in denen wir ihm die Ausrichtung des "Schwarzweiß"-Projekts erklären.

Anschließend interessiert er sich für die "Mars Mission", fragt, ob wir die alte Mannschaft von 2004 nochmal zusammentrommeln können. Von den damaligen Zehntklässlern sind jetzt alle (oder zumindest die meisten...) in der Jahrgangsstufe 12. Tatsächlich gelingt es Herrn Kugelmeier, ein kurzes Treffen im Aulakeller zu arrangieren, und so posieren alle noch einmal wie vor Jahr und Tag. Als der Reporter dann auch noch die Schüler des "Stummen"-Experiments auftreiben will, müssen wir allerdings passen: Die haben längst ihr Abi gemacht. Ob dann nicht wenigstens WIR in einer typischen Pose der "Stummen" figurieren könnten, fragt er weiter. Wir wissen zwar nicht, ob Stumme eine typische Pose haben, doch lassen wir uns ein paar Mal knipsen.

Offenbar haben die Pressevertreter Großes vor. Denn anschließend befragen sie auch noch einige Schülermütter in der Cafeteria zu unseren Sozialwissenschaften-Projekten. Natürlich werden die Interviewten ebenfalls fotografiert. Ein ausführlicher Bericht soll es werden: "Man muss ja auch mal das Positive zeigen."

2.4.2006: Konkurrenz

Irgendwann in diesen Tagen soll im Kölner Express eigentlich der fulminante Artikel über uns erscheinen. Tut er aber nicht. Denn in Berlin hat gerade das Kollegium einer gewissen Rütli-Schule einen pädagogischen Hilferuf losgelassen. Fortan dreht sich alles um die dortigen "Problemschüler".

Zwei Schulmeldungen seien da jetzt einfach zu viel, entschuldigt sich der Redakteur. Vielleicht würden wir irgendwann später noch mal berücksichtigt.

So richtig treffen kann uns dieser Bescheid freilich nicht. Wem es noch nicht aufgefallen ist: Wir lernen in diesem Frühjahr sehr viel darüber, wie Massenmedien ticken.

22.4.2006: Kärrnerarbeit

In den Osterferien haben wir Zeit, uns so richtig in die Arbeit zu knien. Besonders die Auswertung der Fragebögen hat es in sich. Ein paar tausend Daten wollen hin- und hergeschoben und bewältigt sein. Viermal haben wir die Probanden befragt: einmal vor Versuchsbeginn, zweimal während des Experiments und einmal danach.

Interessant sind die Entwicklungen, die sich in den Antworten abzeichnen. Dass es ihnen nichts ausmache, eingesperrt zu sein, meinen zwar durchgängig die meisten Versuchspersonen, doch bröckelt der Anteil der Hartgesottenen im Laufe des Projekts erkennbar.

Umfrageergebnisse

Umgekehrt haben sich die meisten das Experiment zu Anfang schlimmer vorgestellt, als es dann wohl tatsächlich war. Dass es KEINEN Streit zwischen Schwarzen und Weißen geben werde, glaubten vor dem Versuch ganze fünf Probanden. Im Laufe des Experiments bescheinigten uns dann allerdings immerhin vier Fünftel der Befragten, dass das Projekt insgesamt harmonisch ablaufe.

Umfrageergebnisse

Die Auswertung der Beobachtungsbögen ist zwar stressig, hat aber ebenfalls ihren Reiz. Sie weckt viele Erinnerungen - etwa an die Situation, in der sich die schwarze VP5 das Bein mit kochendem Nudelwasser verbrühte, VP12 sich aber nicht darum kümmerte, da sie, wie sie sagte, Hunger habe und deshalb weiterkochen müsse. Oder an die Jagd, die das zweite RTL-Team quer durch die Aula veranstaltete, um Dauertelefoniererin VP29 ein Interview abzutrotzen. Aber auch an die Aussage der weißen VP9, sie hätte nicht gedacht, dass es so schwer sei, "den Armen etwas vorzuessen".

Personenkonstellation

Noch einmal wird uns bewusst, wie komplex die Zusammensetzung der Versuchsgruppe war. In verschiedenen Grafiken versuchen wir das zu verdeutlichen.

6.5.2006: Kurze Unterbrechung

  Der Unfallwagen
Der Unfallwagen.
Autobahn 1 kurz vor Dortmund. Der Pkw zieht einfach nach links und lässt dem VW Polo auf der Überholspur keine Chance. Ein kurzer, heftiger Stoß. Die Reifen berühren den Mittelstreifen. Der Wagen dreht sich, schleudert, überschlägt sich und rutscht splitternd und krachend quer über die Fahrbahn.

Die Rettungssanitäter werden später sagen, es sei das erste Mal gewesen, dass sie aus einem dermaßen zerstörten Unfallwagen noch jemanden lebend geborgen hätten.

Alexandra, die sich hauptsächlich mit der Auswertung der Fragebögen beschäftigt hat, fällt jetzt erst mal aus. Selbst wenn sie an ihrer Facharbeit schreiben wollte, könnte sie nicht: In ihrer Hand stecken lauter Glassplitter.

15.5.2006: Film ab

Dem Unfall zum Trotz: Allmählich nimmt unser Videofilm Gestalt an. Vor allem: Er wird viel länger als erwartet. Geplant hatten wir eigentlich nur ein Kurzvideo von zehn, fünfzehn Minuten. Jetzt liegen schon mehr als anderthalb Stunden Material im Rohschnitt vor. Besonders die Aufnahmen von Madeleine, die als Versuchsperson im weißen Feld gefilmt hat, sind vom Feinsten.

Wir kommen überein, sowohl die Internet-Dokumentation als auch den Film dem Titel des Projekts entsprechend in schwarzweißem Design zu präsentieren. Um in dem Filmzusammenschnitt die ursprünglichen Farbaufnahmen nicht lediglich in Graustufen zu wandeln, modifizieren wir die Programmeinstellungen für selektive Helligkeit (Gamma), Kontrast und Schärfe so, dass die Videosequenzen tatsächlich stark schwarz-weiß kontrastieren.

Wen es interessiert: Den Rohschnitt des Films erledigen wir mit dem Programm Pinnacle Studio 9 Quickstart, die Feinarbeiten übernimmt die Schnittsoftware Magix Video deluxe 2006 plus. Für den Schnitt des Originaltons verwenden wir Syntrillium Cool Edit 96 sowie Magix Audio Studio 7. Und der Computer? - Da müssen wir uns inzwischen einen zweiten von der Schule ausborgen. Einer allein bewältigt die umfangreichen Datenbestände gar nicht mehr.

17.5.2006: Rückblick

Kaum haben wir gedacht, dass wir allmählich fertig sind, kommt Herr Kugelmeier mit dem Vorschlag, wir sollten doch in unserem Videofilm auch ein paar Statements aus der Sicht der Betreuerinnen abgeben.

So sitzen wir am Vormittag in einer Freistunde in der Aula vor zwei Kameras und geraten erneut über das "Schwarzweiß"-Projekt ins Plaudern. Allerdings so ausführlich, dass die Aufnahmen für unser Video viel zu umfangreich werden. Zumindest als Audio-Datei stellen wir aber das Wichtigste davon ins Netz.

Audiomitschnitt "Beobachtungen" (Dauer: 11:36 Min.; Größe: 1,4 MB):

Audio Anhören (Windows Media Player 9.0 erforderlich)
Audio Download (MP3-Datei, rechte Maustaste betätigen)

30.5.2006: Abgabe!

  Laura und Alexandra
Laura und Alexandra während des Experiments.
Gefürchtet haben wir den Tag schon lange. Jetzt ist er da - der Termin für die Abgabe unserer Facharbeiten. Zwei Aktenordner voller Erläuterungen, Bewertungen, Fotos, Statistiken, Originaldokumente.

Alexandra hat wegen ihres Unfalls allerdings noch eine Woche Verlängerung bekommen.

31.5.2006: Ins Netz

Die ganze Arbeit nur für's Schularchiv? Nicht mit uns. Konsequenterweise planen wir, unser multimediales Projekt auch ins Internet zu stellen. Unsere "Schwarzweiß"-Homepage ist zwar noch eine Baustelle, doch das soll sich bald ändern.

20.6.2006: Endlich online

Geschafft! Der "Schwarzweiß"-Videofilm ist fertig - 56 Minuten und 10 Sekunden! Zum Schluss hat uns Herr Kugelmeier für Vor- und Abspann noch zwei Musiken spendiert, die er vor Jahren mal zusammen mit einem Schüler eingespielt hat.

Und auch die Internet-Präsentation kann sich inzwischen sehen lassen. Ein "Best Of" aus unseren Facharbeiten, ergänzt um etwa 150 Fotos und Schaubilder, gut 48 Minuten Videoausschnitte sowie eine Dokumentation der Medienreaktionen; das Ganze auf gerade mal 30 MB verpackt. Ab heute sind wir definitiv online!

10.8.2006: Nachbesserungen

Nichts ist so gut, dass man es nicht noch verbessern könnte. Natürlich gilt das auch für unseren Internet-Auftritt. Besonders an unserem "Fazit" feilen wir nochmal herum. Viermal so lang wird es gegenüber der ersten Fassung.

Ob es die letzte Version sein wird? Wahrscheinlich nicht. Für Ende Oktober ist ein Nachtreffen mit allen an "Schwarzweiß" Beteiligten geplant: Probanden, Beobachtern, Kameraleuten, Fotografen. Aus der zeitlichen Distanz heraus wird es da wohl noch ein paar zusätzliche Erkenntnisse geben. Projekte wie unseres werden vermutlich nie ganz fertig.

  Der Film
"Schwarzweiß - Der Film".


©  St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2006-2010

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